EnneaForum 23, S. 27-28 (Mai 2003)

„Psycho-Logik“

Logik und Erfahrungen im Enneagramm

Wolfram Göpfert

„Welche Bedeutung kommt logischen Aspekten im Enneagramm zu??“, „Ist das Enneagramm überhaupt ein logisch erfassbares System??“, „Wie lässt sich das Enneagramm verständlich erklären??“, „Welche Rolle kommt Erfahrungen im System des Enneagramms zu??“
Kritische Fragen dieser und ähnlicher Art stellen sich früher oder später wohl allen, die sich mit dem Enneagramm näher befassen. Und wir tun gut daran, uns mit ihnen von Zeit zu Zeit auseinanderzusetzen, um uns zu vergewissern, wieso, weshalb, warum wir das Enneagramm eigentlich für nützlich und förderlich halten.

Untersuchen wir die Gedanken näher. Fest steht?: Wenn ich das Enneagramm kritisieren möchte, so kann ich hierzu leicht eine ganze Reihe von Gesichtspunkten aufzeigen, beispielsweise?:
· Wieso soll die gesamte Menschheit nur 9 Enneagramm-Mustern zuzuordnen sein??
· Wieso sollen ganz bestimmte Ausrichtungen einzelner Muster einerseits hilfreich, andererseits schädlich sein (Pfeiltheorie)??
· Wieso sollen die einzelnen Enneagramm-Muster besondere Verknüpfungen gerade zu ihren Nachbarmustern aufweisen (Flügeltheorie)??
· Wieso soll es überhaupt möglich sein, die symbolhafte grafische Darstellung des Enneagramms mit einer – verbal formulierten – Typenlehre zu verbinden??
· Wieso umfasst diese Typenlehre exakt 9 Grundmuster??

