ENNEAGRAMM

Richard Rohr, Andreas Ebert
Das Enneagramm
Die 9 Gesichter der Seele
Claudius Verlag, Erstauflage: 1990, 48. Auflage: 2013
ISBN-10: 3532623951
Buchbesprechung
Ohne Frage ist „Das Enneagramm“ von R. Rohr und A. Ebert für die meisten ÖAE-Mitglieder das Buch der ersten Begegnung mit dem Enneagramm. Richard Rohr war es, der damit als Erster das Enneagramm in Deutschland bekannt machte und 1989 gemeinsam mit Andreas Ebert dieses einführende Buch veröffentlichte. Es war wie ein Startschuss mit dem Ergebnis, dass in Folge eine Fülle von Buchveröffentlichungen zu diesem Thema erscheinen sollten. Innerhalb weniger Jahre machten sie das Enneagramm erstaunlich populär. Und es waren sehr bald nicht nur Bücher, die uns das Enneagramm näher brachten. Es erschienen u.a. Spiele und Videos, CD-Rom und PC-Programme. Auch unser Verein wurde in dieser Anfangszeit gegründet und trug mit zur Verbreitung und Klärung des Enneagrammgedankengutes bei.
Zehn Jahre weiter erschien nun die überarbeitete Neuauflage des Standardwerkes. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Es handelt sich bei der Neuauflage um eine behutsam renovierte Fassung, in der die Erstauflage erkennbar bleibt. Der Charakter des Buches ist ganz der alte, denn in weiten Passagen ist die Neuauflage völlig identisch mit der Erstausgabe. Und das scheint auch gut so zu sein. Ein „Erfolgsmodell“ sollte man ohne Not doch wohl nur behutsam ändern.
Es gibt vor allem drei bemerkenswerte Veränderungen, die ins Auge fallen. Die erste betrifft die Herkunft des Enneagramms. Sie wird nicht mehr allein der sufistischen Tradition zugeordnet, sondern den Wüstenvätern, mithin einer christlichen Quelle. In der „Lehre von den Leidenschaften“ des Evagrius Ponticus aus dem 4. Jh. n. Chr. wurden von Andreas Ebert und Anderen erstaunliche Parallelen zum Enneagramm entdeckt. Dieses Werk wird als die älteste Quelle dieser Art und Ursprung auch der sufistischen Enneagrammtradition bezeichnet. Das genannte völlig neu geschriebene Kapitel wird mit Sicherheit nichts daran ändern, dass die Herkunft des Enneagramms weiter umstritten bleiben wird. Ich persönlich halte es auch nicht für so entscheidend, ob die älteste Quelle nun christlich, islamisch oder gar neuzeitlich ist. Entscheidend für mich ist die Frage, ob es im Widerspruch zu meinem christlichen Glauben steht oder ihn, wie ich finde, wunderbar ergänzt und in den weiten Raum passt, in den wir als Christen gestellt sind.
Die zweite Veränderung des Buches betrifft die Personenbeispiele, die Rohr/Ebert zur Illustration der Typen anführen. Viele der bisherigen Persönlichkeiten sind uns europäischen Christen einfach zu unbekannt gewesen, und es macht Sinn, hier uns bekanntere Beispiele anzuführen.
Die dritte Veränderung betrifft die Bebilderung des Buches. Ich will meine Begeisterung für die Fotos von Andreas Caspari nicht verhehlen, dem es auf so unnachahmliche Weise gelungen ist, uns die 9 Typen so originell und überzeugend nahe zu bringen. Das ist bemerkenswerte Fotokunst.
Die entscheidende Frage für viele von uns zuletzt: Lohnt es sich die Neuauflage zu erwerben? Ich antworte mit einem eindeutigen: „Es kommt drauf an“. Für Neuinteressierte, die das Buch von Rohr/Ebert bisher nicht kannten, ist eine Anschaffung sicherlich sinnvoll. Sie sollten je nach Geldbeutel allerdings u.U. warten, bis die preiswertere Paperbackausgabe erscheint.
Für diejenigen unter uns, die die Erstauflage bereits besitzen, lässt sich kein eindeutiger Ratschlag geben. Es kann für Liebhaber Sinn machen, die schöne gebundene Neuauflage zu erwerben. Aber auch den an den Neuerungen Interessierten darf die Anschaffung selbstverständlich empfohlen werden. Denn die Art und Weise, wie das Enneagramm von Rohr/Ebert dargestellt wird, hat immer noch eine erhebliche Ausstrahlung und Faszination. Dieses Buch wird auch in Zukunft das Standardwerk in Sachen Enneagramm bleiben.
Ulrich Krämer
in: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 16
Interview
Andreas Ebert und Richard Rohr im Gespräch mit Marion Küstenmacheranläßlich des 300.000. Enneagrammbuches am 21. Juni 1999
von Marion Küstenmacher
ÖAE: Herzlichen Glückwunsch zum 300.000sten verkauften Exemplar eures Buches! International liegt die Auflage durch die mehr als 12 Lizenzausgaben ja noch weit höher. Ihr habt es geschafft, gegen den rückläufigen Trend auf dem religiösen Buchmarkt einen Megaseller zu plazieren. Euer kommerzieller Erfolg wurde von unseren LeserInnen auch inhaltlich bestätigt: Sie haben euer Buch zum beliebtesten aller deutschsprachigen Enneagrammtitel gewählt. Der Grund: Euer persönliches Engagement, die lebendige Sprache und die vielen sprituellen Impulse. Viele nannten die Lektüre Eures Buches ein Schlüsselerlebnis, das ihr Leben entscheidend verändert hat. Habt Ihr auch von solchen Erfahrungen erzählt bekommen?
Richard: Ja, ständig, es ist wahrscheinlich die allerwichtigste Erfahrung die ich machen konnte. Die Menschen, denen ich begegne, erzählen mir, daß es ihr Leben verändert hat und daß sie nach dem Lesen nicht mehr die selben waren wie vorher. Die wertvollsten Aussagen betreffen Partnerschaft und Ehe. Viele sagen mir, daß sie das Gefühl haben, die Kenntnis des Enneagramms habe ihre Ehe gerettet. Und das macht mich überglücklich! Sie sagen: „Das Enneagramm hat mir endlich einen Weg gezeigt, meinen Ehepartner zu verstehen. Es ermöglicht mir sogar, kritische Dinge zu meinem Ehepartner zu sagen, ohne dabei gefühlskalt zu wirken. Ich sage: Jetzt bist du wieder zu viel die Sieben oder die Eins oder welches Muster es eben ist. Wir haben jetzt eine neue Sprache gefunden.“ Für mich ist diese neue Sprachebene etwas ganz Tolles. Bei Beziehungsproblemen und im Streit übertreiben wir sonst meistens die Schattenseiten des anderen oder wir vermeiden es ganz, etwas auszusprechen. Und dann heizt sich innerlich alles auf. Das Enneagramm bietet uns da eine „mittlere Tonhöhe“ an, eine Sprache, die „abgekühlt“ genug ist, um anzukommen und verstanden zu werden. Wir können also unseren Partnern oder Freunden gegenüber Kritik üben, ohne kritisch zu sein – und das ist das Wunderbare.
