EnneaForum 37, S. 17 (Mai 2010)

Peter Flückiger

Enneagramm und Wissenschaft

Am 19. Februar 2010 hatte ich die Gelegenheit an der Jahreshauptversammlung des öAE (=ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm) in Rothenburg o.d.T. (liegt in Franken, Deutschland) teilzunehmen. Am ersten Abend sprach Jürgen Gündel, Psychologe und Psychotherapeut aus Mannheim, über Enneagramm und Wissenschaft.
Er bezeichnete das Verhältnis von Enneagramm zu Wissenschaft als ambivalent. Da das Enneagramm für die überzeugten Anwender bedeutsam und wirkungsvoll zugleich ist, braucht es eigentlich keine äusseren, objektiven Beweise. Für eine allgemeine, gesellschaftliche Anerkennung sind jedoch wissenschaftliche Nachweise wichtig, die aber das Risiko bergen, dass der spezielle „Spirit“ verloren gehe. Gündel definiert Wissenschaft folgendermassen: Es ist ein Set von Ritualien, die von Gütekriterien begeleitet das Ziel verfolgen, Wahrheit und Wirklichkeit herauszufinden.
Dabei unterscheidet er zwei Wege: der deduktive und der induktive.
Der deduktive Weg beinhaltet einen Weg der Operationalisierung: Vom Konstrukt zur Hypothese, dann zu Variablen, Daten und statistischer Bearbeitung. Die Resultate sollen das Konstrukt bestätigen oder widerlegen. Drei Gütekriterien sind dabei bedeutsam:

  • Objektivität (Unabhängigkeit von den Erwartungen des Untersuchers),
  • Reliablität (Verlässlichkeit) und
  • Validität (Messgegenstand).

Diese Vorgehensweise bringt messbare Resultate, hat also nachvollziehbare Vorteile, aber auch gewichtige Nachteile, weil es ein vorgefasstes Set ist. Es blendet Reichhaltigkeit und Wesentlichkeit der Wirklichkeit aus. Diese Fokussierung orientiert sich auch stark am Auftraggeber, dem es meistens um Gewinnorientierung, Mehrwertabschöpfung und Verwertbarkeit geht. Die Fragestellung lautet: Was bringt uns das? Und nicht: Was ist wirklich? Diese Sichtweise aber verzerrt Wissenschaft, kontrolliert Symtome, stabilisiert Machtstrukturen, unterdrückt Befreiung und enteignet Selbstbewertung tendenziell. In einem solchen Kontext wird das Enneagramm zum reinen „Psychotool“ und nicht zum Selbstfindungsinstrument, das auch einen spirituellen Weg einschliesst.
Der induktive Weg ist eher teilnehmende und berichtende Beobachtung, die sich dem erforschenden Gegenstand annähert und teilweise von ihm beeinflusst wird. Aufs Enneagramm bezogen sind es da die offenen Interviews, die „Panels“.
Generell: Die Induktion geht von der Wirklichkeit zur Theorie, die Deduktion von der Theorie zur Wirklichkeit. Nicht alle zu erforschenden Gebiete und Fragestellungen eignen sich gleichermassen gut für beide Methoden.
Es gibt zurzeit weltweit ungefähr 50 wissenschaftliche Untersuchungen zum Enneagramm, davon sind jedoch wenige aussagekräftig, weil die Gütekriterien nicht immer den heutigen wissenschaftlichen Standards genügen. Folgende Aussagen sind bereits wissenschaftlich erhärtet:
Zwanghafte Personen gehören gehäuft zu Enneagramtyp Eins
„Messis“ und Opiatabhängige sind überdurchschnittlich bei der Neun zu finden
Kopftypen haben höhere, Bauchtypen mittlere und Herztypen tiefere Adrenalinwerte
Drei und Sieben sind kaum je beschrieben worden, weil sie vermutlich zu sehr der heutigen westlichen Gesellschaft entsprechen.
Gündel plädiert für mehr Wirksamkeitsstudien und auch die Vertiefung des Enneagrammmodells, besonders Pfeilrichtungen und Zentren wären genauer zu erforschen.
Als Beispiel wie Wissenschaft und Emotionalität zusammengebracht werden können, verweist er auf „heartmath“. Diese Organisation erforscht Themen wie Stressabbau, Ausgeglichenheit, Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit, Teamfähigkeit und Selbstbewusstsein.

Mit freundlicher Genehmigung aus www.flucco.blogspot.com

Aus EnneaForum 37 (Mai 2010), S. 17 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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