Das Primär-Enneagramm

Die Beschäftigung mit dem Enneagramm ist immer auch eine Spurensuche bei sich selbst. Im EnneaForum 17 (Seite 10f) fragte Gerhard Heck nach der tatsächlichen Bedeutung der Kindheitserlebnisse. Der folgende Beitrag erreichte uns von außerhalb der Reihen des ÖAE. Wir möchten ihn gerne an dieser Stelle ins Gespräch bringen. Und wir würden gerne eine Diskussion über den Themenkomplex, der von Heck und Leinweber aufgespannt wird, anstoßen (und veröffentlichen). Beiträge dazu sind sehr willkommen.

Das Primär-Enneagramm Der Ursprung des Enneagramms – das Enneagramm als Archetyp

Die historischen Wurzeln der Enneagrammtradition liegen immer noch weitgehend im Dunkeln. Kannte Pythagoras schon das Enneagramm? Liegt seine Wurzel in der Sufitradition? Oder stammt das Enneagramm gar aus der christlich-jüdischen Mystik wie neuere Spekulationen über Evagrius Ponticus nahelegen.

Die beiden Säulen unserer heutigen Enneagrammtradition Georg Gurdjieff und Oscar Ichazo lassen sehr bewusst die Quellen ihres Wissens im Dunkeln, die Frage nach dem „Woher?“ beantworten sie nicht eindeutig. Beide offenbaren etwas radikal neues und scheinen nicht einfach gehorsam eine alte Tradition weiterzutragen. Haben sie vielleicht bloß vom Enneagramm geträumt oder in einer Vision etwas davon gesehen und gelernt? Und wenn, was heißt bloß ?

Das Enneagramm bewahrt eine tiefe Weisheit, die über Generationen und Kulturen hinweg ihre Gültigkeit bewiesen hat. Ist das Enneagramm womöglich im jungschen Sinne archetypisch?

Man könnte dann vermuten, dass Georg Gurdjieff und Oscar Ichazo das Enneagramm in ihrem Innern erfahren haben und dadurch eine uralte Tradition individuell prägen und neu formulieren konnten.

Neuere Studien – insbesondere die Arbeiten des Prä- und Perinatalpsychologen Terence Dowling – zeigen, dass die Archetypen als Inhalte des kollektiven Unbewussten in Erfahrungen wurzeln, die alle Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen teilen1. Besonders die vorgeburtliche Zeit, die Geburt und die vorsprachliche Zeit unserer frühen Kindheit sind solche Erfahrungen, die frühesten und die vom soziokulturellen Umfeld am wenigsten geprägten Erfahrungen jedes Menschen.

Psychologie der Schwangerschaft und der Geburt

Schon in den Anfängen der Psychoanalyse gab es die Vermutung, dass das Leben im Mutterleib für die spätere Entwicklung von Bedeutung sein könnten. Freud vermutete 1911 in einem Brief an Jung, dass die Beziehung des ungeborenen Kindes zu seiner Plazenta unser psychisches Leben prägt2.

Analytiker wie Otto Rank3, Nandor Fodor4 und Francis Mott5 haben diese Überlegungen weiter verfolgt. Ihnen verdanken wir das heute immer umfassender werdende Wissen um die psychische Bedeutung der vorgeburtlichen Lebenszeit und der Geburt.

Der Einsatz von lsd in der Psychotherapie gab der Prä- und Perinatalpsychologie neue Impulse. Stanislav Grof in Amerika und Frank Lake in England beobachteten in den 50er und 60er Jahren die authentische Wiederbelebung von Geburtserlebnissen.

Grof unterschied vier Reaktionsmuster und korreliert diese mit den vier Stadien des biologischen Prozesses einer normalen Geburt. Sein Konzept der vier „perinatalen Matrizen“ (pm i–iv, siehe Abbildung 1) ist bis heute sehr einflussreich6.

Abb.1 : Stadien des Geburtsvorgangs und perinatale Matrizen nach Grof 6

Lake verzichtete bald auf den Einsatz von LSD und verwendete seit 1969 eine spezielle Atemtechnik, die eine sanftere systematischere Erkundung der Geburtserfahrung ermöglicht. Früh erkannte er die Bedeutung der Stressforschung von Ivan Pavlow7. Pavlow beobachtete, dass sich die Reaktion seiner Hunde auf steigenden Stress plötzlich verändert und sogar in das Gegenteil umschlagen kann. Die Grenze, an der diese paradoxe Reaktion stattfindet, ist sehr individuell, aber jedes Tier, das über seine Grenze traumatisiert wird, erleidet irreversible psychosomatische Schäden.