Andreas: Drei Geschichten fallen mir spontan ein. Meinem früheren Schuldirektor, den ich nach vielen Jahren wieder traf, schenkte ich aus Freude über das Wiedersehen unser Enneagrammbuch. Er hat mir einen Brief geschrieben. Er hatte dieses Buch erst einmal in sein Bücherregal gestellt und erst ein Jahr später, „komischerweise“ an Pfingsten, hatte er das Gefühl, er solle es lesen. Er hat dann die Eins aufgeschlagen, gelesen und gemeint: „Ich habe plötzlich mein Leben verstanden. Mit 70 Jahren habe ich in Nachhinein mit Erschrecken und gleichzeitig einem Glücksgefühl begriffen, was mein Leben war, was mein Muster war.“ – ein wunderbarer Brief!
Eine zweite Begebenheit: Einem jüngeren Pastor, eine Acht, ein Evangelikaler bzw. fast schon ein Fundamentalist, dessen Frau gestorben war, fiel in der Trauerzeit unser Buch in die Hände. Er sagte zu mir, er hat im Nachhinein begriffen, was in ihrer Ehe schiefgelaufen ist. Es hat ihm, so schwer das war, unwahrscheinlich bei der Trauerarbeit geholfen, weil ihm das Enneagramm das Instrument geliefert hat, diese Beziehung zu verstehen.
Die dritte Begegnung: Eine unserer Verantwortlichen vom ÖAE schrieb mir vor langer Zeit einen Brief und berichtete von einem wunderbaren Wandlungsprozeß in ihrem Leben, ausgelöst durch die Lektüre des Buches. Diese Veränderung zu einem erlösteren Leben hin konnte ich von außen regelrecht miterleben und sehen. Allein diese drei Geschichten sind für mich sehr beglückend.
ÖAE: Ihr habt nach 10 Jahren beschlossen, dieses Buch in veränderter Aufmachung mit neuem Cover und inhaltlicher Überarbeitung erscheinen zu lassen. Warum ändert ihr einen „Klassiker“?
Andreas: Wir ändern es nicht wirklich. Es geht nicht um eine grundlegende Revision, wir haben kein neues Buch geschrieben. Aber es gibt einige Erkenntnisse, die dazugekommen sind, z.B. über die Entstehungsgeschichte des Enneagramms. Wir haben herausgefunden, daß die Wurzeln des Enneagramms aller Wahrscheinlichkeit nach christlich sind und nicht sufistisch. Dies habe ich in dem Buch noch mal entfaltet. Bei einigen Typenbeschreibungen gab es Dinge, die wir damals noch nicht so gut verstanden haben, auch Fehler. Auch einige neue Einschätzungen sind hinzugekommen bzw. verändert worden, was Heilige oder biblische Gestalten anbelangt oder die Aktualität lebender Persönlichkeiten (z.B. Reagan oder Gorbatschow sind nicht mehr so aktuell). Es sind kleinere Veränderungen – mehr ist nicht nötig gewesen. Es gibt so viele andere gute Bücher, so daß unseres nicht das Standardwerk sein muß, in dem alles drin steht. Es ist unser Buch geblieben, einfach etwas ‘up to date’.
Richard: Das Wesen einer lebendigen Tradition ist es, wenn eine Tradition sich von innen heraus selbst kritisieren und korrigieren kann. Das ist der Geist der Bibel. Jesus zum Beispiel handelt aus diesem Geist, wenn er am Sabbat Körner pflückt: Er steht in Davids und Abrahams Tradition und erneuert sie von innen heraus … Das Enneagramm hat die Kraft, dies auf eben solche Art zu tun: sich selbst zu korrigieren, sich selbst zu vertiefen, die Kriterien für neue Einsichten von innen heraus zu gewinnen. Wer nur von äußeren Kriterien abhängt, funktionalisiert das Enneagramm und mißversteht es. So ist es nur natürlich, daß wir nach 10 Jahren eine revidierte Ausgabe machen, weil die Enneagrammtradition lebendig ist und uns immer Neues lehrt. Deshalb bin ich sehr froh, daß vor allem Andreas die Energie und Ausdauer aufgebracht hat, unser Buch zu überarbeiten und neue Einsichten zu integrieren.
ÖAE: Gibt es ein anderes Enneagrammbuch, welches ihr schätzen oder lieben gelernt habt?
Richard: Ich mag sehr Suzanne Zuerchers Bücher. Ich denke, sie hat einen sehr spirituellen und wahrhaftig einsichtsvollen Zugang zum Enneagramm, wirklich exzellent. Es ist aber nicht so, daß ich die anderen nicht schätzen würde. Jedes Buch hat seine spezifische Stärke. Und dann fallen mir noch die Bücher von Elizabeth Wagele und Renee Baron ein (Anm. d. R.: Enneagramm leicht gemacht und, noch unübersetzt, Enneagramm for parent consulting); man sieht die vielen Cartoons und denkt, ach, das ist ohne Tiefgang, aber das stimmt nicht, diese Bücher sind gut und sehr nützlich. Ich habe sie auch an meine Geschwister verschenkt, damit sie ihre Kinder besser verstehen können.
Andreas: Ich kann mich da nur anschließen. Welches ich auch schätze, ist das Buch von unseren ÖAE-Mitgliedern Marianne Gallen und Hans Neidhardt, Das Enneagramm der Beziehungen; von diesem habe ich sehr viel gelernt. Und ich habe von vielen Leuten gehört, daß dieses Buch gerade für Partnerschaftsgeschichten (das haben wir ja nur am Rand gestreift, weil wir beide Junggesellen sind) eine ganz wunderbare Hilfe sei. Mein heimliches Lieblingsbuch zum Enneagramm ist Marion Küstenmachers Enneagramm der Weisheit, weil es so eine Schatztruhe ist, mit wunderbaren Geschichten und Gedichten, ein wunderbares Brevier zum Enneagramm, in dem ich immer wieder lese und blättere.
ÖAE: Was hat das Enneagramm euch beiden in den letzten 10 Jahren für Neuerkenntnisse gebracht für euren persönlichen Entwicklungsweg? Ihr habt ja beide mal gesagt, das Enneagramm habe euch schon ein bißchen gelangweilt … Ist das so geblieben oder gibt es nach wie vor etwas am Enneagramm, das euch persönlich herausfordert?
Richard: Ja, da ist noch immer etwas, das mich wirklich herausfordert. Natürlich gibt es manches, das mich langweilt, das habe ich auch gesagt. Aber ich würde lügen, wenn ich nicht zugäbe, daß darin eine Art Schlüssel zur Erkenntnis und der Schau des Wesentlichen verborgen liegt, der jetzt als Intuition in meinem Bewußtsein verankert ist. Und so hilft das Enneagramm mir noch immer in dieser Hinsicht zu lernen und zu wachsen. Es klingt so abgedroschen, so offensichtlich, wenn ich das als Eins sage, aber ich glaube einfach meinen Urteilen nicht mehr. Sie sind immer falsch. Ich habe sie, aber ich glaube ihnen nicht mehr. Sie sind immer falsch und angefüllt mit meinem Ego, meiner Angst, mit all dem, was bei mir auf der Tagesordung steht. Es wendet sich geradezu ins krasse Gegenteil: Was ich für richtig hielt, ist meistens falsch. Von daher ist der Kern, das Herz des Enneagramms für mich wahr und macht mich ebenso betroffen wie vor 28 Jahren. Und es hält an, mir die Augen zu öffnen, solange ich mich nicht von meinem Alltagskram gefangen nehmen lasse.
