Die Gefahr für eine Neun, ihre Transformation zu verschlafen

Rip van Winkle Irving, Washington / Übers. Walter Pache, Reclam UB 9368, Stuttgart 1972 – Seitenangaben in Klammern (Erstveröffentlichung 1820)
Beitrag von Hans Peter Niederhäuser (Foto)
Washington Irvings Erzählung „Rip van Winkle“, 1820 zum ersten Mal erschienen, wird oft als erste amerikanische Kurzgeschichte bezeichnet. Sie erzählt das unglaubliche Erlebnis eines holländischen Siedlers im Gebiet des Hudson-River.
Der Autor stellt uns diesen Rip van Winkle als „einfachen, gutmütigen Burschen“ (9) vor. Als weitere Charakteristiken fügt er noch hinzu: „er war zudem ein liebenswürdiger Nachbar und ein folgsamer Ehemann, der unter dem Pantoffel stand“ (11). Es sei seiner Sanftmut zu verdanken, dass er sich „allseitiger Beliebtheit“ (11) erfreuen durfte. Müsste man Rip van Winkle an dieser Stelle einem der neun Enneagramm-Charaktermuster zuordnen, würde man vielleicht bereits an eine Neun denken. Wer überall beliebt ist, neigt möglicherweise wie die Neun dazu, grundsätzlich Konflikte zu vermeiden. Dass dem auch bei Rip so ist, spüren offenbar schon die Kinder: „Immer wenn er im Dorf umherschlenderte, war er von einer Schar Kinder umgeben, die ihm an den Rockschößen hingen, auf seinen Rücken kletterten und ihm ungestraft tausend Streiche spielten.“ (11)

Rips Frau wird dem Leser als eine eigentliche Xantippe vorgestellt: „Von früh bis spät ging ihr Mundwerk, und alles, was er sagte oder tat, rief unweigerlich einen Sturzbach hausfraulicher Beredsamkeit hervor. Rip hatte nur eine Möglichkeit, auf alle derartigen Vorhaltungen zu antworten, und die war durch häufigen Gebrauch zur Gewohnheit geworden. Er zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf, schlug die Augen zum Himmel, aber sagte nichts. Das freilich führte zu einer neuen Salve seiner Frau, so dass er seine Truppen abziehen musste und ausser Haus flüchtete.“ (15) Wir erleben Rip hier im klassischen Dilemma einer konfliktvermeidenden Neun. Sagt er um des lieben Friedens willen nichts, wird auch dieses vermeintliche Nichtverhalten zum Anlass eines neuen Angriffs, so dass ihm nichts anderes mehr als die Flucht bleibt. Vor der kleinen Dorfschenke findet er dann Gleichgesinnte: „Hier saßen sie gewöhnlich im Schatten, einen faulen Sommertag lang, erörterten träge den Dorfklatsch oder erzählten endlos schläfrige Geschichten ohne Inhalt.“ (17) Da konnte ihn dann nichts mehr aus seiner Ruhe bringen.
Die zänkischen Angriffe seiner Frau kamen jedoch nicht von ungefähr, denn die Sanftmut und Gutmütigkeit Rip van Winkles hatten auch eine Schattenseite. Sie wird in der Enneagramm-Sprache als emotionale Leidenschaft bezeichnet. Beim Typ Neun handelt es sich da um die Trägheit – und genau das war es, was Rips Frau in Rage brachte: „Sein Weib lag ihm ständig in den Ohren wegen seiner Trägheit“ (15). Sind denn Neuner faule Menschen? Oft wird diese Frage gestellt, und es lohnt sich, ihr am Beispiel Rip van Winkles nachzugehen. Als Fehler in Rips Charakter bezeichnet der Autor „eine unüberwindliche Abneigung gegen alle Arten von einträglicher Arbeit“ (11). Er fügt aber gleich hinzu, dass es nicht „ein Mangel an Ausdauer und Beharrlichkeit“ (11) sei. Rip tut nicht nichts. Er kann den ganzen Tag fischen, auch wenn nichts anbeißt, er kann tagelang auf Eichhörnchenjagd gehen, ja, „er weigerte sich nie, einem Nachbarn selbst bei der härtesten Plackerei zu helfen“ (13). Rip van Winkle ist also beileibe nicht ein fauler Mensch. Wer ihn braucht im Dorf, der ruft ihn. Wie könnte er nein sagen? Damit würde er allenfalls eine Unstimmigkeit heraufbeschwören, was seinem Neuner-Muster zutiefst zuwider liefe. Warum aber lässt er es bei seiner Frau soweit kommen, dass ihm nur noch die Flucht bleibt? Es liegt daran, dass sie nicht irgendetwas von ihm verlangt, sondern dass sie ihn mit ihrer Forderung im Kern seiner Neuner-Trägheit trifft: „Rip war bereit, sich um alle Geschäfte zu kümmern, nur nicht um seine eigenen.“ (13) Hier liegt der zentrale Punkt. Die Trägheit der Neun ist zutiefst eine Weigerung, sich um sich selbst zu kümmern, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich selbst zu begegnen; es handelt sich in letzter Konsequenz um eine spirituelle Trägheit.

