Bericht zur ÖAE-Jahrestagung 2012 „Christliche Spiritualität“ in Hünfeld mit Sr. Suzanne Zuercher und Andreas Ebert

Sitzt eine Eins einer anderen Eins beim Frühstück gegenüber. „Ach, du schmierst deine Croissants auch so? Alle Leute wundern sich immer, wie ich das mache. Und jetzt sehe ich zum ersten Mal, dass jemand sein Croissant genauso bestreicht wie ich – bist du etwa eine Eins?“, fragt die eine Eins. „Klar. Ist doch so richtig schön einsermäßig effizient, das Croissant nicht aufzuschneiden, sondern die Butter obendrauf zu schmieren. Einfach, praktisch und schnell. Da bleibt für die erlöste Eins sogar noch genug Zeit für den Genuss!“, antwortet lachend die andere Eins.
Es sind diese kleinen Szenen, die den Charme eines Treffens ausmachen, bei dem 160 „Enneagrammis“ einander begegnen. Immer wieder Schmunzeln über die „Marotten“ der einzelnen Typen, vor allem aber viel tiefe Selbsterkenntnis beim Austausch über die Enneagrammmuster oder „Enneagramm-Räume“, wie Suzanne Zuercher zu sagen pflegt. Gemeinsam mit Andreas Ebert war sie bei der ÖAE-Jahrestagung 2012 im wunderschönen Kloster Hünfeld für den inhaltlichen Teil zuständig.
Was für eine Frau! 81 Jahre, strahlend, vital, warmherzig. Auf mehrere Sitzungen verteilt führte die Benediktinerin in das Beten mit dem Enneagramm ein. Für mich ganz neu war dabei, dass sie sich nicht auf die einzelnen Typen konzentriert, sondern von den drei Triaden ausgeht. Und da hatte Suzanne einige neue Ansätze zu bieten, die vielen sofort eingängig waren, bei anderen aber auch zu Nachfragen führten. Ein Beispiel: Suzanne sieht die Triade 8-9-1 wegen deren starken Gefühlslebens weniger als Bauch-, sondern eher als Herztyp. „Das trifft so auf mich zu! So viele Gefühle! Aber immer der Deckel drauf! Ich freue mich, endlich als Herzmensch gesehen zu werden“, sagte eine Eins beim anschließenden Austausch in der Typgruppe.
Wohltuend auch Suzannes Umgang mit dem Enneagramm: Sie habe sich früher stark auf die Wurzelsünden der einzelnen Typen konzentriert. Aber mehr und mehr findet sie zu ihrem Ansatz, von unseren Gaben, unserer „heiligen Idee“ auszugehen. Ausgehend von diesen Stärken und Gaben, die entfaltet und gelebt werden wollen, verwandelt sich das Enneagramm von einer reinen Persönlichkeitstypologie zu einem spirituellen Weg.
Suzanne blieb im Lauf der drei Tage aber nicht bei theoretischen Reflexionen stehen, sondern gab fundierte und praktische Hinweise, welche Zugänge zum Gebet, zu Meditation und Traumarbeit zu den einzelnen Triaden passen.

Um die Gebetspraxis ging es auch in dem von Andreas Ebert gestalteten Teil. Anhand der Erzählung von Jean-Yves Leloup über „Das Herzensgebet nach Starez Séraphim vom Berge Athos“ führte er in das Herzensgebet ein. Jeweils etwa 10 Minuten meditierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Andreas’ behutsamer Anleitung über die Vorstellungen von einem Berg, einer Mohnblume, dem Meer und einem Vogel. Schließlich regte Andreas zu einer Meditations-Sequenz an, bei der „Jesus Christus“ im Rhythmus des eigenen Atems meditiert wurde. Ungewohnt war, sich beim Ausatmen auf „Jesus“ und beim Einatmen auf „Christus“ zu konzentrieren. Wie der rege Austausch in den Typgruppen ergab, war diese Meditation für viele eine tiefe spirituelle Erfahrung.

Im Garten des Klosters gibt es ein Labyrinth, das ich im Laufe der Tage mehrmals gegangen bin. Das Labyrinth führt ja auf gewundenen Wegen zunächst zur Mitte, die symbolhaft für die eigene Mitte, das Herz oder Gott steht. Angekommen im Zentrum kann ich verweilen, doch dann windet sich der Pfad anschließend wieder nach draußen – zurück ins Leben, in die Begegnung mit anderen, ins Handeln. Für mich wurde das Durchschreiten des Labyrinths schließlich zu einem schönen Bild für diese Tagung. Die theoretische Auseinandersetzung und die praktischen Erfahrungen mit Enneagramm und Gebet brachten mich auf verschlungenen Pfaden zu mir selbst, in mein Zentrum, zu Gott. Gegen Ende der Tagung fühlte ich mich gestärkt und inspiriert, vielleicht sogar ein wenig verwandelt, um mich wieder auf den Weg in den Alltag zu machen. Wegzehrung waren dabei nicht nur die wertvollen Anregungen von Andreas und Suzanne und die vielen bewegenden Begegnungen und Gespräche während der Tagung, sondern auch die wunderbare Thomasmesse im Garten des Klosters, mit der die Tagung zu Ende ging.

Buchtipps:
Andreas Ebert/Carol Lupu (Hrsg.): Hesychia – Das Geheimnis des Herzensgebets. Claudius Verlag 2012
Suzanne Zuercher: Ankommen im Einssein. Claudius Verlag 2009

Heide Warkentin, München, Juni 2012

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