Enneagramm und Achtsamkeit aus der Perspektive einer ZWEI

Als evangelisch-reformierte Pfarrerin ist Achtsamkeit ein Thema, das wesentlich zu meinem Beruf gehört. Achtsamkeit und damit das einfühlsame Hören auf, die bedingungslose Offenheit gegenüber Gott und den Menschen ist eine Grundkomponente des christlichen Glaubens. Jesus drückt es im Bild der Liebe aus: „Liebe Gott, deinen Herrn, aus ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“

(Matthäus 22,37f.). Darin ist die christliche Tradition der Achtsamkeit begründet: Jemanden lieben bedeutet ja letztlich nichts anderes, als ihm oder ihr gegenüber achtsam zu sein.

Gott lieben, den Nächsten lieben, sich selbst lieben: Von diesen drei Arten der Liebe hat die klassische Nächstenliebe im christlichen Glauben sicher die steilste Karriere gemacht; sie ist es auch, die mir als ZWEI am nächsten steht. Für andere Menschen dazusein ist ein Grundmuster meines Lebens, das mich erfüllt und mir wertvolle Beziehungen und Begegnungen schenkt. Auch in Stressituationen, wenn zum Denken nicht viel Zeit bleibt, tritt bei mir als ZWEI unweigerlich dieses Grundmuster in Aktion: Ich zuletzt. Meinen Mitmenschen gegenüber achtsam zu sein fällt mir deshalb leicht: Mit anderen mitschwingen, mich einfühlen, sie verstehen passiert für mich ohne Anstrengung.

Achtsamkeit im christlichen Sinn hört aber nicht bei der Nächstenliebe auf. Und da beginnt die Herausforderung für mich als ZWEI: Jesus fordert mich auf, nicht nur meinen Nächsten, sondern auch Gott und mich selber zu lieben. Das fällt mir als ZWEI schon wesentlich schwerer. Natürlich liebe ich Gott: Ich bin ihm dankbar für sehr vieles, ich möchte mein Leben an ihm ausrichten, die Gottesbeziehung erfüllt mich – aber eigentlich kann Gott doch froh sein, dass er mich hat, die ihm auf Erden so viel Arbeit abnimmt. Und da ich so viel für ihn tue, muss er mich dann als Gegenleistung auch liebhaben. Das wäre kurz gefasst meine instinktive ZWEIER-Grundhaltung zur Gottesliebe.

Die christliche Kontemplationstradition ist kein Versinken im Nichts, in der Stille oder in sich selber, sondern ist ein bewusstes sich Ausrichten auf ein Gegenüber, auf Gott. Gottesliebe, in anderen Worten: Diese sorgfältige Achtsamkeit Gott gegenüber fügt sich nicht widerspruchslos in mein ZWEIer-Muster ein. Meine Grundüberzeugung, dass ich nur geliebt werde, wenn ich für andere da bin, funktioniert hier nämlich nicht; für Gott kann ich nie da sein, sondern er ist für mich da. Gott lässt sich nicht manipulieren. Ihn um seiner selbst willen zu lieben, still zu werden, absichtlos seine Gegenwart zu genießen, ohne Hintergedanken und ohne dafür etwas Zurückzuwollen ist für mich als ZWEI deshalb eine stetige, aber heilsame Herausforderung.

Auch das Aufgehobensein und bedingungslose Angenommensein bei Gott ist für mich als ZWEI sehr wichtig. Wenn ich aufhöre, Gott gefallen zu wollen, indem ich mich für ihn engagiere, komme ich zu meinem Kern durch – der oft weit weniger hübsch glänzt, als es mein sorgfältig gepflegtes Image der Selbstlosigkeit und Unabhängigkeit gegen aussen vermuten lassen würde. Diese Schonungslosigkeit in Geborgenheit finde ich so nur bei meinem Schöpfer. Sie tut mir gut. Ich weiss um Gottes achtsame und bedingungslose Liebe zu mir, und sie hilft mir, meinen typischen ZWEIER-Stolz abzulegen und meiner eigenen Hilfsbedürftigkeit ohne Angst in die Augen schauen zu können.

Dies ebnet mir den Weg zur letzten Form von Liebe, die zur christlichen Tradition der Achtsamkeit gehören: Der Selbstliebe – auch sie keine natürliche Stärke der ZWEI. Intuitiv auf andere ausgerichtet, fällt es mir nicht leicht, mich selbst zu lieben und mir zuzugestehen, dass meine Bedürfnisse gleich wichtig sind wie diejenigen aller anderen Menschen. Das Wissen um das Angenommensein bei Gott hilft mir, mich selber und meine Bedürfnisse wahrzunehmen, ohne den typischen ZWEIER-Umweg über andere Menschen nehmen zu müssen, um zu Bestätigung und Liebe für mich als Person zu kommen. Es erlaubt mir auch, mich ohne schlechtes Gewissen abzugrenzen, wo es nötig ist. Eine wichtige Frage für meine stillen Zeiten ist daher: Wie geht es mir eigentlich? Was brauche ich? Mir diese Aufmerksamkeit zuzugestehen, ist für mich als ZWEI ein wichtiger Übungsweg geworden. Wenn ich nämlich mit Gott und mir selber im Reinen und in der Balance bin, kann ich das mit viel mehr Energie und Freude tun, was ich am liebsten mache: Für andere dazusein und mit anderen unterwegs zu sein.

Kathrin Remund Gugger, evangelische Pfarrerin, Familienfrau und im Leben unterwegs mit dem ZWEIer-Muster
in EnneaForum Nr. 53, Mai 2018, Titelthema: Achtsamkeit

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