EnneaForum 23, S. 25 (Mai 2003)

Wolfram Göpfert

Enneagramm oder Dekagramm oder XY-Gramm???

Das System des Enneagramms umschreibt herkömmlicherweise 9 Persönlichkeitsmuster. Auf diese Anzahl bezieht sich der Wortteil „ennea“, der altgriechische Ausdruck für 9.
Allerdings stellt sich die Frage, wieso mit dem hier interessierenden System genau 9 Persönlichkeitstypen miteinander in Beziehungen gesetzt werden. Es erscheint ohne weiteres denkbar, eine andere Anzahl – sei sie größer als 9, sei sie kleiner – zu benennen und auf einer Kreislinie zu platzieren.
Zur Beantwortung bietet sich vordergründig ein Hinweis auf die grafischen Elemente des Enneagramms an?: Die Anzahl der Berührungspunkte der Kreislinie mit dem gleichseitigen Dreieck und dem unregelmäßigen Sechseck beträgt 9. Jedoch ist kein Hinderungsgrund ersichtlich, der dagegen spricht, diese zeichnerische Konstruktion geringfügig zu verändern mit der Folge, dass sich auch die Zahl der Berührungspunkte mit dem Kreis ändert?: So genügt es, das innere Dreieck dergestalt zu einem Viereck zu erweitern, dass die herkömmlicherweise mit den Ziffern 3 und 6 bezeichneten Punkte nicht mehr direkt miteinander verbunden werden, sondern von beiden Punkten je eine Linie zur tiefsten Position der Kreislinie gezogen wird, so dass sich dort ein neuer Punkt bildet – zwischen den herkömmlichen Punkten 4 und 5. Es ergibt ich dann ein Dekagramm. Dem neuen Punkt kann auch ohne weiteres eine in das herkömmliche System passende Bezeichnung beigegeben werden, ziffernmäßig zum Beispiel die Null und inhaltlich etwa ein Begriff wie „Vergeistigter“ oder aber auch „Nihilist“, je nach den unterschiedlich möglichen Annäherungen zur Auslegung des „Dekagramms“.
Da zeichnerische Variationen der vorstehend angedeuteten Art auch mit einer weit größeren Anzahl – oder auch mit einer geringeren Zahl – von Berührungspunkten der Linien im Inneren des Kreises mit der Kreislinie gestaltbar sind, erscheint es nicht stichhaltig, die geläufige Grafik des Enneagramms als Grund zu nehmen, die Anzahl miteinander betrachtbarer Persönlichkeitsmuster auf genau 9 festzulegen.
Die Frage, wieso in diesem System 9 Persönlichkeitsmuster enthalten sind, könnte eine historisch ausgerichtete Antwort erfahren mit einem Blick auf literarisch belegte Tugendkataloge und Sündenregister, die sich meist mit Auflistungen zwischen 7 und 12 Begriffen befassen. Unter diesem Aspekt lässt sich indes bestenfalls ein zahlenmäßiger Rahmen abstecken, der noch nicht einmal unabdingliche Ober- und Untergrenzen erkennen lässt.
Zur Beantwortung der Frage nach der Anzahl der Persönlichkeitstypen im hier interessierenden System erscheint es angebracht, auf den praktischen Nutzen des Enneagramms abzustellen.

Würde das Enneagramm – dann wohl unter einer anderen Bezeichnung – eine Unzahl von Persönlichkeits­mustern aufführen und schier unüberschaubare Beziehungen zwischen ihnen darstellen, so läge die Gefahr einer Überfrachtung auf der Hand. Zwar sind die Tiefenstrukturen der inneren Bilder, der menschlichen Vorstellungen, Empfindungen und Erwägungen letztlich unbegrenzt, jedoch lassen sich die Inhalte dieser Tiefenstrukturen auf sinnvolle Weise nur mit den Mitteln der Sprache wiedergeben. Die Umschreibung von Persönlichkeitsmustern durch den Gebrauch der Sprache führt damit zwangsläufig zu einer Auswahl aus der Fülle der tiefer greifenden inneren Wahrnehmungen. An welchen Kriterien sich diese Auswahl ausrichtet, ergibt sich u.a. aus den begrenzten Möglichkeiten des menschlichen Gehirns zu sinnvoller Informationsverarbeitung bei komplexen Sachverhalten. Insoweit ist von Bedeutung, dass eine oberhalb des einstelligen Zahlenbereichs – also über 9 – liegende Anzahl von Informationen von vielen Menschen nur noch mit Einschränkungen gleichzeitig gehandhabt werden kann. Bei einer höheren Anzahl von Persönlichkeitsmustern als 9 ergäbe sich im hier interessierenden System eine beachtliche Schwerfälligkeit, die seinen praktischen Nutzen, seine Alltagstauglichkeit, deutlich einschränken würde.
Hinsichtlich der Beschränkung auf 9 Persönlichkeitstypen im System des Enneagramms ist weiterhin zu bedenken, dass viele an sich isoliert betrachtbare Persönlichkeitszüge lediglich als Ausfächerungen oder Ableitungen grundlegender Strukturen anzusehen sind, ohne dass eine Notwendigkeit besteht, sie eigenständig – einzeln – aufzuführen. Auch im System des Enneagramms sind sachgerechte Zusammenfassungen an sich unterscheidbarer Aspekte der menschlichen Persönlichkeit durchaus vertretbar, ohne dass dadurch die Schattierungen einzelner Züge verlöschen müssen. Die tatsächliche Beschränkung auf genau 9 Muster erscheint nicht als willkürlich, sie kommt vielmehr dem menschlichen Bedürfnis nach Überschaubarkeit und praktischer Handhabbarkeit entgegen.
Die Begrenzung der Persönlichkeitsmuster auf eine griffige Anzahl entspricht auch dem Gesichtspunkt einer stimmig wirkenden Harmonie, die sich in den Elementen, Strukturen und grafischen Verknüpfungen des Ennea­gramms ausdrückt. Eine wesentlich – etwa auch nach unten – von 9 abweichende Anzahl an Persönlichkeitsmustern wäre zwar letztlich denkbar, mit der dem Enneagramm innewohnenden Abrundung, seiner Tendenz zur Balance und seiner spezifischen Dynamik aber nur noch schwerlich in Einklang zu bringen.

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 25 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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