Nachfragen zum Thema der Jahreshauptversammlung

Ein Interview mit Dietrich Koller.
Das Gespräch führte Michael Schlierbach

MS:Lieber Dietrich Koller, das Thema der Jahreshauptversammlung war ausgeschrieben mit der Formulierung: „Von der Arbeit am Typ zur Arbeit am Sein – Theorie und Praxis der Meditation für die transformatorische Arbeit“. Die Tagung hat unterschiedliche Reaktionen gebracht; alte „Enneagrammhasen“ äußerten sich eher mit „bin begeistert“ oder mit „genau das Richtige für mich“. Vor allem Erstteilnehmer fragten kopfschüttelnd: „Was hat das alles mit dem Enneagramm zu tun?“ Manche von beiden Gruppen waren überhaupt nicht für Meditationen motiviert, manche interessierten sich für die Formulierungen der Übungsanleitungen. Was ist eigentlich dein eigener Eindruck gewesen?

DK:Lieber Michael, vielen Dank für das Nachfragen! Mir schwante schon vor der Tagung und mir wurde während der Tagung vollends klar, daß zunächst schon mal die Rahmenbedingungen für mein Thema und mein Vorhaben ungünstig waren: Knapper Zeitraum (ein Abend und ein Vormittag) für eine Arbeit, die Prozesse auslöst! Ein großes, fast hundertköpfiges Plenum in einem engen (wunderschönen!) Saal; Meditationsübungen auf Stühlen in engen Stuhlreihen, kein Teppichboden, keine Decken, keine Schemel. Soweit ich mich damit begnüge, daß ich unter diesen Umständen mit meinen Eingaben nur „appetitanregend“ und Spuren legend wirken konnte, bin ich mit dem Echo, das ich vernommen habe, vollauf zufrieden. Ich würde es aber so ein zweites mal nicht mehr machen. Ich würde nur da, wo eine kleinere und besser motivierte Gruppe einen gründlichen Prozeß eingehen will, mitarbeiten. Heidi W. hat mich darin verstanden!

MS:Und wie steht es mit dem Enneagrammbezug?

DK:Ich wollte ja durch die Typologie des Ennegramms hinter die Typologie kommen. Wegen der Kürze der Zeit habe ich mich auf die drei platonischen Zentren beschränkt: Soma (Körpergehirn) – psyche (Gefühlsgehirn) – pneuma (Geistgehirn) bzw. auf die Tatsache, daß jeder Mensch ein Körpermensch ist mit Bauch-Emotionen, ein Beziehungsmensch mit Herz-Gefühlen und ein Kopfmensch mit Gedankenwelten, wobei jeder Mensch sich eine Priorität für die unwillkürliche Erstreaktion zugelegt hat, nach der er auf die Eingaben des Lebens antwortet. Entsprechend habe ich zuerst Übungen der vier Dimensionen der Körperwahrnehmung angeboten (Erdkontakt, Aufrichtung, Atmung und Muskelentspannung). Sodann eine Übung zur Wahrnehmung der Dimensionen des „Gefühlsrades“. Sodann eine Übung zur Wahrnehmung der Gedankenpalette. Die Meinung, daß solche „Meditationen“ (es sind nur wertfreie, aber verlangsamte Tiefen-Wahrnehmungen) nur Fünfern mit ihrem Distanzierungsvermögen leicht fielen, Achtern oder Zweiern aber mit ihrem Tatendrang gegen den Strich gingen, teile ich nicht. Diese Ansicht rührt vielleicht von der Bemerkung Richard Rohrs her, er habe unter den kontemplativen Mönchen von Kloster Gethsemane 50% Fünfer gefunden (Rohr/Ebert s. 141). Nein, in Wahrheit ist es für Fünfer oder Neuner nur eine Falle, sich durch scheinbare Meditationen in ihrem Muster des Rückzuges bzw. der Trägheit wohl zu fühlen. Wahrnehmungsübungen sind für alle neuen Typen erst einmal eine Schwerarbeit, durch die wir uns von unsren Gedanken- und Gefühls-Automatismen lösen, und sei es von dem der Reflexion. Reflexion und Beobachtungsreserve ist nicht schon Wahrnehmung. Es geht gerade um Wahrnehmung dieser Gewohnheitsbeobachtungshaltung. Es wäre sicher sinnvoll, die erlernbare Kunst der nicht-wertenden Wahrnehmung mit 9 einzelnen Panelgruppenn durchzuführen und auszuwerten. Wenn dann jemand sagen kann, wie auf der Jahreshauptversammlungs-Tagung bereits geschehen: „Ich bin nicht eine Drei, sondern ich habe den Typ einer Drei, ich bin!“, dann hat da jemand einen wichtigen neuen Weg betreten.

