Enneagramm und Wissenschaft – Das Enneagramm und die Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun

Teil 2

In diesem Teil möchte ich eine Einteilungsmöglichkeit von Persönlichkeitsmodellen vorschlagen, um damit die Gegenüberstellung des Enneagramm und der Kommunikationspsychologie vorzubereiten.

Die Auswahl an Persönlichkeitsmodellen ist groß und unübersichtlich. Viele Anbieter unterschiedlichster Couleur konkurrieren miteinander um die Anerkennung ihrer jeweiligen Modelle, die Ausdehnung auf verschiedene Anwendungsbereiche, Marktpräsenz und Kunden. Die Palette der Angebote reicht von theoretisch hervorragenden aber praktisch unbrauchbaren Systemen über geheimniskrämerische Scharlatanerie unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaftlichkeit bis hin zu seriöser Professionalität mit hoher Einstiegsmesslatte. Die Grenzen sind fließend und es ist nicht ganz einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen, da Profit bekanntermaßen viele Geister anzieht. Nicht wenige Anbieter versuchen deshalb ihr Wissen über Lizenzen (für Nachfrager und Trainer) zu schützen, wie z.B. das Struktogramm®. Einerseits stellt dies eine gewisse Absicherung für die Bewahrung der Reinheit der Lehre und Güte in der Anwendung dar, andererseits verwehrt dies auch teilweise den Blick auf den inneren Gehalt. Wo es keine Lizenzierung gibt, wie z.B. beim Enneagramm, herrscht Freiheit in der Anwendung und Forschung mit allen Vor- und Nachteilen von interdisziplinärer Weiterentwicklung bis zu dilettantischem Missbrauch. Aber auch im wissenschaftlichen Bereich gibt es freie Modelle, wie z.B. die Differentielle Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun oder die Funktions- und Einstellungstypologie nach C. G. Jung. Aus letzterer sind wiederum außerhalb von Hochschulen zahlreiche neue Modelle entstanden.

Um die Vielfalt an Persönlichkeitsmodellen inhaltlich überschaubar zu machen, braucht es ein Ordnungsraster. Beim Vergleich verschiedener Persönlichkeitsmodelle miteinander fiel mir auf, dass viele Systeme deutliche Ähnlichkeiten untereinander aufweisen. Außerdem stellen die Verschiedenheiten untereinander meist keine Widersprüche dar, sondern vielmehr andere Betrachtungswinkel auf dieselben Wahrheiten. Daraus schließe ich, dass viele Wege nach Rom führen und man somit immer bei den selben Gegebenheiten landet, egal aus welcher Richtung man angefangen hat den Weg des Suchens zu beschreiten. Diese Erkenntnis möchte ich exemplarisch mit meiner Gegenüberstellung zweiter zentraler Modelle beweisen. Um der Unübersichtlichkeit Herr zu werden, verwende ich eine Einteilung von Persönlichkeitsmodellen, die auf einer Idee des TMS-Master-Trainers Hartmut Wagner basiert: die Einteilung in Drei- und Vier-Komponenten-Modelle, gemäß ihrer Basiszentren. Diesen Gedankenansatz habe ich konsequent weiter verfolgt und auf zahlreiche bekannte Modelle angewendet. Die einzelnen Modelle lassen sich, auf ihre Grundkomponenten zurückgeführt, besser einordnen. Diese Aufteilung erscheint mir auch deshalb stimmig, da sich dadurch die Schwerpunkte in der Anwendung einzelner Modelle klarer herauskristallisieren. Drei-Komponenten-Modelle erfüllen einen anderen Zweck als Vier-Komponenten-Modelle, wie ich im Verlauf der Systematisierung erkennen durfte. Zu den sogenannten Drei-Komponenten-Modellen gehört auch das Enneagramm, da es im Kern auf den drei Komponenten Bauch-, Herz- und Kopfzentrum basiert. Die Differentielle Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun hingegen ist den Vier-Komponenten-Modellen zuzuordnen, da es sich in dem Basismodell der vier Grundstrebungen nach Riemann/Thomann einordnen lässt. Außerdem möchte ich die Palette um die Gruppe der Fünf-Komponentenmodelle erweitern, da hier noch einmal ein ganz anderer Ansatz zu finden ist. Sechs-, Sieben-, Acht- und Mehrkomponenten lassen sich über ihre zugrunde liegenden Basiskomponenten meiner Erfahrung nach einer der drei genannten Gattungen zuordnen.

