Jesus im Spiegel des Enneagramms - Aus: Beesing/Nogosek/O’Leary "Das wahre Selbst entdecken"

Teil II, Fortsetzung aus Enneaforum 39/2011
Zwei: Jesus dient den andern
Zweien können in Jesus ohne Schwierigkeiten ein Vorbild für ihre starke Motivation zur Hilfsbereitschaft sehen. Jesus wusste sich von Gott gesandt, um anderen zu dienen; er sagte seinen Jüngern, dass wer der Erste unter ihnen sein wolle, zum Diener aller werden müsse (Mk 10,44). Solche Hingabe an andere schließt Herzlichkeit, Zeichen der Zuneigung und alle Formen der Gastfreundschaft ein. Jesu Lehren über echten Bruderdienst sind im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zusammengefasst (Lk 10,30-37). Die Jesus nachfolgen, müssen sich selbst für ihre Mitmenschen zum Nächsten machen, indem sie die Initiative ergreifen und der Not abhelfen. Die Kirchenväter sahen in Jesus selbst den barmherzigen Samariter, weil er alle Menschen in Not als Nächste betrachtete. So wird Jesus in allen vier Evangelien dargestellt. Sein Herz reagiert unmittelbar auf die Nöte der Menschen. Manchmal ergreift Jesus auch ungebeten die Initiative und hilft den Menschen, z.B. bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11) und bei der Erweckung des jungen Mannes von Naïn (Lk 7,11-15).
Jesus setzt sich sogar über die religiösen Vorschriften der Juden hinweg, wenn sie in einer konkreten Situation verhindern, den Menschen in Not zu helfen. Er sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27). Ziel und Funktion aller religiösen Vorschriften, wie eigentlich aller Gesetze, ist es, den Menschen in ihren wirklichen Nöten zu dienen. Da es die vornehmste moralische Pflicht ist, die tiefsten Nöte der Menschen lindern zu helfen, müssen Gesetze so beschaffen sein, dass sie den Menschen dienen. Zweien können sich leicht mit Jesu Einstellung zum Dienen identifizieren, weil sie von sich selbst das Bild eines helfenden Menschen haben. Ihre Hauptsorge gilt den Bedürfnissen anderer, und sie tun alles, um ihnen zu helfen. Sie können sich gut in andere einfühlen und sind sensibel gegenüber jedem, der ihnen begegnet. Zweien ist es ein Anliegen, wo und wann immer sie mit anderen Menschen zusammen sind – selbst bei dienstlichen Versammlungen – Beziehungen und Kontakte zu knüpfen und andere zu erfreuen.

Die Falle der Abhängigkeit
In ihrem Bestreben zu helfen, handeln Zweien unbewusst aus dem inneren Drang heraus, eine Beziehung aufzubauen, die den anderen in Abhängigkeit bringt. Ihre Hilfsbereitschaft ist ihre bevorzugte Art, sich an andere zu klammern und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Unbemerkt schleicht sich Egoismus in ihre Hilfsbereitschaft ein. Die Zwei verlangt danach, für andere unentbehrlich zu sein, von ihnen beachtet und geschätzt zu werden. Deshalb kann sie mitunter zornig werden, wenn jemand keine Notiz davon nimmt, was sie alles für andere getan hat. Hand in Hand mit diesem starken Verlangen nach Anerkennung geht das Verleugnen und Verdrängen der eigenen Bedürfnisse. Zweien sagen und meinen tatsächlich auch, dass es ihnen nur darum geht, andere glücklich zu machen. In Wirklichkeit handelt es sich um eine tiefe Abhängigkeit von jenen Menschen, die auf sie angewiesen sind, sowie von deren Nöten, die sie zu beheben suchen. Sollte jemals ein Mensch, der einer Zwei viel bedeutet, zu sagen wagen, dass er ganz gut ohne ihre Hilfe zurechtkommt, dann können Zweier ziemlich verärgert und frustriert reagieren. Ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl hängen nämlich davon ab, dass sie von anderen gebraucht werden. Da allgemein menschliche Idealvorstellungen und vor allem die Werte des Neuen Testamentes die Sorge für den Nächsten stark betonen, werden Zweier ihren inneren Drang, anderen zu helfen, kaum für eine Untugend halten; um eine solche handelt es sich in diesem Fall nämlich. Sie sind von ihrer guten Absicht so fest überzeugt und werden deshalb weiterhin andere manipulieren, damit sie helfen können und Aufmerksamkeit für ihre Fürsorge erhalten. In Wirklichkeit binden Zweien andere an sich, was sicher keine angemessene Motivation der Nächstenliebe ist.

