Auf den Spuren des Enneagramms 3

Johannes Bartels
Teil III:
Die „jesuitische“ Spur:
Das „getaufte“ Enneagramm

Es waren Jesuiten, die das Enneagramm zuerst im kirchlichen Kontext verwendet haben. Von Chicago aus importierten sie das Enneagramm auf ihren Missionsreisen in die entlegensten Winkel des Erdballs. Mitte der achtziger Jahre veröffentlichte der Jesuit Patrick O’Leary zusammen mit zwei Angehörigen anderer christlicher Orden das erste Einführungsbuch über das Enneagramm und gab damit den Startschuss für seine beispiellose Verbreitung auf dem Buchmarkt. Johannes Bartels ist der jesuitischen Spur nachgegangen.

Dass es ausgerechnet Jesuiten waren, die das Enneagramm für den kirchlichen Bereich entdeckt und fruchtbar gemacht haben, passt gut. Denn seit der Spanier Ignatius von Loyola den heute größten katholischen Orden im 16. Jahrhundert gegründet hat, wird in der Societas Jesu (so der richtige Name des Ordens) eine Spiritualität gepflegt, die sich in wichtigen Punkten mit der Spiritualität des Enneagramms berührt. Das von Ignatius verfasste und bis heute immer wieder neu aufgelegte Anleitungsbuch „Exercitia spiritualia“ gibt davon Zeugnis. Hier wird zielbewusst psychologisches Wissen angewendet, um die Seele zu demütigen und zu läutern. Bevor Gott in seiner Liebe erkannt werden kann, muss sich der Übende zunächst selbst erkennen, und zwar mit all seinen inneren Abgründen. Nur wenn die eigene Sündigkeit erkannt ist, kann auch Selbstüberwindung gelingen.

Doch die Jesuiten haben nicht nur in der Spiritualität eine eiserne, geradezu militärische Disziplin bewiesen, sie standen immer auch in dem Ruf besonderer intellektueller Kompetenz. Einer der großen jesuitischen Denker der Barockzeit war der aus Deutschland stammende Athanasius Kircher, der sich etwa mit bahnbrechenden Erkenntnissen zur Musiktheorie hervorgetan hat. In seiner 1665 verfassten, ziemlich esoterisch anmutenden Schrift „Arithmologia“ findet sich nun ein Zeichen, das dem heutigen Enneagramm sehr ähnlich sieht (und welches wohl auf ein ähnliches Symbol aus dem 13. Jahrhundert zurückgeht). Allerdings ist Kirchers Zeichen nicht mit dem Enneagramm identisch. Statt eines Dreiecks und eines Sechsecks weist die Figur des Jesuiten drei regelmäßige Dreiecke auf. Davon abgesehen ist auch die Bedeutung eine ganz andere – wenn auch manche Parallelen insbesondere zu Gurdjieffs Lehre durchaus vorhanden sind1. Jedenfalls haben wir es hier bestenfalls mit einer Vorstufe des heutigen Enneagramms zu tun. Die eigentliche Geschichte des christlich „getauften“ Enneagramms beginnt jedoch erst 1971. In diesem Jahr nämlich bot der chilenische Psychiater Claudio Naranjo, ein Schüler von Oscar Ichazo, in San Francisco die ersten Enneagramm-Kurse auf nordamerikanischem Boden an. Einer der Teilnehmer war der Jesuit Robert Ochs. Er übersetzte Naranjos Lehre in die Sprache jesuitischer Theologie und übernahm das Enneagramm im selben Jahr in sein Lehrangebot an der Loyola-Universität in Chicago. „Manchmal rief er erst am Abend vor seinem Seminar bei Claudio Naranjo an, um noch schnell irgendwas zu klären.“2 Seine Seminare hatten multiplizierende Wirkung unter den dortigen Theologiestudenten und darüber hinaus. Einer der Teilnehmer, Paul Robb SJ, machte das Enneagramm bald zum zentralen Lehrinhalt seines Instituts für spirituelle Leitung. In den folgenden Jahren trugen seine Schüler, unter denen sich etliche Missionare befanden, das Enneagramm in viele Teile der Welt.

Von nun an hatte die Enneagramm-Bewegung neben dem Arica-Institut in New York und den Aktivitäten von Naranjo und Helen Palmer, die beide in Berkeley wirkten, ein völlig unabhängiges drittes Zentrum in Chicago.