Lake unterscheidet in Anlehnung an Pavlow vier Stufen der Stresseinwirkung:

Ideal – schmerzfrei, alle Grundbedürfnisse sind befriedigt.
Stress aushalten („Coping“) – die Grundbedürfnisse sind nicht voll befriedigt, das Individuum arrangiert sich mit der Situation und lernt damit zu leben.
Opposition – der Schmerz und Stress ist an der Grenze des Erträglichen, das Individuum zweifelt an seiner Grundfähigkeit die Situation zu bewältigen und zu überleben.
„Transmarginal“ ? der Stress hat die Grenze (engl.: margin) des psychosomatisch Erträglichen überschritten, das Individuum reagiert paradox. Das führt oft zu einem komaähnlichen Zustand. Als letzter möglicher Schutz vor dem vernichtenden Schmerz „implodiert“ die Lebensenergie, um jede Empfindung auszuschalten.
Lake kombinierte diese vier Stressgrade mit Grofs System der perinatalen Matrizen. Dies führte ihn zu einer 4×4-Matrix mit 16 Positionen. Lakes System erlaubte eine sehr sensible und individuelle Analyse prä- und perinataler Erlebnisse (siehe Abbildung 2)8. Diese Struktur ist der Vorläufer der 3×3-Matrix des Primär-Enneagramms.

Abb. 2: „Perinatal Events“ – 4×4-Matrix von Frank Lake8

Drei prä- und perinatale Grunderlebnisse

Grofs perinatale Matrizen spiegeln den extern beobachtbaren Geburtsverlauf. Aus der Perspektive des Kindes sind jedoch nur drei zentrale psychosomatische Erlebnisse während der Schwangerschaft und Geburt von Bedeutung. Diese können in Selbsterfahrung, therapeutischer Körperarbeit und durch die Analyse von Träumen und Mythen aufgedeckt werden9.

Das erste Grunderlebnis jedes Menschen ist die Beziehung zu seiner Plazenta – sie und nicht die Mutter oder die Mutterbrust ist unser erstes Liebesobjekt. Diese Beziehung wird real erlebt und gesteuert über unser Herz und unseren Blutkreislauf. Dieses vorgeburtliche Beziehungserlebnis prägt all unsere späteren Beziehungen.
Das zweite Grunderlebnis ist gekennzeichnet durch den Versuch des Kindes unter der Geburt den Kopf, insbesondere den Kreislauf zum Gehirn, zu schützen. Dieses Grunderlebnis prägt unser Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Wissen und Orientierung im späteren Leben.
Das dritte Grunderlebnis für jedes Kind ist die Austreibungsphase. Um geboren zu werden, muss das Kind seine Bauch-, Becken- und Beinenergie einsetzen. Der Ausgang dieses Lebenskampfes bestimmt unser Autonomiegefühl, die Fähigkeit uns zu behaupten, unsere Grundhaltung zum Leben.
Diese drei psychosomatischen Grunderlebnisse entsprechen auf faszinierende Weise den drei Zentren oder Grundenergien – Herz, Kopf und Bauch – der Enneagrammtradition.

Drei Grade der Stresseinwirkung

In der therapeutischen Arbeit stellt man bald fest, dass es eine Schwangerschaft und Geburt, ein Leben ohne jeglichen Stress nicht gibt. Lake selbst konstatierte, dass seine erste Stressstufe ein nicht verwirklichtes „Ideal“ ist. Für die praktische Arbeit und die Weiterentwicklung seiner Konzepte sind nur drei Stressgrade von Bedeutung (siehe Abbildung 3).

Abb. 3: Transmarginaler Stress (nach Pavlow, Lake, Dowling)

Auf eine Notsituation reagiert das Kind zunächst mit Selbstvertrauen und einer Verstärkung der Grundenergie, die Grundenergie wird überentwickelt. Diese übertriebene, überentwickelte Energie wird später von der Umwelt oft als schwierig oder erdrückend erlebt.
Erhöht sich der Stress weiter, kommen beim Kind allmählich Zweifel auf, ob durch den verstärkten Einsatz sein Grundbedürfnis befriedigt wird, die Grundenergie wird blockiert. In späteren Stresssituationen wird der Mensch erneut zweifeln und seine Grundenergie blockieren.
Wenn das Kind „transmarginalem“ Stress ausgesetzt wird, implodiert seine Grundenergie. Das Kind verleugnet die Traumatisierung. Dies führt zu einer Spaltung seines Erlebens, einer Spaltung seiner tiefenpsychosomatischen Struktur und zu widersprüchlichem (paradoxem) Verhalten. Später vermeidet der Mensch den Kontakt zu allem was an diese Implosion erinnern könnte.

