Gott 9.0: Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird.

Das vertikale Enneagramm – eine Rezension zu Gott 9.0, dem neuen Werk von Marion und Werner Tiki Küstenmacher und Tilmann Haberer mit einem Vorwort von Richard Rohr
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Seit über 20 Jahren stehe ich bei der Darstellung des Enneagramms immer wieder vor demselben Dilemma: Die Typologie stellt die neun Fixierungen in der Regel zunächst in ihrem „unerlösten“ Zustand vor. Es gibt zwar eine Ahnung davon, wohin sich die einzelnen Muster entwickeln können, wenn sich die Fixierung auflöst. Aber eine präzise Beschreibung des Prozesses ist schwierig und manchmal auch spekukulativ. Riso hat zwar in seinem ersten Enneagrammbuch neun (!) Wachstumsstufen für jedes Muster beschrieben. Aber diese Stufen erschienen mir seinerzeit reichlich willkürlich und empirisch nicht nachvollziehbar.

Etwa zur selben Zeit, als Oscar Ichazo das Enneagramm der Fixierungen erstmals formuliert hat, hat ein amerikanischer Forscher namens Clare Graves eine umwerfende Entdeckung gemacht: Er hat Studenten in aller Welt befragt und dabei entdeckt, dass sich ihre Wertesysteme unabhängig vom kulturellen Hintergrund in typische Gruppen ordnen lassen, die aufeinander aufbauen. Er sprach in diesem Zusammenhang von “Levels”, was sich – etwas ungenau – mit Stufen übersetzen lässt. Graves fand heraus, dass sich unter anderem die religiösen Vorstellungen mit jeder Bewusstseinsebene wandeln und dass dieser Wandel einem vorhersagbaren Schema folgt. Diese Ebenen oder Stufen bauen ähnlich aufeinander auf, wie die “Updates” von Computerprogrammen. Die “verbesserte” Version enthält alles, was die vorherige Version auch zu leisten vermochte, führt das Programm aber einen Schritt weiter. Das “Update” kann frühere Versionen noch immer einlesen. Umgekehrt aber kann es geschehen, dass ein veraltetes Programm neue Texte und Eingaben nicht darstellen kann.

50 Jahre nach den Entdeckungen von Graves haben Marion und Werner Küstenmacher und Tilmann Haberer erstmals versucht, dieses Ebenenmodell dezidiert auf Gesellschaft, Gottesbilder, Bibel, Kirche und geistliche Entwicklung anzuwenden. Um es vorwegzunehmen: Das Ergebnis ist „Gott 9.0“, ein so spannendes Buch, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr gelesen habe.

Die Autoren bauen auf einer Skala auf, die Don Beck und Christopher Cowan, Schüler von Clare Graves, entwickelt haben. Sie haben den beschriebenen Bewusstseinsstufen Farben zugeordnet. Die neun Entwicklungsebenen gelten für Gruppen und Gesellschaften ebenso wie für Individuen.

Die (bisher) 9 Entwicklungsebenen, die Individuen und Gesellschaften durchlaufen, bauen sich folgendermaßen auf:

Stufe 1.0, Beige, Individuum, Existieren: Das nackte kreatürliche Überleben eines Menschen oder einer Gruppe am Anfang (und oft am Ende) des Daseins. Die älteste Menschheitskultur vor 100 000 Jahren. Gott hat noch keine Gestalt und keinen Namen. Wenn es etwas “Göttliches” gibt, dann ist es die nährende Mutterbrust. Der Säugling (und der Greis).

Stufe 2.0, Purpur, Kollektiv, Sicherheit. Purpur ist die magische Stufe. Thema ist die Zugehörigkeit zur Gruppe, böse Mächte müssen abgewehrt, gute Geister beschworen werden. Märchenalter in der Kindheit, Schamanismus, Ahnenkult, Stammesgötter (Abraham), die nur für den eigenen Clan zuständig sind.

Stufe 3.0, Rot, Individuum, Macht. Ausbruch aus dem Clan, Eroberung, Aggression, Selbstbehauptung. Wer ist stärker? Biographisch das Trotzalter. Religiös: Machtgötter und Machtkampf der Götter, Jahwe als Kriegsgott, der sich als stärker erweist als die anderen Götter.