Die Wirksamkeit dieses Zentrums entfaltete sich jedoch in den ersten zehn Jahren fast ausschließlich in der Abgeschiedenheit von Seminarräumen, Einkehr- und Gemeindehäusern und blieb von den anderen Traditionssträngen weitgehend unbemerkt. Es wurden sogar einige Doktorarbeiten über das Enneagramm geschrieben, doch außerhalb der Loyola-Universität nahm davon kaum jemand Notiz.

Das änderte sich schlagartig, als Patrick O’Leary SJ, der das Enneagramm seit 1972 im Rahmen verschiedener Seminare für spirituelle Begleitung vermittelt hatte, 1984 zusammen mit Maria Beesing OP und Robert Nogosek CSC ein erstes Einführungsbuch zum Enneagramm der Persönlichkeitstypen veröffentlichte3. Bis dahin war das Enneagramm nur mündlich – und oft mit Schweigepflicht verbunden – tradiert worden. Zwar war es hier und da in Publikationen zu anderen Themen erwähnt worden, doch meistens am Rande und in esoterischer Sprache. Nun gab es auf einmal ein verständlich geschriebenes Einführungsbuch, und dieses Buch traf auf einen durch die mündliche Tradition längst vorbereiteten Markt. Damit war das Schweigen gebrochen.

Das hatte enorme Konsequenzen. Die nun beginnende starke öffentliche Nachfrage nach Enneagramm-Literatur führte zu einer Vielzahl weiterer Einführungsbücher. Seit Ende der 80er Jahre wuchs die Liste der Veröffentlichungen jährlich, und die 90er Jahre sahen in dieser Hinsicht einen regelrechten Boom.

Die Schrift von Beesing/Nogosek/O’Leary ist also nicht nur eines der ältesten Zeugnisse der Enneagramm-Adaption durch „die Jesuiten“4, sie markiert zugleich den Beginn der popularisierten Enneagramm-Rezeption überhaupt. Grund genug also, dieses Buch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der Beitrag von Beesing/Nogosek/O’Leary zur Entwicklung des Enneagramms ist ein doppelter: Zum Einen werden mit dieser Schrift eine ganze Reihe Bausteine der Enneagramm-Theorie erstmalig veröffentlicht, die inzwischen längst zum Gemeingut avanciert sind – auch wenn nicht in jedem Fall klar ist, welche dieser Elemente wirklich auf die Autorengemeinschaft zurückgehen und welche schon vorher im Umlauf gewesen sind. Zum Anderen haben die genannten Autoren sich Gedanken darüber gemacht, wie sich eine Aneignung des ursprünglich ja wenig christlichen Enneagramms theologisch legitimieren lässt. Mit dieser Aneignung haben sie die Weichen für eine verstärkte Verbreitung in kirchlichen Kreisen gestellt.

Doch zunächst zu den von Beesing/Nogosek/O’Leary festgehaltenen Innovationen der Enneagramm-Theorie. Da ist erstens die Triaden-Theorie zu nennen, die hier erstmalig publiziert wird, auch wenn sie bereits durch die Klassifizierung der drei Zentren (Gurdjieff) bzw. der drei Grundinstinkte (Ichazo5) vorbereitet war. Die drei Reaktionszentren heißen bei Beesing/Nogosek/O’Leary „Leibmitte“ (Instinktzentrum), „Herz“ (Gefühlszentrum) und „Kopf“ (Denkzentrum). Ihnen werden nun jeweils drei Typen zugeordnet, die das entsprechende Zentrum gegenüber den anderen beiden bevorzugen.

Zur Triade des Instinktzentrums gehören die Typen 8, 9 und 1. Sie haben einen privilegierten Zugang zu ihren von der Leibmitte aus gesteuerten Instinkten, während Gefühls- und Denkzentrum bei ihnen unterentwickelt sind. Sie interessieren sich weniger für emotionale Befindlichkeiten oder für die kognitive Erfassung einer Situation als für die Rolle, die ihnen selbst darin zukommt. Ihre – bewusste oder unbewusste – Einstellung lautet: „Hier bin ich. Nimm mich, wie ich bin!“ (S. 158) Der emotionalen Triade gehören die Typen 2, 3 und 4 an. Ihre Domäne ist die durch das Herz symbolisierte Welt der Gefühle, während die anderen beiden Reaktionszentren unterentwickelt bleiben. Ihr primäres Interesse richtet sich weniger auf die eigene Person als auf die des Gegenübers. Ihre erste Frage in Beziehungen lautet: „Ist mir dieser Mensch freundlich oder feindlich gesinnt? Magst du mich oder nicht?“ (S. 160) Die verbleibenden Typen 5, 6 und 7 schließlich sind in der Triade des Denkzentrums zusammengeschlossen. Sie reagieren bevorzugt aus dem Kopf heraus und vernachlässigen Gefühle und Instinkte. Sie sind primär daran interessiert, die Situation, in der sie sich gerade befinden, kognitiv zu erfassen.