Die Nöte der anderen erkennen
Es zeugt von Weisheit, sich dessen bewusst zu sein, dass Liebe nicht „verdient“ werden kann, weder die Liebe Gottes noch die anderer Menschen. Liebe ist ihrem Wesen nach freies Geschenk. Echte Liebe hängt weder davon ab, ob die anderen den eigenen Bedürfnissen entgegenkommen oder nicht, noch davon, ob man von anderen gebraucht wird. Menschen entscheiden sich in Freiheit, zu lieben oder nicht. Unserem christlichen Glauben zufolge hat Gott sich frei entschieden, alle Menschen als seine Söhne und Töchter zu lieben. Die Menschen können seine Liebe durch keine noch so großen Leistungen verdienen. Die Erkenntnis, dass göttliche Liebe ein Gnadengeschenk ist, bedeutet: Wir sind liebenswert aufgrund dessen, was wir sind, und nicht aufgrund dessen, was wir für andere tun. Zweien tun gut daran, diese Wahrheit tief in sich eindringen zu lassen. Es ist für sie förderlich, anzuerkennen, dass auch sie selbst Wünsche und Bedürfnisse haben, die Gott erfüllen will, weil er sie liebt. Sie müssen sich selbst mehr lieben, um wiedergeliebt zu werden. Durch echte Selbstliebe werden sie mehr und mehr von Egozentriertheit befreit; diese besteht bei der Zwei darin, sich selbst vorzutäuschen, ausschließlich für andere da zu sein.
Eines der Bedürfnisse, denen Zweier unbedingt Rechnung tragen sollten, ist die Besinnung auf sich selbst. Nur so können sie ihre Beziehungen ohne Selbsttäuschung reflektieren und Gott erlauben, ihr Leben mit seinem Licht zu durchdringen. Sie neigen nämlich dazu, solch reflektierende Beten zu umgehen, weil sie ihre Zeit damit ausfüllen wollen, etwas für andere zu tun; das schließt auch Gott ein. Sie weigern sich, andere oder selbst Gott etwas für sie tun zu lassen. Meditatives Beten bedeutet für sie: nichts tun, und dabei fühlen sie sich nicht wohl. Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht jedoch die Erkenntnis, dass Gott für uns sorgt. Die ganze Heilsgeschichte handelt davon, was Gott für die Menschen getan hat und noch tut. Es tut Zweien gut, oft darüber nachzusinnen, was Erlösung für sie persönlich bedeutet, vor allem, wie sie sich auf ihr Selbstverständnis auswirkt.
Indem sie auf Jesus als Vorbild der Hingabe schauen, sollten Zweien darüber nachdenken, wie oft Jesus die Menschen nach Hause entließ, nachdem er sie geheilt hatte. Er fesselte sie nicht durch seine Dienste an sich. Als z.B. der geheilte Besessene ihn bat, bei ihm bleiben und sein Jünger werden zu dürfen, verweigerte Jesus es ihm (Mk 5,18f). Viele andere heilte Jesus und schickte sie anschließend nach Hause. Andererseits gibt es im Neuen Testament nur wenige Wunder Jesu, die sich auf die physische Heilung beschränken. Es geht ihm eher darum, Mut und Vertrauen in den Geheilten zu stärken, damit sie zu Zeugen seiner Botschaft werden können. Er möchte sie in seine innige Beziehung zum Vater und zum heiligen Geist hineinnehmen. Dennoch will Jesus mehr, als nur seine Jünger für die Teilnahme an seiner Sendung vorbereiten. Er investiert viel Zeit, um ihnen persönlich nahe zu sein, und zeigt ihnen immer wieder, wie sehr er sie liebt. Er sagt ihnen sogar ,,dass auch er ein Bedürfnis nach ihrer Zuneigung hat. Sehr eindrucksvoll zeigt sich Jesu Sehnsucht nach Liebe, als er Petrus dreimal fragt: „Liebst du mich …?“ (Joh 21,15-17). Seine Liebe gründet nicht in dem Verlangen, wiedergeliebt zu werden für das, was er ihm an Gutem erwiesen hat, sie gründet vielmehr in inniger Zuneigung. Jesus macht sich selbst zum Geschenk für seine Jünger. Das ist etwas anderes, als nur für ihre Nöte zu sorgen. Zuerst will er ihr Freund sein. „Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,15). Auch die Jünger verlangen nach Jesu Nähe. Ihr Bedürfnis nach inniger Gemeinschaft mit ihm findet seinen Ausdruck darin, dass sie nach seiner Auferstehung ganz intensiv seine besondere Nähe erfahren, wenn sie sich in seinem Namen versammeln (Mt 18,20). Um seine Gegenwart zu erfahren, verbringen sie Zeiten des Gebetes, der Erinnerung an Jesu Erdenleben, gemeinsame Mahlzeiten und Zeiten der Geselligkeit miteinander. Aus dieser Erfahrung inniger Gemeinschaft mit dem Auferstandenen erwächst Begeisterung. Man möchte mit anderen das teilen, was man durch den Geist Jesu empfangen hat. All dies kann Zweien helfen, der tiefen Wahrheit innezuwerden, dass echte Liebe letztlich in der innigen Gemeinschaft besteht und nicht primär aufgrund von Dienstleistungen erlangt wird.