Andreas: Für mich ist es auch eher etwas Peinliches, was ich sagen muß. Ich hab’ das Gefühl, mich 10 Jahre später in gewisser Weise unerlöster zu fühlen als vorher. Weil ich mit Erschrecken die Tiefe und die Tragik der Verstrickung meines eigenen Lebens immer schonungsloser sehe. Das ist etwas, was sehr weh tut. Dabei merke ich immer wieder, daß das Enneagramm recht hat, daß das, was ich damals entdeckt habe auf einer viel oberflächlicheren Ebene, daß das Muster so brutal ist. Die Unausweichlichkeit und das Erschrecken vor meiner Sünde und Verzweiflung an meiner Verstrickung nehme ich deutlich wahr. Und meine Hilflosigkeit darüber mündet immer tiefer in die Sehnsucht nach Erlösung und nach Gott, denn ich weiß: Ich kann überhaupt nichts machen, ich kann mich nicht ändern. Das Enneagramm hat mich überhaupt nicht auf einen Pfad der Selbsterlösung geschickt, sondern im Gegenteil: Ich war mir noch nie im Leben meiner eigenen Erlösungsbedürftigkeit so gewiß wie heute. Das hat mit den Erkenntnissen des Enneagramms zu tun. Ich muß meiner Sünde in die Augen sehen und kann mir keine Illusionen machen. Ich bin auf Gottes Gnade angewiesen.
ÖAE: Wir haben hier in der Enneagramm-Szene erlebt, daß manche Menschen auch noch nach 4, 5 oder mehr Jahren merken, daß sie doch ein anderes Enneagramm-Muster haben. Wie ist es mit euch beiden? Habt ihr euch das auch gefragt?
Richard: Es kommt manchmal vor, daß mir Freunde sagen: Du bist keine Eins, du bist eine Zwei. Und ich muß zugeben, daß meine Zweier-Anteile so groß sind, daß ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, eine Zwei zu sein.
Andreas: … oder auch eine Drei, sagen manche …
Richard: Ja, ich selbst habe das nie gesehen – außer meiner typisch amerikanischen „Dreier-Prägung“ natürlich, die ich kollektiv mitbringe. Ich bin aber von Haus aus nicht ehrgeizig, das weiß ich. Andererseits kann ich eine Menge schaffen, das schaut dann wohl wie bei der Drei aus.
Andreas: … und du bist erfolgreich …
Richard: Die meisten halten mich trotzdem noch eher für eine Zwei. Aber ich würde noch immer sagen, daß meine zugrunde liegende Leidenschaft die der Eins ist. Es gab aber Zeiten wo ich mich fragen mußte, ob ich in Wirklichkeit nicht doch eine Zwei sein könnte. Darum waren meine Aufenthalte in der Einsiedelei so spannend und klärend. Sie gaben mir die Möglichkeit, alles, was immer an Zwei in mir war, zu durchbrechen. Jeder braucht ein Gegenüber in seinem Leben, jeder kennt den Wunsch, für irgend jemanden da und wichtig zu sein. Da steckt aber oft viel wechselseitige Abhängigkeit dahinter und das war bei mir nicht anders. Das zeigte sich in der Einsiedelei. Außerdem nahm es mir bis zu einem gewissen Grad meine Einser-Kritiksucht. Aber vor allem klärte es diese Zweier-Anfragen. Es tat mir so gut und ich fühlte mich so frei in der Einsiedelei. Aber ich weiß, ich stecke oft in dieser Abhängigkeit, daß ich die Bedürfnisse anderer Leute erfülle, und auf sie eingehe und ihnen das Feedback gebe, das sie sich wünschen, da bin ich oft „gefällig“, wenn man so will.
Andreas: Manche Freunde haben mir gesagt, ich könnte auch eine Drei oder Vier sein, mit der Vier habe ich auch geliebäugelt, bin aber zur Zwei zurückgekommen. Ich glaube, daß die Untertypen sehr wichtig sind und daß ich eine selbsterhaltende Zwei bin. Bei Naranjo habe ich gelesen, daß eine selbsterhaltende Zwei mit ihrem Privilegdenken oft wie eine Vier aussieht, und daß die Unabhängigkeit, die Egozentrik und der Individualismus nach außen hin viel sichtbarer sind und man nach außen hin gar nicht unbedingt so danach aussieht, daß man immer für andere da ist. Aber ich habe gemerkt, daß mein inneres Programm und Anspruchssystem ein völliges Zweiersystem ist. Ich habe das schlechte Gewissen, ich tue meiner Meinung nach zu wenig, habe das Gefühl, immer mehr für andere tun zu müssen. So, als bestünde mein Lebenssinn darin, mich für andere zu verströmen. Diese Abhängigkeit und die Schwierigkeit, wirklich bei mir selbst zu bleiben und mich nicht von der Zuwendung anderer her zu definieren, sondern mich mir selbst zuzuwenden, ist meine Lebensaufgabe.
ÖAE: Zur internationalen Enneagramm-Szene: Wie steht ihr zum immer stärker werden Eindringen des Enneagramms in die Business-Welt?
Richard: Ich bin einerseits froh, daß es dorthin vorstößt – auf der anderen Seite beobachte ich dabei eine deutliche Trivialisierung. Es wird reduziert auf reine Funktionalität, auf praktischen Nutzen, auf schnelle Umsetzbarkeit und Hilfe. Es geht nur noch um Pragmatismus, Effektivität – wie wir Amerikaner es eben mit allem machen – anstatt um spirituelles Wachstum und Transformation. Meine Enttäuschung besteht an der Stelle, daß das Enneagramm seine ungeheuere Kraft zur spirituellen Transformation einbüßt zugunsten dieser Trivialisierung. Diese Kritik habe ich auch bei einer Enneagrammtrainer-Konferenz in Denver formuliert und die positive Resonanz darauf war überwältigend. Irgendwie wissen es ja alle und sind dankbar, daß man es sagt. Aber sie wissen nicht, was sie machen sollen. Wie soll man bei einem Training vor United Airlines Leuten von Gnade sprechen und Vergebung und Gott?
Also, das Enneagramm in der Business-Welt, das nenne ich „a mixed blessing“, einen gemischten Segen.
Andreas: Ich sehe dies schärfer als Richard und fast ausschließlich kritisch. Wenn man das Enneagramm in der Unternehmensberatung nutzt, ist die große Gefahr, daß man aus der Not eine Tugend macht. Das Enneagramm wird als Herrschaftswissenschaft verkauft. Man bringt mir bei, was z.B. ein potentieller Kunde für ein Enneagrammtyp ist und wie ich ihn anpacken muß, damit ich ihm mein Produkt verkaufen kann. Hier wird Schindluder betrieben mit einer spirituellen Weisheit, wenn sie so zu Markt getragen wird. Natürlich haben auch wir beide als Buchautoren mit dem Enneagramm Geld verdient. Aber es war nie meine Intention, mit dem Enneagramm Geld zu verdienen und erst recht nicht, damit andere reich und berühmt zu machen. Gerade als Zwei bin ich sehr empfindlich für die Macht der Manipulation. Ich wüßte daher nicht, aus welchem anderen Grund das Enneagramm in der Geschäftswelt eingesetzt werden sollte außer als Herrschaftsinstrument. Gewissermaßen benutzt man doch die Sünde der anderen, um sie leichter zu packen für die eigene Verkaufsstrategie. Ich würde mit dem Enneagramm nicht in der Geschäftswelt arbeiten und habe es auch nicht getan.
