EnneaForum 23, S. 11-12 (Mai 2003)

Gotthard Fuhrmann

Vertrauen Sieben

Ein Siebener

Ein 58 Jahre alter „Siebener“ erzählt von der lebenslangen Sehnsucht nach Vertrauen, vom Vertrauensersatz des Musters und vom Staunen darüber, dass es möglich ist, vertrauensvoll loszulassen.

Im Frühsommer 1945 versucht eine russische Offiziersfrau mehrfach, das 3-monatige Baby in ihren Besitz zu bringen. Wie mag sich der ungleiche Kampf zwischen der Mutter und der mächtigen fremden Frau in die Kinderseele eingegraben haben?? Dass die Mutter nicht aufgegeben hat, löst noch heute tiefe Freude in ihm aus.
Der 1-Jährige erlebt ein offensichtlich gutes Jahr mit viel Nähe. Danach wird Mutter zum vierten Mal schwanger ist und fühlt sich total überfordert. Das Kleinkind hat keine Chance zu verstehen, weshalb die Mutter nur mit sich und ihrer Not befasst ist.
Der 4-Jährige erlebt mit, wie die kleine Schwester sterbenskrank wird. Die größeren Brüder und die Erwachsenen sind ganz von diesem Geschehen beschlagnahmt. Keiner kann ahnen, was in dem kleinen Jungen abläuft, um überleben zu können.
Dazu kommen in eben diesen Jahren die bedrohlichen Asthma-Anfälle beim Vater. Das Kind erlebt alles mit – hat aber nicht das Wissen der Erwachsenen, dass auch der schlimmste Erstickungsanfall nach einer halben Stunde nachlassen wird.
Was Wunder, dass sich da als unbewusstes Leitbild ausformt?: Ich weiß nicht, auf wen oder worauf ich mich wirklich verlassen kann. Ich muss das Glück im Leben herausfiltern, um zu überleben.

Der 12-Jährige hat die wirklichen Gefühle weitestgehend abgespalten. Er hat längst gelernt, sich auf Außenreize zu konzentrieren und aus dem Quell der geplanten Erregung zu leben?: Er klettert ohne die geringste Angst über hohe Dächer und in die Kronen der Bäume und genießt das Zetern der Erwachsenen.
Der Jugendliche erzählt im Internat und im Studentenkreis von seiner wunderbaren Kindheit in der noch ganz heilen Welt des Dorfes. Seine Gedanken und Tagträume fühlen sich an wie Wirklichkeit, die ihn glücklich machen und mit denen er andere glücklich machen will.
In den Dreißigern meldet sich das Leben und stoppt die Überlebensstrategien durch köperlichen Zusammenbruch. Der Siebener erlernt Meditationstechniken und Autogenes Training, um weiter so maßlos wie bisher planen, animieren und arbeiten zu können.
Der 45-Jährige steht am Grab der Mutter, die weinende Tochter im Arm und ist fasziniert von der Biene, die im Handstrauß Blütenstaub sammelt. Er ist verwundert, dass er selbst keine wirkliche Trauer spürt und ihm keine Tränen kommen. Er deutet das als Stärke, die dem Leben vertraut – und kann sich damit doch nicht (wie bisher) zufrieden geben.
In den Jahren seitdem meldet sich das Leben unüberhörbarer – Gott sei Dank. Der Weg führt mitten durch die Angst und alle anderen Gefühle hindurch. Er ist zu Tränen gerührt, als er zufällig bei Erich Fried liest „Ich habe mich festgelebt. Nun muss ich mich lossterben …“ und fühlt sich in der Tiefe verstanden.
Er trennt sich nach über 20 Jahren vom vertrauten Beruf und der Sicherheit, die damit verbunden war.
Er erkennt unter den vertrauten und unter bisher fremden Menschen diejenigen, die ihn auf diesem Weg, stützen, konfrontieren und begleiten. Ganz langsam leuchtet in ihm etwas wie eine Ahnung auf von einer heiligen Weisheit (hier und jetzt fließt das volle Leben ), von einer heiligen Arbeit (ich bin da, um mich zu üben) und von einer heiligen Ausrichtung („Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Ehrfurcht vor dem Leben.“ Albert Schweitzer).

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 11-12 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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