Doch zunächst einmal möchte ich das Wesen der Drei- und Vier-Komponentenmodelle näher erläutern und damit ein tieferes Verständnis für die prinzipiellen Unterschiedlichkeiten schaffen, bevor das Enneagramm und die Kommunikationstypologie im nächsten Teil konkret einander gegenübergestellt werden. Eine Beleuchtung der Fünf-Komponenten-Modelle ist in diesem Zusammenhang nicht nötig.

Drei-Komponenten-Modelle
Die Drei gilt von alters her als heilige Zahl und Symbol der wirklichen Einheit,1 sie beschäftigt sich mit dem Innern einer nach außen hin erscheinenden Ganzheit. So besteht nach christlichem Verständnis der eine Gott aus der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist und in der hinduistischen Tradition erscheint die Gottheit in Form von Brahma (Erschaffer), Vishnu (Erhalter) und Shiva (Zerstörer). Indiens traditionelle Naturheilkunde Ayurveda mit dem ganzheitlichen Betrachtungsmodell von Mensch, Natur und Kosmos besteht aus den drei lebensbestimmenden Dimensionen Vata, Pitta und Kapha. Die Zeit setzt sich aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen. Aller guten Dinge sind drei. Poppers Drei-Welten-Lehre besagt, dass unsere Wirklichkeit aus drei untereinander verbundenen und aufeinander einwirkenden Welten besteht: der physischen, der psychischen und der geistigen.2 Der Mensch entsteht biologisch gesehen aus drei embryonalen Keimblättern und besitzt nach den Erkenntnissen des Gehirnforschers Paul MacLean ein drei-einiges Gehirn, bestehend aus Stamm-, Zwischen- und Großhirn3. Eine Persönlichkeit ist gemäß allgemeiner Übereinstimmung eine ganzheitliche Gestalt aus Körper, Seele und Geist4.

Komponente 1 Komponente 2 Komponente 3
Ayurveda Vata Pitta Kapha
Drei-Welten-Lehre nach Popper Physisch Psychisch Geistig
Gehirnforschung nach Paul MacLean Stammhirn Zwischenhirn Großhirn
Grundfarben nach Goethe Gelb Rot Blau
Hinduismus Brahma Vishnu Shiva
Humanbiologie (3 Hohlräume) Bauch Brust Kopf
Katholizismus Gott-Vater Gott-Sohn Heiliger Geist
Soziologie Vater Mutter Kind
Physik Neutron Proton Elektron
Unternehmens-entwicklung Organisationsentwicklung Personalentwicklung Strategieentwicklung
Zeit Vergangenheit Gegenwart Zukunft
Ei Eiklar Eigelb Keimscheibe
Mensch Körper Seele Geist

Tab. 1: Drei-Komponenten-Modelle (eigene Darstellung)

Die Dreiteilung findet auch in zahlreichen Persönlichkeitsmodellen ihren Niederschlag: Kretschmer erkennt Anfang des letzten Jahrhunderts drei unterschiedliche Körperformen beim Menschen, die athletische, die leptosome und die pyknische5, eine gewagte Zuordnung körperlicher Merkmale zu psychischen Verfasstheiten, die anschaulich die Anfänge der Typenlehre aufzeigt, inzwischen aber als überholt gilt. Friedmanns Prozessorientierte Persönlichkeitspsychologie (PPP) teilt in die menschlichen Lebensbereiche Denken, Fühlen und Handeln ein6 und entwickelte daraus den Handlungs-, Beziehungs- und Sachtyp.7 Ein moderner und elementare Ansatz, der bundesweit in zahlreichen, eigens dafür entstandenen ILP-Schulen gelehrt wird. Sein Schüler Winkler entwarf von diesem Konzept ausgehend eine Psychographie-Landkarte mit einer Feinunterscheidung in insgesamt 81 Untertypen. Die drei Archetypen der Führung bei Neuberger heißen Vater, Held und Heilsbringer und Pitcher verwendet in ihrem Modell die drei Typen Artists, Craftsmen und Technocrats.8 In den Führungsstilen des in der Wirtschaft verbreiteten Managerial GRID-Systems9 wird zwischen autoritär, fürsorglich und analytisch unterschieden. Das System des Struktogramms als Ergebnis einer Biostruktur-Analyse unterscheidet in Rot, Blau und Grün.10 Oft werden die drei Basiskomponenten in der weiteren Vertiefung verfeinert, wie z.B. beim Enneagramm, das sich in 3 Charaktermuster pro Zentrum und somit in insgesamt 9 Profile verzweigt. In der nachfolgenden Tabelle werden einige der nach dem Verständnis der Verfasserin miteinander kompatiblen Systeme interdisziplinär in ihren analogen Entsprechungen aufgelistet.

