EnneaForum 37, S. 04-05 (Mai 2010)

Maria-Anne Gallen

Postmoderne Erkenntnistheorien und das Enneagramm

Als gestern ein Aufruf der EnneaForum-Redaktion in meinem Mail-Briefkasten lag, vielleicht etwas zum Thema „Enneagramm und Wissenschaft“ zu schreiben, juckte es mich sofort in den Fingern: Die „Wissenschaftlichkeit“ rund um das Enneagramm, Persönlichkeitstheorien und Transformationserfahrungen beschäftigt mich immer wieder.

Psychologie

Im Psychologiestudium hatten wir ein Fach, das „Persönlichkeitspsychologie“ hieß. Was davon vor allem in meiner Erinnerung geblieben ist: Endlose statistische Berechnungen über Eigenschaftsbegriffe, die am Ende durch so genannte Faktorenanalysen auf einige hervorstechende Wesenszüge – Skalen oder Faktoren genannt – heruntergerechnet wurden. Man versuchte so, in die Vielfalt menschlicher Erscheinungsformen eine Ordnung zu bringen und zu anwendbaren Testverfahren zu gelangen.
Das Buch, das wir damals als Prüfungsvorbereitung benutzten, Hall & Lindzey, „Theorien der Persönlichkeit“, beginnt mit der Feststellung, dass ein gewisser G.W. Allport im Jahre 1937, alle bis dahin existierenden Definitionen der „Persönlichkeit“ zusammengetragen hat und dabei etwa 50 verschiedene zusammen gekommen sind. Ich werde hier also bestimmt nicht den Versuch unternehmen, eine davon für wahr und richtig zu erklären.

Postmoderne Erkenntnistheorien

Wir leben im so genannten Zeitalter der „Postmoderne“. Es zeichnet sich im Wissenschaftsbetrieb unter anderem dadurch aus, dass in einer Weise nach Integrationsleistungen zwischen verschiedensten Theorieansätzen gerufen wird, wie das noch nie vorher der Fall war. Integrale Theorien und Ansätze sind „in“. Im psycho-spirituellen – so genannten „transpersonal-psychologischen“ – Bereich verkörpert das auf besondere Weise der US-Amerikaner Ken Wilber: Von naturwissenschaftlichem Hintergrund kommend, bietet er in seinen umfangreichen Buchveröffentlichungen eine Synthese aus westlicher und östlicher Philosophie, moderner Psychologie und naturwissenschaftlichem Denken.
In seinem Buch „Integrale Psychologie“ schreibt er, dass alle post-modernen Theorien des Wissens post-repräsentational sind (S. 299). Was bedeutet das?
Während meines Psychologiestudiums bin ich noch unhinterfragt davon ausgegangen, dass ein theoretisches Modell ein mehr oder weniger genaues Abbild einer vorgefundenen objektiven Wirklichkeit ist. Das ist die empirisch-naturwissenschaftliche Denk- und Vorgehensweise.
In den zeitgenössischen wissenschaftstheoretischen Betrachtungen wird dieser Zusammenhang keineswegs mehr für selbstverständlich genommen, sondern im Gegenteil, grundsätzlich in Frage gestellt. Es gibt dabei gemäßigte Ansätze, die von einer teilweisen Entsprechung ausgehen, bis hin zur extremen Anschauung des radikalen Konstruktivismus. Dieser weist uns ins besondere darauf hin, dass jedes Wahrnehmen und Erkennen ein Tun ist, das eine neue, eigene Wirklichkeit erschafft. Oder anders ausgedrückt: Wir finden unsere Welt nicht vor, sondern wir er-finden sie.

