Enneagramm und Wissenschaft - Das Enneagramm und die Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun

Teil 1 – Die Entstehung von Archetypen in Persönlichkeitsmodellen aus wissenschaftlicher Sicht
Im Februar dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit bei der Jahreshauptversammlung in Rothenburg ob der Tauber einen Vortrag zu halten, vielleicht waren Sie dabei. Die Versammlung stand unter dem Motto „Enneagramm und Wissenschaft“. Es war mir eine große Freude über meine 10-jährige Forschungsarbeit und mein Herzensanliegen referieren zu dürfen: „Das Enneagramm und die Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun“, zwei Modelle die ich in meiner Praxis als Kommunikationstrainerin und Coach anwende und schule. Natürlich versprach ich hinterher einen Artikel für das Enneaforum zu schreiben und hier ist er. Allerdings beginne ich einen Schritt weiter vorne als in meinem Vortrag, nämlich mit der Frage, wie man aus wissenschaftlicher Sicht dazu kommt, Menschen in Typen einzuteilen und ob das überhaupt wissenschaftlich ist oder doch eher mystisch. Das scheint mir nach vielen Gesprächen eine wichtige Frage zu sein, die viele beschäftigt und ich will hier gerne aus meiner Sicht darauf eingehen, bevor ich in einem späteren Artikel aufzeige, wie die beiden genannten Modelle miteinander zusammenhängen.

Nach Jung wird alles, was ein Mensch sich bewusst gemacht hat, indem er
Zusammenhänge individuell erfasst und reflektiert hat, in seinem Gehirn
abgespeichert. So werden die zu Erkenntnis geronnenen Erfahrungen
Bestandteil seiner inner-psychischen Welt und als Information für die
Zukunft abrufbar. Unzählige, einander ähnliche seelische Erlebnisse vertiefen und verbreitern diese Gedächtnisspuren, wie Gravuren auf einer Leiterplatte. Allmählich entsteht durch Verbindungen und Wegkreuzungen eine Matrix gespeicherter Erfahrungen, gleich einem Straßennetz oder der Clusterbildung im Wasser. Diese Strukturen werden möglicherweise über die Menschengenerationen hinweg immer wieder an die Nachkommen „vererbt“ und mit neuen Erfahrungen angereichert, verdichtet und verfeinert. Das geschieht entweder direkt oder indirekt durch die den Strukturen folgenden Verhaltensweisen, die von den Nachkommen nachgeahmt werden, was sich bei diesen wiederum als dem Verhalten folgende Struktur im Gehirn abbildet. So wird diese Datenmatrix zum Bestandteil der kollektiven Ebene einer ganzen Gattung, es bilden sich Familien-, Sippen- und Völkermentalitäten heraus. Gemäß dieser Sichtweise kristallisieren sich durch die zunehmende Fülle der Datenmenge in der Begegnung mit vielen unterschiedlichen Menschen nach und nach immer deutlicher werdende Strukturen in Form von Konturen menschlicher Grundcharaktere in der Gedächtnismatrix heraus. Diese würden dann zunehmend als „Menschentypen“ fassbar, verankert im Kollektiven Unbewussten jedes einzelnen Menschen. Das Kollektive Unbewusste wird von C. G. Jung demnach als Lagerstätte des psychischen Erbes der Menschheitsgeschichte angesehen, welches sich, ähnlich wie der biologische Körper, durch die Evolution hindurch entwickelt hat. Das Wissen um elementare Grundcharaktere ist also seiner Meinung nach in allen Menschen als „kollektives Erbe“ unbewusst bereits vorhanden. Es sind Bilder urtümlicher und prägnanter Charaktere, die im Gedächtnis der Menschen gespeichert sind. Für diese typischen Charaktere, die kollektiv gespeichert naturgegebene psychische Gesetzmäßigkeiten aufzeigen, steht der hier bereits bekannte und von C. G. Jung in Anlehnung an Platon geprägte Begriff des „Archetypus“.