Richard: Ich habe es einmal getan für United Airlines in Paris und würde es nicht wieder tun. Es war zwar eine tolle Erfahrung für mich, weil alle so dankbar waren. Ich möchte sie auch nicht verurteilen, denn sie alle haben ja etwas gewagt und eine Menge Zeit und Geld geopfert. Ich weiß auch nicht, ob das dort fortgesetzt wurde, denn ich habe nichts weiter von ihnen gehört. Aber was mich selbst betrifft, so hatte ich das Gefühl, mich selbst zu kompromittieren und gegenüber dem, woran ich glaube, nicht mehr wahrhaftig zu sein. Es ging darum, Geld zu machen, und ich war plötzlich ein Teil davon, auch weil es mich auf dem Business-Sektor und in säkularen Kreisen bekannter gemacht hätte. Es kam mir vor, als würde ich mich prostituieren.
ÖAE: Was haltet ihr denn von dem Prozeßmodell? Es gibt die Typologie, wie ihr und die meisten anderen Autoren sie beschreiben (Jeder ist nur ein Typ). Als Alternative gibt es das Prozeßmodell, nach dem man bei jeder Erfahrung oder Aktion neun Schritte vollzieht. Und die dritte Variante, die Mischung aus beidem: Jeder schlüpft im Laufe seiner Entwicklung in alle neun Typen, bis er das ganze „Enneagrammfeld“ durchwandert und integriert hat.
Richard: Ich möchte natürlich nicht dogmatisch sein. In all dem liegt womöglich etwas Wahres. Aber das ist meine Befürchtung: Es klingt so, als ob es ein moderner, säkularer Versuch ist, zur Ganzheit zu gelangen. Das Evangelium ist um so vieles weiser. Es lehrt uns nicht Ganzheit, es lehrt uns vielmehr Gebrochenheit. Und das ist viel gnädiger und viel hilfreicher als ersteres. Das gibt mir ein Gefühl in Bewegung zu sein und zu wachsen, ohne daß dafür Tiefe notwendig wäre. Ich will nichts verurteilen, aber meine Intuition sagt mir, daß da eine Menge säkularisierter und personalisierter Eschatologie drin steckt, die vielen gar nicht bewußt ist: Haltet bloß nicht mein persönliches Wachstum hin zu meiner künftigen Ganzheit auf! Aber wenn du durch alle neun Muster oder Stadien gegangen bist, wo bist du dann? Ich glaube nicht an die „höheren Ebenen“ beim Enneagramm, das ist nicht franziskanisch. Und es weckt in den Leuten falsche Hoffnungen, die scheitern müssen, weil es um Selbsterlösung geht. Es mag ja auch etwas Wahres dran sein. Auch ich habe in mir schon Aspekte aller neun Typen entdeckt. Aber das ist ja nicht gemeint. Ich fürchte, es verspricht den Menschen ein Ziel, das gar kein wirkliches Ziel ist.
Ich glaube, das Ziel sind nicht die „höheren Ebenen“. Das Ziel des Evangeliums ist viel realitätsbezogener. Es weiß, wo sich dein persönlicher Schrott stapelt. Das Ziel des Evangeliums heißt, erst einmal in deinem schwarzen Dreckloch zu sitzen mit deinem Schmerz, mit deiner Gebrochenheit, mit deiner Trauer. Da unten im Dreck passiert die Verwandlung. Das ist ein völlig anderes Paradigma.
Andreas: Ich möchte noch einen anderen Aspekt hinzufügen. Ich glaube, daß es in bestimmten Prozessen schon hilfreich ist, sich z.B. in einem Rollenspiel oder Bibliodrama in eine ganz andere Person hineinzuversetzen, einen ganz anderen Typus, um diese Seite an sich auch kennenzulernen. Aber der Hauptpunkt kann nur der sein, etwas barmherziger zu sein mit den Menschen, die es verkörpern. Aber wenn das Ziel diese „Ganzheit“ oder das „höhere Bewußtsein“ ist, denke ich an Lehrer, die dieses höhere Bewußtsein lehren. Und gerade von ihnen waren etliche in sehr unschöne Auseinandersetzungen verwickelt um Image- und Urheberfragen zum Enneagramm. Da leuchtet einem so viel Ego entgegen – im Namen der vollständigen „Ego-Überwindung“, daß ich denke: Hier stimmt etwas nicht. Wie kann ein zu höherem Bewußtsein Gelangter und vom Ego „Befreiter“ so eifersüchtig, so kämpferisch, so neidisch auftreten?
ÖAE: Ist es nicht vielleicht so, daß, je länger wir uns mit dem Enneagramm befassen, umso deutlicher auch die Sünde ans Tageslicht kommt?
Andreas: Ich will nicht andere beurteilen. Doch ich bin zutiefst skeptisch und das ist einfach meine zutiefst christliche Überzeugung, daß wir auf dieser Welt nicht zur Erlösung gelangen, sondern daß wir auf einem Weg sind, der wie im Labyrinth mal mehr nach innen, mal mehr nach außen geht. Wir wissen, wir werden in der Mitte ankommen, aber ich glaube, nicht endgültig in diesem Leben. Wir erleben Momente der Gnade, in denen der Vorhang sich teilt und wir dies schauen und merken: Es ist wahr. Und dann gehen wir wieder runter vom Berg der Verklärung, und das Leben ist wieder wahnsinnig banal und wir schämen uns, wie wenig Glauben und Vertrauen wir haben. Es sind nur Momentaufnahmen der Erlösung, die wir in diesem Leben erfahren.
ÖAE: Gibt es noch einen guten Rat, die ihr als Seelsorger weitergeben könnt an unsere ÖAE-Mitglieder?
Richard: Ich möchte warnen vor jeglicher Idealierung einer „Technik“ oder Methode, denn dies wäre doch nur einfach eine andere Art der Selbsterlösung, das Richtige zu tun oder gefunden zu haben. Für mich ist das große Geschenk des Evangeliums schlicht und einfach die Ankündigung daß wir es nicht richtig machen müssen; wir müssen überhaupt nichts „richtig“ machen. Gott wird das nutzen, was wir ihm anbieten, was es auch immer sein mag. Was du Gott gibst – Gott wird es nutzen. Und es ist gleichgültig, ob dies etwas Richtiges oder Falsches ist. Entscheidend ist dein Angebot, deine Hingabe. Für mich ist dies die gnadenvollste und umfassendste Botschaft, die die Welt braucht. Darum sollten wir jeglichen dogmatischen, funktionalen Gebrauch des Enneagramms vermeiden, der die Betonung auf die technische Seite oder auf eine perfekte Methode legt. Es ist etwas für die ganz persönliche Einsicht und Hingabe, aber nicht dazu da, um meine oder deine Realität zu kontrollieren. Wenn Kontrolle im Spiel ist, glaube ich nicht, daß es aus dem Heiligen Geist kommt. Denn der Heilige Geist drängt uns zur Aufgabe von Kontrolle. Das ist mein Ratschlag.
Andreas: Also für mich ist das Wichtigste beim Umgang mit dem Enneagramm der Humor. Man darf das Enneagramm nutzen, auch ernstnehmen als ein wertvolles Instrument des Wachstums, der Umkehr. Das Enneagramm lehrt uns, über uns zu lachen. Und immer wenn dieses Lachen erschallt, bin ich sehr dankbar. Das Lachen (nicht das Auslachen!) ist ein Instrument der Barmherzigkeit mit sich selbst und mit anderen.
Richard: Wenn du so lachen kannst, wirst du frei.
in: EnneaForum 16, Oktober 1999, S. 6-11

