EnneaForum 23, S. 14-15 (Mai 2003)

Daniela

Daniela??: Liebe?(s)?Spiele einer Sechs

Als Typ 6 habe ich zwei sehr unterschiedliche Mädchen auf meinen beiden Schultern sitzen. Da ist Typ 7 auf der einen Schulter und Typ 5 auf der andern, die mir permanent die konträrsten Botschaften ins Ohr flüstern. Zum Glück habe ich als 6 Humor – oder sollte ich lieber sagen Galgenhumor?? Sonst würde ich wohl durchdrehen. Zu einer meiner Lebensaufgaben gehört es also, diese beiden Stimmen ständig in der Waages zu halten und zu strukturieren. Struktur ist eines meiner Lieblingswörter als gut funktionierender Kopfmensch.
Nehmen wir als Beispiel das Thema „Liebe“.

Liebe und Struktur passt nicht zusammen?? „Ha, und ob?!“ begehrt da die 5 auf meiner Schulter auf, zieht ein Sachbuch über Liebe und Sexualität aus dem Bücherregal und lehnt sich in ihrem Lesesessel gemütlich zurück. Zufrieden und Sicher schaue ich mir meine kleine 5 an und bin stolz über ihre Wissensdurst.
Plötzlich spüre ich ein Klopfen auf der anderen Schulter?: die 7 ist voller Ungeduld und schreit?: „Hallo, ist da jemand zu hause??“ Die 5 schließt genervt ihre dicke Eisentür und lässt sich noch tiefer in ihren Sessel fallen. „Ist Dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass ein leichtes Kribbeln in Deinem Bauch zu spüren ist, wenn Du ihn siehst??“ „Ja, aber …“ versuche ich meinem 6-er Muster getreu zu widersprechen. „?… und ist Dir aufgefallen, dass er Dich mit seiner Musik total berührt und Ihr Euch tatsächlich ganz viel zu erzählen habt?? Also los, worauf wartest Du?? Verabrede Dich mit ihm?!“
„Moment?!“ schimpfe ich, „ich mache nichts bevor ich nicht ganz sicher bin, dass er total in mich verliebt ist und nie im Leben eine andere wollte. Ich meine, was ist, wenn er mich gar nicht will??
Er könnte verheiratet sein oder schwul oder morgen auswandern wollen oder übermorgen tot umfallen … oder im Grunde seines Wesens ein schlechter Mensch sein.“
„Ach, wäre das alles peinlich“ vernehme ich die Stimme aus dem Elfenbeinturm.
Und außerdem gibt es noch ganz andere Dinge zu erledigen, die sind jetzt wichtiger als irgend irgendein Gefühl?: Ich muss eine Arbeitsstelle finden und dazu noch eine neue Wohnung.“
Also schiebe ich die Liebe in den Elfenbeinturm zur 5, wo sie zu Hackfleisch verarbeitet wird.
Die 7 aber brüllt?: „Juchhu, Veränderung?!“ und stürzt sich mit mir auf die Wohnungs- und Arbeitssuche. Eine stressige Zeit beginnt, in der die 5 mit schwerem Durchfall im Bett liegt, weil sie den Erwartungen nicht gewachsen ist und ihr überhaupt alles zu viel wird. Die 7 dagegen ist bei so vielen interessanten Möglichkeiten ganz aus dem Häuschen und ich …???
Ich organisiere und mache, bin fleißig und ziehe das durch mit Zielstrebigkeit und eine dicken Portion Zweifel. Innerhalb von drei Wochen sind beide Entscheidungen getroffen. Was nicht bedeutet, dass ich mich nicht noch wochenlang danach bei allen möglichen Leuten absichern muss, ob diese Entscheidungen auch richtig waren.
„Wann kehrt endlich Ruhe ein??“ stöhnt die 5.
„Was kommt als nächstes??“ jauchzt die 7.
„O.K. wenn ich alles so weit erledigt habe – hier stöhnt die 7 – „gönne ich mir ganz viel Ruhe in meinem neuen Heim“ – hier nickt die 5 zustimmend.