Ihre charakteristische Frage lautet: „Wie hängt das alles zusammen?“ (S. 162)
Auf der Triaden-Theorie basiert nun auch, zweitens, die Theorie der Zentral- und Seitenpunkte. Jede Triade beinhaltet nämlich eine wiederum dreiteilige Binnenstruktur. Die zentralen Punkte 3, 6 und 9 werden als „Verleugnungspunkte“ bezeichnet, da die entsprechenden Typen das von ihnen eigentlich bevorzugte Reaktionszentrum gewissermaßen praktisch „verleugnen“, d.h. sie haben dazu den geringsten Zugang – einen noch geringeren Zugang als Angehörige anderer Triaden! Dies erscheint zunächst widersprüchlich, denn die Typen einer Triade gehören ja gerade deshalb zusammen, weil sie einen besonderen Zugang zu dem jeweiligen Reaktionszentrum haben; doch der Zugang zum bevorzugten Reaktionszentrum ist nie direkt, auch bei den Seitentypen nicht. Vielmehr unterliegt er stets einer bestimmten Verzerrung. Diese Verzerrung besteht bei den Verleugnungspunkten darin, dass die entsprechenden Typen zwar generell dazu tendieren, aus dem jeweils bevorzugten Zentrum zu reagieren, doch gerade dann, wenn eine Reaktion aus diesem Zentrum angemessen wäre, scheint ihnen der Zugang dazu verschlossen.

Typ 3 z.B. reagiert in solchen Situationen emotional, in denen ein instinktives oder reflektiertes Verhalten eigentlich angemessener wäre. Er ist stets darauf aus, andere zu beeindrucken und bedient sich dafür eines feinen emotionalen Sensoriums. Er versucht emotional zu erfassen, was anderen gefallen könnte. Doch gerade dadurch bleibt der Zugang zu den eigenen Gefühlen verstellt. Letztlich opfert er seine Gefühle dem Streben nach Prestige. (vgl. S. 161)

Die Seitenpunkte links und rechts der Verleugnungspunkte werden bildlich als „Flügelpunkte“ bezeichnet. Auch an diesen Punkten kommt es zu einer verzerrten Reaktionsweise. Da die Übergänge zwischen den Triaden als fließend gedacht werden, werden die grenznahen Flügeltypen von dem jeweils benachbarten Reaktionszentrum mit beeinflusst. Zugleich ist das gegenüberliegende Zentrum bei ihnen besonders unterentwickelt.

Das Reaktionsverhalten von Typ 8 beispielsweise wird vor allem vom Instinktzentrum geprägt, daneben aber auch von dem angrenzenden Denkzentrum. Besonders unterentwickelt ist bei ihm das gegenüberliegende Gefühlszentrum, was dazu führen kann, dass dieser Typ es kaum spürt, wenn jemand unter seinem Machtwillen leidet.

Das dritte Element, das durch die Publikation von 1984 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist die Pfeiltheorie. Sie betrifft die Verbindungslinien der neun Punkte der Enneagramm-Figur. Wie ist es zu erklären, dass drei dieser Punkte durch ein Dreieck, die anderen sechs dagegen durch ein Sechseck verbunden sind? Und welche Bedeutung hat die merkwürdig unregelmäßige Linienführung des Hexagramms für die dadurch verbundenen Charaktertypen? Diese Fragen fanden (spätestens) bei den Autoren um O’Leary zu einer Deutung, die eine starke Wirkung entfalten sollte.

