Dantes Göttliche Komödie und die Neunheit

In seinem Aufsatz in der Zeitschrift Esotera 1991, Heft S, Seite 22, hat Andreas Ebert die „Neun Zahlen des Lebens” im Enneagramm vorgestellt und darauf hingewiesen, daß der italienische Dichter Dante Alighieri schon im 13. Jahrhundert die Wurzeln des Enneagramms (=Neunzeichen) gekannt haben muß. Er hat in seinem grandiosen dichterischen Werk, die Göttliche Komödie, die Zahl Neun bei der Schilderung seines mystischen Weges durch die Hölle, über den Läuterungsberg und durch die neun Sphären des Paradieses als numerisches Symbol benutzt. Diesem Hinweis ist Rudolf Budenz nachgegangen und hat das „Menschheitsgedicht” und einen Teil der sehr zahlreichen Sekundärliteratur durchgesehen, um die Ebert’sche Andeutung zu vertiefen.

Ausgegangen bin ich bei meiner Untersuchung von der Übersetzung von Paul Pochhammer: „Dantes Göttliche Komödie in deutschen Stanzen frei bearbeitet von P.P.”(Leipzig, B.G.Teubner 1920) und der Schlegel’schen Teilübersetzung und Kommentierung, abgedruckt in Albert Ritters „Der unbekannte Dante” (Gustav Großer Verlag 1923). In der Rowohlt Monographie Bd. 167 von Kurt Leonhard „Dante Alighieri in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten” fand ich den entscheidenden Vermerk und eine vorzügliche Bibliographie.

Den Versuch, das Leben des Dichters in Romanform zu fassen, unternahm Gertrud Bäumler in “Macht der Liebe. Der Weg des Dante Alighieri” (F.Bruckmann Verlag, 2.Aufl. München 1950). Sie war es auch, die sogleich zur Sache ging, unter der ich die Beziehung Dantes zur Neunzahl verstehe. Sie gliederte das Leben des Dichters bewußt oder unbewußt in vier Neunjahresringe: Den der Reife, den der Liebe, den des Bürgers und den der Sehnsucht. Einen tieferen Grund, die Neunheit dafür zu benutzen, hat sie nicht angegeben, war aber augenscheinlich von der schematischen Darstellung der Reise des Dichters dazu angeregt worden.

In Begleitung Vergils, dem Dichter des griechischen Heldengesangs, begab sich Dante auf die Reise, durchschritt das Höllentor und befand sich in einer Volksmenge von Lauen, denen die Hoffnung auf den Tod fehlte, und die sich so in Kleiniglichkeiten selber quälten, daß sie keiner Hölle bedurften. Am Ufer des Acheron, dem Fluß der Unterwelt, angekommen, wurden die beiden Dichter von Charon übergesetzt.

Die Vorhölle war der 1. Kreis und dort hielten sich die guten Heiden auf, die nach derewigen Seligkeit schmachteten. Im 2. Kreis, den Dante danach erreichte, begann die eigentliche Hölle. Hier regierte Minos, der Totenrichter, der den Verdammten den Qualenort zuwies. Die Schlemmer litten ihre Strafe im 3. Kreis. Und im 4. Kreis wurden die Qualen für die Geizigen ausgemalt.

Am zweiten Tag kamen die Wanderer in den 5. Kreis, wo die Strafe auf die Zornwütigen wartete. Hier trafen sie auf den Fluß Styx, den sie überqueren mußten. Sie stellten fest, daß der 6. Kreis auf der gleichen Höhe lag und fanden dort die Höllenstadt Dis. Hier war der Anfang der „tiefen Hölle”. Es fanden Gespräche statt mit den verschiedensten Personen. Hier gesellte sich ein Engel zu ihnen, der ihren Schutz übernahm, weil ab hier die Vernunft versagte.

Mit dem Eintritt in den 7. Kreis trafen sie auf den Minotaurus, das Symbol des Entsetzens. Drei Zirkel des Leidens existieren dort: Einer für Tyrannen, die von Zentauren bewacht wurden, einer für die Selbstmörder und eine glühende Wüste für die Gotteslästerer, die Wucherer und für die niederen Lüstlinge.

Um in die Tiefe zu kommen, wo die Gewalttätigen bestraft wurden, flogen sie auf dem Rücken eines mystischen Ungeheuers, den Geryon, in einem Kreiselflug in den 8. Kreis. Da war die Malabulge (Schreckenskluft) mit ihren 10 Unterklüften. Dämonen bewachten den Übergang zur 5. Kluft. Zehn von ihnen begleiteten sie auf dem Weg über die weiteren Klüfte. Die Heuchler wurden in der 6. Kluft in bleiernen Kutten verbrannt. Die 7. Kluft enthielt die von Schlangen gepeinigten Räuber. Als sie in die B. Kluft hineinschauten, sahen sie zuerst nur Irrlichter, dann die arglistigen Helden, unter ihnen Odysseus. Die Zwietrachtstifter und die Schismatiker wurden immerzu in der blutigen 9. Kluft zerfleischt. Ein Morast mit Fiebergründen war die 10. Kluft, sie bereitete die Pein für die Fälscher.

