EnneaForum 23, S. 07-08 (Mai 2003)

Pamela Michaelis

Vertrauen Zwei

Vertrauen und Paranoia der Zwei

Wir sind alle unterschiedlich – mal schauen ob der ein oder andere Zweier einiges wieder erkennen kann…

Was meint „Vertrauen“ für mich??
Vertrauen ist ?: Ein In-mir-Ruhen, ist ein angenehmes Körpergefühl, mein Geist ist frei von treibenden Gedanken. Ich kann im Hier und Jetzt anwesend sein. Vertrauen unterliegt der Wahrhaftigkeit und Empathie im Umgang mit mir selbst und anderen. Vertrauen erlaubt mir, eine achtungsvolle und positive Lebenshaltung einzunehmen, bringt mir Hoffnung auf etwas Gutes. Ich kann eigenständig und spontan handeln, unabhängig von der Meinung Anderer. Das ist herrlich?!

Was meint „Angst“ für mich?? Natürlich Vertrauensverlust, auch Kontrollverlust. Es hat was mit Schaden-Nehmen, Schmerz oder etwas zu verlieren zu tun. Wenn ich’s genau betrachte, hat der befürchtete Schaden oder Verlust häufiger mit meinem Selbstwert oder meinem „Gesicht“ als mit meiner physischen Person etwas zu tun, obwohl das auch mal vorkommt. Heute erkenne ich den Unterschied – und kenne zwei sehr unterschiedliche Körpererfahrungen, die dazu gehören. Physische Angst (z. b die Angst vor steilen Treppen) spüre ich im Bauchbereich?; es ist kalt und lähmend. Die Angst vor vermeintlichen Verlust von dem eigenen „Gesicht“ und dem Selbstwert kann ich sofort als Verhärtung im Zwerchfellbereich spüren, häufig begleitet von Scham und Schmerz. Es hängt mit verletztem Stolz zusammen und es bringt mit sich eine Erfahrung, klein zu sein, wertlos zu sein. Das kann überraschend kommen, durch unerwartete Kritik oder Ablehnung, dann habe die Kontrolle verloren, und das fühlt sich sehr existenziell an. Früher hätte ich dies nie als Angst erkannt und bezeichnet.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich tatsächlich geglaubt, ich kenne Angst nicht, außer vielleicht in seltenen Fällen vor physischen Schmerzen. Mein Stolz hätte auch keine andere Wahrnehmung zugelassen?: War ich nicht die Starke, Unabhängige, Kompetente, Verständnisvolle, Tapfere??. Der Stolz malt ein Bild, wie ich zu sein habe – und ich muss mich anstrengen, ihm gerecht zu werden. Ja, das war anstrengend – auch das habe ich nicht bemerkt.

Doch habe ich dadurch Vertrauen gewonnen?? Nein?! Wenn ich heute zurück schaue, dann merke ich, wie ich mich verbogen habe, um nur nicht in eine Situation zu kommen, in der ich meine Angst vor Beziehungs-, Gesichts- und Selbstwertverlust hätte erleben können. Ich habe mir, mit Hilfe meiner Persönlichkeit, meine Umwelt sicher „gemacht“, indem ich dafür gesorgt habe, dass ich gemocht wurde, am liebsten auch noch?: gebraucht wurde. Das sicherte mir Beziehung – und Beziehung gibt mir das Gefühl ‚gehalten’ zu werden. Das ist das, worüber Suzanne so viel geredet hat. Es ist ein äußeres Gehalten- Werden, aber echtes Vertrauen ist ein innerer Zustand, unabhängig von der Aussenwelt (und leider leicht flüchtig).
Es ging um Beziehungen mit Menschen, die mich gemocht haben und genug Bedeutsamkeit in wichtigen Beziehungen. Ich habe dieses beides erreicht, indem ich meine Wünsche, Bedürfnisse, Meinungen, Wissen darüber, was für mich gut ist, durch einen Filter hab’ laufen lassen, und die Teile die ‚nicht ratsam‘ schienen, durchfallen lassen.
Die Psychologie nennt diesen Prozess ‚Repression‘. Dieser Prozess lief automatisch und unbewusst ab, ich hätte nichts anders machen können. Da ich lange genug geübt hatte, hatte ich meine Angst, ‚nicht gehalten zu werden‘, die darunter lag, vergessen. Während der Entwicklungsjahre mit dem Enneagramm dürfte ich meine Angst wiederentdecken, sie hat Kraft, ich kann es heute bezeugen.
Meine tiefsten Ängste haben alle etwas mit Verlust von emotionalen Kontrolle, Selbstwertverlust und Wahrhaftigkeit in Beziehung zu tun. In meine Persönlichkeit funktioniert das wie folgt?:
Emotionale Kontrolle – Ich gebe so viel, dass die emotionale Strömung von mir bestimmt wird, die Gefahr ist kleiner, das etwas Unangenehmes oder Demütigendes in meine Richtung kommt, denn ich habe vorher was Gutes ‚verdient’ oder herausmanipuliert?! (Deshalb sind wir sooo enttäuscht bei Kritik?!)
Selbstwertverlust – Mein Wert ist vermeintlich dadurch gesichert, dass ich nichts brauche und andere verstehen und ihnen helfen kann, und nur beste Absichten habe?! Das heißt – mein Selbstwert bekomme ich von Außen. Heiligenschein statt Schaufel, um sicher durchs Leben zu gehen.
Wahrhaftigkeit – Es ist sicherlich ein herausforderndes Thema für uns allen.
Da mein Wert nur von Außen kommen kann – wozu Wahrhaftigkeit?? Sie wäre doch in meinem Zweier-Plan gefährlich. Mich aufzudecken, einfach da zu sein mit allem, was da ist, meinen Platz in der Welt zu nehmen, ohne Anstrengung oder Bewertung, ohne Heiligenschein – whow, das macht wirklich Angst.

– und doch ist dies ist eine gute Lösung, in vertrauensvollen Beziehungen ist es leichter, ganz sicher hat das etwas mit Demut zu tun, damit, geerdet sein, zentriert zu sein in mir selbst …

Aus EnneaForum 23 (Mai 2003), S. 07-08 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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