Auch diese Theorie war indessen vorbereitet. Schon 1952 hatte Rodney Collin die Linien des Hexagramms mit Pfeilspitzen versehen, und zwar gemäß der von Gurdjieff aufgezeigten Reihenfolge der Kommazahlen, die sich ergibt, wenn eine Grundzahl (außer sieben) durch sieben geteilt wird. Danach zeigt Punkt 1 auf Punkt 4, 4 auf 2, 2 auf 8, etc.6 Versieht man nun auch die verbleibenden Punkte 3, 6 und 9 gegen den Uhrzeigersinn mit Pfeilspitzen, so ergibt sich folgende Figur (vgl. S. 145):

Die durch diese Pfeile angedeutete Dynamik wird nun von Beesing/Nogosek/O’Leary, wohl im Anschluss an Claudio Naranjo7, folgendermaßen interpretiert: Die Fixierung jedes Typs wird durch Stresssituationen in der Regel noch verstärkt. Dies äußert sich dadurch, dass man die negativen Eigenschaften des Typs übernimmt, mit dem man in Pfeilrichtung verbunden ist. So weist Typ 1 in Stresssituationen Züge jener melancholischen Resignation auf, die eigentlich eher für Typ 4 charakteristisch ist. Die bei Typ 1 normalerweise zu beobachtende Tendenz, Aufgaben mit diszipliniertem Einsatz in Angriff zu nehmen, versagt. Stresssituationen wirken auf diesen Typ lähmend. (vgl. S.147) In Situationen der Entspannung dagegen wird die Fixierung gelockert, was sich in einer Bewegung gegen den Pfeil äußert. Typ 1 kann in solchen Situationen seinen zwanghaften Ernst loslassen und gegen heitere Gelassenheit tauschen, welche eigentlich die Stärke von Typ 7 ausmacht. (vgl. S. 173)

Die Pfeiltheorie, die Beesing/Nogosek/O’Leary vorgestellt haben, ist – übrigens ebenso wie die Theorien über Triaden und Zentral- bzw. Seitenpunkte – nicht ohne Alternativen geblieben. Jerome Wagner zählt – schon ohne das Modell von Rodney Collin – nicht weniger als sechs verschiedene Interpretationen, die teilweise diametral entgegengesetzt sind8.

Die Schrift von Beesing/Nogosek/O’Leary enthält noch weitere Innovationen, von denen sich einige ebenfalls durchgesetzt haben. Sie vollständig aufzuzählen, würde zu weit führen. Wichtiger ist hier die theologische Aneignung, von der das Werk zugleich Zeugnis gibt.

Es liegt nahe, dass es vor allem die Sündenlehre ist, die zum Anknüpfungspunkt der christlichen Aneignung des Enneagramms geworden ist. Denn das moderne Enneagramm besteht im Kern in einer typologischen Zuordnung der – mit zwei Zusätzen versehenen – Todsünden zueinander, woraus sich die neun Charaktertypen ergeben. Das Thema Sünde ist dem Enneagramm also von Anfang an eingeschrieben. Doch der Sündenbegriff zerfällt in neun einzelne sündige Haltungen oder „Leidenschaften“. Die Aufgabe, vor die sich die Jesuiten gestellt sahen, bestand darin, einen einheitlichen Begriff von Sünde zurückzugewinnen, der den diversen Leidenschaften zugrunde liegt. Das sündige Ego, so die These der Theologen, resultiert letztlich aus einer Verwechslung eines Teilbereichs des Lebens mit dem Ganzen des Lebens: „Jede Persönlichkeit hat nämlich einen positiven Aspekt des Menschseins in eine Fixierung verwandelt, indem dieser positive Aspekt ins Extrem getrieben wurde. Was eigentlich einen Teilaspekt des Menschseins darstellt, hat sich so zum einzigen, alles beherrschenden, letztgültigen Wert entwickelt. So etwas geschieht immer auf Kosten der ganzheitlichen Integration des Menschen. Die Fixierung ist also insofern eine Sünde gegen die ganzheitliche Integration der menschlichen Persönlichkeit. Ein Teilaspekt, der zur Ganzheit des Menschen beitragen soll, wird für die Essenz des gesamten Daseins gehalten.“ (S. 60)

Die Teilaspekte des Lebens, mit denen der sündige Mensch das ganzheitliche „Wesen des Menschseins“ verwechselt, werden von den Jesuiten – in Anlehnung an Ichazos „Fallen“ – folgendermaßen benannt: Typ 1 hält den Teilbereich der Vervollkommnung für das Ganze, für Typ 2 ist es die dienende Gefälligkeit, für Typ 3 die Tüchtigkeit, Typ 4 verabsolutiert die Qualität der Authentizität, Typ 5 das Wissen, Typ 6 die Sicherheit, Typ 7 erliegt der Illusion, sein Idealismus sei bereits die Fülle des Lebens; Typ 8 ist auf den partiellen Wert der Gerechtigkeit fixiert, und Typ 9 verabsolutiert ein scheinbar demütiges und friedenstiftendes Sich-Herabsetzen. (vgl. S. 193) Sünde ist also für die Theologen nichts anderes als eine Verabsolutierung eines partiellen Wertes, eine verengende Verkehrung des Guten.