Komponente 1 Komponente 2 Komponente 3
Archetypen der Führung bei Neuberger Vater Heilsbringer Held
Biostrukturanalyse Grün Rot Blau
Enneagramm Bauchzentrum Herzzentrum Kopfzentrum
GRID-System autoritär fürsorglich analytisch
Ontogramm nach Gramm Matter Love Spirit
Pitcher Craftsman Artist Technocrat
PPP nach Friedmann Handeln Fühlen Denken
Psychographie Nach Friedmann/Winkler Handlungstyp Beziehungstyp Sachtyp
Strukturmodell der Psyche Freud Über-Ich Es Ich
Transaktionsanalyse nach Berne Eltern-Ich Kind-Ich Erwachsenen-Ich

Tab. 2: Drei-Komponenten-Persönlichkeitsmodelle (eigene Darstellung)

Auf einen Nenner gebracht finden sich kultur-, religions- und wissenschaftsübergreifend ähnliche Dreiteilungen in einen eher rationalen, einen emotionalen und einen aktionalen Aspekt. In allen Persönlichkeitsmodellen wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch eine Präferenz zu einem dieser Bereiche lebt.

Im Bereich der Komponente 1 geht es um Entscheiden und Umsetzen, um Willens- und Tatkraft, um Kooperation miteinander und Zielorientierung. Am Ende soll ein Ergebnis dabei rauskommen, hier ist auch das Business verankert. Im Bereich der Komponente 2 dominiert das fühlende, prozessorientierte Vorgehen von Sympathie und Antipathie, es geht darum sich miteinander wohl zu fühlen, die Ziele ergeben sich dann von selbst und sind eher ein Nebenprodukt. Ein ganz anderer Ansatz, der in manch anderen Kulturen mehr Gewichtung erfährt als in Deutschland. Und im Bereich der Komponente 3 geht es weder um das Machen, noch um das Fühlen, sondern um das Denken in Form von Suchen und Finden bereits vorhandener Wahrheiten, um Erkenntnis durch Konzentration und Intuition, wie beispielsweise in der Entwicklungsabteilung eines Unternehmens. Hier müssen gänzlich andere Gesetzmäßigkeiten gelten als in den leistungsorientierten Bereichen: Freiraum für Kreativität ohne Druck, da sich Ideen und Erfindungen nicht machen lassen, sie können nur in einem gewissen Rahmen von konzentrierter Absichtslosigkeit gefunden und erkannt werden.

Sind einzelne Lebensbereiche im Innern eines Menschen oder in der Komplexität einer Organisation nicht gut entwickelt, kommt es zu ungünstigen Verschiebungen. Es werden beispielsweise die Gesetzmäßigkeiten des Denkens in den Bereich Handeln übertragen werden, was bedeutet die Realität einer Idee unterwerfen zu wollen. Konkret kann sich das dann in weltfremdem und geschäftsuntauglichem Idealismus niederschlagen. Oder wenn der neue Chef seinen Mitarbeitern einen Kasten Bier spendiert und davon ausgeht, dass er damit in die Gruppe aufgenommen ist. Damit versucht er aus dem Bereich Handeln heraus Beziehungen zu machen anstatt diese gemäß der Fühlzentrums-Gesetzmäßigkeiten Sympathie und Antipathie in ihrer Eigendynamik wachsen zu lassen.11
Friedmann bietet zur Persönlichkeitsentwicklung von dieser Dreiteilung ausgehend ein Kreislaufmodell an, indem er die Bereiche Handeln – Fühlen – Denken im Uhrzeigersinn als Weg vorschlägt, alle Bereiche in Balance zueinander zu bringen. Das heißt nicht, dass man sein Heimatgebiet dadurch verliert, vielmehr gewinnt man neue Heimaten dazu und wird damit überhaupt erst in die Lage versetzt, das eigene Potenzial voll ausschöpfen zu können. Entdeckt ein Mensch also mit Hilfe dieses Modells, dass er seinen Schwerpunkt im Bereich „Fühlen“ hat und damit einhergehend dann auch dazu neigt, dass die Emotionen immer mal wieder zu hitzig werden, weil er sie nicht gebändigt kriegt, dann ist es gemäß der Prozessorientierten Psychologie ratsam für ihn, sich dem kühlen Bereich der Erkenntnis zu widmen, wo Objektivität, Nüchternheit und Logik beheimatet sind. Das kann die überschäumenden Gefühle auf ein gesundes Maß zurückführen, ohne dass diese dadurch verloren gingen.