Das Primär-Enneagramm

Stress unterschiedlicher Intensität vor und während der Geburt, führt zu einer Deformierung der jeweiligen Grundenergie (Herz, Kopf, Bauch). Je nach Konstitution des Kindes sowie der Intensität und Dauer der Traumatisierung wird die Grundenergie übertrieben, blockiert oder implodiert.

Herzenergie Kopfenergie Bauchenergie

plazentare Kopfschutz im Austreibungs-

Beziehung Geburtskanal phase der Geburt

übertrieben II V VIII

blockiert III VI IX

implodiert IV VII I

Abb. 4: Matrix des Primär-Enneagramms

Man erhält die 3×3-Matrix des Primär-Enneagramms (siehe Abbildung 4), die den realen Prozessverlauf von Schwangerschaft und Geburt widerspiegelt. Die neun Positionen dieser Matrix bilden die tiefenpsychosomatische Essenz der aus der Enneagrammtradition bekannten Charakterfixierungen und führen sie auf unser primäres Erleben von Schwangerschaft und Geburt zurück. Der scheinbare Widerspruch zwischen dem Enneagramm als Prozessmodell (nach Gurdjieff) und als Typenlehre (nach Ichazo) löst sich auf.

Das Primär-Enneagramm ist ein Modell, das es erlaubt, die neun Charakterfixierungen und die damit verbundenen psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen vor dem Hintergrund prä- und perinataler Erfahrungen zu erkunden und zu verstehen.

Neun tiefen- und entwicklungspsychologische Wurzeln unserer Persönlichkeit

Im Idealfall ist das Kind im Mutterleib entspannt und offen für die Leben spendende Nahrung, die ihm durch die Mutter über seine Plazenta geschenkt wird. Die Mutter ihrerseits ist in einem ähnlichen Zustand der Empfängnis gegenüber der Familie, die sie trägt und unterstützt. Die Familie gegenüber der Gesellschaft … gegenüber dem Kosmos, gegenüber Gott … Die empfangende kindliche Offenheit führt über die Mutter bis hin zu Gott, dessen Strahl der Liebe ungehindert das Kind erreichen kann. In solch einem Mutterleib in solch einer Welt, würde das Kind unbegrenzte Fülle erleben (siehe Abbildung 5).

Dieses ideale Bild entspricht aber nicht unserer Realität. Krankheiten, Unfälle, Ängste, Unsicherheiten, Sterbefälle in der Familie, Beziehungsschwierigkeiten und vieles mehr … führen zu einer Beeinträchtigung unseres ersten Lebensraumes – dem Mutterleib.

Enneagramm Position II – Pränataler Mangel

Jeglicher Stress der Mutter führt auch zu Stress für das Kind im Mutterleib. Sehr schnell kann es zu einer mangelhaften Blutversorgung des heranwachsenden Kindes kommen (mütterlicher Nikotinkonsum führt zu einer extremen Form dieses Syndroms). Um einen solchen Mangel zu vermeiden, erhöht das Kind seine Herztätigkeit und pumpt Blut durch die Nabelschnur-Arterien in seine Plazenta hinein. Diese Reaktion unterstützt den Blutstrom aus der Plazenta zurück zum Kind. Pränataler Mangel zwingt das Kind dazu, sein eigenes Blut, seine Lebensenergie zuerst seiner Plazenta, seinem erstem Beziehungsobjekt zu schenken. Das Kind lernt, dass es zuerst geben muss, um danach genug zu bekommen. Nur so kann das Kind seine lebensnotwendige Versorgung kontrollieren und sichern.

Tiefenpsychosomatisch geht es darum, sich das Leben zu verdienen, die eigene Existenz durch Herzleistung zu sichern. Einfach entspannen, einfach auf Geschenktes zu warten scheint verkehrt, sogar gefährlich zu sein. Menschen mit „übertriebener Herzensenergie“ leben immer zu zweit. Sie scheinen ihr Leben für andere zu leben, meistens in einer anstrengenden Symbiose. Durch ihren pränatalen Mangel sind sie gezwungene Helfer.

