EnneaForum 36, S. 31-32 (November 2009)

Unterwegs auf dem Pfad der Wandlung

Andreas Ebert
Die Spiritualität des Enneagramms
Claudius Verlag München, 2008

Beim Lesen dieses Buches fällt eines rasch auf: es ist aus der dreifachen Perspektive eines spirituellen Begleiters, evangelischen Theologen und langjährigen Gemeindeleiters geschrieben. So zeichnet es sich gegenüber anderen Enneagrammbüchern schon dadurch aus, dass es das Gesichtsfeld und den Gestaltungsrahmen für enneagrammatisch unterstützte Entwicklungsprozesse nicht auf die therapeutische Ebene beschränkt. Der Seelsorger sensibilisiert den Blick für die ganz individuell verlaufende, lebenslange Entfaltung der Persönlichkeit innerhalb, aber auch außerhalb des jeweiligen Musters. Der Theologe verlinkt das Enneagramm mit historischen Entwicklungslinien der spirituellen Transformationsarbeit in Christentum und Islam und verknüpft sie mit moderner Visionssuche. Der Gemeindeleiter lädt Enneagrammleser ein, sich zu überschreiten und Selbstwerdung nicht nur vom Ich her zu verstehen, sondern auch vom Wir und der Weisheit des größeren Ganzen. Andreas Ebert orientiert sich dabei am paulinisch-systemisch-organischen Modell vom Leib Christi und seinen Gliedern. Jedes Glied ist wichtig und doch angewiesen auf das Zusammenspiel mit allen anderen. Diese christologische und an Heilung orientierte Sichtweise erfasst die Anschubkraft des Enneagramms für gesündere und verbindliche Beziehungsprozesse, die Partnerschaft, Familie und Gemeinschaften umgreifen.