Doch wie für Ichazo, so besteht auch für die Jesuiten die Sünde nicht nur darin, in die Falle falscher Gedanken zu tappen. Auch auf affektiver Ebene äußert sich die Sünde, und zwar als „Wurzelsünde“, wobei Wurzelsünde nichts anderes ist als der theologische Begriff für Ichazos „Leidenschaft“. Gemeint sind also Zorn, Stolz, Lüge, etc. All diese Passionen heißen „Wurzelsünde“, da sie jeweils den Ursprung für die Mannigfaltigkeit der einzelnen sündigen Taten und Gefühle darstellen. Auf instinktiver Ebene schließlich nimmt die Sünde die Form eines „lebenshemmenden, blockierenden Misstrostes“ (S. 214) an. Auch Misstrost hat typspezifische Ausprägungen: Dieser Misstrost äußert sich in Niedergedrückheit (Typ 1), Abscheu (2), Rastlosigkeit (3), Ekel (4), Rebellion (5), Verzweiflung (6), Ich-Verfangenheit (7), Verwirrung bzw. Aufruhr (8) und innerer Dunkelheit (9). (S.219)

Dem dreifachen Sündenbegriff entspricht ein dreifacher Begriff von Umkehr. Umkehr ist zunächst ein kognitives Umdenken (metanoia), ein Paradigmenwechsel von der mentalen „Falle“ zur „Einladung“. Der Begriff der „Einladung“ deutet an, dass nicht der Mensch, sondern Gott der entscheidende Initiator wirklichen Umdenkens ist. Der Mensch wird eingeladen. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zur Ichazo-Tradition, wo in diesem Zusammenhang von „heiligen Ideen“ gesprochen wird; das erlösende neue Denken wird dort auf die eigene Leistung des Menschen zurückgeführt. Für die Jesuiten jedoch ist es gerade nicht die Idee einer heiligen Vollkommenheit, die etwa Typ 1 aus seiner Falle des Perfektionismus befreit, sondern die Einladung, auf das Wachstum zu vertrauen, kraft dessen sich auch das Unvollkommene entwickelt. Typ 2 wird eingeladen, seine an die heimliche Bedingung der Gegenliebe geknüpfte Gefälligkeit gegen die Idee der bedingungslosen Gnade zu vertauschen. Und so weiter: die übrigen Einladungen heißen Hoffnung (3), Vereinigung mit Gott (4), Gottes Fügung (5), Vertrauen/Glaube (6), Mitwirken mit Gott (7), Mitgefühl (8) und bedingungslose Liebe (9). (vgl. S. 193)

Ähnlich haben auf affektiver Ebene auch die Wurzelsünden ihre höheren Gegensätze. Ichazo hatte von „Tugenden“ gesprochen. Doch Beesing/Nogosek/O’Leary legen wiederum Wert darauf festzuhalten, dass echte Bekehrung nicht des Menschen, sondern Gottes Werk ist. Darin liegt die Pointe ihrer Umbenennung der Tugenden in „Geistesfrüchte“. Während die Wurzelsünde aus dem von Anfang an aussichtslosen Unternehmen resultiert, sich selbst zu erlösen, zeigt sich wahre Erlösung darin, dass das eigene Lebensmotto durch Gottes Güte geradezu in sein Gegenteil verwandelt wird. Die Geistesfrüchte sind: Gelassenheit/Heiterkeit (1), Demut (2), Wahrhaftigkeit (3), Ausgeglichenheit (4), Unbeschwertheit (5), Mut (6), Nüchternheit (7), Schlichtheit (8) und Engagement (9). (vgl. S. 207)