Die Kreislaufsicht

Beim Enneagramm spalten sich die Grundkomponenten Bauch, Herz und Kopf in weitere jeweils drei Charaktermuster auf. Persönlichkeitsentwicklung wird hier über die Aktivierung der jeweils benachbarten Charaktermuster, genannt „Flügel“ angeboten und die sogenannten „Trost- und Stresspunkte“, die sich aus den Linien des Modells ergeben.
Insgesamt gesehen werfen die Drei-Komponenten-Modelle einen Blick in das eigene Innere und zeigen auf, mit welchen Werten sich der einzelne Mensch identifiziert. Lebe ich mehr den tätigen Bereich, indem ich mir konkrete Ziele stecke und auf diese hin arbeite? Oder präferiere ich mehr den emotionalen Teil und sehe mein Seelenheil primär in gelungenen Beziehungen? Oder bin ich ein Suchender nach Erkenntnissen? Alle drei Bereiche sind gleich gut und gleich wichtig: es gibt hier kein besser oder schlechter. Es geht lediglich darum zu erkennen, ob alle Bereiche in mir gleichmäßig aktiviert sind und stimmig gelebt werden bzw. mit welchem Seelenzustand ich mich überidentifiziere. Quer über alle Drei-Komponenten-Modelle hinweg ist es für alle Lebenslagen hilfreich, seinen eigenen Schwerpunkt zu kennen. Um eine ausgewogene und reife Persönlichkeit zu werden, ist es allerdings ratsam, sich dann vor allem mit den beiden anderen Zentren zu beschäftigen, Die Integration aller Seinsbereiche im eigenen Innern dient der persönlichen Weiterentwicklung auf vielfache Weise, schafft Frieden erst im Innen und dann im Außen.
Dieser strukturierte Blick ins eigene Innere prädestiniert Drei-Komponenten-Modelle meiner theoretischen Einsicht und praktischen Erfahrung nach besonders für die Themenfelder Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentfaltung, denn niemand kann so tief in mich hineinblicken wie ich selbst. Und es lohnt sich, sich selbst in allen seinen Teilen besser kennen zu lernen: denn desto homogener das eigene Innere, desto höher die Strahlkraft nach außen. Weniger geeignet halte ich Drei-Komponente-Persönlichkeitsmodelle für die Themenfelder Menschenkenntnis und Konfliktmanagement. Tiefste innere Sehnsüchte, Wünsche und Schwächen bei anderen identifizieren zu wollen ist ein gewagtes Unterfangen, das immer auch einen großen Teil Spekulation enthalten muss. Irrtümer und Überraschungen sind somit vorprogrammiert und können sich gerade im Bereich des Menschlichen als sehr fatal erweisen.

Vier-Komponenten-Modelle
Nach dem Glauben der Juden hat Gott die Welt nach dem Gesetz der Zahlen eingerichtet. So heißt es im alten Testament: „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“12 Pythagoras13 ordnet als Begründer der Numerologie14 der Zahl Vier die Bedeutung der Körperwelt zu, der sichtbaren, äußeren Erscheinungen des Lebens.15 „Erst die Vierheit verleiht dem reinen Geist eine angemessene Erscheinungsform.“16 Die Vier dient dem Menschen zur Orientierung in der Welt. Die vier Himmelsrichtungen geben Orientierung im Raum und die vier Jahreszeiten in der Zeit.17 Empedokles (483 – 420 v. Chr.) erkennt in allen Erscheinungen die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft: alles verändert sich durch Mischung und Trennung der Substanzen untereinander, nichts bleibt wie es ist und doch bleibt die Summe der Energien konstant: eine Sichtweise, die bis heute ihre Gültigkeit hat. Der Begriff Element geht auf Aristoteles zurück, der darin das ursprünglich Elementare, in seiner Art nicht weiter zerlegbare, sah.18