Samuel und Ruth Jakob
Formation und TransFormation der Persönlichkeit
Geschehen und Handwerk der Wandlung
Lehrbuch Enneagramm
BoD, 478 Seiten
© 2026 Samuel und Ruth Jakob, www.enneagramm.ch
Beschreibung (Buchrückseite)
Ein Leitfaden zur TransFormation der Persönlichkeit unter Einbezug der mentalen, der emotionalen und der Körperebene mit ihren transgenerativen Prägungen. Psychologisch konkretisiert an den neun Persönlichkeitsprofilen, wie sie das Enneagramm der Charakterfixierungen differenziert wiedergibt – mit der Perspektive einer geerdeten Spiritualität, die sich im persönlichen und gesellschaftlichen Alltag manifestiert. Ein Buch für unsere Zeit.
«Bei dem vorliegenden Buch haben wir es mit einer Integralen Anthropologie zu tun, die auf dem Fundament des Enneagramms Geist, Seele und Leib umfasst. Es handelt sich um ein Lehrbuch zur Transformation der Persönlichkeit in evolutionärer Dimension. Es zeichnet eine Landkarte unserer Potentialität – hin zu dem erwachten Menschen. Der beschriebene Weg führt zunächst nach Innen. Nur von dort kann sich das Außen wandeln. Diese feinsinnige Einladung zur Selbstreflexion und Selbsttranszendierung öffnet den Blick in eine neue Welt. Es ist jene Welt, die der Tiefe, Schönheit und potentiellen Größe des Menschen gemäß wäre. Liebevoll, klar und stringent durchspürt und analysiert, fordert das große Werk von Samuel und Ruth Jakob alles von uns als Menschheit im Wandel. Billiger oder einfacher ist eine humane Zukunft, die diesen Namen verdient, nicht zu haben. Für alle, die Verantwortung für das eigene Empfinden, Verhalten und die persönliche Entwicklung übernehmen wollen, ist das Buch ein zuverlässiger und unerschöpflicher Begleiter, ein weiser und wohlmeinender Freund.» Claus Eurich / Interbeing
INHALTSVERZEICHNIS & VORWORT
Hier gehts es zum PDF mit Inhaltsverzeichnis und Vorwort.
BUCHBESPRECHUNG
Der Weg aus der Schublade
Besprechung eines Lehrbuchs der Wandlung
von Prof. em. Dr. Farsin Banki

