EnneaForum 37, S. 06 (Mai 2010)

Dr. Holger Forssman

Enneagramm und Wissenschaft

Wissenschaft ist ein großer Kasten. Der hat viele, viele Schubladen. Er lässt sich von verschiedenen Seiten öffnen. Manche Leute kennen nur eine Seite. Sie lachen über Leute, die eine andere Seite lieben und diese ebenfalls Wissenschaft nennen.
Als Theologe bin ich immer wieder Menschen begegnet, die sagten: Theologie ist keine Wissenschaft. Da geht es um den Glauben. Glauben ist ein Gefühl, wird gesagt. Gefühle kann man einordnen oder analysieren, wird weiter gesagt. Aber man kann sie nicht zur Voraussetzung von Wissenschaft machen. Stimmt das?
Katholische Theologen haben ihr eigenes System. Rom macht Vorgaben, was zu glauben ist. Spannend ist es, die Lücken zu finden und auszufüllen. Das leisten vor allem die biblischen Theologen. Manchmal denkt man, die haben einen eigenen Kasten gefunden. Und dann kommen doch die spannenden Momente, wo sie sich gut mit anderen austauschen können.
Evangelische, forschende und prüfende Theologen lassen sich leichter verunsichern. In Erlangen haben sie heute keine eigene theologische Fakultät mehr. Sie sind den Geisteswissenschaft zugeordnet worden. Und das passt gut. Die Bibelforscher sagen: Wir sind Historiker. Die Kirchengeschichtler sowieso. Die Dogmatiker sagen: Wir sind Philosophen. Die Ethiker: Wir sind Soziologen. Die Praktischen Theologen sehen sich teils als Psychologen, teils als Pädagogen. Es ist aber zugleich schlecht. So stehen sie alle an verschiedenen Ecken des großen Kastens und können kaum mehr miteinander reden. Wo ist die Theologie geblieben?
Ja, du meine Güte! Als wäre das in anderen Wissenschaften anders. Wer die Geschichte anschaut – oder die Gegenwart – sieht doch nichts anderes als in der Theologie. Nur wird es selten zum Thema. Da gibt es Neigungen und Interessen, da stehen Sponsoren im Hintergrund oder Machthaber. Die Ziele werden häufig vorgegeben. Welche Wissenschaft wollte jemals ganz neutral und fern vom Leben der Welt die echte Wahrheit entdecken? Wer das vorhatte, dessen Ergebnisse haben leider fast niemanden interessiert.
Was ist wissenschaftlich an einer guten Theologie? Sie hält bestimmte Dinge fest und setzt sie voraus. Ja, es gibt einen Gott. Ja, Jesus Christus hat gelebt. Ja, der Heilige Geist wirkt bis heute und die Heilige Schrift ist das Zeugnis. Aber dann geht es sehr wissenschaftlich weiter. Gott, Jesus und der Geist werden gründlich hinterfragt. Dazu stellt man sich so weit nach außen wie möglich. Spuren werden erforscht, wo man welche findet. Gefühle werden überprüft. Und die Ergebnisse sind vorher noch nicht bekannt. Sie überraschen immer wieder.

Wie ist es mit dem Enneagramm? Als evangelischer Theologe sage ich: Es ist wissenschaftlich im guten Sinne. Das Enneagramm erlaubt einem Menschen zwei Dinge. Er kann und soll von außen auf sich selber schauen. Er kann und soll zugleich von innen bei sich selber bleiben. Enneagramm: Ich schaue auf mich von außen und von innen. Die meisten Menschen sind froh für einen klaren Blick von außen. Sie kommen innen nicht weiter, sondern stolpern immer und immer über die selben Stricke. Aber es geht auch umgekehrt. Manche Leute entdecken das Enneagramm und wollen wissen: Welcher Typ könnte ich selber sein? Das Schöne ist die Begegnung von innen und außen.
Wissenschaft ist ein großer Kasten. Auch auf den Menschen kann ich von vielen Seiten schauen. Schubladen gibt es unzählige. Das Enneagramm stellt mich auf eine Seite und sagt: Sieh dich einmal so, wie es hier auf dieser Seite ist. Es ist die Tatseite. Du bist neben allem auf der Welt auch ein Tatmensch. Und vieles, was gut oder schief läuft, hängt damit zusammen. Deine Stärken sind zugleich Hinweise auf deine Sünden. Deine Schwächen sind zugleich Hinweise auf deine Bedürfnisse. Du kannst viel geben. Du brauchst aber auch viel. Egal, wo du stehst.
Das Enneagramm in unserem ökumenischen Arbeitskreis ist auch theologisch. Manchen Leuten fällt das auf. Sie fragen gerne: Warum sprecht ihr von „Sünde“? Geht es nicht einfach um den Menschen selber? Was hat Gott damit zu tun? Das sind gute Fragen. Denn diesen theologischen Blick auf den Menschen halte ich für unverzichtbar. Der Mensch kommt nicht von alleine zurecht. Er versteht sich auch nicht alleine. Seine Fehler schaden ihm nicht vereinzelt. Sie schaden auch anderen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Das wird am deutlichsten, wenn Gott mit in den Blick kommt. Du bist geschaffen, Mensch. Auch, wenn du dich einsam fühlst, hast du einen Platz in der großen Welt Gottes. Auch wenn du nur deine Geschichte kennst, gehörst du in eine riesige Geschichte. Sie fängt mit der Schöpfung an. Sie endet mit der Ewigkeit, von der Jesus gerne erzählt hat.
Enneagramm und Wissenschaft passen gut zusammen. Für mich als evangelischen Theologen gehört das Enneagramm zu meiner Art Wissenschaft. Ich denke über mich nach und verbinde dabei außen und innen. Außen heißt: Das Enneagramm sagt mir „du bist ein Herztyp“. Manches kannst du gut, das ist gefährlich. Anderes kannst du nicht gut. Das ist wichtig zu wissen. Das bringt dich weiter. Innen heißt: Meine Stärken, meine Vorlieben, meine Fehler und meine Schwächen gehören zum Leben. Über allem und in allem steht Gott. Gott nimmt mich an. Gott zeigt mir aber auch, welchen Weg ich habe. Als Herztyp ist es ein Weg zu mir selber. Denn die anderen Menschen habe ich zu leicht im Blick. Meine Stärke für sie macht mich abhängig und hilft beiden Seiten nicht weiter.
Gibt es noch Fragen? Ja? Das ist wunderbar. So gut passen Enneagramm und Wissenschaft zusammen. Auf welche Seite wollen wir gehen? Welche Schublade hilft uns weiter? Lasst uns danach suchen.

Aus EnneaForum 37 (Mai 2010), S. 06 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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