Dietrich Koller †

Dietrich Koller

Eine traurige Nachricht erreichte uns nach Drucklegung des letztes EnneaForums: Dietrich Koller ist am 20. November 2010 gestorben.
Er hat den ÖAE mit seiner einzigartigen Kreativität begleitet und immer wieder mit Beiträgen im EnneaForum bereichert.

Zur Erinnerung hier noch einige Beiträge von und über ihn und ein Lebenslauf – und die Einladung, über seinen letzten Artikel mitzudiskutieren.

Zum Tod von Dietrich Koller

Erkenntnis vor dem Gnadenstuhl

Dietrich Kollers letzter Text – ein theologisches Ärgernis? (Der Artikel als PDF zum Herunterladen)

Unvollständiger Lebenslauf von Dietrich Koller

(verfasst von Andreas Ebert und Albert Rau)

Dietrich wurde als fünftes von sechs Kindern der Eheleute Wilhelm und Karoline Koller in Neuendettelsau geboren und auch dort getauft. Sein ältester Bruder, Hans-Hermann, ist im Krieg gefallen. Sein zweitältester Bruder, Martin, kehrte verwundet aus dem Krieg zurück. Die einzige Schwester, Dorothee, wie auch sein Bruder Konrad sind inzwischen auch längst verstorben. Dietrich blieb seither mit seinem jüngsten Bruder Albrecht zurück.

Die Kindheit verbrachten die Koller-Kinder in Neuendettelsau und in Göggingen bei Augsburg, wo Dietrich das humanistische Anna-Gymnasium besuchte. Seine Lieblingsfächer waren Deutsch und Geschichte. Die Familie zog später dann nach Regensburg um. Dort sang Dietrich im Jugendchor, eine wichtige Weichenstellung für Dietrich, weil er hier Lucia und ihre Schwester Monica kennen lernen konnte.

Der junge Dietrich ist unschlüssig, was er studieren soll. Theologie begeistert ihn – aber Pfarrer werden will er nicht. Er studiert in Erlangen und Tübingen, vor allem Kirchengeschichte interessiert ihn! Der Vater war in Regensburg Kreisdekan. 1953 nahm er Dietrich mit nach Flossenbürg zur Einweihung der Gedenktafel für Dietrich Bonhoeffer, den von den Nazis erhängten Pfarrer im Widerstand. Dietrich wurde dann doch Vikar – sein Studium gab nichts anderes her.

Im fränkischen Kipfenberg und in der Münchner Christuskirche lernt er die Lasten des Amtes kennen: 20 Schulstunden pro Woche, viele, viele Beerdigungen, unendlich viele Besuche im Krankenhaus. Am 6. Januar 1959 wird er zum Pfarrer ordiniert und am 13. Juni desselben Jahres heirateten Lucia und Dietrich in Regensburg. In den letzten Münchner Monaten kam Rachel, die erste Tochter auf die Welt. Dann kam der Umzug nach Bad Kissingen, wo Dietrich Koller zweiter Pfarrer wurde.

1962 wird Anne-Julia geboren. Nach zwei weiteren Jahren, kurz vor dem Umzug nach Landau an der Isar, erblickte 1964 Mascha das Licht der Welt. In Landau war er Pfarrer für viele Flüchtlings-familien, die hier zerstreut in vielen kleinen Weilern und Dörfern lebten. Er hatte hier 18 Gottes-dienststationen. Hier beginnt seine ökumenische Ausrichtung. Seiner Frau Lucia glückte die Gründung der Lebenshilfe. Beide fanden ihre geistliche Heimat im Marburger Kreis mit seiner Betonung auf persönlicher Lebensübergabe an Christus, Seelsorge und Beichte.

1966 kam Livia, die vierte Tochter, auf die Welt. Nach der Geburt notierte er in sein Tagebuch: „Ich verstehe nicht, warum uns die Leute so verständnisvoll bedauern, weil unser viertes Kind kein Bub geworden ist. Aber wir sind doch so vollkommen glücklich über dieses Mädchen, das so überzeu-gend da ist.“ Und er sieht vor seinem inneren Auge in der Zukunft bereits seine Schwiegersöhne, die er freudig erwartet. 4 Jahre später kam dann das fünfte Kind, der von der Gemeinde erhoffte und so genannte „Stammhalter“, Hans-Felix, zur Welt.

1971 verlässt er das Pfarramt, auch weil er Zweifel an der Säuglingstaufe hatte und seinen Sohn Hans zunächst nicht taufen lassen wollte. Beim Abschied aus Landau dankte der erste Bürger-meister dem Ehepaar Koller sehr herzlich für ihre Toleranz und ihr „ökomenisches Streben“.

