Editorial

Liebe ÖAEler!
Österliche Enthüllung liegt hinter uns: Das Leben ist dem Todesgewand enthüllt – Auferstehung bis in unseren Alltag hinein ist uns zugesagt. Wer ist derjenige, der in der Mitte des Titelbildes kauert zwischen Tüchern, Zeichnungen, Stellagen?
Ist er in peinlicher Weise entkleidet, ähnlich dem blamierten Kaiser, der feststellt, dass seine „neuen Kleider“ gar keine sind? Nackt und dem Lachen preisgegeben?
Ist er beraubt seiner Ideale, seiner Auszeichnungen, die ihn schmückten, seiner Sicherheiten?
Ist er gar am Ende, ledig aller Hoffnungen auf das Gelingen seines Lebens?
Ist er frei, frei von Bindungen und Ansprüchen, die zwar wärmten, aber eigentlich nicht mehr paßten?
Oder ist er entblößt, ähnlich dem Sterntalermädchen, das im wahrsten Sinn des Wortes sein letztes Hemd gibt, um schließlich in seiner ganzen Bedürftigkeit mit geöffneten Armen unter dem Himmel zu stehen?
Zuletzt genanntes Mädchen entspricht meiner Ansicht nach dem Menschen, der nach Erich Fromm vom „Haben“ zum „Sein“ vorgestoßen ist. Der nicht mehr das ist, was er hat (und da haben wir ÖAEler ja genügend Kleidungsstücke in der Garderobe hängen: die Sicherheits-Weste, das Image-Ballkleid, den Morgen-[muffel]-Mantel, den Kuschel-Pulli usw.), sondern aufgibt, was er hat, um zu werden, was er vor Gott schon ist: Nackter, geliebter Mensch „pur“.

Das Thema „Vom Typ zum Sein“ stand dieses Mal im Zentrum der Jahreshauptversammlung des ÖAE in Rothenburg. In Vortrag, meditativen Übungen, Gottesdienst und in-/offiziellem Miteinander wurde das Thema umrissen, angedacht, ausgeführt. Es wurde geredet, gelacht, gedacht, getanzt, gegessen – und auch gestritten und gerungen. Denn das Werden vom „Typ“ zum „Sein“ geschieht nun einmal nicht ohne Geburtswehen. Einige Eindrücke werden in dieser Ausgabe von EnneaForum zu „Abdrücken“, die sicher eine Fährte hinterlassen. Nachdem die vorletzte Ausgabe an der Jahrtausendwende Auf-, Ein- und Übergänge thematisierte, zeigte sich auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung, dass wir uns in einem Übergang befinden. Die Frage „ÖAE – quo vadis?“ der vorletzten Ausgabe kam weiter zum Tragen und zur Entfaltung: Nicht nur jede und jeder Einzelne von uns ist auf seine Weise dabei, mehr zu „sein“ als zu „scheinen“, auch dem ÖAE muß es gelingen, sich mehr und mehr zum „Sein“ zu entwickeln. Dietrich Kollers Predigt in der Thomasmesse erzählte von Jesu Verklärung auf dem Berg. Die Jünger wollen sich dort einrichten – mit Jesus, Mose und Elia, ihren Leitbildern: „Es ist so angenehm, in den bisher geschaffenen und bewährten Strukturen zu verbleiben.“ Doch Jesus schüttelt den Kopf: „Ihr seid noch nicht am Ziel, sondern unterwegs. Bleibt nicht stehen. Setzt euch nicht zur Ruhe. Nehmt Veränderungen an.“ Auf dem Berg, so meine ich, stehen wir nun als ÖAE: Viele Ehemalige sind gegangen, viele Neue hinzugekommen. Nun stellt sich die Frage „Wird es uns gelingen, ein gemeinsames Anliegen neu zu definieren, in den Mittelpunkt zu stellen und die dafür erforderlichen Anstrengungen auf uns zu nehmen?“ Oder werden wir Hütten bauen und uns dort einrichten – auf einem bisher tragenden Fundament?

Der Ausblick der Predigt: Richten wir den Blick auf das Wesentliche – auf das Sein, auf das, was uns ausmacht. Was das sein wird, wird gestaltet werden müssen.

Zurück zum Titelbild: Mögen sich viele ÖAE-Mitglieder einfinden, die sich aus einer kauernden Haltung in die Aufrechte begeben, die Staffelei freilegen, Tücher beiseite schieben und Pinsel und Farben zur Gestaltung des „Seins“ in die Hand nehmen!

Verbunden mit einem nachösterlichen Segenswunsch grüßt Euch

Claudia Dienst-Mann

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 2

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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