Wie aber geht die Geschichte von Rip van Winkle weiter? Seine Frau erkennt sein wirkliches Problem nicht, sondern glaubt, es handle sich bei ihm, um „gewohnheitsmäßige Faulheit“ (19), so dass sie ihn bis in die Dorfschenke verfolgt, „unvermutet in den Frieden der Versammlung eindrang und ihre Mitglieder samt und sonders in die Flucht schlug“ (19). Rip kennt keine andere Strategie, dem Konflikt auszuweichen, als weiter zu fliehen. Mit der Flinte und seinem Hund zieht er ins Kaatskill-Gebirge. Dort begegnet er einem struppigen Alten. In „seiner gewohnten Bereitwilligkeit“ (23) folgt er ihm in eine Schlucht, wo er eine Gesellschaft seltsamer Gestalten beim Kegeln trifft, der er dann aufzuwarten hat. Auch hier wieder findet er eine Fluchtmöglichkeit, die dem Neuner-Muster entspricht: Er kostet von dem Getränk, mit dem er die Gesellschaft zu bedienen hat. „Eine Kostprobe folgte der anderen, und er zog die Flasche so oft zu Rate, dass ihm endlich die Sinne schwanden, seine Augen sich im Kopf drehten, sein Kopf sich immer tiefer senkte und er in einen festen Schlummer verfiel.“ (25f.) Der innere Dämmerzustand, die Selbstbetäubung, ist eine letzte Ausweichmöglichkeit für den Enneatyp Neun Das ist gleichzeitig ein Entfliehen aus der Gegenwart. Bei Rip van Winkle ist das so dargestellt, dass er in seinem Schlaf gleichsam aus der Zeit fällt. Er erwacht erst zwanzig Jahre später wieder und kehrt in sein Dorf zurück, das er allerdings kaum wieder erkennt. Auch die Menschen sind andere geworden; wer früher ein Kind war, ist jetzt erwachsen, Alte sind gestorben, unter ihnen auch seine Frau. Weder kennt er jemanden, noch will ihn jemand erkennen. „Er begann an seiner eigenen Identität zu zweifeln und fragte sich, ob er noch er selbst oder ein anderer sei.“ (37) Erst die Begegnung mit seiner Tochter bringt ihn wieder auf den Boden der Realität zurück. Allerdings: verändert hat sich Rip van Winkle nicht. Die Tochter nimmt ihn zu sich nach Hause, seine Frau scheint er nicht zu vermissen, im Gegenteil, und „da er zu Hause nichts zu tun hatte und das glückliche Alter erreicht hatte, da ein Mann ungestraft faul sein darf, nahm er wieder seinen Platz auf der Bank an der Wirtshaustür ein – verehrt als einer der Patriarchen des Dorfes und als wandelnde Chronik der alten Zeiten“ (43). Geschähe es nicht mit einem ironischen Augenzwinkern, dächte man, der Autor würde sich mit Rip van Winkle solidarisieren, wenn er dessen neue Freiheit als eine Befreiung aus Weiberherrschaft und Ehejoch preist. Er macht ihn dadurch zum Anti-Helden. Rip van Winkle hat sich seinen eigenen Geschäften nicht gestellt und ist so trotz des märchenhaften Erlebnisses zutiefst ein Gefangener seines eigenen Musters geblieben. Was wie der Beginn einer Transformation ausgesehen hat, ist im Sand verlaufen.