Die mittlerweile siebenköpfige Familie geht nach Craheim, wo zu dieser Zeit die charismatische Bewegung von Amerika herkommend in Deutschland Fuß fassen wollte. Die charismatische Erfahrung brachte Pfarrer Koller in Konflikt mit den Marburgern. Eigentlich wollte er in Craheim nur Chauffeur oder Gärtner sein. Aber als der evangelische Leiter des Lebenszentrums, Arnold Bittlinger, für ein Studienjahr in die USA ging, war er gemeinsam mit dem Baptisten Wilhard Becker und dem Franziskaner-Pater Eugen Mederlet in der Verantwortung. In Craheim lernte er 1973 auch Sr. Karoline Mayer kennen, die in den Armenvierteln von Santiago de Chile arbeitete. Sie war ihrem Orden zu politisch und kam nach Craheim, um sich neu zu orientieren. Durch sie wird Pfarrer Koller selbst politisiert, er öffnete sich für die Fragen der Solidarität an der Basis und der globalen Gerechtigkeit. Über Wilhard Becker und seine „Rufer-Arbeit“ fand er auch einen Zugang zur Gruppendynamik und Psychologie. Schließlich lässt er sich von den Rufern nach Niedersachsen rufen und arbeitet als Pfarrer und Gruppenseelsorger in Imbshausen. Die Lebens-stilfrage wird ihm wichtig – aber auch der Kampf gegen die Atomkraft. Lucia ist in Imbshausen an der Gründung der Grünen beteiligt.

Dann erging ein neuer Ruf. Dietrich war jemand, der immer auf Rufe gewartet und geantwortet hat. Diesmal – 1979 – durch Crafft und Elisabeth Truchseß, und zwar hierher nach Wetzhausen. Der alte Traum von einer alternativen spirituellen Lebensgemeinschaft, der ihn zeitlebens begleitet, ist auch hier ausschlaggebend. Die Familien des Barons und des Pfarrers und weitere Bewohnerinnen im Dorf und von Craheim trafen sich zum täglichen Abendgebet. Für diese Abendgebete aktualisierte Dietrich Koller in wundervoller Weise viele der biblischen Psalmen, die 1999 vom Claudius-Verlag veröffentlicht wurden. Mit den Jugendlichen des Ortes fährt er nach Taizé, richtet in Wetzhausen ein Taizégebet ein. Unvergesslich die Osternachtsfeiern hier in der Kirche mit selbstverfassten Mysterienspielen, kreativen Phasen, Angebot der Beichte und Lebensübergabe.
Aber auch die tägliche Seelsorge eines Dorf-Pfarrers in Mailes, Altenmünster, Wetzhausen, in Birnfeld und im Altenheim Birnfeld waren ihm wichtig, genauso wichtig wie die besonderen Herausforderung der seelsorgerlichen Begleitung von Einzelpersonen und Familien bei den Suiziden und schrecklichen Unfällen, die damals am Anfang der 80er Jahre so häufig vorkamen. Auch die Gewinnung und Begleitung von ehrenamtlichen Gemeindemitarbeitern und Jugendlichen lagen ihm sehr am Herzen.

Zu Beginn der Wetzhausener Zeit lernten Pfarrer Koller und Andreas Ebert sich kennen. Dietrich begleitete die Jugendlichen der Vikariatsgemeinde aus Würzburg bei zwei Freizeitwochenenden. Andreas, der junge Vikar, war hingerissen von den Auslegungen und Bildmeditationen von Dietrich. Ja, Andreas und Dietrich wurden allmählich Freunde.

Inspiriert von Andreas Ebert begann auch Dietrich sich für das Enneagramm zu interessieren. Sein anhaltendes Interesse für Seelsorge motivierte ihn, mit 59 Jahren noch einmal eine Ausbildung, nämlich in „Gestaltseelsorge“, zu machen. Nach der Ausbildung wurde er in das Leitungsteam berufen. Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger entwickelten dank dieser Ausbildungen eine völlig neue spirituell fundierte Basis für die geistliche Begleitung. Neben all diesen Aktivitäten hielt er jeden Monat eine Protestandacht vor dem Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld. Bis ihn der nächste Ruf ereilte:

Edith Krug, die Priorin des Schwanbergs, „entdeckt“ ihn bei einer Predigt und holt ihn als Spiritual auf den nächsten heiligen Berg. Auf dem Schwanberg war er vor allem als unermüdlicher Seel-sorger der Ordensfrauen tätig; bis zu neun Stunden täglich arbeitete er mit ihnen seelsorgerlich. Durch seine originellen, tiefgründigen und manchmal auch frechen Predigten trug er wesentlich zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen und eingefahrener, angstbesetzter Glaubensbilder bei.

