Die Subtypen und wie man sie besser verstehen kann

Im damals angebotenen Einführungskurs ins Enneagramm nach Richard Rohr und Andreas Ebert wurde ich zunächst in den Raum 8 hineingestellt. wahrscheinlich weil ich aktiv an den Diskussionen teilnahm und spontan reagieren konnte. Doch ich fühlte mich nie wohl im 8er Raum. Sondern beim ersten, intensiven Durchlesen habe ich mich sofort im 4er Raum wohlgefühlt. So vieles passte zu mir, in so vielem erkannte ich mich wieder. Das Einzige, das ich ausblendete war der NEID. Neidisch sein, das kannte ich doch nicht. Nein, wirklich nicht.
In den vielen Jahren der Auseinandersetzung mit dem Enneagramm bin ich mir auf die Schliche gekommen. In den unzähligen Einführungs- oder Vertiefungskursen, die ich mit verschieden Kollegen leiten durfte, merkte ich allmählich, wie der NEID in meinem Leben doch eine grosse Rolle spielte.
Ich begann mich intensiv damit auseinander zu setzen, und da kam so manch Verschüttetes ans Licht.

Hier nur zwei Beispiele:
ich war wirklich sehr eifersüchtig auf meine liebe Freundin, die mit drei kleinen Buben ins Berufsleben zurück kehren wollte und konnte. Meine Familiensituation war eben ganz anders. Mir war das nicht möglich. Im Innersten wollte ich dies auch nicht. Das behütete Aufwachsen meiner drei Kinder war eine besondere Aufgabe, die ich mit Einfühlungsvermögen leben möchte. Als in der Kirchgemeinde für die Sonntagschularbeit Verstärkung gesucht wurde, war dies für mich ein Lockruf. Wäre das nicht etwas für mich? So konnte ich den Faden zu meinem Theologiestudium weiter spinnen und geistig am Ball bleiben. Auf diese Weise minimierte ich den Neid. 16 Jahre war ich eine begeisterte «Sonntag-Schul-Lehrerin» und durfte mit Elan die biblischen Geschichten vielen Kindern weitergeben. Der Neid hatte keinen Platz mehr.

Ein anderes Beispiel war das Schreiben. Manche Jahre konnte ich im Kirchenboten unseres Kantons «Geschichten, die das Leben prägten» schreiben unter dem Namen LARA. Da mich das Schreiben faszinierte, konnte ich im Kleinen wirken. Jahrelang nahm ich teil an zwei Bibel-Lese-Büchlein für Jugendliche. Das war mein Ding: in kurzen, aussagekräftigen Worten eine Bibelstelle den Jugendlichen nahe zu bringen, das begeisterte mich. Da brauchte ich den Neid wirklich nicht.
Doch ein eigenes Buch heraus geben wäre doch etwas! So wie Regine Schindler auf ihre Weise dies tun konnte.
Es sind Jahre vergangen. Dieser Wunsch blieb. Endlich ist es soweit, dass ich im Jahre 2020 meine Gebets-Sammlung veröffentlichen konnte. In diesem Zusammenhang hatte der Neid ausgedient.
Im Inneren meiner Seele blieb er lebendig. In kleinen Dingen: ich kann doch neidisch sein auf die grossen Reisen der Nachbarin? auf die Klamotten der Freundin? in tausend kleinen Dingen, die mir verwehrt blieben?
Allmählich begann ich mich mit dem Neid zu versöhnen. Bis dies zum Tragen kam, bis ich eine neue Lebenshaltung entdeckte, vergingen Jahre. Endlich wurde mir das kleine Wort «Akzeptanz» geschenkt. Dieses Wort löste die Kruste. Alles neu zu sehen, zu verstehen und zuletzt das mit Leichtigkeit. Wenn man akzeptiert, was nicht zu ändern ist, sich für den Andern freut über Gelungenes, was mir verwehrt war, dann herrscht in mir «Harmonie». Dann hat der Neid keinen dominanten Platz mehr. Ein leises «Sürele» blieb, macht sich leise bemerkbar und c’est tout. Dafür bin ich dankbar. Ich freue mich über alle gelungenen Begebenheiten der andern. ich wünsche mir, dass es so bleiben darf. Dann habe ich meinen Raum VIER verstanden und bin über die Leidenschaft hinaus gewachsen. Leiden-Schaffen will ich nicht mehr erleben, nicht für mich, nicht für die andern.

Marie Barbara Hugentobler-Rudolf

Veröffentlicht im Enneaforum Nr. 62, 2025

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