Anwendung auf den Umgang mit dem Enneagramm

Das Enneagramm ist ein Modell, man könnte auch sagen eine „Landkarte“, die ein bestimmtes psychisches Gelände abzubilden versucht. Wie gut gelingt diese Abbildung?
Einen großen Lacherfolg erziele ich regelmäßig in meinen Enneagramm-Seminaren, wenn ich folgende Untersuchung zitiere: Im Jahre 1948 gab Bertram Forer „in einer Untersuchung vor, einen Persönlichkeitstest mit seinen Studenten durchzuführen. Im Anschluss händigte er ihnen vorgeblich die Auswertungen aus und forderte sie auf, den Wahrheitsgehalt mit Werten von 0 (= trifft gar nicht zu) bis 5 (= trifft sehr gut zu) zu bewerten. Das Ergebnis war, dass der durchschnittliche Student der Auswertung 4,26 Punkte gab. Groß war die Überraschung, als den Studenten eröffnet wurde, dass alle den exakt gleichen Text zu bewerten hatten, den Forer aus einem am Kiosk erhältlichen Horoskop zusammengestellt hatte. Seither wurde der Test – mit dem gleichen Text – unzählige Male wiederholt. Der Durchschnittswert pendelte dabei immer um den Wert 4“ (Quelle: Wikipedia).
Forer nannte das hier beobachtete Phänomen die Täuschung, die durch persönliche Validierung entsteht. Oder anders ausgedrückt: Wir wollen uns alle tendenziell lieber in allgemein gehaltenen Beschreibungen unserer Persönlichkeit erkennen, als uns nicht darin zu erkennen.

Das Bedürfnis jemand zu sein

Das gilt natürlich in besonderem Maße ebenfalls für das Enneagramm. Man könnte das auch so interpretieren, dass unser Bedürfnis, jemand bestimmter zu sein, sehr viel größer ist, als uns nicht festlegen zu können. Nicht zu wissen, wer wir sind, verunsichert sehr! Die Vorstellung, kein geformtes Ich oder keine Identität zu haben, macht uns Angst. Durch die Identifikation mit einer Typen-Beschreibung können wir dieser Verunsicherung entgegen wirken.
Viele Menschen – im besonderen Maße Menschen des Musters VIER – freuen sich bei einer ersten Begegnung mit dem Enneagramm sehr, endlich den roten Faden in ihrer Biographie zu finden und sich in diesem Spiegel zu erkennen.

Die Verwendung des Enneagramms als Landkarte

Die postmoderne Erkenntnistheorie führt uns bedingungslos vor Augen, dass jede Landkarte, die wir benutzen, eine vermeintliche Wirklichkeit erschafft. Wenn wir das Enneagramm verwenden, erzeugen wir eine Realität, in der die Menschheit in neun Typen-Gruppen eingeteilt wird, vielleicht noch unterteilt durch die 3 Subtypen – macht 27 Unterscheidungen!
Mit diesen – selbst eingeführten – Unterscheidungen gehen wir nun auf Forschungsreise und finden genau die Phänomene und Beobachtungen, die in unser Raster hinein passen. Damit wird das Modell in seiner Anwendbarkeit und seinem Sinn – scheinbar – bestätigt.

Nichts ist so, wie es scheint

Meine Beschäftigung mit postmoderner Erkenntnistheorie vermittelt mir so etwas wie eine Hygiene im Denken und im Wahrnehmen: Wann immer ich die Enneagramm-Schublade aufmache und mit dieser Brille auf meine Mitmenschen blicke, bin ich mir gleichzeitig bewusst, dass mein Hinsehen auch das formt, was ich zu erkennen glaube. Nichts ist wirklich genau so, wie es mir erscheint!
Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, die Menschen mit dem Muster DREI – wie mir – ein Leben lang so viel Mühe macht, fällt dadurch in sich zusammen. Wenn ich erkennen kann, dass nichts wirklich so ist, wie es scheint, dann kann in meiner Wahrnehmung und in meinem Bewusstsein hinter den Typen EINS bis NEUN eine andere Wirklichkeit auftauchen: Diese Wirklichkeit ist nicht fest und nicht geformt. Ich erkenne in ihr das, was sich ständig in uns zu verändern und zu wandeln vermag.

Aus EnneaForum 37 (Mai 2010), S. 04-05 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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