Mit der letzten Frage aus diesem kurzen Katalog berühre ich schon wieder die erste Frage, und je mehr ich mich mit dem Enneagramm befasse, desto mehr kritisch zu hinterfragende Aspekte fallen mir auf.
Wenn ich nach Antworten auf meine Fragen suche, so merke ich recht bald?: Schwerpunktmäßig auf Logik abgestellt komme ich im System des Enneagramms nicht weit. Gut, es erscheint durchaus folgerichtig, aus den neun Berührungspunkten der Verbindungslinien des Enneagramms mit der Kreislinie 3 Untergruppen – die Triaden – abzuleiten und diese wiederum in drei einzelne Positionen aufzugliedern – doch was soll mit dieser simplen Vorgehensweise gewonnen sein?? Die gleiche Frage stellt sich hinsichtlich zur Reihenfolge, in der die einzelnen Berührungspunkte miteinander verbunden werden?: 1 – 4 – 2 – 8 – 5 – 7 sowie 3 – 6 – 9. Daraus kann ich zwar eine ästhetisch ansprechende Skizze konstruieren und sie mit einer umgebenden Kreislinie abrunden – doch was bringt mir dies?? Ich könnte mich außerdem mit mathematisch möglichen Verknüpfungen beschäftigen und etwa aufzeigen, dass die auf der Kreislinie in gleicher Höhe einander gegenüber liegenden Punkte in ihrer Summe jeweils 9 ergeben – aber wohin soll mich dies führen??
Ehrlich gesagt?: Bei der Beschäftigung mit dem Enneagramm komme ich zu dem Ergebnis?: Der Logik, wie man sie gemeinhin versteht1, kommt im Enneagramm keine herausragende Bedeutung zu, sie bleibt beschränkt auf das Ausmaß, das ihr bei gedanklichen Vorgängen mit Bezug zu alltagsnahem Geschehen üblicherweise beizumessen ist. Diese Feststellung schließt indes erfreulicherweise die Überlegung ein, dass logischen Gesichtspunkten im Enneagramm durchaus eine Rolle zukommt, es wäre also verfehlt, das Enneagramm als unlogisches System abzuwerten.
Welche Kriterien neben der im Alltag ohnehin angebrachten Logik kann ich denn nun heranziehen, wenn ich mir und meinen Mitmenschen das Enneagramm verständlich eröffnen will?? Was hilft mir, das Enneagramm in seiner Eigenartigkeit zu erfassen und es in meinen Lebensbezügen förderlich anzuwenden??
Zunächst ist anzumerken, dass seitens der Lehrer/innen und Autoren/Autorinnen zum Enneagramm erfreulicherweise keine Versuche unternommen werden, das Enneagramm unter naturwissenschaftlich oder philosophisch rigide ausgerichteten Kriterien zu betrachten. Vielmehr besteht weitgehende Übereinstimmung in der Anschauung, das Enneagramm als Lehre zu den Gegebenheiten der Seele, des menschlichen Empfindens, Denkens und Handelns und des damit zusammenhängenden menschlichen Verhaltens aufzufassen. Dabei erhält die Vernunft selbstverständlich den ihr zukommenden Einfluss, erst recht rüttelt niemand an der Gültigkeit der Naturgesetze. Zudem stehen anerkanntermaßen Ratio und natürliche Vorgaben in vielfältigen Wechselwirkungen mit subjektiv gestalteten Vorgängen, die sich aus der Menschlichkeit mit den ihr eigenen irrenden Bestrebungen, Unzulänglichkeiten und Verwerfungen ergeben. Von diesen Grundlagen ausgehend kann ich das Enneagramm als „psycho-logisches“ System kennzeichnen, in dem neben logischen Zusammenhängen spezifisch menschliche Aspekte eine bedeutsame Rolle einnehmen.
Des weiteren bedeutsam ist der Umstand, dass mir mit dem Enneagramm in seiner herkömmlichen Ausgestaltung ein System zur Verfügung steht, das auf einer einprägsamen grafischen Grundlage ein überschaubares, abgegrenztes Maß an Elementen und Struktureinheiten anbietet, deren verantwortungsbewusste Handhabung zu handfestem praktischen Nutzen im Alltag führt. Im Enneagramm finde ich eine Orientierung, auf die ich mich einlassen kann, wenn dies mir förderlich erscheint, die ich aber auch zu variieren oder zu ergänzen vermag, wenn die jeweiligen Gegebenheiten dies nahe legen. Bei einem derartig flexibel gestalteten Umgang mit den Inhalten des Enneagramms sind von besonderem Gewicht die – durchaus kritisch – hinterfragbaren menschlichen Erfahrungen, die mir selbst aus meinem bisherigen Lebensverlauf zur Verfügung stehen, vielfältige eigene Erfahrungen, die wiederum eingebettet sind in die Fülle des menschlichen Erlebens in meinem Familien- und Freundeskreis, im Arbeitsleben, im Kulturkreis meiner Herkunft und in den mir zugänglichen Lebensbezügen überhaupt. Unter dieser Akzentuierung kann ich das Enneagramm als psycho-logisches System ansehen, das sowohl auf individuelle als auch auf kollektive Erfahrungen Zugriff nimmt und das mir – von dieser Grundlage aus – zum einen konkrete Empfehlungen zur Förderung der persönlichen Entfaltung, zum anderen deutliche Hinweise zur Vermeidung beeinträchtigender Ausrichtungen aufzeigt. Die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen dient mir als vorrangiger Maßstab zum Verständnis und zur praktischen Anwendung des Enneagramms. An den mir zugänglichen Erfahrungen muss ich mein persönliches Verständnis des Enneagramms ausrichten, von meinen Erfahrungen und denen meiner Mitmenschen muss ich ausgehen, wenn ich ihnen Inhalte des Enneagramms nahe bringen möchte, persönliche und kollektive Erfahrungen sind der Kerngehalt jedweder Entwicklungsarbeit mit dem Enneagramm.
Von den Erfahrungen ausgehend kommt beim verantwortungsbewussten Umgang mit dem Enneagramm der logisch orientierten Denkweise wiederum gewichtiger Einfluss zu. Denn?: Eine sorgfältige Handhabung des Enneagramms verlangt von mir, dass ich mich um höchstmögliche argumentative Stimmigkeit mit den allgemeinen Erkenntnissen außerhalb des Systems des Enneagramms befleißige. Es zöge erheblichen Schaden nach sich, wenn ich bei der Beschäftigung mit dem Gedankengut dieses psycho-logischen Systems die allgemein anerkannten Denkgrundsätzen außer Acht ließe und auf rein spekulative Ansätze zurückgreifen würde?! Genau mit diesem Missgriff würde ich das Enneagramm gefährlich in die Nähe zu esoterischen Darstellungen rücken. Esoterik aber hat zum unverzerrten menschlichen Erfahrungsschatz und erst recht zur Logik keine ernstlichen Bezüge, sondern öffnet sich weit der Spekulation.
Im Vergleich zu anderen fachlichen Gebieten wäre es vermessen, ausgerechnet an das Enneagramm streng logische Maßstäbe anlegen zu wollen. Denn es gibt eine Vielzahl nicht strikt logisch erfassbarer Erscheinungen in vielen Bereichen sowohl der Naturwissenschaften als erst recht der Geisteswissenschaften. Als allgemein bekannte Beispiele sind etwa aufzuzeigen?:

· Quantensprünge in der Physik,
· eigentümliche positive Reaktionen des Körpers in Fällen, die medizinisch als nicht verbesserbar gelten,
· grammatikalische Unregelmäßigkeiten im Bereich der Sprachen,
· Paradoxien in der Philosophie,
· inkonsequente gesetzliche Regelungen – etwa im Steuerrecht – ,
· Unabwägbarkeiten zu wirtschaftlichen Vorgängen,
· Undurchschaubarkeit politischer Vorgänge …
Angesichts dieser kurzen, erweiter­baren Beispielliste dürfte es ausgesprochen unlogisch, ja grotesk erscheinen, gerade vom System des Enneagramms strikte logische Zusammenhänge für seine Gültigkeit zu verlangen.

Fazit?:
Im Kern kann ich das Enneagramm als ein „psycho-logisches“ System ansehen, das sich wesentlich auf nachvollziehbare individuelle und kollektive menschliche Erfahrungen stützt, dabei den logischen Aspekten praktischen Denkens folgt und mir alltagsgerechte Lebenshilfe anbietet.

Siegburg, den 23.1.2003
Wolfram Göpfert

Anmerkung?:
1 griechisch „logike techne“?: Fertigkeit des logisch (d.h. einleuchtend) korrekten, vernünftigen Denkens und Redens

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