EnneaForum 23, S. 12-13 (Mai 2003)

John K. Newsome

Vertrauen Neun

Vertrauen einer Neun

Wer ein ruhiges Leben haben möchte, sollte liebe die Finger vom Enneagramm lassen. Denn das Ennegramm führt uns auf eine Reise der Seele, die uns in unserem innersten Wesen erschüttern kann. Diese Reise bringt uns in Berührung mit unseren tiefsten Ängsten. Aber erst wenn wir bereit sind, unseren Urängsten ins Auge zu schauen und sie beim Namen zu nennen (siehe den Umgang Jesu mit den Dämonen), können diese „entmächtigt“ werden. Dann beginnt der Weg der Heilung, der Erlösung. Dann können wir wieder Vertrauen schöpfen.

Ich möchte das durch meine eigene Biographie verdeut­lichen. Ich habe das Enneagramm im Jahre 1994 kennengelernt, als ich in einer persönlichen Krise steckte. Jemand, dem ich mein Vertrauen bedingungslos geschenkt hatte, verletzte mich zutiefst. Mein Vertrauen wurde nicht in dem Maße erwidert, wie ich es mir vorgesellt hatte. Ich hatte mehr verdient?! Ich habe mich persönlich abgelehnt gefühlt. (Ich beschreibe dies aus der Sicht meiner damaligen Wahrnehmung?; im Nachhinein kann ich erkennen, dass diese nicht der Wirklichkeit entsprach.)

Mit Hilfe des Enneagramms konnte ich über diese Erfahrung reflektieren und einsehen, dass ich in meinem früheren Leben Ähnliches erlebt hatte, auch wenn diese ehemaligen Erlebnisse mich nicht so tief betroffen hatten und darum nicht aufgearbeitet worden waren. Ich konnte einsehen, dass unser Persönlichkeitsmuster ein sehr geschicktes (sogar teuflisch verführerisches) Mittel ist, uns daran zu hindern, mit unseren Urängsten in Kontakt zu kommen und uns deshalb von der Erlösung fernhält. Alle Muster wollen etwas vermeiden, etwas, was bei ihnen Angst auslöst. Man liest häufig in der Enneagrammliteratur, dass Neuner Konflikte vermeiden wollen. Ich bin der Meinung, dass es aber noch tiefer geht. Was Neuner wirklich vermeiden wollen, das, wovor sie wirklich Angst haben, ist Trennung, oder besser gesagt?: das Gefühl des Getrenntseins. Es ist die Angst, mutterseelen­allein in der Welt zu sein, getrennt von der Quelle des Lebens, getrennt von aller Lebenskraft, getrennt von anderen Menschen, die Lebenskraft vermitteln können, kurz und schlicht?: getrennt von der Liebe. (Konflikt spielt insofern eine große Rolle, weil sie zu Trennung führen kann.)

Und wie gehen Neuner mit ihrer Situation um?? Wie bin ich damit umgegangen??

Wir docken uns an andere Menschen an (es können einzelne Menschen oder Gruppen sein), nur um das Gefühl zu haben, wieder in Verbindung zu sein. Dadurch schöpfen wir Energie und das vermittelt uns das Gefühl, dass wir wieder lebendig sind. Wenn man sich das überlegt, ist dies eine sehr parasitische Form des Lebens, und es ist natürlich ein Zerrbild des wahren Lebens. Aber solange keine wirklichen Krisen entstehen, funktioniert es wie eine Droge, um die Angst vor dem Getrenntsein in Schach zu halten. Die Neun merkt dabei nicht, dass sie Beziehungen manchmal überstrapaziert. Die unausgesprochene und unbewusste Tagesordnung der Neun lautet?: Der/die Andere muss das Gefühl der persönlichen Unzulänglichkeit ausgleichen. Und gerade weil die Neun so auf andere angewiesen ist, um selbst Lebenskraft zu spüren, wird jede Ablehnung intensiv wahrgenommen. Die Neun denkt, „Wenn du zu mir Nein sagst, magst du mich nicht.“ Die Neun kann nicht einfach sagen, „Gut, dann gehe ich meinen eigenen Weg.“ Sie weiß zunächst keinen anderen Weg zu gehen. Sie hat ja keinen eigenen?! Die Ironie der Situation ist (wie bei allen Typen), dass wir dadurch ausgerechnet den Zustand herbeiführen, die wir vermeiden wollen. Indem die Neun eine Beziehung überfrachtet, kann sie gerade Konflikt und Trennung provozieren.