Komponente 1 Komponente 2 Komponente 3 Komponente 4
Elemente nach Empedokles Erde Feuer Luft Wasser
Himmelsrichtungen Osten Süden Westen Norden
Jahreszeiten Frühling Sommer Herbst Winter
Chemie Fest Plasma Gasförmig Flüssig
Qualitative Eigenschaften Fest Warm Beweglich Kalt

Tab. 3: Vier-Komponenten-Modelle (eigene Darstellung)

Die ca. 640 v. Chr. in Babylonien entstandene älteste aller Wissenschaften, die Astrologie19, stellt eine Verbindung zwischen diesen vier Elementen, den Sternen und menschlichen Charakteren her. Jedem der Elemente werden drei Sternbilder zu geordnet: drei Wasser-, drei Feuer-, drei Erd- und drei Luftzeichen ergeben zusammen das älteste aller bekannten abendländischen Persönlichkeitssysteme, das Horoskop. „Auch heute hat die Astrologie bzw. die Erstellung von speziellen Horoskopen eine nicht geringe Bedeutung. In überraschend vielen Unternehmen werden sie bei Einstellungsentscheidungen – inoffiziell, ähnlich der Graphologie – genutzt.“20

Hippokrates21 erkennt die vier klassischen Elemente auch in der Zusammensetzung des menschlichen Körpers, wobei er das Element Feuer in der gelben Galle, das Wasser im Schleim, die Erde in der schwarzen Galle und die Luft im Blut wieder gespiegelt sieht. Er entwickelt daraus die Humoralpathologie (humores = Säfte). Etwa 600 Jahre später verfolgt der ebenfalls griechische Arzt Claudius Galenus22 die Lehre weiter, indem er die Menschen nach Mischungen dieser Elemente in vier Klassen einteilt: Choleriker – Phlegmatiker – Melancholiker – Sanguiniker; heute bekannt unter dem Namen Vier-Temperamenten-Lehre.23 Goethe24 sagt dazu: „Wir haben die vier Temperamente. Jeder hat alle vier in sich, allerdings in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen.“25 Kant26 teilt in seiner anthropologischen Charakteristik die vier Temperamente in solche der Tätigkeit (Warm-/Kaltblütig) und des Gefühls (Schwer-/Leichtblütig) ein.27
Einen weiteren Meilenstein in der Vier-Komponenten-Typenlehre stellt die Funktions- und Einstellungstypologie nach C. G. Jung28 dar. Er unterscheidet nach den Grundeinstellungen extravertiert (offen, nach außen gerichteten) und introvertiert (verschlossen, nach innen gerichtet) und den Funktionen Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition.29 Somit ergibt sich gemäß ihm ein System von insgesamt acht Typen: der extravertierte Denk-, extravertierte Fühl-, extravertierte Empfindungs- und extravertiert-intuitive Typus und alle vier in der introvertierten Art.30 Seine Typenlehre ist Basis vieler Persönlichkeitsmodelle, die professionell vermarktet werden und insbesondere in der Wirtschaft Anwendung finden (z.B. MBTI®; INSIGHTS MDI®, LIFO-Systems®, TMP®, TMS®, DISG®).

Das ebenfalls in deutschen Unternehmen weit verbreitete Hermann Brain Dominance Instrument HBDI® (bis 2006 H.D.I. ®) basiert auf Erkenntnissen der Gehirnforschung und der unterschiedlichen Arbeitsweise der beiden Großhirnhemisphären, wofür Roger Sperry 1981 den Nobelpreis erhielt. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch Denk- und Verhaltenspräferenzen besitzt, die sich metaphorisch mit Gehirnzentren in Verbindung bringen lassen: linke und rechte Gehirnhälfte, Cortex und limbisches System. Analog werden die menschlichen Denkstile rational –fühlend – organisatorisch – experimentell daraus abgeleitet.31 Diese aus der Naturwissenschaft abgeleiteten Erkenntnisse widersprechen den zuvor genannten geisteswissenschaftlich entstandenen Persönlichkeitsmodellen (wie z.B. DISG®) nicht, im Gegenteil. Weitere Vier-Komponenten-Modelle werden in den Werken von Schimmel-Schloo, Simon und Niederwieser behandelt.

