Der Heilig-Blut-Altar in Rothenburg - Enneagrammatische Bildbetrachtung

von Claudia Dienst-Mann: Der Heilig-Blut-Altar in Rothenburg (Tilmann Riemenschneider)

Lassen Sie sich herzlich einladen, eine Bildbetrachtung ungewöhnlicher Art zu erleben. In der St. Jakobs-Kirche zu Rothenburg standen wir, etwa 40 ÖAE-ler vor dem beeindruckenden Kunstwerk und ließen uns inspirieren, den Heilig-Blut-Altar nicht unter kunsthistorischen oder theologischen Gesichtpunkten zu betrachten, sondern ihn aus enneagrammatischer Sicht in meditativer Haltung anzuschauen.Die Szene: Das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feiert.Das Besondere: Die ausdrucksstarken Gesichter und Körperhaltungen, die Aufschluss zu geben scheinen über Charakterzüge und Befindlichkeiten.Das, was das Bild mit uns – den Vereinsmitgliedern – verbindet: Die Jünger sind um Jesus, ihren Herrn und Meister, versammelt, um Gemeinschaft miteinander zu haben, um zu empfangen, was für ihr Leben von außerordentlicher Bedeutung ist, um sich selbst, Gott und die Welt und andere besser verstehen zu lernen.Grund genug also, die unterschiedlichen „Typen“ des Künstlers einmal zu Wort kommen zu lassen. Wer sind die, die Jesus berufen hat? Was könnten ihre Selbstaussagen lauten? Welche Sprache sprechen ihre Körper? Ein wenig Fantasie, Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen setzen uns auf die Fährte, Jesu nächste Freunde wahrzunehmen als die, die sie sind: Als Menschen, die auf der Suche sind nach sich selbst. Als Menschen, die einem inneren Muster folgen und oft genug bestimmten Zwängen erliegen. Als unterschiedlich begabte gleichwie fehlerhafte Menschen, die auf Barmherzigkeit angewiesen sind.Eine Bitte zur Les-Art:Nicht um Zuordnung bestimmter Typen zu bestimmten Jüngern (z.T. im Altar namentlich identifizierbaren wie etwa Judas und Johannes) soll es hier gehen. Vielmehr ist es Absicht, die charakterliche Unterschiedlichkeit der Personen beim Betrachten zu entdecken, zu fragen: „Welches Muster könnte einen Menschen mit solcher Körperhaltung, mit solchen Gesichtszügen geprägt und damit unverwechselbar gemacht haben?“, „Welche Motivation könnte diesen Menschen bewegt haben, dabei zu sein?“, „Wie könnte der Umgang miteinander ausgeschaut haben?“ und nicht zuletzt: „Was könnte sich Jünger X von Herzen gewünscht haben?“

1

Ich bin einer, der ernsthaft am Geschehen dran und stets präsent ist. Sitze gern in der ersten Reihe und trage mit Verantwortung für das, was hier geschieht. Warum ich dazu gehöre? Jesus hat ein Ziel: das neue Reich. Und Ziele zu stecken, am Erreichen derselben beteiligt zu sein, zu verbessern, was veränderungsbedürftig erscheint, das liegt mir. Ich bin eben ein engagierter Mensch, der vieles im Blick hat – auch die Finanzen. Auf mich und meinen Einsatz kann man sich verlassen. Oft wird mir nachgesagt, ich sei übergenau, könnte niemals fünf gerade sein lassen, würde mich selbst und andere unter Druck setzen mit überhöhten Ansprüchen.Ja, da ist was dran. Andere mal machen zu lassen, Verantwortung abzugeben, zu entspannen – das alles kommt bei mir zu kurz. Wenn ich Jesus sagen höre: „Das Reich Gottes wächst von allein – wie die Saat …“, dann atme ich tief durch – und zugleich auf. Hier beim Abendmahl, da spüre ich genau, wer der Gebende und wer der Empfangende ist. Wie gut das tut …

2

Mir geht’s gut, wenn ich nur dicht an ihm dran bin. Oder an den anderen. Nähe, Beziehungen, Harmonie bedeuten mir so viel. Warum sonst sind wir hier beisammen? Doch um etwas voneinander zu erfahren, etwas miteinander zu teilen! Ich bin von Natur aus ein warmherziger Mensch. Doch so tatenlos wie hier sieht man mich selten. Meist bin ich in Aktion: pflege Beziehungen, schlichte Streit, erspüre Wünsche, sorge, helfe, versuche Zeichen der Zuneigung zu erhaschen. Nun stehe ich hier, spüre mein Herz klopfen und sehe, wie sehr Jesus auch die anderen lieb hat. Eine Sonderrolle habe ich für ihn nicht. Das ist nicht leicht für mich, brauche ich doch so viel Bestätigung. Ob ich mir von ihm nachher das Brot reichen lassen kann? Mich von ihm bedienen lassen kann, ohne etwas zurückzugeben? Ich möchte es lernen…