Enneagramm Position III – Pränatale Vergiftung

Für viele ungeborene Kinder gibt es lebensbedrohliche Situationen, die sie nicht durch erhöhte Herztätigkeit bewältigen können. Dies ist der Fall, wenn Giftstoffe das Kind über seine Plazenta erreichen. Trinkt eine Mutter z. B. zuviel Alkohol, würde eine erhöhte Herztätigkeit des Kindes zu einem verstärkten Rückfluss vergifteten Blutes führen. Das Blut ist manchmal „gut“ und manchmal „böse“, die Plazenta wird zu einem sehr ambivalenten Gegenüber. Das Kind schaut auf seinen Nabel („Nabelschau“), lernt seine Herztätigkeit zu drosseln und in Gefahr mit weniger Blut auszukommen. Versagen könnte tödlich sein. Es passt sich an und kontrolliert sehr aufmerksam, wann es sich öffnet, was es nimmt und was es gibt. Trotzdem kann das Kind Vergiftung nicht vermeiden und kommt mit einem negativen Körper-Selbstbild zur Welt.

So geprägte Menschen leben immer mit der Angst nochmals „vergiftet“ zu werden und sind daher in Beziehungen überaus wachsam und misstrauisch. Sie kompensieren ihr negatives Selbstbild durch Unehrlichkeit und permanente Anpassung. Sie versuchen sich – oft mit Erfolg – mit ihrer gekonnten Präsentation zu identifizieren. Leben ist immer ein Überleben, ein subtiler Kampf mit sich selbst, immer in der Angst durchschaut zu werden.

Enneagramm Position IV – Perinatale Implosion durch die Plazenta

Stress innerhalb der primären Beziehung zur Plazenta kann auch „transmarginal“ werden. Dies führt zu einer „Implosion“ der Herzenergie. Wenn z. B. unter der Geburt ein Narkosemittel das Kind erreicht, hat es kaum einem Chance, sein Bewusstsein und seine Autonomie zu bewahren. Der Versuch des Kindes, das Mittel durch erhöhte Herztätigkeit aus seinem Körper zu befördern, führt zu einem verstärkten Rückfluss, ähnlich einem Todesschuss. Der Wille des Kindes geboren zu werden versinkt in Ohnmacht und Bewusstlosigkeit. Auch durch eine fest um den Hals geschlungene Nabelschnur kann das Kind sich in seinem Geburtsprozess nicht behaupten, es muss jegliche Bauch-Becken-Bein-Energie, jeden Impuls geboren zu werden unterdrücken. Die Plazenta, das erste Liebesobjekt wird nicht nur ambivalent sondern tödlich-negativ. Die pränatale Erlebniswelt und die Beziehung zur Plazenta gehen zugrunde.

Menschen, die dennoch ins Leben geholt werden, fehlt es an Willen, sich durchzusetzen, sich in der Welt zu behaupten und zu zeigen. Eigene Initiative, Überlegenheit und Aggression werden vermieden, weil sie zu Angst, Schuld- und Ohnmachtgefühlen führen. Da sie erlebt haben, dass Anpassung nicht rettet, blicken sie trotz aller Minderwertigkeitsgefühle und Versagen mit Arroganz auf die angepassten Macher dieser Welt. Oft sind sie romantische Rebellen. Weil die plazentare Beziehung sie in das Reich des Todes führte, sind Liebesbeziehungen für solche Menschen problematisch. Ihre Spontaneität wird gehemmt durch Minderwertigkeitsgefühle. Sie haben Angst vor Ohnmacht und Autonomieverlust und neigen zu paradoxen Äußerungen und Reaktionen. Partner haben oft das Gefühl, dass sie nicht richtig präsent sind.

Enneagramm Position V – Perinataler Kopfschutz

In Vergleich zu unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, ist die menschliche Geburt kompliziert. Mit dem aufrechten Gang wurde unser Becken enger und fester, gleichzeitig vergrößerte sich unser Gehirn und damit der Schädel. Daher kommen menschliche Kinder immer vergleichsweise zu früh und unreif auf der Welt und trotzdem ist die Geburt für viele Kinder eine lange, schmerzhafte Prozedur.