Washington Irving hat der Geschichte von Rip van Winkle eine literarisch gültige Form verliehen. Die Figur allerdings existierte schon lange vor ihm. Für ihn bildete die Sage vom Schafhirten Peter Klaus den Ausgangspunkt. Sie ist im Harz in Deutschland beheimatet und gehört ins Umfeld der Kyffhäuser-Sagen um Friedrich Barbarossa. Doch auch nach Irving lebte das Motiv weiter. Rip van Winkle ist gewissermassen nach Europa zurückgekehrt. Max Frisch verwendet es 1954 in seinem Roman „Stiller“ (Frisch, Max: Stiller, Ex Libris, Zürich – Seitenangaben in Klammern, Erstveröffentlichung Frankfurt a.M. 1954). Er lässt Stiller im Gefängnis seinem Verteidiger das Märchen, wie er es nennt, erzählen. Allerdings ändert er den Schluss ab, was für unsere enneagrammatische Betrachtung von großer Bedeutung ist. Die Wendung tritt bereits dort ein, wo Rip van Winkle aus seinem zwanzigjährigen Schlaf erwacht. Bei Frisch ist er in einem nie endenden Traum gefangen, in dem er bei der Gesellschaft in der Schlucht stets die Kegel aufstellen muss. In dieser Situation gibt es nur eine Lösung: „Es gab nur eins: Rip musste erwachen!“ (79) Es scheint hier geradezu so, als würde Rip selbst den Entschluss fassen aufzuwachen. Während es sich bei Irving, wie wir gesehen haben, um ein ganz gewöhnliches Aufwachen handelt, wie wir es jeden Morgen erleben, welches Rip in seine alte Trägheit zurückfallen lässt, bekommt es bei Frisch eine andere Komponente. Das zeigt sich im weiteren Verlauf darin, dass der Frage nach Rips Identität ein viel größerer Raum gegeben wird. Bei Irving konnten wir lediglich eine kurze Identitätskrise feststellen. Betrachten wir, wie Frisch dieses Thema gestaltet. Rip van Winkle kehrt ins Dorf zurück, stellt die Veränderungen fest und fragt nach den Leuten, die er seinerzeit gekannt hat. „Endlich fragt er (mit leiser Stimme) auch nach sich selbst.“ (80). Dieses Fragen nach sich selbst, die spirituelle Arbeit für die Neun, führt ihn zur Erkenntnis, dass er „sein Leben verschlafen“ (80) habe, und zu einer wirklichen Umwandlung: „Wer er denn selber wäre? fragte man ihn, und er besann sich. Gott weiß es! sagte er: Gott weiß es, gestern noch meinte ich es zu wissen, aber heute, da ich erwacht bin, wie soll ich es wissen?“ (80) Das spirituelle Erwachen führt zur Einsicht, dass die frühere Identität ein Trug war. Die Neun baut sich diese Täuschung dadurch auf, dass sie ihre Identität aus der Verschmelzung mit anderen bezieht. Dem widersetzt sich der zurückgekehrte, erwachte Rip bei Frisch. Er gibt sich niemandem zu erkennen und widersteht dieser Versuchung sogar gegenüber seiner Tochter. „Und so ließ auch das junge Weib ihn stehen, was ihn schmerzte, doch es musste wohl sein. War er denn umsonst erwacht?“ (81) Nur durch diesen Schmerz hindurch kann die Neun zu ihrer wahren, eigenen Identität finden und damit zu wirklicher Freiheit. Rip van Winkle kehrt nicht mehr in die alte Rolle zurück, in der er sich in seiner Trägheit von anderen hat bestimmen lassen, und er „lebte noch einige Jahre im Dorf, ein Fremdling in fremder Welt“ (81).

Hans Peter Niederhäuser
www.niederhaeuser.jimdo.com / www.nietext.com
Unter dem Titel „Begegnung mit neun Originalen“ gibt es vom gleichen Autor die ennegrammatischen Interpretationen von neun Novellen aus der deutschen Literatur. Der Text kann gratis heruntergeladen werden:
http://www.nietext.com/bibliothek/sachtexte/

Der Beitrag erschien im Enneaforum Heft 40 11/2011

Kommentare

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Diez Elmar · 04.06.2012 12:36 → Kommentarlink 001607

Danke, ein super Artikel über das Muster einer 9. Lebe selbst das Muster der 9,und habe mich in beiden Geschichten total wiedergefunden.

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