EnneaForum 37, S. 14-15 (Mai 2010)

Rudolf Pulver

Enneagramm und Tests. Schafft mehr Wissen auch Mehrwert?

Die Bekanntheit des Enneagramms wächst. Immer mehr Menschen entdecken Vorteile und Nützlichkeit dieses vielschichtigen Persönlichkeitsmodells, für den privaten und auch beruflichen Lebensbereich. Oft taucht die Frage auf: Können Persönlichkeitstests die „Arbeit“ mit dem Enneagramm zweckmäßig ergänzen?
Der Workshop an der ÖAE–Jahrestagung 2010 bot Gelegenheit, auf dieses Thema einzugehen. Das wissenschaftliche Testverfahren PROFIL hp diente als konkretes Beispiel, den Praxisbezug herzustellen. Der kurze Werkstattbericht wird mit weiterführenden Überlegungen ergänzt.

Vom Einblick in den Test …

PROFIL hp ist ein Testverfahren, das drei Hauptelemente beinhaltet: Den Test (psychometrisches Instrument), das Persönlichkeitsmodell (Enneagramm) und das/die Beratungsgespräch/e mit einer Fachperson. PROFIL hp berücksichtigt die Qualitätsanforderungen, welche die ISO-Norm (Entwurf 2009) an psychologische Diagnoseverfahren vorgibt. Testdurchführung, Analyse und Interpretation der Resultate sind in professionelle Beratungs- und Coachingprozesse eingebettet. Die eigentlichen Testergebnisse werden – angepasst an die jeweilige Situation – mit den Klienten besprochen. Die Testpersonen sollen daraus den bestmöglichen Erkenntnisgewinn und konkreten Nutzen für den Alltag ziehen können.
Besonderheit des Tests: Die neue Testkonstruktion (die sog. Funktionale Methode) ermöglicht Aussagen über Kohärenz, Zuverlässigkeit und Positivität der Testergebnisse. Diese Angaben sind in bestimmten Klientensituationen (z.B. Selektionsverfahren, starke Belastungsphase) wichtig und dienlich für die Interpretation der Resultate.
Das Enneagramm nimmt einen zentralen Stellenwert ein. Die Ausprägungen der 9 Stile (Typen) werden u.a. in einem „Netzdiagramm“ dargestellt. Das bietet einen einladenden Zugang zum Enneagramm-Modell, um dessen Reichtum zu entdecken und für die Erkundung seiner Persönlichkeit nutzen zu können. Anhand der eigenen Ergebnisse können rasch einleuchtende Entdeckungswege gewählt werden. Praktische Schritte werden auf kreative Art und Weise gestaltet und sind somit für die Betroffenen direkt erleb- und nachvollziehbar.
Die Enneagramm-Stile sind mit je durchschnittlich 4 psychometrischen Skalenwerten untermauert, die auf Basis von verschiedenen Persönlichkeitstheorien (Transaktionsanalyse, Big5, Murray, u.a.) ermittelt werden. Die psychologischen Dimensionen des Enneagramms werden so sinnvoll ergänzt. Dies ist für die vertiefte Auseinandersetzung mit den Persönlichkeitsanteilen hilfreich, insbesondere bei der Wahrnehmung von noch wenig bekannten Seiten der Persönlichkeit. Erkennen und annehmen seiner „Schatten“-Wirkungen ist erfahrungsgemäss ein wichtiger Prozess, um seine Fähigkeiten gezielt zu stärken und die persönlichen Potenziale besser entfalten zu können.

… über die angeregte Diskussion

Nach dem Einblick in Testbasis und Berichtaufbau wurden anhand eines Fallbeispiels über die Möglichkeiten, Chancen, Risiken, Vor- und Nachteile des Tests diskutiert. In jeder Workshop-Kleingruppe war eine Person, die den Test vor der Tagung durchgeführt hat und somit die ersten eigenen praktischen Erfahrungen und Erkenntnisse direkt einbringen konnte. Hier ein paar ausgewählte Ergebnisse und Eindrücke aus den Gesprächsrunden:
Zum Test: Validität ist gut – der Test ist reliabel (zuverlässig) – die Objektivität gegeben
Zu den Auswertungsergebnissen: „Es gibt eine präzise Momentaufnahme. Test hält einem den Spiegel vor, man kann nicht lügen. Test war erst mal verunsichernd aber glaubwürdig“.
Zum Einsatzbereich von PROFIL hp: „Test (evtl.) später wiederholen?… um den Entwicklungsprozess zu verfolgen. Wie geht es weiter, wenn das Ergebnis vorliegt? Test braucht kompetente Begleitung. Test als Marketing-Instrument (für Zugang / Arbeit mit Enneagramm)?“