Acht: Jesus kämpft gegen Ungerechtigkeit
Achten sehen in Jesus vor allem eine starke Persönlichkeit. Ein bemerkenswertes Beispiel persönlicher Stärke kommt in der Tempelreinigung zum Ausdruck, als Jesus die Geldwechsler aus dem Tempel treibt (Joh 2,13-17). Jesus wies ihr respektloses Verhalten – innerhalb des sakralen Tempelbezirkes übervorteilten sie die Armen – zurück. Ein Strick in seiner Hand genügte,

Es handelt sich um den Anfang eines Beitrags aus unserer Mitgliederzeitschrift Enneaforum Nr. 40 von 11/2011

Kommentare

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Ute · 16.10.2012 23:56 → Kommentarlink 001614

Hallo, früher sah ich in Jesus die erlöste 9, aber heute glaube ich eher er war eine selbsterhaltende (daher warme) 1! Er hatte die Tragik der 4 in sich, er verkörperte den “heiligen” Zorn und er konnte “spielen” (Verbindung zur 7). Er brauchte keine Bestätigung für seine guten Taten wie eine 2, nicht einmal auf subtile Weise, er war ein “Meister”. Als 1 steht er zwischen der liebevollen 9 und der hilfsbereiten 2. Natürlich sehe ich ihn als sehr entspannte gelöste 1. Er ist die Krone des Enneagramms, gemeinsam mit der 9.
Die sp1 ist gern Handwerker (Zimmermann).
Meine Vermutung hat mehr mit Intuition als mit scharfer Analyse zu tun, und ich kann mir vorstellen, dass jeder etwas anderes in Jesus sehen kann, denn letztlich ist er als Sohn Gottes alles.
Maria ist für mich eine soziale 2 (“Ehrgeiz”)…
Gruß Ute

Regine · 25.10.2012 15:07 → Kommentarlink 001616

Hallo, erst heute habe ich eure Seite gefunden und nun schließt sich für mich endlich der Kreis. Das Enneagramm in Verbindung mit Jesus. Und die von mir selbst gemachte Erfahrung in der falsch gelebten 2er Energie. Meine Auffassung ist, dass sich das Leben Jesu in allen 9 Enneagramm-Typen findet und das alle Menschen sich mit ihrer Zahl in Jesus wiedererkennen können, und zwar dann wenn wir uns in den innigen Momenten unseres Lebens begegnen.
Liebe Grüsse von Regine

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