EnneaForum 23, S. 24 (Mai 2003)

Sabine Tramberend

Buchbesprechung - Als die Religion noch nicht langweilig war

Hans Conrad Zander
Als die Religion noch nicht langweilig war
Die Geschichte der Wüstenväter
Kiepenheuer & Witsch 2001

Wenn mich die Wüstenväter nicht sowieso schon interessieren würden, dieser Titel hätte es getan – und er hält, was er verspricht?: kraftvoll beschriebene Religiosität mit spürbarer Faszination des Autors für die „kernige und ursprüngliche und sehr einsame Erfahrung“ der Wüstenväter …
Zander selbst wurde 1937 in Zürich geboren, war einige Jahre Dominikanermönch und lange Zeit Stern-Reporter – mir selber vertraut durch zahlreiche Radiobeiträge im WDR (Zeitzeichen), in denen neben seinen ausnahmslos religiös-satirischen Beiträgen vor allem seine „Stimme mit dem unnachahmlichen Schweizer Tonus“ den Ausschlag gab, ihm lange und aufmerksam zuhören zu können und zu wollen.
„Würde er dieselbe Faszination im schriftlichen Medium wecken können??????“, so fragte ich mich. Die Antwort?: „Er kann?!“, und zwar durch eine sehr geschickte Mischung aus respektvoller Distanz und – tja, engagiertem Spott, würde ich sagen. Sicher nicht jedermanns Sache, aber allemal anregende Lektüre mit vielen interessanten Gedanken?!?
Immer auf der Hut und in Angst vor zu viel Tiefsinn?: „Trotzdem schreibe ich nicht in der Sprache der spirituellen Anbiederung. Genauso unverzichtbar wie die Religion gehört zu unserem westlichen Gedächtnis die Aufklärung. Es ist meine Meinung, dass aufgeklärter Spott den göttlichen Dingen besser bekommt als esoterische Anstaunung.“ (Zitat S.11) beschreibt er ausnahmslos tiefsinnige Themen. Auf welche Weise?? Mit den drei Hauptprotagonisten und unter dem Leitfaden der Einsamkeit als – für ihn – zentrale ur-religiöse Erfahrung?:

a) Antonius – Einsamkeit als Abenteuer
b) Pachomius – Einsamkeit für alle
c) Simeon- Einsamkeit als Schau

Die Brücke zum heutigen, modernen Leben schlägt er gleich zu Beginn im Vorwort „Wir Wüstenväter“?: „Dieses Leben der Einsamkeit und Askese, dem Anschein nach so ganz im Widerspruch zu allen Neigungen des Menschen, hat nichtsdestoweniger seine Wurzeln in der menschlichen Natur. In einem bestimmten Moment seines Lebens hat jeder wohl diesen geheimnisvollen und mächtigen Zug zur Einsamkeit in sich gefühlt“. (Zitat,Vorwort)
Auch den „Wüstenmüttern“ ist ein Kapitel gewidmet?:
„Als der Mond über dem Jordan stand – Expedition zu den Wüstenmüttern.“
Zanders durchgängige Botschaft an uns?: In den Wüsten Ägyptens und Syriens sowie in den modernen Wüsten unserer Städte gibt es ein lohnendes letztes und elementares Abenteuer?: das der einsamen, elementaren Begegnung mit Gott?!
Er beschreibt dieses Abenteuer mit Hilfe vieler nachhaltig wirkender Bilder und Anekdoten, um immer wieder zu seinem Kern zurückzukehren?:
„Beschränke dich auf das Allereinfachste und auf das ganz Elementare.“ (Zitat S.288)
Weglassen will er die Schnörkel und sanften Verbrämungen der bürgerlichen Welt der Religion. Keinerlei Respekt hat er vor Moral und Verniedlichungen, um den Glauben und seine „Wüstenerfahrungen“ mundgerecht und schmackhaft zu machen.
Sicher geht er dabei ziemlich weit. Ich meine aber, er hat in vielem Recht.
„Wer heute bei uns eine christliche Kirchengemeinde betritt, der könnte in der Tat meinen, er sei ins Kinderparadies von ikea geraten. So nett und lieb ist alles. So familienfreundlich … Und heißt die Pastoralassistentin einen in der Gemeinde willkommen, dann lächelt sie so nett, als wäre sie das Fräulein bei ikea?: Haben Sie schon unsere family-card??
Jesus war das Gegenteil.“ (Zitat S.37)

Was immer man von seinem Ansatz und seiner Sprache halten mag, er gibt der religiösen Welt eine wesentliche Kategorie zurück?: die des Ursprünglichen, ganz Einfachen, Leidenschaftlichen und Gefährlichen. Eben die Kategorie eines existentiellen Abenteuers. Und da die in unserer westlichen Welt meistens fehlt, erleben so viele Religion, Kirche, Gemeinden und Glauben als das, was sie eigentlich nicht sind?: als langweilig …
Mögen diese W(w)üsten Erfahrungen uns anregen und aufregen?!

P.S.?: Das vorgestellte Buch ist kein Enneagramm-Buch. Ich möchte es an dieser Stelle auch nicht enneagrammatisch überfrachten. Starke Sehnsüchte nach Ursprünglichkeit, Allein-Sein-Können und -Wollen sowie ein deutlich spürbarer Provokationsgeist mit reichlich Sarkasmus machen das Ganze aber deutlich zu einer scharfen und schmackhaften 8-er Mahlzeit mit 5-er Durchblick und 4-er Sehnsüchten.

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 24 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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