Dass kollektives Wissen mit den entsprechenden Bildern und Figuren seit jeher von Generation zu Generation weiter vermittelt wird ist bekannt. Archaische Persönlichkeitstypen sind sich weltweit kulturübergreifend ähnlich, begegnen uns in Mythen, Märchen und Legenden, z.B. in der Gestalt von bösen Hexen, naiven Prinzessinnen, glücklichen Toren, tapferen Helden, guten Feen und anderen Figuren. Oft finden sich diese personifizierten Prinzipien auch in Tierform wieder, zum Beispiel als Angsthasen, kluge Eulen, schlaue Füchse oder böse Wölfe. Heute begegnen sie uns in Spielfilmen z.B. als gierige Finanzhaie, abenteuerlustige Playboys, politische Hochstapler, machtgierige Wirtschaftsbosse, eitle Sekretärinnen, verführerische Schönheiten oder zickige Lehrerinnen wieder. Und sie erscheinen in zahlreichen Persönlichkeitsmodellen mit modernen, berufsorientierten Bezeichnungen wieder, z. B. als Fachmann, Dschungelkämpfer, Firmenmensch oder Spielmacher (mehr dazu in Kapitel drei über Persönlichkeitsmodelle). Da sie als Bilder kollektiven Wissens im Innern des Menschen vermutlich bereits hinterlegt, bzw auf noch genau zu klärende Art und Weise als allgemeine Informationen vorhanden sind, können sie mit etwas Sensibilität auch dem Verstand leicht zugänglich, somit bewusst gemacht und genutzt werden. Archetypen sind als kollektives Wissen in Form von Bildern dem einzelnen Menschen zugänglich und damit nutzbar.

Ein gedachter menschlicher Typus ist die einer Gruppe von Personen gemeinsame Grundform oder Urgestalt (Archetyp), auch das prägnanteste Muster (Durchschnittstypus) oder vorbildliche Merkmal (Idealtypus) oder eine Mischung derselben (Realtypus) . „Man geht hier von einer vorherrschenden Disposition aus, die den einzelnen Menschen vom anderen unterscheidet.“ Die logische Vorgehensweise zur Bildung von Typenklassifikationen funktioniert folgendermaßen: Die komplexe, unüberschaubare und unfassbare Realität wird so lange abstrahiert, bis einzelne Elemente sichtbar werden, die klar voneinander abgegrenzt und definiert sind. Diese Elemente werden dann in Wechselbeziehungen zueinander gesetzt, Reaktionen werden beobachtet und Gesetzmäßigkeiten daraus abgeleitet. Schließlich wird alles in Modellen und Formeln veranschaulicht und gelehrt, damit es sich als systemisches Wissen auch in anderen menschlichen Gehirnen etablieren kann. Modelle sind als gedankliche Hypothesen zulässige, vereinfachte und damit abstrakte Abbilder der Realität, um diese unserem begrenzten Gehirn fassbar zu machen. So zeigt uns beispielsweise das Bohr’sche Atommodell, wie auf einer kreisrunden Bahn ein Elektron um ein miteinander verschmolzenes Proton und Neutron kreist. Ob sich das nun in der Realität und jedem Einzelfall genau so verhält, sei einmal in Frage gestellt. Aber wir bekommen dadurch eine Idee davon, was im Innern von Materie in etwa vor sich geht.

Bei Modellen der Philosophie, Politologie, Sozialforschung und Psychologie ist der Abstraktionsprozess ein noch größerer, da aus beobachtbarem äußerem Verhalten, Rückschlüsse auf innere Wirkzusammenhänge abgeleitet werden, die nicht sichtbar gemacht werden können und somit immer spekulativ bleiben müssen und damit diskutierbar. So verhält es sich auch mit den gedanklich konstruierten Persönlichkeitsmodellen: als Mittel der Komplexitätsreduktion und um die Vielfalt von real existierenden Wesensmerkmalen und Verhaltensmustern von Personen überschaubar zu machen, zu vereinfachen und zu ordnen, werden ideelle, typische Gesamtbilder von Menschen gezeichnet. Einzelne Charaktereigenschaften, die beobachtbar üblicherweise in Kombination miteinander erscheinen, werden gebündelt, sozusagen zu einem Paket geschnürt, das dann einen bestimmten Typus repräsentiert. So geschieht es beispielsweise auch in der Biologie, wo einzelne Tiere in Gattungen klassifiziert werden (Wasser-, Land- und Lufttiere, Warm- und Kaltblütler) um der Unübersichtlichkeit Herr zu werden. Nicht eindeutig zuordenbare Grenzfälle bestätigen auch hier, wie in allen theoretischen Modellen, als Ausnahmen die Regel. Doch zurück zum Menschen: Die einzelnen archaischen Charaktergattungsbündel werden dann anderen geschnürten Charakter-Paketen gegenübergestellt und voneinander abgegrenzt. Wurde unter einem bestimmten Blickwinkel eine endliche Anzahl von archetypischen Charakteren identifiziert, besteht der nächste Schritt darin, diese in ein System, ein Modell, einzuordnen. Die Ergebnisse dieser Erkenntnisprozesse zeigen sich in zahlreichen Persönlichkeitsmodellen von der Antike bis heute. Sie geben uns systemische Ideen prinzipieller Unterschiedlichkeiten von Menschen auf der seelisch-psychischen Ebene. „Eine Typisierung von Persönlichkeitsprofilen ermöglicht uns, aus der unendlichen Zahl von Handlungsalternativen die zentralen Motive herauszuschälen. Auf diese Weise gelingt es uns sozusagen den Wald vor lauter Bäumen zu sehen.“ Durch Typisierung von Persönlichkeitsprofilen entsteht ein gangbarer Weg, die elementaren Verschiedenheiten im psychischen Gepräge von Menschen erkennen und einordnen zu können: Die unüberschaubare Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen wird durch die wissenschaftlichen Methoden Sortieren und Abstrahieren in typische Persönlichkeitsprofile vereinfacht.