Stufe 4.0, Blau, Kollektiv, Ordnung: Moral, Regeln, Gewissen, hierarschische Struktur (oben und unten), Sündenbewusstsein und Ausgrenzung der Sünder, Könige, Beamte, Priester. Der eine und allmächtige Gott, der Richter. Dualistisches Weltbild: „drinnen“ und „draußen“.

Stufe 5.0, Orange, Indviduum, Freiheit: Ich-Bewusstheit, Vernunft, Technik, Effizienz, Aufklärung. Gott geht entweder verloren (Atheismus) oder wird zum persönlichen Gott (Pietismus), Reformation, Rationalismus, Erfolgsstreben.

Stufe 6.0, Grün, Kollektiv, Gleichheit: Konsens, Integration, Sensibilität, Gewaltlosigkeit, Teams, Therapeuten, menschefreundlicher und mütterlicher Gott, der nicht verurteilt, Gott auch außerhalb der eigenen Religion, Abschaffung von Sklaverei, Feminismus, Rassengleichheit, Naturschutz.

Stufe 7.0, Gelb, Individuum, Zusammenschau: Vereinigung von Gegensätze, Paradoxes und Komplementäres aushalten (Jesus ist Mensch UND Gott), Intuition, vernetztes (systemisches) Denken, Eigenverantwortung.

Stufe 8.0, Türkis, Kollektiv, Universalität: Alles ist mit allem verbunden, Weltethos, global agioerende Gemeinschaften, Gott als Prozess und Poet der Welt, Harmonie.

Stufe 9.0, Koralle, Individuum: Noch nicht beschreibbar, Gott als „Werdenkönnen“.

Diese Stufen durchläuft kein Mensch und keine Gesellschaft linear. Im Gegenteil: In bestimmten Lebenssituationen, insbesondere in Krisen, greifen wir auf Stufen (und z.B. Gottesbilder und Gebetsformen) zurück, die „eigentlich“ schon überwunden sind. Das ist vergleichbar mit dem „Stresspunkt“ im Enneagramm, auf den wir unter Druck „zurückfallen“. Frühere Stufen werden beim Reifungsprozess nicht einfach aufgehoben; sie müssen integriert werden. Jeder Mensch hat alle früheren Stufen in sich, denn jede Stufe hat ihren eigenen Wert und ihre eigene bleibende Bedeutung. Ein gereifter Mensch erweist sich auch darin, dass er auf frühere Entwicklungsebenen nicht verächtlich herabschaut, sondern sie würdigt. Dazu kommt, dass wir in verschiedenen Lebensbereichen fast immer unterschiedlich weit entwickelt sind. Es gibt zum Beispiel Mönche auf dem Berg Athos, die außergewöhnliche Erleuchtungserlebnisse haben, aber frauen- und körperfeindlich sind und alle Nicht-Orthodoxen verteufeln. Die geistige Entwicklung kann trotz erstaunlicher Gotteserfahrungen stagnieren. Der große mittelalterliche Mystiker Bernhard von Clairvaux zum Beispiel war gleichzeitig ein übler Kreuzzugshetzer.

Zu einer „integralen“ Spiritualität(Ken Wilber) gehört, dass die moralische, die intellektuelle, die geistliche und die emotionale Linie gleichzeitig wachsen. Andererseits sind auf allen Stufen der Entwicklung tiefe und vollständige religiöse und mystische Erfahrungen möglich. Sie werden sich allerdings in der Sprache und den Bildern der jeweiligen Stufe Ausdruck verschaffen.

Die Thesen von “Gott 9.0” stießen allerdings schon vor der Veröffentlichung auf den einen oder anderen Widerspruch. Aber bevor solche kritische Anfragen Gehör finden – und das sollen sie – muss man zunächst die Grundgedanken dieses Ansatzes zur Kenntnis nehmen. Auf Dauer wird man sich einer qualifizierten (und nicht nur emotionalen und abwertenden) Diskussion dieses Ansatzes nicht entziehen können. Stufenmodelle tragen ja tatsächlich die Gefahr in sich, dass sie zum geistlichen Hochmut derer führen können, die sich „weiter oben“ oder „besser“ wähnen. Das Autorenteam hat dieser Versuchung ernsthaft widerstanden. Das Buch ist frei von Überheblichkeit. Offen bleibt freilich die Frage, ob der Entwicklungsoptimismus dieses Modells (Untertitel: „Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“) berechtigt ist. Allerdings: Als Christen glauben wir an einen Gott, der will, dass allen Menschen geholfen wird und der trotz aller Rückschläge das Heil dieser Welt will und vorantreibt, so dass am Ende „alles gut“ wird. Das zumindest erlaubt eine insgesamt hoffnungsfrohe Zukunftsperspektive.