Bezug zum Enneagramm:

„Die PROFIL hp-Ergebnisse geben eine breite Sicht (Landkarte), zeigen jedoch eines nicht auf: Der Enneagramm-Haupttyp wird nicht festgelegt. (Anmerkung: kein Test kann das auf verlässliche Art bieten). Häufig bestätigen sich die bisherigen Erkenntnisse über eigene Grundmuster, oft lösen die Resultate auch Erstaunen und Verwunderung aus. Der Selbsterkennungs-Weg wird durch das „objektivierte“ Selbstbild angereichert und führt oft zu aufschlussreichen AHA-Momenten.“
Im Zentrum des Workshops stand der Praxisbezug des Testverfahrens PROFIL hp und die Möglichkeit zum Austausch von Erfahrungen. Die zur Verfügung stehende Zeit war zu knapp bemessen, um die Testergebnisse vertieft zu besprechen. Möglich war eine Annäherung, die den Teilnehmenden einen Einblick in das Enneagramm-Testverfahren geboten hat.
Der Workshop wurde abgerundet mit einer Gegenüberstellung von partnerschaftlichen Selbst- und Fremdbildern. Zwei Teilnehmerinnen liessen sich von den ihnen noch nicht bekannten Testergebnissen überraschen. Sie konnten wertvolle Erkenntnisse für die Gestaltung ihrer Freundschaftsbeziehung mitnehmen. Sie präsentierten ihre persönlichen Auswertungen offen im Plenum. So konnten sich die Anwesenden von einer weiteren, praktischen Anwendungsmöglichkeit des Tests inspirieren lassen.

Feedback einer workshop-Teilnehmerin:
„ … je nach persönlicher Situation der getesteten Person ist es wichtig, dass Hilfestellungen gegeben werden. Ansonsten kann der Test (aus meiner Sicht vor allem für Menschen in Krisen oder für psychisch schwächere Menschen) in zusätzliche Not führen, da man sich allein gelassen fühlt mit den neuen Erkenntnissen und nicht sieht, wie es weitergehen soll und welche Schritte die richtigen sind.
… meiner persönlichen Ansicht nach lohnt es sich, den Test zu machen bei einer konkreten Fragestellung, in einer konkreten Situation, an der eine Person arbeiten will.“ … zu weiterführenden Gedanken

Zum Thema: Test einsetzen – ja ? – nein ?