Wissenschaften arbeiten also gerne mit Modellen. Bei der Beschäftigung damit darf allerdings insbesondere im Bereich der Menschenkenntnis nie vergessen werden, dass die einzelnen Elemente eine gedachte Vereinfachung darstellen: es gibt in Wirklichkeit keine Typen die untereinander alle gleich sind, da jeder Mensch individuell einmalig ist. Auch können die einzelnen Charakterstrukturen aufgrund der menschlichen Subjektivität des Forschers nicht ganz scharf voneinander abgegrenzt werden, jeder hat einen anderen Blickwinkel. Auch die Auswahl der Methoden in der Clusterung von Persönlichkeitsprofilen nimmt Einfluss auf die Schnittstellen, ob beispielsweise die Kommunikation bei Schulz von Thun unter die Lupe genommen wird, oder die Motivation beim Enneagramm. Auch die Auswahl der Methoden nimmt Einfluss auf die Anzahl der Typen oder die Feinabgrenzungen untereinander. Ob Einzelfälle in gänzlicher Tiefe betrachtet und kollektive Überlieferungen miteinander verglichen werden wie bei C. G. Jung, Charaktereigenschaften aus einer großen Anzahl von Probanden herausgefiltert und statistisch erfasst werden, wie bei dem Modell Big Five macht einen Unterschied in den Ergebnissen aus. Ob strukturierte oder nicht strukturierte Interviews geführt werden, Biografien unter die Lupe genommen, Selbstbeobachtung der Probanden zugrunde gelegt werden, klinisch-psychologisches Fachwissen im Hintergrund steht, wie beispielsweise bei dem Riemann-Thomann-Modell, ob körperliche Merkmale mit psychischen verglichen werden wie bei Humboldt, von der Gehirnforschung ausgegangen wird, wie bei dem HBDI-Modell oder dem Struktogramm®, oder sich ganze Philosophien im Hintergrund befinden wie beispielsweise bei Ayurveda zeigt jeweils einen anderen Blickwinkel auf die Zusammenhänge auf. Das Erstaunliche beim Vergleich der Ergebnisse ist jedoch, dass so viele ähnliche Schwerpunkte in den typischen Charakterbeschreibungen quer über viele Persönlichkeitsmodelle hinweg vorhanden sind, natürlich jeweils in der spezifischen Fachterminologie. Gemeinsame Nenner lassen sich durch Übersetzungen in allgemein verständliche Sprache finden. Es ist ein bisschen ähnlich wie bei den Farben. Nicht jeder meint das gleiche rot wenn er über rot spricht oder an rot denkt und doch wissen alle was rot ist und was nicht Es gibt eine nicht exakt definierte, aber doch verbreitete und allgemein akzeptierte Übereinkunft, was im Farbenspektrum als rot gilt und was blau ist. Dazwischen liegt das violett, das als weiterer Schwerpunkt im Farbenkreis angesehen werden kann und somit im übertragenen Sinne einen weiteren Charakterschwerpunkt definieren würde, wollte man nicht nur bei den drei Grundfarben rot, blau und gelb bleiben. Dazwischen liegen dann eben noch violett, orange und grün, was das Modell um drei weitere Schwerpunkte erweitert. Und dazwischen sind weitere Farbfacetten zu finden, wie auch die einzelnen Charakterschwerpunkte sich immer noch weiter differenzieren lassen bis hin zu jener unendlichen Vielfalt von Farben und individuellen Persönlichkeitsprofilen, die uns in der Realität begegnen. Und was der eine als burgunderrot bezeichnet, nennt der zweite rubinrot und der dritte Florentiner rot. So heißt ein Persönlichkeitsprofil was bei Schulz von Thun als der „sich beweisende Stil“ bezeichnet wird bei C. G. Jung der extrovertierte Empfindungstyp, bei Thomann ist es der „Wechsel“ und beim Enneagramm heißt es schlicht die „3“. Und alle meinen den gleichen Schwerpunkt, allerdings nicht mit den selben Abgrenzungen zum jeweils daneben liegenden Profil. Somit kann die Gesamtheit eines Modells nie zur Realität werden, genauso wenig wie eine Landkarte zur Landschaft wird, da die Sinneseindrücke der Natur überwältigend vielfältiger sind. Doch so, wie uns die Landkarte hilft, von A nach B zu kommen, helfen uns Persönlichkeitsmodelle als Navigationssysteme innerhalb eines Raumes mit definierten Fixpunkten, uns im Dschungel menschlicher Charaktere zurecht zu finden, uns einen eigenen Weg zu bahnen, sowie den zueinander.