Das Kind versucht während der Geburt unter allen Umständen seinen Kopf vor Schmerz und sein Gehirn vor Sauerstoffmangel zu schützen. Unter dem Einfluss von Adrenalin wird der Blutkreislauf zu den Extremitäten, den Händen und Füßen und zu den Bauchorganen gedrosselt, das Blut von der Plazenta geht hauptsächlich zu Herz und Gehirn. Solange die Plazenta für ausreichend sauerstoffreiches Blut sorgt, ist der Kopf geschützt.

In vielen Menschen bleibt dieser Kopfschutz ein Leben lang aktiv, als ob die Geburt noch nicht vorüber wäre. Diese Menschen sind zurückgezogen, als ob sie noch in einen Mutterleib lebten. Das Leben wird aus dieser geschützten Position beobachtet. Ressourcen werden streng überwacht. Sicherheit, ob häuslich, finanziell, beruflich oder rein theoretisch, ist ein großes Thema. Leben bedeutet Leben in und für den Kopf, der Körper ist bloß Hilfsorgan. Die Folgen sind kalte Füße und Hände und kaum Zugang zu Bauchenergien, Instinkten und Emotionen. Der Mensch ist gespalten und exzentrisch (hat keinen Kontakt zur eigenen Mitte und ist deswegen in gewisser Weise absonderlich). Er ist sozial isoliert und neigt dazu, jeden Kontakt auszubeuten. Er entwickelt raffinierte Strategien, um in fast jeder Situation zu überleben, ohne sich selbst jemals in Frage zu stellen und zu bewegen.

Enneagramm Position VI – Perinatales Versagen des Kopfschutzes

Wenn die Plazenta während der Geburt nicht mehr ausreichend sauerstoffreiches Blut liefern kann, beginnt der Kopfschutzmechanismus zu versagen. Der Kreislauf zum Kopf schwankt und die Gefahr, dass das Gehirn des Kindes dauerhaft geschädigt wird, steigt. Der Mutterleib – seine ehemals vertraute Welt – wird bedrohlich, das Kind bekommt Angst. Die Situation scheint hoffnungslos. Das Kind fühlt sich in die Enge getrieben, betrogen und verlassen von seiner Plazenta. Gleichzeitig hat es Schuldgefühle, selbst alles kaputt gemacht zu haben. Bestimmte Geburtsereignisse wie z.B. eine Frühgeburt, ein frühzeitiger Blasensprung oder eine Geburtseinleitung steigern diese Weltuntergangsgefühle.

Während der Geburt von dieser Angst und diesem Zweifel geprägte Menschen neigen dazu, ein Leben lang Furcht vor sich selbst und der Welt zu haben. Sie sind mutlos, wehleidig, misstrauisch und pessimistisch und können sich nur schwer entspannen. Häufig suchen sie Sicherheit und Anerkennung in Institutionen und Autoritäten. Sie bleiben zerrissen zwischen ihrer Neigung, sich auf jemanden stärkeren zu stützen, um endlich geschützt und geborgen zu werden und ihrem zwanghaften Misstrauen in engeren Beziehungen. Sie sind überempfindlich gegenüber Kritik und Ablehnung, weil sie ein schlechtes Selbstbild haben, neigen aber gleichzeitig dazu, anderen die Schuld für ihre eigene Misere zu geben.

Enneagramm Position VII – Perinatale Implosion aus dem Kopf

Diese Angst vor dem Hirn-Tod an Punkt VI kann in perinatale Panik übergehen. Der Untergang des Lebens im Mutterleib und der Verlust der ambivalent gewordenen Plazenta ist nicht mehr zu vermeiden. Das Kind kann seinen Kopf und sein Gehirn nicht mehr adäquat schützen. Es muss sehr bald Bauch-, Becken- und Beinenergien einsetzten, um sich endlich zu befreien. Feigheit könnte tödlich sein.

Es gibt Situationen, in denen der Geburtstress nicht nur zu flüchtiger Panik, sondern zu einer psychosomatischen Implosion aus dem Kopf führt. Durch einen geplanten Kaiserschnitt oder eine Sturzgeburt zum Beispiel kann das Kind so schockiert werden, dass es sich überhaupt nicht mehr im Leben und in seinem eigenen Körper orientieren kann. Diese Ereignisse sind so massiv und so schnell, dass das Kind keinerlei Chance bekommt, seinen Kopf zu schützen oder Bauchenergien einzusetzen, um sich doch zu behaupten und zu befreien. Es wird plötzlich überwältigt und herausgerissen, sein Wille wird vernichtet. Was geschieht, geschieht.