MS:Dietrich, du wolltest mit uns den Weg vom „Typ“ zum „Sein“ avisieren und hast dabei den Schwerpunkt auf eine „transformatorische Arbeit“ gelegt. Was ist dir dabei das Entscheidende?

DK:Wenn man das Enneagramm nur als Typologie verwendet – und das ist zunächst in Ordnung, obwohl es ursprünglich nicht als Typologie sondern als ein Entwicklungsprogramm auf einem neunfachen Energiefeld verstanden wurde – dann hat es sich bald auf eine Art reizvolle Etikettenfixierung reduziert, womit man sich und andere festlegt und in fixen Bildern verpackt, meist noch dazu in den „unerlösten“ Schattenprofilen. Je entwickelter ein „Typ“ ist, desto „unschärfer“ ist er im Sinne einer neurotischen Struktur. Er ist ja in allen neun Plätzen einigermaßen zu Hause und hat seinen Ausgangspunkt relativiert und ins Ganze integriert. Wir sollten uns alle gegen das immer und überall angewandte Typenspielchen wehren. Es ist ein Mißbrauch, schlimmer, es verhindert, daß man sich im entwickeln kann. Vordergründig macht es Spaß, löst Aha-Effekte aus, aber untergründig legt es fest, statt daß es lockert.

Bei der Transformtorischen Arbeit geht es dagegen um Wandlung, um einen allmählichen Herrschaftswechsel: von der Vorherrschaft des Ego zur Vorherrschaft des Wahren Selbst. Es ist ein Sterbens- und Auferstehungsvorgang (ich habe die fünf klassischen Phasen in meinem Vortrag angedeutet); es ist ein Geburtsprozeß, eine Verabschiedung meiner alten Identität, damit Platz wird für den potentiell neuen Menschen, den wir nicht machen können, der aber wie die „selbstwachsende Saat“ oder wie der „Sauerteig in der Mehlschüssel“ in einem gnadenhaften Prozeß in Erscheinung tritt. Was wir dabei tun können? Unsre Gedanken, Gefühle, Emotionen und Verhaltensweisen 1. wahrnehmen, 2. annehmen, 3. nach ihrem jeweiligen „Geist“ unterscheiden, 4. uns entscheiden, d.h. uns vom Geist der verfälschten Persönlichkeit in einem Reueakt trennen, 5. Die Ebene des Handelns (actus purus) mit „geeinter Seele“ (M. Buber) betreten. Für Christen heißt das alles: mit Christus sterben und auferstehen. Wir verlassen unsern Typ und entfalten unser Sein. Der Typ ist unsre biographisch gewordene Persönlichkeit, das Sein ist unser logosgemäßes Personsein in Christus und in der Welt. Eine Tages begreifen wir, daß die siebte Vaterunser-Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ auch und vor allem meint: Erlöse mich von meiner Persönlichkeit, diesem rostigen oder goldenen Käfig des Ichs. Kurz und gut, es geht nicht um Typverbesserung, sondern um Seinsentwicklung. Es geht mir um transformatorische Arbeit, und dazu ist das Enneagramm ein besonders gutes von vielen Werkzeugen (wie z.B. Zenmeditation, ignatianische Exerzitien, Gestaltseelsorge, Beichtprozesse, Verarbeitung von Lebenskrisen, Therapien usw. Das sind alles „heilige“ Vorgänge.