Komponente 1 Komponente 2 Komponente 3 Komponente 4
C.G.Jung Funktions- und Einstellungstypologie Fühlen Empfinden Intuition Denken
DISG Dominant Stetig Initiativ Gewissenhaft
Galenus Vier-Temperamenten-Lehre Choleriker Melancholiker Sanguiniker Phlegmatiker
HBDI® Organisatorisches Ich Fühlendes Ich Experimentelles Ich Rationales Ich
Hippokrates Vier Säfte-Lehre Gelbe Galle Schwarze Galle Blut Schleim
INSIGHTS MDI® Reformer Direktor Koordinator Berater Motivator Inspirator Beobachter Unterstützer
Kant Anthropologische Charakteristik Schwerblütiger Warmblütiger Leichtblütiger Kaltblütiger
LIFO® Vernunft Leistung Aktivität Kooperation
Macoby Manager-Typologie Dschungelkämpfer Firmenmensch Spielmacher Fachmann
Mastenbroeck Verhandlungsstile des Konfliktmanagements Analytisch-aggressiv Flexibel-aggressiv Flexibel-kompromissbereit Ethisch-überzeugend
MBTI® Fühlen Sensitiv Intuitiv Denken
Reddin 3-D-Programm Aufgabenstil Beziehungsstil Integrationsstil Verfahrensstil
Riemann Vier Grundformen der Angst Zwanghaft Depressiv Hysterisch Schizoid
Schulz von Thun Differentielle Kommunikationspsychologie Aggressiv-entwertend, Bestimmend-Kontrollierend Helfend, Bedürftig-Abhängig Mitteilungsfreudig-Dramatisierend, Sich Beweisend Distanziert, Selbstlos
Thomann Dauer Nähe Wechsel Distanz
TMP Team Management Profil nach Margerison Umsetzen Überwachen Organisieren Beraten Innovieren Promoten Entwickeln Stabilisieren

Tab. 4: Vier-Komponenten-Modelle32 (eigene Darstellung)

In den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts unterscheidet Fritz Riemann33 vier Grundformen der Angst, die seiner Meinung nach jedem Menschen in verschieden starker Ausprägung innewohnen und ihn bewegen oder auch lähmen:
1. Die Angst vor Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt.
2. Die Angst vor Selbstwerdung, als Ungeborgenheit und Isolierung erlebt.
3. Die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt.
4. Die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.
Alle möglichen Ängste sind seiner Meinung nach letztlich immer Varianten dieser vier Grundängste, die wiederum aus den folgenden vier menschlichen Grundstrebungen hervorgehen:
1. Das Streben nach Selbstbewahrung und Absonderung
2. Das Streben nach Selbsthingabe und Zugehörigkeit
3. Das Streben nach Dauer und Sicherheit
4. Das Streben nach Wandlung und Risiko
Diese Akzentuierungen der Persönlichkeit sind zunächst einmal Normalstrukturen, solange sie nicht durch exzessiv gelebte Einseitigkeiten Grenzwerte überschreiten, die in den pathologischen (krankhaften) Bereich der vier großen Neuroseformen klinischen Psychologie reichen: Schizoidie, Depression, Zwangsneurose und Hysterie. Riemann sagt dazu: „Diese neurotischen Persönlichkeiten spiegeln also jeweils nur in zugespitzter oder extremer Form allgemeinmenschliche Daseinsformen, die wir alle kennen. Es handelt sich damit letztlich um vier verschiedene Arten des In-der-Welt-Seins.“34 Christoph Thomann35 entwickelt in den 80-er Jahren das Modell weiter zu einer „Landkarte der Persönlichkeit“36, indem er die Ausprägungen der vier menschlich-seelischen Himmelsrichtungen in die allgemein verständlichen Begriffe Distanz, Nähe, Dauer und Wechsel übersetzt.

