Buchbesprechung - Gleichnisse als Gegengift

Clarence Thomson
Das Jesus-Enneagramm
München: Claudius 2000
163 Seiten, DM 32,–

Nachdem der „Enneagram Educator“, der erste Newsletter zum Enneagramm, vor einigen Jahren sein Erscheinen eingestellt hat, meldet sich dessen ehemaliger Herausgeber jetzt wieder zu Wort. Unter dem Titel „Parables and the Enneagram“ hat er eine Sammlung von Gleichnis-Auslegungen veröffentlicht, die nun als „Jesus-Enneagramm“ auch auf dem deutschen Markt erhältlich ist. Der deutsche Titel ist etwas irritierend. Denn zum einen gibt es schon seit 1996 ein Buch mit diesem Titel (von Robert Nogosek), und zum andern geht es in Thomsons Buch tatsächlich weniger um Jesus als um seine Botschaft, die der Autor zurecht vor allem in den Gleichnissen ausgesprochen sieht.

Doch nicht nur der Titel, auch der Inhalt des Buches ist irritierend – aber im positiven Sinne. Denn mit seinen Gleichnissen will Jesus uns irritieren, wie Thomson darlegt. „Gleichnisse verkünden nicht nur die Sünden, sondern sie zerstören die sündhafte Perspektive. Gleichnisse sollten die Anhänger Jesu davon überzeugen, dass sie nicht reagieren müssen wie früher, weil die Welt jetzt anders ist, als sie es sich immer vorgestellt haben. Die Gleichnisse waren ein raffinierter Kunstgriff und sollten ihre starren, abwehrenden Denk- und Verhaltensmuster erschüttern, die so zerstörerisch waren.“ (S. 30) Offenbar also sitzen unsere eingefahrenen Denk- und Verhaltensmuster so tief, dass es besondere sprachliche Mittel erfordert, um sie zu entlarven und über den Haufen zu werfen.

So zeigt Thomson, wie das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner, die beide in der Synagoge beten, der eine selbstherrlich („Ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin“), der andere schuldbewusst („Gott, sei mir Sünder gnädig!“), wie also dieses Gleichnis die Selbstgerechtigkeit in Frage stellt, mit der ja vor allem die Eins zu tun hat. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg dagegen, die alle den gleichen Lohn bekommen, obwohl die einen seit dem frühen Morgen geschuftet haben, während die andern erst kurz vor Feierabend angeheuert wurden, ist besonders geeignet, mit dem Leistungsdenken der Drei abzurechnen. Wieder anders die Rede von den sorglosen Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde – dieses Gleichnis kann gerade das Denkmuster der Vier erschüttern, indem es ihr deutlich macht: „Du hast alles, was du brauchst. Hör auf, ständig nach dem Unerreichbaren zu streben!“

Entsprechend findet Thomson auch für die übrigen Typen Gleichnisse (und andere biblische Texte), die auf besondere Weise in deren jeweilige Situation hinein zu sprechen scheinen. Seine Auslegungen sind interessant und teilweise bestechend. Sie zeigen, dass die „sündhaften Perspektiven“, die im Enneagramm zusammengestellt sind, so elementar sind, dass sich die Predigt Jesu konkret darauf beziehen lässt. Auf diese Weise können die alten Geschichten neu verstanden werden. Vor dem Hintergrund der ganz persönlichen, typspezifischen Perspektive können sie neu anschaulich werden und ihre verändernde Kraft entfalten.

So weit, so gut. Allerdings hat auch diese erfrischende Form der Auslegung ihre Grenze. Es sollte jedenfalls davor gewarnt werden, die ganze Botschaft Jesu auf die partiellen Perspektiven der neun Typen aufzuspalten. So erscheint es mir zum Beispiel fraglich, wenn der Autor schreibt: „Ich glaube, diese Worte Jesu sind besonders an Einser gerichtet: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (S. 46f) Plagt sich nicht auch die arbeitssüchtige Drei auf ihre Weise? Hat nicht auch die ständig kämpfende Acht auf ihre Weise schwere Lasten zu tragen? Brauchen nicht alle neun Typen die echte Ruhe, die Jesus verspricht?

Im Kern ist die Botschaft Jesu nicht typspezifisch ausdifferenziert, sondern universal. Das sollte nicht vergessen werden. Trotzdem ist das Buch insgesamt sicherlich lesenswert. Wenn Sie es bestellen, denken Sie aber bitte daran, den richtigen Autor mit anzugeben – sonst könnten Sie ein Buch erhalten, für das diese Empfehlung nicht gilt.

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 15

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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