Menschen die auf diese Weise auf die Welt geholt werden, sind so verletzt, dass sie ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung verleugnen. Normale feste Strukturen und Institutionen werden verachtet. Sie suchen ständig neue intensive Erlebnisse, um zu beweisen, dass sie doch lebendig sind und ihr Erleben selbst steuern. Um dieses Suchen – das leicht zu Sucht wird – zu ermöglichen, werden jegliche Angst- und Schuldgefühle ausgeblendet. Blindheit für die realen Lebensbedingungen wird durch Idealisierungen kompensiert, Willenlosigkeit durch optimistisches Vertrauen in höheren Mächte, Verantwortung wird vermieden. Sie fühlen sich oft geführt und werden manchmal von Einsichten und Visionen überfallen und geleitet. Sie haben die Fähigkeit und das Bedürfnis an lebensgefährliche körperliche und psychische Grenzen zu gehen, um den eigenen tiefenpsychosomatischen Schock auf die Spur zu kommen, zu besänftigen und letztendlich das Grauen der Implosion zu verleugnen. Leben ist immer Bungee-Jumping!

Enneagramm Position VIII – Perinatale Wut

Wenn das Kind nicht gleich aus seiner pränatalen Welt herausfällt oder herausgeschnitten wird, muss es sich herausstemmen. Es muss sein Becken öffnen, sich den letzten Kraftstoff von seiner sterbenden Plazenta holen (II) und dann massive Bauch-, Becken- und Beinenergie einsetzen. Unterstützt durch die Wehen, muss es seinen eigenen Kopf – jetzt ohne jegliche Rücksicht – als Rammbock benutzen, um sich seinen Weg durch das Becken der Mutter zu bahnen.

Das beste Bild für diese Ereignisse ist der Boxkampf. Der eigene Kopf darf blutig geschlagen und bis zur Bewusstlosigkeit verletzt werden. Aber alles unter der Gürtellinie muss unversehrt bleiben. Dieser tanzende Kampf kann bis zum Knockout gehen. Der Sieger steigt allein aus dem Ring.

Menschen, die so auf der Welt kommen, haben wesenhaft gesiegt. Sie haben keine Angst Grenzen zu missachten, um ihre eigene Wollust und ihre eigenes Bedürfnis nach Raum zu befriedigen. Sie vermeiden „weibliche“ Machtlosigkeit durch „männliche“ Selbstbehauptung und Aggressivität. Eine Zurückhalten eigener Impulse ist undenkbar. In modernen Kulturen ist die Sportarena der geeignetste und fast der einzige Platz für das gesunde Ausleben dieser übertriebenen Bauchenergie. Das ungebremste Instinktleben und die sexuelle Freizügigkeit dieser Menschen sind allgemein nicht akzeptiert.

Enneagramm Position IX – Perinatale Erschöpfung

Wenn das Kind nach Einsatz seiner Bauchenergien nicht bald geboren wird, kommt es langsam aber sicher zu perinatale Erschöpfung des Kindes. Es kann sein, dass sein Kopf zu groß oder das Becken der Mutter zu eng ist. Oder aber eine um den Hals geschlungene Nabelschnur zieht sich kurz vor der Austreibung durch den starken Bauchenergieeinsatz doch noch zu. Vielleicht hält sich das Kind aus einem bestimmten Grund in einer ungünstigen Lage, so dass Pressen und Drücken die Geburt nicht voranbringen. Das Kind zweifelt und blockiert seine Impulse sich durchzusetzen, der Einsatz von Bauchenergie scheint zwecklos, sogar falsch und gefährlich. Das Kind fällt in schlappe Gleichgültigkeit.

Wenn eine normale Geburt bereits nicht mehr möglich scheint, führt oft eine allgemeine Entspannung dazu, dass das erschöpfte Kind doch noch den richtigen Dreh findet und aus den Becken herausrutscht.

Menschen die so geboren wurden, zweifeln auch im späteren Leben am Sinn von Kampf und Anstrengung. Jeder Konflikt und jede Herausforderung werden raffiniert vermieden. Sie haben Angst vor jeglicher Dynamik im Leben, insbesondere in engeren Beziehungen und wirken dämpfend auf ihr Umfeld.

