„Geschichte einer Seele“ (Gerhard Heck)

Gerhard Heck hat anlässlich eines Vortrags Gedanken zum Dichter Heinrich von Kleist zusammengetragen

Biografische Eindrücke aus dem Leben einer genialen Vier: Heinrich von Kleist (1777–1811)

Aus den Briefen an seine Verlobte Wilhelmine, seine Schwester Ulrike und verschiedene Freunde geht hervor: Der Dichter des „Zerbrochenen Krugs“, des „Erdbebens in Chili“ sowie des „Michael Kohlhaas“ war ein Typ Vier, wie man ihn nicht besser erfinden könnte: ein Sprechdenker, dessen Redefluss von viel Gefühlstiefe und Phantasie, aber wenig Sinn für Realität zeugt, unbeirrbar einer Konstante folgend: der einer ganz und gar selbstbezogenen Wahrnehmung.

Das sei an einigen Eindrücken veranschaulicht, die mir in lebhafter Erinnerung sind; ich verdanke sie der Darstellung des Schauspielers C. D. Krumpholz im Foyer des Schauspielhauses Godesberg („Geschichte einer Seele“ 17.1.2001).

Kleist offenbart seine Zuneigung der angebeteten Wilhelmine Zenge und sie erwidert diese Zuneigung.

Er schwärmt für sie, wobei die Zukunft gemeinsamer Lebensgestaltung und die Sorge für den Lebensunterhalt seine Gedanken beschäftigt. Zunächst ist er noch „entschlossen, sich an ein Amt zu binden, aber welches…?“ Plötzlich reist er überstürzt und ohne Abschied von Wilhelmine nach Berlin. Von dort erklärt er seiner Verlobten brieflich:

„… ich passe in kein Amt … ich wähle kein Brotstudium … ich passe mich nicht unter Menschen an; arbeiten will ich nicht, sondern reisen. Warte bitte 10 (!) Jahre auf mich, dann bin ich soweit.“ In Berlin hielt es ihn etwa ein Jahr, bis er am Studium der Philosophie Kants und Fichtes verzweifelte; er reiste nach Paris, um dort „die Wissenschaften zu studieren.“

Seine wichtigste Einsicht dort ist: „nie dort zu leben, wo ich bin. Wenn ich in Berlin lebe, sehne ich mich nach Paris. Und lebe ich in Paris, so bin ich gedanklich in Berlin.“ Hatte er noch in Würzburg bemängelt, die Bücherei dort biete so gar nichts an zeitgerechter Literatur, so kritisiert er in Paris, wo er natürlich alle wünschenswerte Literatur zugängig findet, die Philosophen hätte die Welt nur beschrieben, aber nicht verbessert. Nach weniger als einem halben Jahr verlässt er Paris und findet, es sei besser, Bauer in der Schweiz zu sein.

Wilhelmine begegnet seinem neuen Plan mit Skepsis: Sie sei doch Städterin, habe häufig Kopfschmerz und die Sonne bekäme ihr überhaupt nicht. Solchen Einwänden begegnet der preußische Junker und Weltverbesserer mit dem Hinweis, für die Drecksarbeit habe man doch drei bis vier Mägde, die an Arbeit in der Sonne gewöhnt seien, wo sei da das Problem?

Im übrigen kommt es zum Kauf eines „Gutes“, dessen Finanzierung er von seiner Schwester Ulrike erwartete, nicht, da er kurz entschlossen eine Klause auf einer Insel in der Aare mietete, um dort wütend und einsam schriftstellerisch zu arbeiten, dem Vaterland und der Welt zum Nutzen. Der selbstkritischen Einsicht, er „freue sich nicht an dem, was ist, sondern nur an dem, was nicht ist“, konnte er sich nicht verschließen.

Ich hoffe, das reicht als Illustration für den unbewußten Mechanismus „Komm her, geh weg!“

mit dem auch diese unerlöste Vier ihre Beziehungen gestaltet. Wird es verbindlich, fühlt man das Halsband und sehnt sich nach Freiheit; hat man Freiheit, sehnt man sich nach enger Beziehung und idealisiert dieselbe. So war Kleist nicht in der Lage, eine partnerschaftliche Mann-Frau-Beziehung zu leben. Leichter war für ihn die geschwisterliche Beziehung zu Ulrike, die ihn finanziell unterstützte, wo sie konnte.

Mit Männern, die ihn psychisch stabilisierten, konnte ihn tiefe Freundschaft verbinden.

Seit 1810 wieder in Berlin gerät er in Turbulenzen: Seine schriftstellerischen Pläne scheitern, er gerät in wirtschaftliche Not. In dieser Situation besinnt er sich auf seine Herkunft als preußischer Adliger und stellt an den König das „Gesuch auf eine militärische Anstellung.“ Der König befürwortet das Gesuch. Es erwartet Kleist eine Stelle „entweder als Adjutant des Königs (!) oder als Chef einer Kompanie.“

Seine Reaktion: Er ist enttäuscht und kritisiert die vorsichtige Politik des Königs gegenüber Napoleon als nicht vaterländisch und mutig genug.

Wer ihn erfreut, ist Henriette Vogel, eine verheiratete Frau und Mutter von zwei Kindern, seine Freundin . Wenigstens sie bringt ihm keine Kritik entgegen, sondern empathische Liebe. Sie geht mit ihm am 21.11.1811 am Wannsee in den Freitod. Kleist stirbt mit 34 Jahren. Über das Sterben äußert er sich lange vorher so:

„Ich habe keinen anderen Wunsch als zu sterben, wenn mir drei Dinge gelungen sind:
ein Kind, ein schönes Gedicht und eine große Tat.
Denn das Leben hat doch immer nichts Erhabeneres, als nur dieses, dass man es erhaben wegwerfen kann.“

Anm.: Bis auf das letzte Zitat stammen die übrigen Zitate aus dem Gedächtnis des frischen Eindruckes während der Lesung von Krumpholz, sind also als „Zitate“ aufzufassen.

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 16

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930