EnneaForum 37, S. 18-20 (Mai 2010)

Hans Peter Niederhäuser

Selbstbejahung. Psychologie und Ontologie

In einer Zeit, in der das Nützlichkeitsdenken auf allen Gebieten im Vormarsch ist, wird man auch im Zusammenhang mit dem Enneagramm immer mal wieder gefragt, was es einem denn bringe, wenn man sich mit dieser Typologie beschäftige. Selbsterkenntnis könne und dürfe ja nicht nur Selbstzweck sein, sondern müsse einen doch zumindest unterstützen in seinem steten Bemühen, sich zu verändern und ein glücklicheres Leben zu führen. Ja, natürlich tut das das Enneagramm!, möchte man da gleich antworten. Doch im selben Atemzug noch schliesst sich ein Aber an: aber vielleicht nicht so, wie du dir das denkst. Zwar sind die Enneagrammbücher in manchen Buchhandlungen beim Thema „Lebenshilfe“ eingeordnet. Aber man wird enttäuscht sein, wenn man sich einfache Ratschläge, Wegweisungen für den Alltag, mentale Konzepte im Sinne eines positiven Denkens erwartet, ein Programm, das man morgen oder spätestens übermorgen im täglichen Leben umzusetzen beginnen kann. Das Enneagramm spricht den Menschen auf einer fundamentaleren Ebene an. Natürlich hat es eine psychologische Oberfläche. Wie anders könnten Charakterstrukturen beschrieben werden? Das ist die Ebene, auf der wir zu Selbsterkenntnis gelangen können, auf der uns das Enneagramm einen Spiegel vorhält, in dem wir unserer Stärken und unserer Schwächen gewahr werden können. Darunter aber liegt eine ontologische Ebene. Wenn ich sie im Sinn habe, fällt es mir nicht so leicht, das Enneagramm anzupreisen als Hilfe bei meinem Bemühen, mich zu verändern.

Angst und Mut

Der Wunsch, mich zu verändern, und die damit verbundene Hoffnung auf ein glücklicheres Leben sind zutiefst Ausdruck einer mangelnden Selbstbejahung. Es scheint da etwas zu sein, das uns Menschen fundamental daran hindert, ja zu uns selbst zu sagen. Unser Sein ist stets und radikal bedroht durch das Nichtsein. Daraus erwächst dem Menschen eine ontologische Angst. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Furcht, die sich auf ein vorfindliches Objekt richtet, das man ins Auge fassen und auch analysieren kann. Bei der ontologischen Angst handelt es sich um den „Zustand, in dem ein Sein seines möglichen Nichtseins gewahr wird … Angst ist Endlichkeit erfahren als die eigene Endlichkeit“. Mit dieser Thematik befasst sich der Theologe und Philosoph Paul Tillich in seinem Buch „Der Mut zum Sein“. Er weist diese ontologische Angst als das aus, was den Menschen daran hindert, sich selbst zu bejahen. Entsprechend versteht er die Selbstbejahung als einen Akt des Mutes, des „Mutes zum Sein“: „Mut ist Selbstbejahung ‚trotzdem’, nämlich trotz dem, was dazu tendiert, das Selbst an der Bejahung seiner selbst zu hindern.“

Die ontologische Begründung der drei Zentren

Für den Bezug dieser ontologischen Angst zum Enneagramm ist es nun höchst interessant, dass Tillich von drei Typen der Angst spricht, die sich sehr wohl den drei Zentren im Enneagramm zuordnen lassen. Damit leistet er etwas, was bisher in dieser Stringenz in der Enneagrammliteratur noch nicht anzutreffen ist, nämlich eine ontologische Begründung der drei Zentren. Der philosophische Gedankengang, dem man dazu folgen muss, ist der: Das Nichtsein, das unser Leben bedroht, entspricht keinem ontologischen Zustand. Das Nichtsein ist abhängig vom Sein, ohne das es gar nicht existieren würde. Damit ist es nicht nur in seiner Existenz vom Sein abhängig, sondern auch in seinen besonderen Qualitäten. Ohne das Sein hätte es keine Eigenschaften. „In sich selbst hat das Nichtsein keine Qualität und keinen Unterschied von Qualitäten. Aber es erhält sie durch Beziehung zum Sein. … Das ermöglicht es, von Qualitäten des Nichtseins und folglich von Typen der Angst zu sprechen.“ So gelangt Tillich zu drei Typen der Angst, „entsprechend den drei Richtungen, in denen das Nichtsein das Sein bedroht“.