3

Ihr seht mich im Gespräch. Nunja, meist habe ich dafür ja eher wenig Zeit. Es gibt immer etwas zu tun. Zu planen, wohin wir als nächstes gehen werden, die Route zu bestimmen und zu überlegen, auf welche Weise die Menschen die Botschaft hören möchten. Mich interessiert auch, ob das Ziel, Reich Gottes zu bauen und Menschen für seine Sache zu gewinnen, auf die Weise, wie Jesus sie uns präsentiert, wirklich erreicht werden kann. Müßte wir nicht an unserem Image als seine Multiplikatoren arbeiten? Müßte unsere Botschaft, wenn sie gut ist, nicht noch mehr Anhänger finden? Ich versuche deshalb herauszufinden, was so angesagt ist – ich will ja schließlich nicht den Anschluß verpassen! Auch im Gespräch kann’s passieren, dass ich dem anderen nach dem Mund rede. Zugleich merke ich in der Gruppe: Hier gelten offenbar andere Werte – hier wird einem ins Herz geschaut und nicht auf‘s Image. Ich gebe zu: Mir wird ein wenig schwummerig, wenn wirklich Ich gemeint bin. Mein Herz zu spüren, wenn Jesus mich anschaut – das ist noch so neu …

4

Ach, ich bin zwar dabei, aber so richtig wohl fühl’ ich mich doch nicht. Oft habe ich das Gefühl, dass mich die anderen nicht so ernst nehmen oder mögen. Irgendwie scheint den anderen vieles besser zu gelingen. ‚Kann ich überhaupt mithalten?‘, frage ich mich dann. Manchmal bin ich abwesend, schaue resigniert zur Seite und schwelge verloren in meinen Gefühlen. Die suchen dann Ausdruck in verrückten Aktionen oder in Träumereien. Doch immer wieder holt Jesus mich auf den Boden zurück. Wie selbstverständlich kommt er zu mir und trägt mir eine Aufgabe zu. Er tut das so, als käme dafür nur ich in Frage. Und vielleicht ist das auch so. Wenn’s um praktische Hilfe geht, wenn jemand krank ist oder Sorgen hat und jemand zum Zuhören und Einfühlen gebraucht wird – dann bin ich präsent.. Vielleicht traue ich mir selbst nur nicht genug. Ich sollte mich mehr wertschätzen, wie Jesus es tut …

5

Wer ich bin? Ich bin jemand, der gern für sich ist. Enge Kontakte liegen mir nicht so. Ich bin nun mal nicht so ein emotionaler Typ. Jesus schätze und verehre ich sehr – aber das würde ich ihm nie so direkt zeigen. Meine Treue, meine Zuverlässigkeit, die zeige ich ihm – und ich weiß auch so, dass ich ihm wichtig bin. Wenn wir Jünger alle zusammen sind, brauche ich Raum für mich selbst. Möchte den Überblick nicht verlieren, bin eher still. Manchmal sagt man von mir, ich sei gefühlskalt. Das würde ich nicht so bezeichnen. Ich versuche nur, meine Gefühle zu schützen, damit sie nicht verletzt werden. Erst mal agiere ich mit dem Kopf, wenn ich mit anderen zusammen bin. Ich glaube, dort liegt auch meine Stärke: Es fällt mir leicht, Strukturen zu erkennen, abzuwägen, mich souverän in unterschiedliche Seiten eindenken zu können, zu vermitteln, emotional nicht gleich einzutauchen. Doch wenn es um mich persönlich geht, wenn Jesus mir persönlich das Brot reicht und sagt „Für dich“, dann verliert aller Überblick an Bedeutung. Und das Herz gewinnt …

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Ich fühle mich sicher hier. So eine Gruppe, zu der ich gehören kann, gibt mir Halt. Eine Autorität, auf die ich mich verlassen kann. Mitstreiter, die einfache Menschen sind wie ich. Ein Ziel vor Augen. Und Regeln… obwohl: Nunja, mit den Regeln ist das so eine Sache. Wir haben ja keine Vereinsstatuten. Und nach welchem System Jesus uns berufen hat, uns rügt oder lobt, weiß ich auch nicht so recht. Manches hätte ich hier doch gern klarer. Z.B. wann unsere Treffen nun beginnen und enden. Dann weiß man, wann man erscheinen muß und braucht keine Angst zu haben, zu spät zu kommen. Auch wüßte ich gern, ob die Menschen, bei denen wir in den nächsten Tagen Quartier bekommen, wirklich vertrauenswürdig sind. Und wieviel Geld noch im Beutel ist. Ich bin ein sicherheitsbedürftiger Mensch. Deshalb halte ich mich an der Lehne fest – und mein linker Arm hält den rechten. Doch oft genug sitze ich auch sprungbereit auf der Stuhlkante oder wähle scheinbar selbstsicher die Flucht nach vorn.Was ich mir wünsche? Vertrauen haben zu können in Gott, in die Welt und in mich selbst. Dazu fordert mich Jesus heraus! Und das Seltsame: In seiner Person finde ich es. Mehr und mehr …