Die Mitte des Buches bilden drei Themenschwerpunkte: Das Enneagramm als Prozessmodell, Langzeitbiografien zu den neun Mustern und eine ausführliche Darstellung der Lehre von den Leidenschaften bei den Wüstenvätern.
1. Das Prozessmodell verdeutlicht, wie Wandlung verläuft, wie Lebenskrisen durchschritten werden können, wie Rückfälle verkraftbarer werden. Als Erklärungsmodell biblischer Heilungsgeschichten wirkt es verblüffend einsichtig. Es wäre allerdings auch spannend gewesen, zu erfahren, ob nicht die eine oder andere der folgenden neun Langzeitbiografien exemplarisch mit dem Prozessmodell hätte ausgeleuchtet werden können.
2. Andreas Ebert hat für den „Weg der Befreiung“ neun Typen-Vertreter gebeten, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Jeder (bisweilen etwas zu ausführliche) Langzeit-Rückblick zeigt auf seine ganz eigene Weise – bestürzend, befreiend und ermutigend –, dass unsere spirituelle Reifung zahllosen Umbrüchen, Perspektivewechseln und Lernprozessen unterworfen ist, nicht selten stark unterstützt durch die Selbstauseinandersetzung mit dem eigenen Enneagramm-Muster. Es sind „offene“ Geschichten von Verlorenen, Sehnsüchtigen, Unfertigen und doch zugleich Werdenden, die sich ihre Wege selbst bahnen mussten; Geschichten also, die allesamt als spirituelle „Heldenreisen“ angesehen werden dürfen. Dabei wird auch deutlich, wie unbegleitet vom kirchlichen Feld diese Selbstfindungsprozesse oft ablaufen mussten, wie schmerzlich sich das Fehlen sinnstiftender Orientierungsmöglichkeiten auswirkt und wie befreiend dann die Begegnung mit der Typologie und Kennern des Enneagramms erlebt wurde. Auch von spontanen, „unverdienten“ Gipfelerlebnissen ist bisweilen die Rede, von Augenblicken, in denen sich die Gottesliebe erlaubt, mit ihrer ganzen Fülle und Strahlkraft in ein Menschenleben einzubrechen. In solchen Momenten verlässt man die Hoheitsgewässer des eigenen Musters und erlebt sich in einem solchen Zustand als freier Mensch in einer Weite, wie sie nur die Gegenwart des GEISTES erzeugen kann.
Zur Weisheit des spirituellen Arbeitens mit dem Enneagramm gehört die Grundregel: Keine Transformation ohne aufrichtige Schattenarbeit. So vermag jeder, der genau liest, in diesen Lebensberichten zu erkennen, dass dank intensiver Schattenarbeit mit dem Enneagramm immer wieder auch ein Fortschritt zu einer nächst höheren (umfassenderen) Bewusstseinsstufe gelingt. Da wird das stark mythisch geprägte Bild vom strafenden, rachsüchtigen Gott überwunden, ein liebevolleres Gottesbild tritt an seine Stelle. Oder es gelingt ein Bewusstseinswandel weg von einer stark egozentrisch ausgerichteten Religiosität hin zu einem soziozentrischen Weltbild, in dem man sich als eigenständiger, aber zugleich eingebundener Teil einer größeren Gemeinschaft erfährt.
Andreas Ebert hat immer offen über sein eigenes Muster der ZWEI gesprochen und so stellt er sich auch in diesem Buch als konsequenterweise mitten unter die Vertreter der Herztypen. Er schildert eigene Erfahrungen in seinem Ringen mit dem Muster und macht deutlich, dass für ihn selbst letztlich das kontemplative Gebet (Herzensgebet) der entscheidene Ort für Verwandlung war und ist. Spätestens hier wird beim Lesen klar: Hier schreibt kein distanzierter Enneagramm-Guru, sondern ein liebenswürdiger, lernfähiger Menschenfreund in der Nachfolge Jesu.
3. Die Darstellung der Leidenschaftslehre bei den Wüstenvätern, allen voran Evagrius Ponticus, ist ein Highlight des Buches. Die fortsteigende Durchdringung von Leib, Seele und Geist darf als frühe geistiges Entwicklungstheorie verstanden werden, die in evolutionären mystischen Modellen der Neuzeit ihre Fortsetzung erlebt, u. a. in Teilhard de Chardins Konzeption vom Christusbewusstsein als höchster Entwicklungsstufe und Omega Punkt, zu dem hin alle lebendige Bewegung im Kosmos strebt, um mit ihm in Liebe eins zu sein. Wer sich hier selbst verorten möchte, kann dies mit Hilfe eines Fragenkataloges tun, der auch ein vorzügliches Instrument für Enneagrammexerzitien darstellt. Hier wird deutlich, dass geistliche Reifung darin besteht, den Blick vom persönlichen Muster auf die Wahrnehmung aller neun Leidenschaften und ihrer Fehlhaltungen im eigenen Sein auszudehnen. Der Suchende, so möchte man hinzufügen, gewinnt auf diesem Weg eine paradoxe Erkenntnis: wenn er alle neun Schattenfelder als seine eigenen bei sich selbst erfassen kann (was überaus schmerzlich ist), erlebt er zugleich darin die Befreiung zu einer beglückenden Weite und Ganzheit. Er erkennt schließlich, dass er selbst das ganze Enneagramm ist, das niemanden mehr ausschließen kann.
Dieses klar geschriebene, schön gestaltete Enneagrammbuch wendet sich an Enneagrammkenner, die ihre Selbstwahrnehmung vertiefen und sich selbst immer wieder überschreiten möchten. Die Stärke des Buches liegt nicht zuletzt in der beeindruckenden Fülle an methodischen Zugängen, die Andreas Ebert dafür anbietet: Kontemplation und Herzensgebet, gemeinschaftliche Bibelauslegung durch Bibliolog, transformatorische Körperarbeit, ignatianische Exerzitien, Thomasmesse, Straßenexerzitien, Pilgerreisen, gewaltfreie Kommunikation nach Alfons Marshall B. Rosenberg, systemische Verstrickung und Heilung nach Kenneth McAll, biografische Arbeit u.a.m.
Neun „Hinweise“ für eine gesunde spirituelle Haltung beschließen das Buch, das in der Summe ein ebenso dicht wie klug formuliertes Orientierungsfeld darstellt, das man jedem spirituellen Sucher ans Herz legen möchte.
Marion Küstenmacher

Aus EnneaForum 36 (November 2009), S. 31-32 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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Bartscherer · 25.11.2011 22:42 → Kommentarlink 001583

Rosenberg heisst doch nicht ALFONS!! Peinlich

Michael Schlierbach · 25.11.2011 23:16 → Kommentarlink 001584

Oh, in der Tat, jedenfalls nicht der hier gemeinte, der “Marshall B.” mit Vornamen heißt. Vielen Dank für den Hinweis auf diesen Fehler!

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