Ontische, geistige und sittliche Bedrohung

Die erste Richtung bezeichnet Tillich als die „ontische“. Damit ist gemeint, dass das Nichtsein den Menschen in seinem individuellen Dasein bedroht. Der Mensch ist Individuum, weil er sich unterschieden weiss von allen anderen Menschen. Nur in Beziehung zu andern und in Abgrenzung von ihnen ist seine Individuation möglich. Dadurch, dass er seinen eigenen Weg geht, begibt er sich in die Gefahr, ausgegrenzt zu werden und so sich selbst zu verlieren. In der Möglichkeit eines völligen Selbstverlusts zeigt sich die ontische Bedrohung durch das Nichtsein am radikalsten. Der Tod ist es, der uns Menschen letztendlich aus all unseren Beziehungen herauslösen wird. Doch schon im Unterwegssein ist unser Dasein in eine seltsame Ambivalenz hineingestellt. Was das Leben des Einzelnen bestimmt, unterliegt keiner letzten Notwendigkeit. Es gibt etwas Schicksalhaft-Zufälliges im Leben eines jeden Menschen. Nicht ich allein bestimme, wo mein Weg lang geht. Obwohl es mein Weg ist, ist er in ein Beziehungsnetz hineingestellt, und gerade dadurch ist er bestimmt, aber auch als mein individueller Weg bedroht. Es ist der seelisch-emotionale Bereich, der hier angesprochen ist, bezogen auf das Enneagramm also das Herzzentrum.
Die zweite Richtung ist die „geistige“. Es reicht dem Menschen nicht, einfach da zu sein. Sein Leben braucht Sinn, er ist darauf angewiesen, in kulturellen Sinnbezügen leben zu können. Auf diesen Umstand verweist uns der lange Prozess der Zivilisation, in welchem der Mensch sich aus den rein emotionalen Bezügen herausbegibt auf die immer neue Suche nach mentalen Fortschritten, von denen er sich einen Schutz gegen die Bedrohung durch Leere und Sinnlosigkeit erhofft. Das Fehlen eines letzten Sinns ist die geistige Bedrohung durch das Nichtsein. Es ist der mentale Bereich, der hier angesprochen ist, bezogen auf das Enneagramm also das Kopfzentrum.
Die dritte Richtung ist die „sittliche“. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich in Clans und Stämmen, in Staaten und Gesellschaften organisiert. Durch das Leben im Kollektiv erwächst ihm unweigerlich eine Verantwortung. Sein Tun ist nicht nur auf sich selbst bezogen, sondern verlangt nach Rechtfertigung im Horizont der Gemeinschaft. Der Mensch begreift sich in seiner endlichen Freiheit und wird sich selbst zum Richter. Die Unmöglichkeit, ethisch zu genügen, ist die sittliche Bedrohung durch das Nichtsein. Es ist der Bereich angesprochen, der die grundsätzlichen Entscheidungen zu fällen vermag, der stets zwischen ja und nein, zwischen gut und böse steht, bezogen auf das Enneagramm also das Bauchzentrum.
So gesehen könnte man also sagen, dass jedes der drei Zentren für eine spezifische Form der Selbstbejahung zuständig ist: das Herzzentrum für die ontische Selbstbejahung, das Kopfzentrum für die geistige Selbstbejahung und das Bauchzentrum für die sittliche Selbstbejahung. Dort, wo diese Selbstbejahung durch das Nichtsein am stärksten gefährdet ist, ist meine Angst am grössten. Dort hat sich in Auseinandersetzung mit dieser spezifischen Angst mein Muster entwickelt.