7

So kennt ihr mich nicht? Kein Wunder. Besonnen, fast andächtig am Rand zu stehen, ist nicht gerade mein Ding. Bisher vor kurzem hätte ich mich wohl eher aus dem Staub gemacht, wenn keine Attraktionen, kein Buffet, kein begeisterndes Projekt meine Neugier in den Bann gezogen hätten. „Nix los“, hätte ich schulterzuckend gesagt und hätte mir eine interessantere Veranstaltung gesucht. Und zu warten, bis ich mit Brot und Wein an der Reihe bin – die Geduld hätte ich wohl nur schwerlich aufgebracht. Was ist mit mir geschehen? Ich habe gemerkt, daß ich nicht satt werde, könnte man sagen. All die geplanten Ereignisse, die spannenden Projekte, die immer neuen Kontakte strengten mich mehr an, als daß sie mich befriedigten. Ich spürte, daß ich ohne sie leer war. Und in der Leere war die Angst, Angst vor dem Düsteren, dem Unangenehmen, dem Schmerz. Jesus – der hatte keine Angst. Der ging geradewegs auf all die Kranken, Aussätzigen, Hungrigen, Verdreckten, Asozialen, Traurigen zu, heilte, sättigte, tröstete, wandelte Trauer in Freude, Armut in Reichtum, Leere in Fülle. Mehr und mehr verschwand mein zwanghaftes Grinsen – und Lachen wie auch Weinen kamen nun tief aus meiner Seele heraus. Staunend stehe ich hier, dankbar, wenn ich wie jetzt Mut zum Innehalten habe und spüre, wie sich Frieden in mir ausbreitet.

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Ich bin wichtig in dieser Gruppe. Stehe zwar nicht unbedingt im Mittelpunkt, habe aber alles unter Kontrolle. Ja, natürlich nehme ich Jesus als Herrn ernst. Ein Chef mit Rückgrat ist wichtig. Aber ganz ehrlich: Wenn ich hier das Sagen hätte, würde ich manches anders machen. Man kann doch z.B. das Brot einfach weiterreichen – was sollen denn große Zeremonien … Ich esse ohnehin, wenn’s mir paßt. Ich lasse mir auch nicht gern was sagen. Meine Autonomie muß mir erhalten bleiben. Wenn ich mich hier so umschaue, denke ich manchmal: Du liebe Güte, was für ein Haufen … Der eine seicht und sanft, der andere voller Zittern und Zagen und ein anderer hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen statt mit anzupacken. Kann man so einen Krieg gewinnen? Doch wenn Jesus mir das Brot reicht, dann vergesse ich seltsamerweise alle Kriegerallüren. Sehe seine sanften Augen und würde alles in der Welt hergeben für diesen Blick. Sogar meine Selbstsicherheit und Stärke. Sogar mich selbst. Und ich bin sicher: Ich würde mich gewinnen …

9

Ich bin jemand, der gern erst einmal abwartet. Es würde mir nicht in den Sinn kommen, Jesus als einer der ersten um Brot zu bitten. Sich vordrängen und wichtig tun – das ist nicht meine Devise. Lieber erst mal abwarten. Und wenn das Brot dann alle ist – es wird auch ohne gehen. Es hat was für sich, erst mal nicht in Erscheinung zu treten. Zum einen macht man dann nichts falsch, zum anderen ist das bequem.Eigentlich bin ich mir meiner selbst nicht so sicher. Oh ja, wenn jemand anders seine Meinung sagt, da kann ich mich gut einfühlen und mitgehen. Auch weiß ich dann und wann, was ich nicht will. Aber was ich will? Schon manchmal hat Jesus mich direkt gefragt, wie ich denn die ein oder andere Angelegenheit sehe, oder mich mit einem Auftrag betraut. Zu Anfang stockte mir der Atem. Dann wurde ich rot. Und schließlich stolz. Er fragte nicht irgendwen – sondern mich. Er fragte so interessiert und mutmachend, dass in mir etwas in Bewegung kam, Ideen und Meinungen in mir aufstiegen und ich wußte: Ich bin wer. Daran erinnert er mich bei jedem Abendmahl. Und das „Für dich“ wird mir mehr und mehr ins Herz eingraviert.

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 23-25

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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