Arno Kohlhoff
ENNEAGRAMM neu erzählt:
Das Prozessmodell. Transformation in NEUN Schritten.
BoD 2025, 398 Seiten
ISBN-10: 3819226087
Inhalt
„Involution heißt, dem Sterben entgegen leben. Evolution heißt, dem Leben entgegen sterben. Dazwischen liegt die Krise. Sie lädt Dich ein, die Spur zu wechseln. Begrüße sie.“
Das Enneagramm lebt! Dank zahlreicher Veröffentlichungen ist es als tiefgründige Typologie im Bewusstsein vieler Menschen verankert und dient der Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentwicklung. Doch ist die Geschichte des Enneagramms damit zu Ende erzählt? Mitnichten. Obwohl George Iwanowitsch Gurdjieff, armenischer Mystiker und Wahrheitssucher, das Enneagramm Anfang des 20. Jahrhunderts der westlichen Welt als Prozessmodell bekannt machte, ist dessen eigentliche Bestimmung als Matrix und Werkzeug eines jeden transformatorischen Prozesses verloren gegangen. So stehen heute das Prozessmodell und das Typenmodell seltsam unverbunden nebeneinander.
Dieses Buch schlägt die Brücke. Es übersetzt das ursprüngliche Prozessmodell Gurdjieffscher Prägung in die Lebenswirklichkeit heutiger Menschen. Und mehr noch: Es stellt Persönlichkeitsentwicklung – als Spezialfall einer fortwährenden kosmologischen Entfaltung – in den Kontext einer umfassenderen psychospirituellen Befreiung, in der jede menschliche Existenz ihren ureigenen Platz einnimmt.
BUCHBESPRECHUNG
Rezension für EnneaForum von Samuel Jakob
Nur wenigen ist bekannt, dass es zum Enneagramm zwei Traditionen und Ansätze gibt, die bislang weitgehend unverbunden nebeneinanderstehen: Historisch früher ist das Enneagramm als sog. Prozessmodell, das Georg I. Gurdjieff 1916 erstmals erwähnt hat (es sind keine älteren Quellen für das Enneagramm bekannt): Er sah in ihm ein universales Symbol, in welchem alles Wissen zusammengefasst, strukturiert und verstanden werden kann. Später und breiter bekannt geworden ist das Typenmodell des Enneagramms, welches auf Oscar Ichazo zurückgeht. Nach vorlaufenden Studien ist sein Enneagramm der neun Persönlichkeitstypen in einem langen Forschungslabor (dem sog. Arica-Training) 1970/71 so entstanden, wie es seither breit bekannt wurde. Dieses Typenmodell definiert neun Grundmuster des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns – und hat vor allem im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung und Psychologie weite Verbreitung gefunden. Das Prozessmodell blieb hingegen im Schatten, obwohl es den Blick auf dynamische Veränderung und Wachstum freigibt. Während das Typenmodell die Beschreibungen liefert, welche Muster existieren, legt das Prozessmodell den Fokus darauf, wie sich Veränderungen vollziehen und welche universellen Gesetzmäßigkeiten dabei wirksam sind.
Seit über 25 Jahren hat der Psychotherapeut Arno Kohlhoff Gurdjieffs Prozessmodell in vielen Seminaren und in seiner Praxis tiefer erforscht. Auf sein in diesen Jahren herangereiftes Buch warten viele schon lange. Nun ist es da! Und wie: Er entfaltet darin Schritt für Schritt eine Landkarte innerer Prozesse, die dazu einlädt, unsere Persönlichkeitsmuster tiefer in ihren Herkunfts- und Wandlungsprozessen zu verstehen. Wer schon länger mit dem Typenmodell arbeitet tut gut daran, sich auf diese zunächst ungewohnte Neuerzählung des Enneagramms unvoreingenommen einzulassen.
In einer ersten Annäherung geht Arno Kohlhoff von den neun Schritten eines Prozesses aus, die vielen schon bekannt sein dürften: die Abfolge von neun Stationen, beginnen bei Punkt 1 als Start – über den entscheidenden Graben zwischen den Stationen 4 und 5 – bis zur Vollendung eines Prozesses an Station 9, an der sich ein neues Gleichgewicht einstellt. Erfolgreich nur dann, wenn an den Stationen 3 und 6 – den sog. Schockpunkten des Enneagramms – spezifische Impulse von aussen erfolgen und den Fortgang ermöglichen (Übersicht auf S. 26). Hier schaltet Kohlhoff ein erstes Mal das Typen-Enneagramm dazu, indem die zentralen Muster der neun Enneatypen – angefangen beim Zorn an Pt. 1, dem Stolz an Pt. 2 etc – als Prozessblockaden auftauchen.
In den folgenden Kapiteln 3-7 beschreibt der Autor die verschiedenen Einzelteile des Enneagrammsymbols, die zusammen ein Hologramm bilden: den Kreis, die Pfeile, das Dreieck, den Sechszack (Hexade genannt), die unterschiedlich damit verbundenen Prozesse – und schliesslich das Ganze. Als Leser kann einem dabei schwindlig werden – und man tut gut daran, die anspruchsvolle Kost langsam in sich aufzunehmen. Es ist beeindruckend, welche Dimensionen Arno Kohlhoff in seiner langjährigen Erforschung entdeckt, freilegt und – verbunden immer wieder mit Fallbeispielen – auch zu beschreiben vermag. Selbsterkenntnis (die man/frau mit dem Typenmodell über sich bereits über sich gewonnen hat) wird in Lauf der Lektüre immer mehr mit stetig sich vertiefender Wegerkenntnis angereichert. Dies jedoch nur, wenn man/frau nicht nur theoretisch den Gedankengängen folgt, sondern die präsentierte Kost meditativ auf sich und die eigenen Erfahrungen bezieht. Die folgenden Abschnitte deuten nur an, was auf die Leserschaft in den verschiedenen Kapiteln wartet; im besten Fall laden sie als Appetizer ein, sich selber darin zu vertiefen:
Die Pfeile
Wer das Typenmodell kennt, weiss auch um die Pfeile im Enneagrammsymbol. Sie weisen darauf hin, dass das Enneagramm im Kern Bewegungen darstellt, also ein dynamisches (und kein statisches) Modell ist. So ist etwa vom Trostpunkt (Enneatyp gegen die Pfeilrichtung) oder vom Stresspunkt (Enneatyp in Pfeilrichtung) die Rede. Kohlhoff seinerseits geht der ganzen Linienfolge entlang, die zwei gegenläufige Bewegungsrichtungen darstellen (s. 85ff). Der Prozess in Pfeilrichtung ist eine abwärts gerichtete Involution, die Bewegung gegen die Pfeilrichtung ein aufwärts gerichteter Prozess der Evolution. Während der erste automatisch abläuft, Richtung Verfestigung der Muster, bedarf der andere Prozess eines bewussten und aktiven Vorgehens. In Kohlhoffs Worten: Involution heisst, dem wahren Selbst entgegen sterben, Evolution heisst, dem Heiligen Leben entgegen leben. Auf diesem Weg gibt der Mensch seine bis dahin erworbene Identität auf: Um auf diesen tiefsten Seelengrund zu gelangen, muss die Demontage der alten Identität erfolgen.
Das Dreieck
Grudjieff hat sich intensiv mit dem Gesetz der Drei befasst. Dieses Gesetz bedeutet, dass immer drei Kräfte in Raum und Zeit gleichzeitig wirken: die dynamische (aktive) Kraft, die statische (passive) Kraft sowie die neutralisierende (versöhnende) Kraft, die alles in Balance hält. Kohlhoff lokalisiert im Dreiecksprozess drei Kernthemen menschlicher Existenz: Die Frage nach dem Sinn, dem Sein und dem Selbst, korrespondierend mit Liebe, Hoffnung und Glaube an den Stationen 9, 3 und 6, den Kennern des Typen-Enneagramms nicht unvertraut. Thema in diesem Kapitel sind erneut die beiden Prozesse im Dreieck: Involution und Evolution; beide gehören zur menschlichen Existenz. Sie haben je nach Situation ihre Berechtigung und es kommt darauf an, sie in einer lebendigen Balance zu halten (S. 139).
Die Hexade