Auf instinktiver Ebene schließlich manifestiert sich Umkehr in der Erfahrung tiefen „Trostes“. Beesing/Nogosek/O’Leary unterscheiden drei unterschiedliche Erfahrungen von Trost und ordnen diese den drei Triaden des Enneagramms zu. Bei den Typen der Leibmitte-Triade zeigt sich dieser Trost als eine Art heilige Begeisterung; sie „erfahren alles im Kontext Gottes“. Getröstete Angehörige der Herz-Triade sind von einer tiefen Dankbarkeit für die bedingungslose Treue Gottes erfüllt. Und die Typen der Kopf-Triade erleben geistlichen Trost als innere Stärke und Frieden. (vgl. S. 218)

Das Enneagramm von Beesing/Nogosek/O’Leary ist also nichts anderes als eine theologische Interpretation des Enneagramms Ichazos: Die heilige „Idee“ wird zur göttlichen „Einladung“, aus der „Tugend“ wird die „Geistesfrucht“, und die typspezifische Manifestation der Erlösung auf instinktiver Ebene wird als geistlicher „Trost“ verstanden.

Doch mit diesen Umdeutungen ist das theologische Programm von Beesing/Nogosek/O’Leary noch nicht vollständig erfasst. Denn Gott ist ein Subjekt der Hilfe, die der Mensch braucht, um von seiner zwanghaften Fixierung frei zu werden: „Diese Hilfe kann auf dreifache Weise geschehen: durch die Arbeit an sich selbst, durch andere Menschen und nicht zuletzt durch Gott … Alle drei Formen der Hilfe können als Komponenten unserer Erlösung gesehen werden.“ (S. 167)

Es ist die Komponente der „Arbeit an sich selbst“, die das „jesuitische“ Konzept kompliziert werden lässt. Denn an dieser Stelle wird nun die oben beschriebene Pfeiltheorie eingebaut. Die Pfeiltheorie beschreibt eigentlich, wie gezeigt, typisches Verhalten in Stress- bzw. Entspannungs-Situationen. Ist ein Mensch entspannt, so verändert sich sein Verhalten und ähnelt dem desjenigen Typs, mit dem er gegen den Pfeil verbunden ist. Der Pfeil ist also ein ‚Indikator‘ eines entspannten und daher innerlich gelösten, befreiten Zustandes.

Im Kontext der „jesuitischen“ Theologie kommt es jedoch zu einer Bedeutungsverschiebung. Hatte die Pfeiltheorie bisher eine rein indikatorische Funktion, so wird daraus nunmehr ein Imperativ abgeleitet: Bemühe dich um Befreiung! Ergreife die Initiative und eigne dir die positiven Eigenschaften des entsprechenden Typs an! Bei Beesing/Nogosek/O’Leary klingt das so: „Die Mühe, die man selbst aufbringen muss, besteht darin, den Weg ‚gegen die Pfeilrichtung‘ im Enneagramm einzuschlagen. Dieses ‚Gegen-den-Strom-Schwimmen‘ ist symbolischer Ausdruck einer Erfahrung persönlicher Anstrengung. Es ist ein ‚agere contra‘, ein ‚Handeln dagegen‘. Man geht dabei gegen die durch zwanghafte Fixierung verfestigte innere Neigung an.“ (S. 168f) Danach muss Typ 1 durch innere Arbeit jene fröhliche Unbeschwertheit erlangen, die eigentlich für Typ 7 charakteristisch ist. Typ 7 wiederum kann aus seiner Rastlosigkeit ausbrechen, indem er sich etwas von der ruhigen Innerlichkeit von Typ 5 aneignet, etc.

Der Beitrag, den der Mensch zu seiner Erlösung selbst leisten kann und soll, erscheint in der Beschreibung durch Beesing/Nogosek/O’Leary beträchtlich. Im Grunde wächst sich die „Arbeit an sich selbst“ zu einem regelrechten Konkurrenzmodell zu dem oben beschriebenen Grundsatz aus, wonach die Initiative der Erlösung ganz auf Seiten Gottes gesehen wurde. Die dadurch entstehende Spannung bleibt letztlich ungelöst.