Alle Menschen und einige ganz besonders, haben das Bedürfnis nach
Nähe: Vertrauter Nahkontakt, Bindung, Liebe, Geborgenheit, Harmonie und Mitgefühl, für andere da sein dürfen und gebraucht werden.
Distanz: Abgrenzung und für sich sein dürfen, Freiheit, Unabhängigkeit, Ungestörtheit und Individualität, intellektuelle Erkenntnis.
Dauer: Verlässlichkeit, Ordnung, Planung und Voraussicht, Beständigkeit, Gesetz, System, Kontrolle und Macht, nach das den Moment Überdauernde.
Wechsel: Zauber des Neuen, Wagnis, Abenteuer, Phantasie, Verspieltheit und Genuss, Spontaneität und Leidenschaft, Intensität des Augenblicks.37

Übertragen auf ein Sternendiagramm (siehe unten) lassen sich so menschliche Verhaltensweisen ganz gut einordnen. Menschen erscheinen nach außen spontan und flexibel (Polarität Wechsel) oder konservativ und beständig (Dauer), menschenorientiert (Nähe) oder aufgabenorientiert (Distanz). Alles ist gleich wichtig und gleich wertvoll, nur eben ganz anders. Philosophisch betrachtet repräsentieren die Koordinaten die beiden Dimensionen Raum (Nähe – Distanz) und Zeit (Dauer – Wechsel), in der sich Leben vollzieht.

Abb. 2: Vier Grundstrebungen38

Für zwischenmenschliches Verständnis ist es förderlich die Eigengesetzlichkeiten aller Bereiche zu kennen, zu verstehen und nutzen zu können. Alles ist in jedem, nur unterschiedlich stark aktiviert. Es ist hilfreich, wenn ich erkenne, in welchem Element sich mein Gegenüber gerade befindet, um darauf eine adäquate Antwort geben zu können. Begegnet mir beispielsweise ein Mensch mit viel Distanz, so weiß ich, dass er gerade im Bereich des Denkens zu Hause ist, wo die Gesetzmäßigkeiten der Objektivität und Logik zählen. Dann wäre es wenig hilfreich, würde ich ihn in dem Moment mit emotionalen Argumenten zu überzeugen versuchen. Dabei ist es sehr wichtig zu beachten, dass ein Mensch nicht auf eine Verhaltenspolarität festgelegt ist, sondern zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Kontexten andere Verhaltenspräferenzen nach außen zeigen kann. Klassisches Beispiel hierfür ist der Unterschied zwischen einem eher distanziertem Verhalten am Arbeitsplatz und einem eher emotionalen im Freundeskreis und der Familie. Das, was ein Mensch gerade nach außen zeigt, muss nicht zwangsläufig mit seinem tiefsten Innern übereinstimmen. Menschenkenntnis erhebt nicht wie die Selbsterkenntnis den Anspruch, mit Röntgenblick einen Menschen durchleuchten zu wollen. Das wäre eine Überforderung für beide Seiten. Deshalb eignen sich hier meiner Meinung nach auch weniger die Drei-Komponenten-Modelle, die den Blick nach innen richten. Es geht vielmehr darum, klarer zu erkennen, in welchem elementaren Seinszustand mir mein Gegenüber hier und heute gegenüber tritt, was er von sich zeigt und welche Werte er in einer bestimmten Sache vertritt. Zeigt sich jemand mir gegenüber in der Diskussion um „flexiblere Arbeitszeiten“ konservativ, also den Gesetzmäßigkeiten des Dauer-Pols entsprechend, wo Regelmäßigkeiten und Einschätzbarkeiten sehr wichtig ist, so heißt das noch lange nicht, dass dies ein prinzipiell konservativer Mensch ist. So kann der selbe Mensch beispielsweise bei dem Thema „Verhalten im Straßenverkehr“ eine ganz lockere und wenig angepasste Einstellung leben, die mehr den Werten des Wechselpols entspricht. Das brauche ich im Sinne von seriöser Menschenkenntnis, wie ich sie verstehe, alles gar nicht zu wissen. Es reicht, wenn ich die Gesetzmäßigkeiten und Werte der vier Pole kenne, und damit umzugehen weiß, indem ich die daraus abgeleiteten passenden Argumente finde. Mehr Freiheit für den Einzelnen wäre in dem Fall der flexibleren Arbeitszeiten wohl kein wertvolles Argument für mein in dieser Sache konservativ gestimmtes Gegenüber. Aber wenn ich die zunehmende Verlässlichkeit und Verbindlichkeit für den privaten Bereich benenne, die durch flexiblere Arbeitszeiten möglich wird, träfe ich damit wohl eher seinen Wertekanon.