Hach schön?: My home is my castle, hier bin ich behütet.
Ich lehne mich zurück, lese und höre Musik und lebe im Einklang mit der kleinen 5 in mir.
Das währt dann vielleicht so einen Tag, weil die 7 so einen Lärm macht, dass Entspannung kaum mehr möglich ist.
„O.K. was willst Du??“ Froh endlich gehört zu werden, ruft die 7?: „Ich will herausfinden, welche Kurse hier angeboten werden. Ich will Leute kennen lernen. Ich will abends weggehen. Ich will …“
„Das kostet alles Geld“, erwidert die 5. „Oh je, hoffentlich kann ich mir das alles leisten, meine Wohnung ist ja auch jetzt teurer. Ich muss aufpassen?!“ höre ich mich sagen. „Und was ist mit der Liebe …???“ schneidet mir die 7 das Wort ab?: „Dein Bauchkribbeln ist nicht weniger geworden – eher im Gegenteil. Na, komm … Was soll schon passieren?? Trau Dich?!“
„Na gut, Du hast gewonnen?!“ Ich verabrede mich.
Mehrere Stunden Zusammensein und Musik … die 7 lässt sich auf den Wogen des Verliebtseins mitreißen, während ich gemeinsam mit der 5 eifrig bemüht bin mich nicht überschwemmen zu lassen.
O.K. Gehen wir das Ganze realistisch an?: verheiratet ist er nicht, er wandert auch nicht aus, wirkt auch noch ganz gesund, dabei ehrlich nett?! Bleibt nur, dass er schwul ist.
„Spinnst Du??“ beschwert sich die 7, „das ist absolut an den Haaren herbei gezogen.“ Ja, aber irgend einen Grund muss ich doch finden, der mich zur Vorsicht mahnt. „Genau“, sagt die 5, und kramt ein Buch über Homosexualität hervor.
Es könnte ja sonst alles zu perfekt sein und ich könnte mich tatsächlich mal auf was einlassen, und nachher?? Welche Anzeichen gibt es?? Was lese ich zwischen den Zeilen?? Ist da nicht eine etwas platonische Stimmung??
„Er ist so sexy“ schwärmt die 7, „er inspiriert mich mit allem, was er sagt und …“ „Oh je“ stöhnt die 5 und verbarrikadiert ihre Eisentür mit dem dicksten Bücherregal, das sie hat.
Drei Wochen später. Die 7 jubelt?: „Juchhu, jetzt hab ich einen schwulen Freund?!“ Die 5 warnt?: „Merk Dir das fürs nächste Mal?!“
Ich weise beide zurecht?: „So, Du 7, hör endlich auf, Witze zu machen, damit ich trauern und loslassen kann?! Und Du, 5, wirst mich nicht mehr hemmen, ich habe genug Kraft in mir, um mich einlassen zu können ohne mich ständig wappnen zu müssen.“

PS?: Daniela (Name verändert) war Teilnehmerin an einem unserer Einführungs-Kurse. Den Schluss haben wir gelassen, wie er ursprünglich war, obwohl Daniela inzwischen vieles anders sieht. Danke Daniela?!
Gerhard+Ute Heck

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 14-15 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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andreas · 04.08.2008 12:00 → Kommentarlink 000898

Danke,
eine wirklich gute Geschichte, die nicht in Vergessenheit geraten sollte.
Es ist hier zwar überwiegent von der unreifen Seite der 5 die rede, hilft aber trotzdem den 6 ern sich selbst zu finden.
Einige sehen sich versehentlich z. B. in der 9. gesegneten Gruß andreas

jutta · 04.08.2008 20:25 → Kommentarlink 000901

Lieber Andreas,
Deinen letzten Satz verstehe ich nicht. Was soll das “versehentlich” bedeuten?
Herzlichen Gruß, Jutta

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