MS:Offenbar im Zusammenhang damit hast du in der Diskussion den Begriff „Arkandisziplin“ eingeführt. Das wirkte zunächst wie ein Schritt in die Vergangenheit der Enneagrammgeschichte. Was findest du daran positiv?

DK:Ich habe mich am Ende der Debatte über die Frage, ob unser Arbeitskreis ins Internet gehen solle und wie das zu finanzieren sei, zu Wort gemeldet. Ich habe daran erinnert, daß das Enneagramm gut zweitausend Jahre lang nur mündlich überliefert wurde, und zwar nicht in Kursen, auch nicht in der Seelsorge zwischen spirituellem Meister und Jünger, bzw. Hl. Lehrer und Schüler; hier wandte es der Meister an, ohne es zu offenbaren. Erst wenn der Lehrling zum Meister heranreifte, wurde es ihm „tradiert“. Damals war es noch gar keine rein psychologische Typologie. Im 20. Jahrhundert kam dann die Veröffentlichung auf in Gruppenexerzitien, in Kassettenform, Buchform. Ein weiterer Schritt war der Eingang ins Medium Fernsehen und Video. Ich habe an die lange hitzige Debatte auf der Jahreshauptversammlung in Mainz erinnert, als das zdf zu uns rein wollte und dann eine sehr merkwürdige Aufzeichnung in esoterischem Themen-Kontext brachte. Wenn wir jetzt ins Internet gehen, auf den globalen Angebotsmarkt, wenn wir anfangen, nach Sponsoren zu suchen, wenn wir bereits fragen, ob wir nicht „Jugendarbeit“ betreiben müßten, dann sehe ich eine weitere „Säkularisierung“ unsrer spirituellen Arbeit kommen, mit den typischen Merkmalen eines sich institutionalisierenden Vereins. Ich Habe daran erinnert, daß die frühe Kirche unterschied zwischen Vorhofarbeit und Arkandisziplin. Die Nichtchristen und die Taufbewerber, die Katechumenen durften nur am Wortgottesdienst teilnehmen, noch nicht am Heiligen Mahl, sie bekamen das Credo und auch das „Heilige Vaterunser“ erst kurz vor der Osternacht ausgehändigt. Denn das Mysterium des apostolischen Glaubens und das Abba-Gebet Jesu sind dem Nichteingeweihten nur mißverständlich und ein Anlaß zum Kopfschütteln. Nun, das Enneagramm ist kein sanctissimum, aber die transformatorische Arbeit an der Verwandlung der Seelen sehr wohl. Mit alle dem meine ich keineswegs eine Geheimniskrämerei. Ich kann mir schon vorstellen, daß es sinnvoll ist, auf dem kunterbunten Markt der Internetmöglichkeiten mit einem christlichen Profil präsent zu werden, wenn das Angebot nicht schon Inhalte und Kursprogramme verkauft, sondern nur Adressen und Kurstermine. Altmodisch wie ich bin, wäre mir freilich wohler, es liefe so wie alles Wertvolle als Geheimtip von Mund zu Mund, weil und wenn wir so leben, daß andere fragen und sagen: „Ich möchte etwas von dem haben und sein, was du hast und bist!“ In dieser ganzen Frage stehen wir als Verein offenbar an einer Wegkreuzung…

Vielleicht ist damit auch klar, daß ich trotz Erwähnung des Namens Gurdjieff keineswegs (wie man mir unterstellte) eine Rückkehr in die Arbeitsweise dieses großen esoterischen „Idioten“ (Selbstbezeichnung!) empfohlen habe.

MS:Lieber Dietrich, ich danke dir für das Gespräch!

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 8-9

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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