Hier wird’s nun steil: Während Kreis und Dreieck archetypisch bedeutsame geometrische Grundfiguren darstellen, sind wir zum Erfassen der Tiefendimension des unregelmässigen Sechsecks auf unsere intuitive – und durchaus spekulative – Auffassungsgabe angewiesen (S. 143ff). Auf dieser Ebene geht es um Manifestationen der geistigen Wirklichkeit – um sechs Linien der inneren Arbeit (und darin das zweite Gesetz des Enneagramms: das Gesetz der Sieben). Nämlich, sich aus den energetischen Verkrustungen der eigenen Enneamuster zu lösen und zum ursprünglichen Fliesscharakter, der Fliessgestalt menschlichen Seins und Daseins zurückzufinden – von Kohlhoff Heimkehr der Seele genannt. Drei der sechs Linien sind aktiv: die innere Einkehr, der innere Kampf und der Dienst an der Wahrheit, während die drei anderen passiven Linien sind: Empfänglichwerden für die Manifestation der spirituellen Präsenz, die Hingabe (sich formen zu lassen), sowie ein hinreichendes Vertrauen in die damit verbundene Öffnung. Die Beschreibung dieser Prozesse mündet in einer interessanten Tabelle S. 157, welche die Verbindungen dieser Prozesse mit dem Typenmodell zeigt (speziell den Leidenschaften und Tugenden der 6 auf dem Sechseck ruhenden Enneatypen). Die Prozesse entlang der Hexade stellen einen Zyklus dar: Aus dem Dornröschenschlaf der Unbewusstheit setzt die Selbsterinnerung ein. Der Zyklus ist spiralförmig immer wieder zu durchlaufen, mit dem Ergebnis immer tieferer Selbst-Aufgabe, Selbst-Befreiung und Selbst-Verwirklichung. Wahrlich grosse Themen und grosse Worte (S. 171)! An dieser Stelle blitzt erstmals die spirituelle Dimension explizit auf, speziell im Zusammenspiel von eigener Arbeit an sich selbst und Gnade, dem Geschenk der Fliessgestalt des Lebens, die auf uns wartet.
Das Ganze
In diesem Kapitel fügt Arno Kohlhoff die verschiedenen Grundfiguren und Teilprozesse zusammen: Sie bestehen nicht unabhängig voneinander, sondern greifen zahnradartig ineinander zu einem vollständigen Enneagrammzyklus, den Kohlhoff wie folgt zusammenfasst: Ein vollständiger Enneagrammzyklus beschreibt also das geordnete und nach bestimmten Gesetzmässigkeiten ablaufende Zusammentreffen der objektiven Wirklichkeit (Dreieck) mit der subjektiven Wirklichkeit des einzelnen Menschen (Hexade) und dem verwirklichten Leben (Kreis). In einer eindrücklichen Tabelle ist S. 228 dieser vollständige Zyklus abgebildet: auf der Basis seines Prozessmodells sind die zentralen Aspekte des Typenmodells in diese Prozesse integriert, z.B. die emotionalen Erstarrungen (Wurzelsünden), die Heiligen Ideen und die Tugenden der 9 Enneatypen. Wahrlich ein erstaunliches Zusammenspiel von Erstarrungen und Wachstumsprozessen, die diese in Fliessgestalten transformieren! Kohlhoff rundet dieses Kapitel mit persönlichen Erfahrungsberichten (Fallbeispielen) ab. Eindrücklich, wie er abschliessend Gurdjieffs Lebensstationen und seine Entwicklung auf dieser Grundlage aufschlüsselt! Doch damit noch nicht genug:
Das Grosse Ganze
Das Enneagramm stellt als universales Symbol ein hervorragendes Bindeglied zwischen dem Verständnis des Menschen und des Kosmologischen dar. Im letzten Kapitel erweitert deshalb Arno Kohlhoff die Sicht über das einzelne Individuum hinaus: Im Licht der kosmologischen Dimension des Enneagramms ist der Mensch ein holografisches Fraktal, d.h. ein Mikrokosmos im Ganzen. Zum Abschluss setzt Kohlhoff deshalb drei Modelle der Welterklärung zum Enneagramm in Beziehung: die Vier-Elemente-Lehre der Antike, die Allgemeine Relativitätstheorie und Gurdjieffs Modell zur Transformation von Energien. Dabei taucht nochmals die Stärke des Typenmodells auf: als äusserst wirksames Erkenntnis- und Sprachinstrument, welches die neun zentralen menschlichen Fühl- und Denkstrukturen beschreibt – die emotionalen und mentalen Fixierungen, die uns von der kosmischen Wirklichkeit trennen. Die zentrale Botschaft aus dieser Perspektive des Grossen Ganzen lautet: Nicht wir wirken kreativ auf die Welt ein, sondern werden – wenn wieder zu Fliessgestalten geworden – im besten Fall Werkzeug der höheren kosmischen Ordnung: Die kreative komische Energie manifestiert, bündelt und verwirklicht sich im Menschen in Gestalt des Wahren Selbst (377).
Mit seinen frischen Perspektiven eröffnet Kohlhoff einen Zugang zum Enneagramm, der sowohl für Einsteiger/innen als auch für Erfahrene in der Enneagrammszene neue Erkenntnisse bereithält. Allerdings kein Fastfood, sondern Proviant und Herausforderung für neue Wege, die Arno Kohlhoff mit seinem Buch erschlossen hat, und die mit diesen Erkenntnissen nun noch ganz anders begangen werden können. Die Umsetzung liegt nun an der Leserschaft.
Kritische Anmerkung
So einleuchtend die Verbindungen zum Typenmodell sind, die der Autor auf den verschiedenen Ebenen des Prozessmodells einzeichnet, bleiben diese doch ziemlich abstrakt. Die Desidentifikation mit den Mustern des eigenen Egos (S. 280) – um nichts Geringeres geht es auch Kohlhoff – ist jedoch kein Selbstläufer, auch mit dem Prozessmodell nicht. Oft bekam ich beim Lesen diesen Eindruck, etwa wenn im Prozess der Hexade die Wurzelsünden – flugs und gleich reihenweise – geklärt und hinter sich gelassen werden. Immer wieder betont zwar der Autor, dass vor allem der jeweils erste Schritt an den verschiedenen Eintrittspforten der verschiedenen Prozesse einer Anfangsanstrengung bedarf (Einsicht u/o Leidensdruck, entsprechender Willensimpuls etc), jedoch nach diesem Eintritt die Prozesse fast wie von selbst ablaufen. Die Einkehr, der innere Kampf, der Dienst an die Wahrheit etc. sind etwas gar easy skizziert, und die Wurzelsünden aufgrund meiner Erfahrung etwas vom Hartnäckigsten in ihrer vielköpfigen Hydragestalt. Natürlich sagt auch Kohlhoff, dass die von ihm beschriebenen Prozesse vielfach durchlaufen werden müssen. Mir fehlten jedoch neben den virtuos beschriebenen Weglabyrinthen immer wieder Hinweise auf ein methodisches Basishandwerk, wie z.B. mit Widerständen umzugehen ist, wenn man/frau an diesen Prozessen ansteht, und solche Hänger kennt jeder der neun Enneatypen, je typenspezifische. Das Prozessmodell steht bei Kohlhoff im Vordergrund, und dies zu Recht. Das Typenmodell erscheint mir jedoch oft zu sehr im Hintergrund, wie eine Garnitur. Ich erinnere daran, dass auch das Typenmodell ein dynamisches Modell ist, obschon es oft nicht so dargestellt und betrachtet wird. Exemplarisch angedeutet: Nur wer die Mentale Fixierung seines Enneatyps wirklich erkennt (keine einfache Aufgabe!) und öffnet (noch schwieriger!), kommt in Kontakt mit der Fliessgestalt der Holy Ideas. Der Abbau der Ego-Strukturen (ein eigenes Handwerk!) reicht, alles andere ist bereits da (Geschenk, das jedoch abgeholt werden will!).
***
Im Unterschied zur gängigen Sicht des Typenmodells zeigt Arno Kohlhoffs Buch, wie umfassend wir – jeder Enneatyp – von Ego-Mustern aller Enneatypen angesteckt sind, und wir alle einer umfassenden Katharsis durch die verschiedenen Prozesse bedürfen. Jedenfalls hat er ein Werk verfasst, das Substanz für viele Jahre in der Enneagrammszene enthält und freigibt. Besonders hervorheben möchte ich zum Schluss die lesefreundliche Aufmachung des Buchs: Es liegt trotz des Umfangs gut in der Hand, die Seiten bleiben aufgeschlagen liegen (klassische Buchbindung), von aussen greifbares Register und – wie es sich für eine solches Kompendium gebührt: mit Lesebändchen. Zunächst ein Lesebuch, viel mehr jedoch im Anschluss daran ein Arbeitsbuch! Ich bin gespannt auf Erfahrungsberichte und lade hiermit zu solchen ein!
15. September 2025/Samuel Jakob

