EnneaForum 23, S. 09-10 (Mai 2003)

Ursula Rühle-Bolster

Vertrauen Fünf

Vertrauen – aus der Sicht der Fünf

Zunächst frage ich mich, was Vertrauen eigentlich ist. Und wie es sich anfühlt. Manchmal wie Liebe, Geborgenheit, Wohlbehagen. Wenn die Welt gut und schön erscheint. Aber meistens
fühlt es sich gar nicht irgendwie an, denn es ist die Grundlage unseres Daseins. Ich erwarte die Welt wiederzufinden, wenn ich mich schlafen lege. Ich kaufe Lebensmittel im Supermarkt und gehe davon aus, dass in der Mehltüte auch Mehl ist. Und so weiter. Es ist die Grundlage all dessen, was selbstverständlich erscheint.

Aber es gibt auch Risse und Sprünge in dieser „heilen Welt“. Ich erinnere mich beispielsweise an das Reaktorunglück in Tschernobyl. Meine ältere Tochter war damals vier Jahre alt. Wir lebten zu der Zeit im Ausland und machten in Deutschland Urlaub. Es kamen so widersprüchliche und unklare Nachrichten. In Hessen wurden Kindergärten und Sportplätze geschlossen, und es kam im Radio die Anweisung, sich möglichst nicht mit kleinen Kindern im Freien in Bodennähe aufzuhalten. Es war strahlend schönes Wetter. Das „strahlend“ bekam plötzlich einen Doppelsinn. Wir besuchten Freunde in Mainz. Dort war alles ganz anders. Die Spiel- und Sportplätze waren offen. Es gab keine Gefahr. Das heißt, die Landesbehörden in Wiesbaden und Mainz waren, natürlich gestützt auf Expertenbefragungen, zu ganz unterschiedlichen Schlüssen gekommen – nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Wem vertrauen?? Auch die eigene Wahrnehmung half nicht weiter. Alles schien fragwürdig. Die Bedrohung schien einerseits umfassend, andererseits unwirklich. Meine Lösung war – wie wohl die der meisten – irgendwie Durchwursteln. Dies beachten, jenes nicht. Wir waren froh, als wir wieder im Flugzeug saßen. Dann habe ich alles bald wieder vergessen. Aber doch nicht ganz – eine latente Spannung blieb, die Sorge dass so etwas wieder geschehen könnte.

Vertrauen kann enttäuscht oder verletzt werden. Es gibt blindes Vertrauen und Vertrauen, obwohl man weiß, dass es Gefahren gibt. Das hat dann etwas mit Mut zu tun. Mut ist die angemessene Reaktion auf eine Gefahr, die man weder zwanghaft aufsuchen noch zwanghaft meiden muss. Etwas, das über die Situation hinausweist. Das Zweite, womit nicht-blindes Vertrauen zu tun hat, ist m.E. Aufrichtigkeit. Nichts beschönigen, die eigene Rolle in dem Ganzen und die eigene Verantwortung wahrnehmen. Im Tschernobyl-Beispiel gehören für mich dazu etwa die Frage nach dem eigenen Energieverbrauch und nach realistischen Handlungsmöglichkeiten. Mut und Aufrichtigkeit sind den Punkten Sechs und Drei im Enneagramm zugeordnet, das Vertrauen der Neun. Sie stützen und bedingen sich gegenseitig. Im Prozess des Bewusstwerdens liegt die Möglichkeit, Beschädigtes zu reparieren. Dabei wächst nicht nur das Vertrauen in andere, sondern auch das Selbstvertrauen.

Wann und wie erlebe ich das konkret?? Vertrauen kann man nicht „machen“. Man kann nur die Bedingungen schaffen, in denen es Raum findet. Das fängt oft mit der Wahrnehmung von Ängsten und Begrenzungen an, die schon zur Gewohnheit geworden sind. Sie hören auf, selbstverständlich zu sein, werden bewusst. Dann kann man darüber hinausgehen. Das fühlt sich dann manchmal erst an wie ein Brückenschlag im Nebel, ins Ungewisse hinein. Vertrauen ist nötig, um den ersten Schritt zu wagen. Dann finden sich weitere Schritte, und es kann sich zeigen, dass die Vorstellungen von einer Sache oder einem Menschen nicht angemessen waren. Es finden sich oft unerwartete Lösungen. Vertrauen wächst auch, wenn ich eine Frage oder ein Problem verstehe. Es entsteht eine Art inneres Bild, ordnet sich ein und wird so vertraut. Aber meistens erlebe ich Vertrauen durch Wahrnehmen all dessen, was es an Geborgenheit und Liebe in meinem Leben schon gibt – vor allem durch Menschen, die mir nahe stehen?; gewachsene und bewährte Beziehungen. Durch Begegnungen, Gespräche, durch Andacht, durch das bewusste Erleben des Alltags.

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 09-10 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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