In den letzten Jahren hatte ich die Gelegenheit sehr viele namhafte und in Deutschland angewendete Persönlichkeitsmodelle zu untersuchen. Dabei habe ich gute und weniger gute Modelle gefunden, die die einzelnen Typen scharf zeichnen oder eher verschwommen, die eine in sich stimmige Geschlossenheit von Archetypen aufweisen oder eher eine unvollständige Aneinanderreihung, die anschaulich, nachvollziehbar und anwendbar ist oder eben nicht. Ich wollte das Beste unter allen finden und durfte letztendlich erkennen, dass es mehrere sehr gute Modelle gibt, die einander nicht widersprechen, sondern sich dadurch gegenseitig bestätigen, dass sie zu ähnlichen Ergebnissen gelangt sind, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Das zeigt, dass viele Wege nach Rom führen. Und es zeigt auch Folgendes: Wenn man folgerichtig zu Ende denkt, landet man immer bei den selben Wahrheiten, egal wo man gestartet ist. An erster Stelle möchte ich hier folgende Modelle nennen: das Enneagramm, die Funktions- und Einstellungstypologie von C. G. Jung, die Differentielle Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun und die Seelischen Himmelsrichtungen nach Rieman-Thomann. Alle sind zu verschiedenen Zeiten entstanden, wobei das Enneagramm das älteste unter den genannten ist und sich im Gegensatz zu den anderen keinem bestimmten Urheber zuordnen lässt. Es mir auch mit Variationen davon eines der Liebsten, da es sehr tief geht und Dynamik drin steckt zur persönlichen Weiterentwicklung. Alle genannten Modelle werfen verschiedene Blickwinkel auf die Archetypen, bezeichnen diese mit anderen Namen oder stellen sie einander anders gegenüber: Doch wenn man die einzelnen Charaktermuster in gänzlicher Tiefe jenseits von Begrifflichkeiten wirklich verstanden hat, lassen sich Brücken schlagen zwischen den Modellen. Das wirft dann immer noch mal ein ganz anderes Licht auf die einzelnen Charaktere, bis sie von immer mehr Seiten erhellt werden und zu leuchten beginnen. Das ist eine schöne Erfahrung, auf die ich Sie gerne ein kleines Stückchen in meinem nächsten Artikel mitnehmen möchte.

Sabine E. Gramm

Sabine E. Gramm
Sabine E. Gramm war nach dem Abitur einige Jahre im Börsenmanagement der Deutschen Bank beschäftigt. Während der Familienphase studierte sie Betriebswirtschaft und Psychologie in Rendsburg, Lahr, Stuttgart und Hamburg. Von Schulz von Thun wurde sie persönlich zur Kommunikationstrainerin und zum Coach ausgebildet. Mit dem Enneagramm beschäftigt sie sich intensiv seit 12 Jahren und referiert darüber seit 2003. Seit über 10 Jahren ist sie freiberuflich als Businesstrainerin und Coach in der Wirtschaft tätig, seit 2005 unter der Firmierung ProGramm. Sie lebt mit ihren beiden Kindern im Raum Karlsruhe.
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Fussnoten:
(2) Begründer der Analytischen Psychologie, (1875 – 1961).
(3) Macoby, Manager-Typologie
(4) Griech.: Gestalt, Vorbild

Kommentare

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Wilfried · 16.05.2011 12:46 → Kommentarlink 001529

Ein guter Vergleich zwischen dem Modell C.G. Jungs und dem Enneagramm: Vergleich Jung und Enneagramm

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