Natürlich hat jeder irgendwo seinen Schwerpunkt, bevorzugt einen der Pole, in dem er sich besonders gerne aufhält. Das hindert aber nicht daran, in allen vier seelischen Himmelsrichtungen zu Hause zu sein, um jedem Vertreter jeder Polarität in seinem Element begegnen zu können. Dann bin ich sozusagen mit allen Wassern gewaschen und kann dies zu beiderlei Vorteil jederzeit kooperationsfördernd nutzen. Wenn ich die Sprache meines Gegenübers verstehe und sprechen kann, sind die Türen für zwischenmenschliche Verständigung weit geöffnet. Frieden und Erfolg werden dadurch wahrscheinlicher. Vier-Komponenten-Modelle zeigen zweifach-konträre, sich einander gegenüberliegende und nach außen hin sichtbare Lebenswirklichkeiten auf. In meinen vorangegangen Ausführungen habe ich versucht darzulegen, dass sie sich meiner Meinung nach aufgrund dieser doppel-dialektischen Sichtweise besonders für die Themenfelder Menschenkenntnis (die Sicht von außen auf den Menschen bzw. wie er sich nach außen gibt) und Konfliktmanagement (die Gegenüberstellung konträrer Werte) eignen.

Im dritten Teil dieses Artikels werde ich anschaulich eine konkrete Gegenüberstellung des Drei-Komponenten-Modells Enneagramm und des Vier-Komponenten-Modells der Differentiellen Kommunikationspsychologie nach Schulz von Tun darlegen. Anhand dieses exemplarischen Beispiels möchte ich die Sichtweise untermauern, dass Persönlichkeitsmodelle, die zu unterschiedlichen Zeiten, in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Sprachen mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Menschen unabhängig voneinander entstanden sind, sich doch gegenseitig bestätigen und auch ergänzen können in ihren Weisheiten.

1 Vgl. Werner 2006, S. 106.

2 Vgl. Hauk 2003, S. 319.

3 Vgl. Schirm 1997, S. 8; vgl. Schanz 2000, S. 63 – 66.

4 Vgl. Rosenstiel / Regnet 2003, S. 105.

5 Vgl. Wagner, in: Schimmel-Schloo / Seiwert 2002, S. 16.

6 Vgl. Friedmann 2000, S. 42 – 62 und 2004, S. 22 – 86.

7 Vgl. Winkler 2001, S. 34 – 56.

8 Vgl. Niederwieser 2002, S. 79 – 89.

9 Vgl. Wagner, in: Schimmel-Schloo / Seiwert 2002, S. 16.

10 Vgl. Schirm 1997, S. 63 – 75.

11 Vgl. Friedmann 2000, S. 48 – 62.

12 Die Bibel 1994, S. 717; Das Buch der Weisheit 11,20.

13 Griechischer Philosoph (570 – 500 v. Chr.)

14 Wissenschaftliches System der Zahlensymbolik.

15 Vgl. Werner 2006, S. 11 – 17 und S. 113 – 117.

16 Werner 2006, S. 115.

17 Vgl. ebenda, S. 113 f.

18 Vgl. Aristoteles 1970, S. 116 f.

19 Simon, 2006, S. 19.

20 Wagner, in: Schimmel-Schloo / Seiwert 2002, S.14.

21 Griechischer Arzt (460 – 370 v. Chr.).

22 Griechischer Arzt (129 – ca. 200 n. Chr.).

23 Vgl. Niederwieser 2002, S. 99.

24 Deutscher Genius (1749 – 1832)

25 Wagner, in: Schimmel-Schloo 2002, S. 15.

26 Deutscher Philosoph ((1724 – 1804).

27 Vgl. Kant 1983, S. 233 – 241.

28 Begründer der Individualpsychologie (1875 – 1961).

29 Vgl. Jung 1989, S. 357 – 443.

30 Vgl. Jung 1989, S. 357 – 443.

31 Vgl. Geist, in: Simon 2006, S. 218 – 239.

32 Kein Anspruch auf Vollständigkeit – nicht alle Modelle sind achsengleich einander
zuordenbar.

33 Deutscher Psychologe (1902 – 1979).

34 Riemann 2002, S. 15 f.

35 Schweizer Psychologe (geb. 1950)

36 Thomann / Schulz von Thun 2006, S. 174.

37 Vgl. Thomann / Schulz von Thun 2006, S. 176 f.

38 In Anlehnung an Thomann / Schulz von Thun 2006, Abb. 7, S. 177.

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