Eng verknüpft mit dieser „entweder- oder“ Frage ist der „stille“ Anspruch, neue Einsichten zu erlangen oder eine Bestätigung von bekanntem Wissen zu erhalten. Die hohen Erwartungen an einen Persönlichkeitstest stehen oft in unproportionalem Verhältnis zur Absicht und Möglichkeit, entsprechende (finanzielle und zeitliche) Mittel dafür einzusetzen. Für die Diskussion über Nutzen und Mehrwert eines Testeinsatzes sind deshalb Ergänzungsfragen hilfreich so z.B.:
Was steuert der Test bei, damit persönliche Entwicklung geschieht? Oder: Was kommt dadurch – vorerst vielleicht auch unbewusst – in Bewegung? Und präziser ausgedrückt: Was kann ein Test für die Persönlichkeitsentwicklung auslösen? Was nicht?
Ob nun der Erkenntnisweg mit dem Enneagramm(-Modell) eher über Typisierungsgespräche oder Testverfahren, über Studium der Enneagramm-Stile und Selbstreflexion führt ? … das bleibt ein Thema. Eine offene, vertiefende Auseinandersetzung ist aus Sicht des Verfassers jedenfalls lohnenswert.
PROFIL hp bietet die Möglichkeit, sein eigenes „objektiviertes“ Test-Selbstbild kennen zu lernen. Erfahrungen zeigen, dass Testergebnisse – je nach Lebenssituation – Erstaunen, Verunsicherung, Erschütterung oder gar einen Schock auslösen. Der Test wird in Frage gestellt, die Resultate abgelehnt oder ignoriert. Diese Reaktionen (Widerstände) können als Indiz für anstehende Veränderungen und nötige Entwicklungsschritte gelten. Die Betrachtung seiner eigenen Wirklichkeit (mit Einblick auf blinde Flecken und Schattenseiten) ist die Grundlage für „Verhandlungen“ mit sich selbst und über nötige Veränderungen. Über diese Art der Selbstbild-Betrachtung kann wesentliche persönliche Entwicklung geschehen.
PROFIL hp ist ein möglicher „Schlüssel“ zur persönlichen Entfaltung. Wachstumsräume öffnen und betreten bleibt stets eine Herausforderung, die nur individuell, vorderhand mit Mut und Offenheit angegangen werden kann. Persönlichkeitsmodelle, Testinstrumente wie auch Beratungen können zur (Er)Klärung der jeweils nötigen Entwicklungsschritte beitragen.

Zum Stellenwert von Tests:

Wissenschaft schafft Wissen, wenn Erkenntnisse …
… nicht einseitig von Daten und Zahlen gewonnen werden,
… sondern ebenso vom engagierten Austausch, dem echten Dialog zwischen neugierigen Menschen genährt wird.

Fazit

Somit steht im Grunde genommen nicht der Test für sich mit „nackten“ Resultaten im Vordergrund, sondern der Test „lebt“ stark mit und von der (Fach-)Person, die das Testinstrument einsetzt bzw. verwendet. Der erwartete Mehrwert entsteht in entscheidendem Masse durch die sich ergänzenden Synergien zwischen aussagekräftigen Testergebnissen, Verknüpfung mit dem Enneagramm und kompetente Beratung durch Fachpersonen.
Die obige Frage nach dem Stellenwert des Tests und dem erzielten Mehrwert (welcher Art?) lässt sich nicht mit raschen Beurteilungen beantworten. Am besten geschieht das aufgrund einer Zwischenbilanz bzw. Schlussevaluation über einen Beratungsprozess. Als Grundlage dafür sind quantitative und qualitative Kriterien zu benennen. Auch hier könnte der Erfahrungsaustausch und eine breitere Diskussion unter Fachleuten zu neuen Erkenntnissen führen.
Ob für die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit (Enneagramm-)Testverfahren zur Anwendung gelangen, ist letztlich nicht der allein entscheidende Faktor. Ausschlaggebend ist vielmehr, sich der Frage zu widmen: Welche Kräfte erschaffen meine Wirklichkeit und wie bzw. was kann ich dabei mitgestalten ?
So bin ich selbst immer wieder erstaunt über die Antworten, wenn ich meine Fragen mit Nachdruck stelle. Oft geben sie psychologische Erklärungen, manchmal sind sie philosophischer Natur, dann wieder poetisch und humorvoll gefärbt. Das Betrachten und Nachdenken über mein Spiegelbild – mit und ohne Tests und Kommentaren von Fachleuten – bleibt spannend … weil immer ein Geheimnis bestehen bleibt.

Man will Sicherheiten und keine Zweifel,
man will Resultate und keine Experimente,
ohne darauf zu achten,
dass nur durch Zweifel Sicherheiten
und nur durch Experimente Resultate entstehen können.
C.G.Jung

Rudolf Pulver, Co-Autor PROFIL hp
Kompetenzzentrum  PROFIL hp, Zwinglistrasse 20  Postfach 411, CH-3000 Bern 14 / Schweiz , Tel. +41 (0)31 372 31 40 (Administration), Tel. +41 (0)31 372 31 37 (R. Pulver), Mail zentrum@profil-hp.ch, Internet  www.profil-hp.ch

Aus EnneaForum 37 (Mai 2010), S. 14-15 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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