Diese Spannung spiegelt sich dann auch in der Funktion, die Jesus im System der Theologen erfüllt. Am Rande kommt er zwar als Erlöser zur Sprache, der den „Lösepreis für alle Menschen beglichen (hat) durch sein Leiden und seinen Tod“. (S. 168) Weit größeren Raum nimmt jedoch die Beschreibung Jesu als vollendete Verkörperung der positiven Eigenschaften der neun Typen ein. Schon das Titelbild (der deutschen Übersetzung) von Beesing/Nogosek/O’Leary zeigt eine durch das Enneagramm eingefasste Christus-Ikone. Ein ganzes Kapitel ist dann auch mit dem Titel „Jesus im Spiegel des Enneagramms“ überschrieben. Darin werden die Eigenschaften Jesu zusammengetragen, die den positiven Zügen der neun Typen entsprechen. Wie Typ 1 hat Jesus Ideale, wie Typ 2 dient er anderen, er ist kein Feind des Erfolges (3), ist einfühlsam (4), liebt die Weisheit (5), ist treu (6), optimistisch (7), er kämpft gegen Ungerechtigkeit (8) und ist geduldig (9). Kurz, Jesus „ist der erste ganzheitliche Mensch im vollen Sinn. Indem er alle Aspekte des menschlichen Wesens in sich zuließ, vermied er die Unausgeglichenheit, die dadurch entsteht, dass man mit allen Mitteln nur einen bestimmten Teilaspekt des Menschseins zu retten und zu verteidigen sucht.“ (S. 133)

Jesus kommt mehr als Vorbild des integrierten Menschen in den Blick, denn als Erlöser. Die christliche Überzeugung, dass der Mensch in Christus nicht nur ein Vorbild erhalten hat, sondern dass Gott in Christus die Bedingungen für ein neues, versöhntes Verhältnis zu seiner Schöpfung geschaffen hat – diese Überzeugung findet in dem Konzept von Beesing/Nogosek/O’Leary leider keinen Widerhall.

Wie auch immer – auf jeden Fall haben „die Jesuiten“, deren Konzept seinen Niederschlag in dem Buch von Beesing/Nogosek/O’Leary gefunden hat, den Grundstein gelegt für eine christliche Enneagramm-Tradition, zu welcher bald so profilierte, aber auch so verschiedene Interpretationen wie die von Don Richard Riso und von Richard Rohr gehören sollten.

Johannes Bartels

Johannes Bartels ist Theologe und wohnt in Leipzig. Zur Zeit schreibt er eine Doktorarbeit über das Enneagramm im Kontext evangelischer Erwachsenenbildung.

  1. Vgl. zum Enneagramm G.I.Gurdjieffs EnneaForum 16/1999, S. 17ff.
  2. Jerry Wagner, Chicago Enneagram History, in: Enneagram Monthly Juli/1996, S. 12.
  3. Beesing, Maria/Nogosek, Robert J./O’Leary Patrick H.: The Enneagram: A Journey of Self Discovery, Denville, NJ 1984 (deutsch: Das wahre Selbst entdecken. Eine Einführung in das Enneagramm, Würzburg 1992). Die Seitenangaben in diesem Artikel beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf die deutsche Übersetzung.
  4. Die abkürzende Rede von „den Jesuiten“ begegnet in der Enneagramm-Literatur häufig. Sie verschleiert allerdings, dass nicht nur Jesuiten an der christlichen Rezeption des Enneagramms beteiligt waren, wie ja bereits die Zusammensetzung der Autorengemeinschaft M.Beesing OP, R.Nogosek CSC und P.O’Leary SJ zeigt. Zudem hat es eine offizielle Stellungnahme des Jesuiten-Orden zum Enneagramm nie gegeben. Es waren jedoch in erster Linie Jesuiten, die bei der Aneignung und Verbreitung des Enneagramms ganz eindeutig die Vorreiterrolle übernommen haben. Von daher ist die abkürzende Rede von „den Jesuiten“ nicht ganz unberechtigt.
  5. Vgl. zum Enneagramm O.Ichazos EnneaForum 17/2000, S.19ff.
  6. Vgl. Rodney Collin: El Desarollo de la Luz, Mexico City 1952. (engl.: The Theory of Celestial Influence. Man, the Universe and Cosmic Mystery, Boulder, Colo./London 1984). Auch Collins Deutung dieser Pfeile, weist bereits in die von den Jesuiten durchgesetzte Richtung.
  7. Nach eigenen Angaben hatte Naranjo die heute grundlegend gewordene Pfeiltheorie schon 1971 gelehrt, vgl. Wandlung durch Einsicht. Die Enneagrammtypen im Leben, in der Literatur und in klinischer Praxis, Petersberg 1999, S.400 Anmerkung 19.
  8. Vgl. Paradigm Shifts. The Connecting Lines of the Enneagram Figure, in: Enneagram Monthly July/August 1999, S.22.

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 17-21

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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