Vermeidung

In jedem der drei Bereiche macht Tillich eine relative und eine absolute Bedrohung aus: „Das Nichtsein bedroht die ontische Selbstbejahung des Menschen relativ als Schicksal, absolut als Tod. Das Nichtsein bedroht die geistige Selbstbejahung des Menschen relativ als Leere, absolut als Sinnlosigkeit. Das Nichtsein bedroht die sittliche Selbstbejahung des Menschen relativ als Schuld, absolut als Verdammung.“ Entscheidend ist nun, wie wir mit der daraus sich ergebenden je spezifischen Angst umgehen. „Wir versuchen, die Angst in Furcht zu verwandeln und den Objekten, in denen die Drohung verkörpert wird, mutig zu begegnen. Wir sind zum Teil erfolgreich, aber irgendwie sind wir der Tatsache gewahr, dass nicht diese Objekte, mit denen wir kämpfen, die Angst erzeugen, sondern die menschliche Situation als solche.“ In dieser Formulierung können wir einen Ansatz erkennen, die Genese der Typen zu erklären: Wir können jeden der drei Typen eines Zentrums verstehen als eine mögliche Umwandlung der existentiellen Angst in eine objektbezogene Furcht. Das, was in der Enneagrammsprache als „Vermeidung“ bezeichnet wird, ist letztlich nichts anderes als das Objekt der Furcht. Die ontische Angst vor Schicksal und Tod wird im Herzzentrum verwandelt in Furcht vor Bedürftigkeit (Typ Zwei), Furcht vor Versagen (Typ Drei) und Furcht vor Gewöhnlichkeit (Typ Vier). Die geistige Angst vor Leere und Sinnlosigkeit wird im Kopfzentrum verwandelt in Furcht vor Leere (Typ Fünf), Furcht vor abweichendem Verhalten (Typ Sechs) und Furcht vor Schmerz (Typ Sieben). Die sittliche Angst vor Schuld und Verdammung wird im Bauchzentrum verwandelt in Furcht vor Schwachheit (Typ Acht), Furcht vor Konflikt (Typ Neun) und Furcht vor Ärger (Typ Eins). Mit diesen Objektivierungen der Angst können wir den Kampf aufnehmen. Der Kampf und das, was wir darin als Mut betrachten, generiert dann unser typenspezifisches Verhaltensmuster.

Der Mut zum Sein

Entscheidend ist nun aber, dass die Beherztheit, mit der wir hier ans Werk gehen, nicht der eigentliche Mut ist, nicht der „Mut zum Sein“, welcher dem Nichtsein in letzter Konsequenz entgegenzustellen ist. Denn hier handelt es sich lediglich um den psychologischen Mut, der in der Furcht vor einem konkreten, objektivierbaren zu Fürchtenden in uns erwächst. Letztlich ist es ein Mut, der nur dank einer Leugnung möglich ist: Er leugnet, dass das Sein vom Nichtsein bedroht ist, und schliesst die Augen davor, dass gerade dadurch das Selbst an der Bejahung seiner selbst gehindert wird. Wie aber gelange ich zum Mut, welcher der ontologischen Angst entgegentritt, zum Mut, welcher als Selbstbejahung ‚trotzdem’ sich als „der Mut zum Sein“ erweisen kann? Die Antwort Tillichs, die es im Folgenden noch auszuführen gilt, fasst der Autor im Untertitel zum letzten Kapitel seines Buches zusammen: „Der Mut sich zu bejahen als bejaht“. Dieser Mut bedarf einer Macht, die grösser ist als das eigene Selbst. Nur eine Macht, die im Sein selbst wurzelt, kann das Nichtsein transzendieren und demzufolge Grundlage des „Mutes zum Sein“ sein. Dieser Mut muss im Sein selbst wurzeln.

