Hat Gurdjieff das Enneagramm bewusst verfälscht?

Die These, dass Gurdjieff das Enneagramm bewusst verfälscht habe, ist nicht neu, sondern wurde bereits 1980 von James Webb formuliert. Jetzt haben sich ihr die bekannten amerikanischen Enneagramm-Autoren Kathy Hurley und Theodorre Donson in einem Artikel für den Enneagram Monthly (Januar 2001) angeschlossen.

Die These lautet: „Gurdjieff hat die Enneagramm-Figur, die er von dem Jesuiten Athanasius Kircher (1601–80) übernommen hat (und die der wiederum von dem Fransziskaner Raymundus Lull [1232/33 – ca. 1316] übernommen hat), bewusst verfälscht.“

James Webb hatte seine These mit Gurdjieffs Andeutung begründet, dieser habe seine Lehre vorsätzlich mit Unvollständigkeiten und Fehlern versehen, damit seine Schüler lernen, den eigenen Kopf zu gebrauchen. Hurley und Donson liefern jetzt ein zusätzliches Argument: Im heute geläufigen Enneagramm seien nur die Typen 1, 3, 6, 8 und 9 mit den anderen beiden Zentren durch je einen Typ der verbunden, also der Bauchtyp 1 mit dem Herzzentrum (4) und dem Kopfzentrum (7), etc. Den übrigen vier Typen 2, 4, 5 und 7 fehle jedoch die Verbindung zu jeweils einem Zentrum.

Eine merkwürdige Asymmetrie, die nach Hurley/Donson darauf zurückzuführen ist, dass die Linien des Enneagramms konstruiert wurden, lange bevor das Enneagramm als Persönlichkeitstypologie verstanden worden ist. Daraus folgern sie: „Die Pfeile, wie wir sie kennen, passen vielleicht gar nicht zur Persönlichkeitstheorie.“ Das leuchtet ein. Was jedoch nicht einleuchtet, ist die Konsequenz, die die beiden Autoren daraus ziehen: Es sei zu erwägen, ob die ursprüngliche Figur von Kircher der Dynamik der Persönlichkeitstypen nicht viel angemessener sei als die jüngere Figur Gurdjieffs. Es leuchtet deshalb nicht ein, weil der zeitliche Abstand der erst in diesem Jahrhundert entwickelten Persönlichkeitstypologie Enneagramm zu Kircher schließlich noch viel größer ist als zu Gurdjieff. Es wäre also bestenfalls Zufall, wenn die ältere Figur Kirchers die Typendynamik besser darstellt als die Figur Gurdjieffs. Das Ganze zeigt meiner Ansicht nach, dass man die Geometrie des Enneagramms nicht allzu ernst nehmen sollte. Weder Kircher noch Gurdjieff haben ihre Zeichen entworfen, um damit Persönlichkeitsprofile zu typologisieren. Von daher sind alle typologischen Analogien von vornherein zufällig – und deshalb mit Vorsicht zu genießen.

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 22

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930