Gleichzeitig bietet das Buch all jenen eine Fülle von Denkanstößen und Verstehenshilfen, die sich mit Fragen herumschlagen wie: Was hat der Kriegsgott Jahwe, der befiehlt, die Feinde Israels brutal auszurotten, mit dem Liebesgott zu tun, den Jesus verkündigt? Weshalb sagen mir bestimmte religiöse Praktiken und Vorstellungen nichts mehr, die mich einst erfüllt haben? Bin ich vom Glauben abgefallen, wenn ich bestimmte Vorstellungen nicht mehr nachvollziehen kann, oder hat sich mein Glaube vertieft und erweitert?

Erste Rezensionen im Internetbuchhandel amazon.com sind ermutigend: „Ein Buch, das mein Leben nachhaltig verändern wird! Ich habe es verschlungen und es hat sich für mich eine neue Welt aufgetan. Es hat eine Mauer bei mir einstürzen lassen, die mir eine neue Sicht auf mich und die Welt gibt und schier unendliche Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung.“ Oder: „Den Autoren gelang es mich mit ihren Gedanken zu unseren Entwicklungsmöglichkeiten zu fesseln, ohne mich durch christliche Dogmatik zu ärgern… Plötzlich habe ich vieles verstanden. Es steigt ein Bild in mir auf, wie es sein könnte – das hat mir bislang gefehlt. Und wenn Gott so gedacht wird, wie hier beschrieben, ja, dann könnte ich mich auch wieder mit Ihm anfreunden.“ Oder: „Gott scheint durch das gesamte Buch voller farbenfroher Leuchtkraft hindurch.“

Ein Test gleich zu Beginn des Buchs ermöglicht eine erste Einschätzung, welche der Stufen 2 bis 8 beim Leser und der Leserin besonders stark ausgeprägt sind und wo Schwer- und Schwachpunkte liegen. Ich persönlich hätte diesen Test lieber am Ende der Lektüre gemacht. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass ich kein großer Fan von solchen Tests bin. Ähnlich wie beim Enneagramm empfinde ich es als hilfreich, die Beschreibungen der Wachstumsebenen (zugleich eine Schatztruhe voller Informationen, Zitate und Geschichten) erst einmal wirken zu lassen. Die Fragen des Tests fand ich zum Teil etwas verwirrend, da sie manchmal zwei Teile haben, die ich persönlich jeweils unterschiedlich bewerten würde. Jedenfalls sollte man den Test nicht allzu ernst nehmen. Die echten Aha-Erlebnisse kommen beim Lesen. Und das Ganze fühlt sich für mich ähnlich aufregend an als die Erstbegegnung mit dem Enneagramm vor über 20 Jahren.

Gott 9.0 wird auch der Enneagrammarbeit neuen Auftrieb geben. Ähnlich wie das Prozessmodell, das Ludwig Zink und Arno Kohlhoff weiterentwickelt haben, oder die Einsichten über die Untertypen, eröffnet dieser Ansatz völlig neue Dimensionen. Er ermöglicht erstmals eine vertikale und somit dreidimensionale Sicht von Entwicklung. Denn das jeweilige Muster bleibt auf allen Entwicklungsstufen dasselbe. Dennoch sieht eine FÜNF auf Stufe 4.0 (blau) anders aus als auf Stufe 7.0 (gelb). In Kombination mit dieser Entwicklungsdynamik kann das Enneagramm zu einem noch präziseren und umfassenderen Werkzeug der Wahrnehmung werden. Ich kann mir für unsere Zeit nichts Überzeugenderes vorstellen als diese Kombination. Sie leistet einen hervorragenden Dienst auf dem Weg zu einer integralen Spiritualität, wie sie Ken Wilber angedacht hat.
Ein großes Geschenk! Danke Marion, Tilmann und Tiki!
Andreas Ebert
Leiter des Spirituellen Zentrums St. Martin in München und Bestsellerautor (Das Enneagramm)

*Aktuelle Infos und Termine unter www.Gott90.de*

Aus EnneaForum 38 (11/2010), S. 31-32 © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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