Der Mut des Vertrauens, des Glaubens und des Annehmens

Den drei Formen der Angst entsprechen drei Formen des Mutes zum Sein. Natürlich gehört es zu unserem Leben, uns mit allen drei Aspekten auseinanderzusetzen. „Die drei Typen der Angst sind derart ineinander verwoben, dass der eine die vorherrschende Farbe bestimmt, alle aber an der Färbung des Zustandes der Angst teilhaben.“ Die vorherrschende Farbe des Zentrums, in dem ich beheimatet bin, wird mich aber Zeit meines Lebens am stärksten beschäftigen.
Der Mut, welcher der Angst vor Schicksal und Tod aus dem Seinsgrund heraus entgegentritt, ist der Mut des Vertrauens. Das „Trotzdem“ dieses Mutes kann man erkennen im ursprünglichen Sinn der Lehre von der Vorsehung. „Vorsehung ist nicht eine Theorie über gewisse Handlungen Gottes, sondern es ist das religiöse Symbol für den Mut des Vertrauens im Hinblick auf Schicksal und Tod.“ Für diesen Mut ist das Sterben der Prüfstein. Er transzendiert die Endlichkeit unserer Existenz.
Der Mut, welcher der Angst vor Leere und Sinnlosigkeit aus dem Seinsgrund heraus entgegentritt, ist der Mut des Glaubens. „Der Glaube ist nicht die theoretische Annahme von etwas, das erkenntnismässig zweifelhaft ist, sondern er ist die existentielle Bejahung von etwas, das alle gegenständliche Erfahrung transzendiert.“ Das „Trotzdem“ dieses Mutes lässt sich erkennen im „Ergriffensein durch das, was uns unbedingt angeht, den Grund unseres Seins und Sinnes“.
Der Mut, welcher der Angst vor Schuld und Verdammung aus dem Seinsgrund heraus entgegentritt, ist der Mut des Annehmens: „Der Mut zum Sein ist der Mut, die Vergebung der Sünden anzunehmen, nicht als eine abstrakte Idee, sondern als die fundamentale Erfahrung in der Begegnung mit Gott. Selbstbejahung trotz der Angst der Schuld und der Verdammung setzt die Partizipation an etwas voraus, was das Selbst transzendiert.“ Das „Trotzdem“ dieses Mutes lässt sich erkennen in der Selbstannahme, die nur möglich ist, wenn man in einer Ich-Du-Beziehung angenommen wird.

Hoffnung, Glaube, Liebe

Diese mehr als Andeutungen gemeinten Ausführungen zu den drei Aspekten der Selbstbejahung mögen dazu anregen, die eigenen Erfahrungen auf dem Hintergrund von Enneagramm und Ontologie zu reflektieren. Und wenn das Enneagramm sich als Selbsthilfeprogramm zu einem besseren Ich und einem glücklicheren Leben als beschränkt tauglich erweisen sollte, so mag es immerhin Wegweiser sein zu dem Mut, der „Selbstbejahung ‚trotzdem’“ ist, „nämlich trotz dem, was dazu tendiert, das Selbst an der Bejahung seiner selbst zu hindern“. Vertrauen, Glauben und Annehmen – oder wir könnten auch sagen: Hoffnung, Glaube und Liebe – sind die Schlüssel zum Mut des Seins. Aber gerade diese Begriffe machen nochmals deutlich, dass wir diesen Mut nie besitzen, sondern höchstens täglich neu seiner gewahr werden können. Aus diesem Paradoxon entlässt uns auch Tillich nicht, wenn er sein Buch mit dem Satz beendet: „Der Mut zum Sein wurzelt in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels verschwunden ist.“

Hans Peter Niederhäuser
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