Anna-Maria Rumitz und Alexander Pfab
Wer bin ich? Was treibt mich an?
Verlag J. Kamphausen, 2014
ISBN-10: 389901796X

Wilfried Reifarth
Bejahen, Verneinen, Versöhnen
Gurdjieff und das Enneagramm
Lambertus-Verlag, Freiburg 2013
ISBN-10: 378412397X

Suzanne Zuercher
Spirituelle Begleitung
Das Enneagramm in Seelsorge, Beratung und Therapie
Claudius Verlag, München 2013

Petra Götz, Alfons Mayer, Claudia Schöffler
Vom Wind, von Wiesen und neun Welten
kapila 2012

Marion und Werner Tiki Küstenmacher, Tilmann Haberer
Gott 9.0
Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird.
Gütersloher Verlagshaus, 2010

Uwe Böschemeyer
Du bist viel mehr
Wie wir werden, was wir sein können
Ecowin Verlag, Salzburg 2010, ISBN 978-3-902404-88-6

Sandra Maitri
Der Weg zurück zum Selbst
Das Enneagramm der Leidenschaften und Tugenden
Verlag advaitaMedia, Hamburg 2009, ISBN-10: 3936718156

Suzanne Zuercher
Ankommen im Einssein
Claudius Verlag 2009, ISBN 978-3-532-62392-3

Andreas Ebert
Die Spiritualität des Enneagramms
Claudius Verlag, München 2008

Andreas Ebert, Marion Küstenmacher
Die Perlen der Seele
Meditieren mit dem Enneagramm
(mit Perlenband und Leporello für unterwegs)
Claudius Verlag 2009, ISBN 978-3-532-62386-2

Richard Rohr
Vom wilden Mann zum weisen Mann
Claudius Verlag, 3. Auflage 2013, ISBN 978-3-532-62334-3

Richard Rohr
Endlich Mann werden
Claudius Verlag; 2. Aufl. 2009, ISBN 978-3-532-62325-1

Michael Th. Schulz
Enneagramm, Spiritualität und Theologie der Zukunft
Anläufe und Verbindungen – Materialien und Vernetzungen
Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, 2006, ISBN: 3-7887-2128-6

Uwe Böschemeyer
Vom Typ zum Original
Die neun Gesichter der Seele und das eigene Gesicht
BoD GmbH Norderstedt 2005, ISBN 3833438053

Johannes Bartels
„mitten in die Seele hinein“
Das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung
Reihe Religionspädagogische Kontexte und Konzepte Bd. 13, LIT Verlag Münster 2005, ISBN 3-8258-7282-3

Richard Rohr
Von der Freiheit loszulassen
Claudius Verlag, 7. Aufl. 2000, ISBN 3-532-62108-8

Richard Rohr
Hiobs Botschaft
Das Geheimnis des Leidens
Claudius Verlag, 6. Auflage 2016, ISBN 3-532-62250-5

Richard Rohr
Wer loslässt, wird gehalten
Das Geschenk des kontemplativen Gebets
Claudius Verlag, 10. Auflage 2016, ISBN 3-532-62263-7

Uwe Böschemeyer
Worauf es ankommt
Werte als Wegweiser
Piper München 2005, ISBN 3-492-24385-1

Uwe Böschemeyer
Wertorientierte Imagination
Theorie und Praxis
Hamburg 2000

Viktor E. Frankl
Ärztliche Seelsorge
Deuticke Verlag; 11. Aufl. 2005

Viktor E. Frankl
Der leidende Mensch
Huber Verlag, 3. Aufl., Bern 2005

Wolfram Kurz, Franz Sedlak (Hg.)
Kompendium der Logotherapie und Existenzanalyse
Verlag Lebenskunst, Tübingen 1995

Elisabeth Lukas
Lehrbuch der Logotherapie
Profil Verlag, 2. Aufl. 2002

Jörg Riemeyer
Die Logotherapie Viktor Frankls
Eine Einführung in die sinnorientierte Psychotherapie
Quell Verlag, 2. Aufl. 2002

Christoph Riedel, Renate Deckert, Alexander Noyon
Existenzanalyse und Logotherapie
Ein Handbuch für Studium und Praxis
Primus Verlag 2002

Jürgen Kriz
Grundkonzepte der Psychotherapie
Belz, 7. Aufl. 2014

Martin Buber
Der Weg des Menschen
Gütersloher Verlagshaus; 19. Aufl., 2001

Enneagramm-App
Die Enneagramm-App des ÖAE mit einem interaktiven Infoteil und der kompletten Einführung ist im App Store zum Preis von 1,99 € zu finden. mehr...