Pünktlich zum Ruhestand 1996 verabschiedete er sich vom Schwanberg. Diesmal folgt er dem Ruf von Probst Heino Falke in eines der neuen Bundesländer, nach Thüringen. Er verliebte sich in die Landeshauptstadt Erfurt. Ihn fasziniert die Aufbruchstimmung nach der Wende und das geistliche Erbe von Meister Eckhart, von Martin Luther und Thomas Münzer – ganz zu schweigen von der reichen Kunst- und Kulturgeschichte und vom herrlichen Thüringer Wald. Im ökumenischen Hauskreis mit dem katholische Dompfarrer, im Dombau- und Synagogenverein ist er aktiv. In den Ruhestand geht er mit einem Sabbathjahr, e i n Jahr keine Seelsorge, e i n Jahr keine Klienten, e i n Jahr keine Termine! Nur er, alles nur für ihn!

Mit Lucia schafft er sich ein Gartenparadies, ich (sein Schwiegersohn) durfte ihm helfen, ein Blockhaus zu bauen. Er spielt wieder viel Klavier, er liest und liest und liest. Später beginnt er im Chor der Reglerkirche zu singen, der fast jeden Sonntag den Gottesdienst mitgestaltet und jede Probe mit Gebet und Segen beginnt bzw. beendet. Dietrich Koller ist glücklich!

Und endlich beginnt er, ein verborgenes Talent nicht weiter zurück zu halten: er beginnt Bücher zu schreiben. Erst das Buch „Heilige Anarchie“, eine Streitschrift gegen die Ämterherrschaft in der Kirche, dann „Geld oder Leben“, seine Abrechnung mit dem kapitalistischen Mammonsdienst, schließlich „Das Thomasevangelium für heute“, eine tief-mystische Auslegung des menschlichen Weges hin zur Vervollkommnung. Diese Auslegung ist erwachsen aus den täglichen Meditations-zeiten mit seine Frau Lucia.

Zugleich hatten Lucia und er im Laufe der Jahre noch eine weitere Inspirations- und Freudenquelle geschenkt bekommen, nämlich ihre Schwiegersöhne und Enkelkinder. Ein ganz großes Glück empfand er im Sommer des letzten Jahres, als sein Sohn Hans heiratete und ihm eine Schwieger-tochter, Stephanie, anvertraute.

Am Ende trieb Dietrich noch einmal und verstärkt die Frage nach dem Gottesbild um. Er kämpfte gegen die Vorstellung eines beleidigten Richtergottes, der Blutopfer zu seiner Versöhnung verlangt. Nein, nicht Gott muss versöhnt werden. Wir, wir müssen uns versöhnen lassen mit Gott!

Und noch einmal engagierte er sich für ein Gemeinschaftprojekt, das Collegiat Petersberg, wo eine Kaserne zu einem alternativen, ökumenischen und spirituellen Wohnort für alle Generationen umgebaut werden soll.

Neben all dem ist er geistlicher Begleiter für bis zu 20 Menschen, empfängt manchmal bis zu 4 Klienten am Tag. Er ließ sich zu Seminaren, Vorträgen und Tagungen einladen – und fand Gott sei Dank, in allem und trotzdem noch Zeit zum Wandern und zur Muse in der Sauna. Bis fast zum Schluss radelte er ab und zu über den Thüringer Wald nach Münsterschwarzach, um seinen geistlichen Begleiter, den Altabt Fidelis, zu besuchen.

Welch eine Fülle! Welch ein Segen! Welch ein Glück! Erst ganz am Ende, fast unmerklich für andere, dann der Rückzug. Eine Art Müdigkeit. Und dann für alle unerwartet die Hirnblutungen und der Tod. Er wollte keine lebensverlängernden Maßnahmen. Er hat gewartet bis alle, die ihn noch besuchen wollten, bei ihm waren. Begleitet, gestärkt, geliebt und gesegnet ist er letzten Samstag, nachts um zwei Uhr, für immer eingeschlafen. In den letzten Tagen hat er mit seiner Frau über das Novalis-Wort gesprochen.„Wohin gehen wir? – Immer nach Hause.“

Andreas Ebert und Albert Rau

Kommentare

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Patricio Torres-lisboa, MD · 27.05.2011 19:18 → Kommentarlink 001530

Just read Dietrich´s obituary.Just to tell you that his article The9 Faces of the soul of Christ continuesto enlighten our path.

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