Enneagramm Position I – Perinatale Begegnung mit dem Tod

Wird das Kind in dieser Erschöpfung nicht geboren, kommt es häufig zu einer Extraktion mit Geburtszange oder Saugglocke. Alle Grenzen des Kindes werden überschritten. Dieses massive Gewalterlebnis kann sein ganzes Leben überschatten. Der Schmerz und Stress des Kindes wird bei solchen Maßnahmen in der Regel transmarginal, die Bauchenergie des Kindes implodiert. Jegliche Lebensspannung weicht aus dem Körper. Die Schließmuskulatur des Afters entspannt sich, so dass Kindspech ins Fruchtwasser entweichen kann. Der Überlebensinstinkt des Kindes, sein Wille, ist völlig gebrochen. Es will nicht mehr geboren werden, sondern sterben.

Überlebt das Kind dieses Nahtodereignis, entsteht eine sehr paradoxe tiefenpsychosomatische Struktur. Das Kind wird entgegen seinem Willen ins Leben geholt. Solche Menschen haben große Angst vor ihrer eigenen Wut, weil ihr Versuch sich durchzusetzen während der Geburt lebensbedrohlich endete. Jeglicher Instinkt aus dem Bauch wird aus Angst vor Selbstvernichtung verneint, jegliche Spontaneität wird im Keim erstickt. Der Fluss des Lebens wird streng überwacht und zwanghaft kontrolliert. Perfektionismus, strenge Wertmassstäbe und Regeln schützen vor unvorhergesehen Ereignissen, die bei diesen Menschen leicht Todesangst hervorrufen können. Autismus stellt die extremste Form dieser Charakterfixierung dar. Menschen mit autistischen Zügen verleugnen ihr Geborensein und versuchen sich in einer pränatalen Welt abzukapseln.

Das Enneagramm kommt mit jedem von uns neu auf die Welt
Jeder, der mit dem Enneagramm vertraut ist, wird in den obigen tiefenpsychosomatischen Skizzen die prä- und perinatalen Wurzeln der neun Charakterfixierungen entdecken können. Wie neuere Untersuchungen10 zeigen, gibt es Menschen, bei denen das Leben im Mutterleib oder die Geburt so traumatisch waren, dass die gesamte Persönlichkeitsentwicklung davon bestimmt ist. Kein späteres Erleben mildert die Folgen dieser Traumatisierung, alle postnatalen Erlebnisse des Kindes werden von seiner Mutterleibs- und Geburtserfahrung überprägt.

Normalerweise formt jedoch nicht ein traumatisches prä- oder perinatales Ereignis allein unsere erwachsene Persönlichkeit. In der Regel wird ein Mensch durch alle seine Erlebnisse geformt, die ähnlich Zwiebelschalen aufeinander lagern. Daher verfügt er über verschiedene Charaktereigenschaften, die die Summe seiner Lebenserfahrung widerspiegeln. Die frühsten Erfahrungen bilden jedoch eine Kernstruktur auf der alle späteren Entwicklungen aufbauen.

Die prä- und perinatale Psychologie und Medizin scheint die Wurzeln der neun Fixierungen, die Kernmetaphern des Enneagramms zu erfassen. Dadurch hat sich das Enneagramm als sehr effektives diagnostisches Werkzeug in der Tiefenpsychosomatik bewährt11. Das Enneagramm kann dabei nicht nur in der therapeutischen Arbeit mit Erwachsenen, sondern auch bei Säuglingen und Kindern erfolgreich eingesetzt werden.

Es gibt noch viele ungeklärte Fragen; die Verbindung zwischen der Enneagrammtradition und der modernen prä- und perinatalen Psychologie hat jedoch bereits faszinierende neue Einsichten in die Tiefe des menschlichen Seelenlebens ermöglicht.

Dirk Leinweber, Martinstrasse 6, 64285 Darmstadt, Tel. (0 61 51) 4 18 34,
E-Mail: leinweber@adelphos.de

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 26-30

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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Ingrid Frings · 20.07.2006 11:07 → Kommentarlink 000103

Vielen Dank für Ihren Beitrag, der ein weiterer hilfreicher “Baustein” ist, mein Leben, dessen Basis von einer perinatalen Begegnung mit dem Tod geprägt wurde, lebendig und positiv zu erfahren und zu gestalten.

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