EnneaForum 23, S. 09 (Mai 2003)

Heike Heinze

Vertrauen Vier

VIER und Vertrauen

Für mich ist Vertrauen immer eine ziemlich komplizierte Angelegenheit gewesen. In meiner Jugend habe ich lange nach dem Menschen gesucht, dem ich mein volles Vertrauen schenken kann, der mich nicht enttäuscht, sondern mich wirklich versteht und das Besondere an mir erkennt. Dabei habe ich oft schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Denn wenn ich einen solchen Menschen gefunden hatte, neigte ich dazu, ihm blind zu vertrauen, ihn oder sie zum idealen Freund (Freundin, Partner, Chef) hochzustilisieren und sämtliche Warnsignale zu überhören. Ich brauchte seine Zuwendung, seine Wertschätzung, seine Ermutigung, um mich selbst annehmen zu können, hatte mich vollkommen von dem anderen abhängig gemacht. An diesen überhöhten Ansprüchen sind einige Beziehungen zerbrochen, von denen ich im Nachhinein sage, es sind eigentlich gar keine Beziehungen gewesen. Ich hatte meine Sehnsüchte in den anderen hinein projiziert. Das konnte auf Dauer nicht funktionieren.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma fand ich eigentlich erst in einer mehrjährigen therapeutischen Beziehung, in der ich zu begreifen lernte, dass eine vertrauensvolle Beziehung möglich ist, auch wenn der andere mir nicht alle Wünsche und Sehnsüchte erfüllt. Dass es wichtig ist, mir selbst zu vertrauen. Und dass es etwas gibt, was größer ist als ich, als meine Befürchtungen und Sehnsüchte. Dass ich darauf vertrauen kann, geliebt und gehalten zu werden.
Heute weiß ich, dass es möglich ist, vertrauensvolle Beziehungen einzugehen, ohne von dem anderen alles zu erwarten. Es ist schön, dass es Freunde gibt, die mich verstehen, mit denen ich über vieles reden kann. Aber ein Stück Einsamkeit bleibt. Den einen Menschen, der alles versteht, gibt es nicht. Ich muss mich immer wieder auf den Weg machen, Vertrauen riskieren, Verletzungen einstecken. Umso schöner ist es, wenn in einer Begegnung ein Stück Vertrauen möglich wird, ich mich wirklich verstanden fühle. Dafür lohnt es sich, immer wieder.

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 09 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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