Was für mich Vertrauen bedeutet??

Vertrauen bedeutet für mich, Vertrauen zu mir selbst zu entdecken. Der Weg dahin ist noch lang, und ich merke, dass er mit vielen Kreuzen gepflastert ist, bevor die Auferstehung erscheint …
Aber ich erlebe immer mehr, dass ich alleine sein kann. Ich kann meine Lebensenergie in mir selbst finden. Die Liebe, nach der ich mich zurücksehne, ist nicht von den Einstellungen anderer Menschen mir gegenüber abhängig. Sie ist nicht von günstigen äußeren Umständen abhängig. Es muss nicht äußerer Friede herrschen, um inneren Frieden zu erleben. Diese Liebe kann nur von der Quelle der Liebe selbst kommen, von Gott. Ich spüre diese Liebe in erster Linie unmittelbar in mir und erst dann durch andere Menschen. Aus dieser Einstellung heraus kann ich wesentlich entspannter mit anderen Menschen umgehen, ohne die Beziehung mit unrealistischen Erwartungen zu überlasten und ohne mich persönlich beleidigt zu fühlen oder in Selbstmitleid zu verfallen, wenn die Dinge nicht so sind, wie ich sie gerne hätte. Ich kann Gott vertrauen, dass er mir alles gibt, was ich brauche – und ich kann vor allem in meinem eigenen Bauch spüren.
John K. Newsome, Zürich

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 12-13 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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Wolfgang Sorg · 09.07.2009 22:19 → Kommentarlink 001357

Mich berühren diese Aussagen von John K. Newsome sehr. Ich habe ebenfalls das Muster Neun und weiß sehr genau von er spricht. Die Trennung von meiner Frau vor 3,5 Jahren war für mich zuerst ein “Supergau”, aber auch der Anfang den Weg zu mir selber zu finden. Je mehr ich den Zugang zu meiner eigenen Lebensenergie finde, um so konfliktfähiger werde ich. Es ist eine wunderbare Erfahrung, aus der eigenen Mitte heraus leben zu können. Viele Menschen die mich schon länger kennen sagen mir, dass ich mich in den letzten Jahren sehr positiv verändert hätte. Ich möchte es gerne anders formulieren, dass endlich nach über 50 Lebensjahren das zum Vorschein kommt und leben darf, was schon immer in mir da war, aber durch mein Muster blockiert war. Es lohnt sich, sich seinen eigenen Ängsten, die je nach Muster ganz verschieden sind zu stellen. Wenn jemandem meine Erfahrung mit dem Enneagramm Mut macht, sich auf den ganz eigenen Weg zu machen, dann hat sich meine Mühe, diesen Beitrag zu verfassen für mich gelohnt.

aus dem Herzen gesprochen .. · 13.07.2009 00:23 → Kommentarlink 001358

DANKE John.
DANKE Wolfgang.
DANKE der Weisheit in mir, die mich EINSa leitet.

Karin Fuest (Carine Naramudi) · 27.01.2010 19:39 → Kommentarlink 001387

Ich treffe hier auf Schlüsselsätze, die mir AHA-Erlebnisse bescheren. Jede Ablehnung wird intensiv wahrgenommen, es fühlt sich so an, als ob einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, man sieht keinen anderen Weg, weil man keinen eigenen hat. Panische Angst vor dem Getrennt- und Ausgegrenztsein…ja, das ist das sich ständig wiederholende Muster…der Webfehler…den es zu beseitigen gilt. Wahrlich, es wird Zeit, dass zum Vorschein kommen darf, was immer schon in mir war – und blockiert worden ist.

Ich fühle mich verstanden…und verstehe mich selbst.

Auch von meiner Seite ein Dankeschön.

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