Hinter den Klüften lag der Abgrund zur Hölle. Mächtige Giganten standen da und einer von ihnen, Antäus mit Namen, hob sie mit der Hand in die Tiefe, zum Mittelpunkt der Erde (Luzifer). Statt Feuer sah der Dichter nur Eis und fühlte grausige Kälte. Hier wurden die Brudermörder (Kaina) und die Vaterlandsverräter (Antenora) von Luzifer persönlich zermalmt. Es waren auch die Freundesverräter (Ptolomäa) und die Judasse (Judecca) zu diesem Schicksal bestimmt.

Vom Aufenthalt im Höllenzentrum begaben sich Dante und Vergil durch die Erde zum Fuß des Berges der Läuterung. Dieser ragte so hoch über die Erdoberfläche, wie der Höllenkrater tief war, den Luzifer bei seinem Sturz geschlagen hatte. Er war mit Wasser umgeben und Schilf, Symbol der Demut, stand am Ufer. Der Zugang zum Berg wurde von Cato bewacht. Die Wanderer begannen den Aufstieg und sahen, daß erst einmal zwei sehr steile Unterstufen bewältigt werden mußten. Um sie herum standen Scharen von Gläubigen, die für den Aufstieg nicht die nötige Würde besaßen. Durch die Petruspforte konnten sie in die Büßerwelt einsteigen, nachdem Dante siebenmal ein P (Peccata=Sünde) in die Stirne geritzt worden war.

Der 1. Umgang war die dritte Stufe, und hier büßten die Stolzen. Im 2. Umgang war alles glatt, wie der Neid es auch ist. Dante übte sich hier in Selbstkritik. Für den Zorn war der 3. Umgang vorbereitet, Sanftmut war angesagt (1-4-2).

Mit Engelshilfe wurde schnell der 4. Umgang bewältigt, wo die Trägen ihre Fehler gutmachen konnten. Die Bangigkeit der Nacht hinderte am Weiterwandern, und im Traum wurde Dante vom Trug der Sinneslust erfaßt (9-6-3).

Bei Sonnenaufgang betraten sie den 5. Umgang. Dort lagen die Geizigen im Staube und beteten den 119. Psalm. Dante erfuhr, daß diese Büßer sich tagsüber mit heiliger Armut und des Nachts mit Beispielen des Geizes beschäftigten. An Stelle von Vergil begleitete von nun an der erlöste Dichter Statius den Weg Dantes. Vor dem Betreten des 6. Umkreises entfernte ein Engel ein P von Dantes Stirn. Hier büßten die Schlemmer ihre Untugend – beim Anblick duftender Früchte in unerreichbarer Entfernung. Auf dem letzten, 7. Umgang übten die Wollüstigen die Marienhymne „ich weiß von keinem Mann noch Frau” (7-5-8).

Am nächsten Morgen fanden die Wanderer oben auf dem Berge das irdische Paradies, bei dem sich die ganze Phantasie des Dichter in einer wunderbaren Schilderung ergeht. Nach einem Bade im Lethefluß begegnete Dante seiner Beatrice. In ihrer Nähe zu weilen, war für ihn der Inbegriff der Liebe.

Unverzüglich begaben sich die beiden auf die Wanderung durch Dantes Weltgebäude, dessen Aufbau dem Ptolemäischen System ähnelt. Wieder Weg aufwärts ging, wuchs im gleichen Maße. die Erkenntnis des Hohen und des Höchsten (siehe Abbildung).

Aus dem Feuerkreis der Erde, ausgehend vom Garten Eden, trafen Dante und Beatrice auf die l. Sphäre und darüber den Mondhimmel. In ihm kielten sich die Geister auf, die nicht höher steigen konnten, weil sie ein Gelübde gebrochen hatten. Der Aufstieg über die 2. Sphäre in den Merkurhimmel brachte die Erkenntnis christlicher Geheimnisse. Darauf kamen sie im Fluge zur 3. Sphäre in den Venushimmel. Der Tanz der Seligen wiegte sich in einer Bewegung, die ausging vom primum mobile. Bis in den letzten Himmel fiel immer noch der Schatten der Erde. Sie verließen ihn in Richtung der 4. Sphäre, dem Sonnenhimmel. Hier war die göttliche Wissenschaft zu Hause, folglich tummelten sich die Kirchenväter zuhauf. In der 5. Sphäre trafen sie auf den Himmel des Mars; wo Dante den Ahnherrn seiner Familie traf, der ihm aus der Geschichte von Florenz berichtete. Die 6. Sphäre mit dem Jupiterhimmel ist der Ort der Rechtsordnung, mit dem Adler als Symbol der Gerechtigkeit. Hier ist auch die Rede von „Heiden”, deren “Taufbegierde” – wie das Martyrium – die Taufe ersetzte.

Weiter ging der Aufstieg zur 7. Sphäre in den Saturnhimmel, wo der Ort der Betrachtung und der Erhebung der Seelen zu Gott war. Die 8. Sphäre schließlich gehörte zum Fixsternhimmel. Das Sternbild der Zwillinge wurde erwähnt, weil Dante unter ihm geboren war. In diesem Himmel traf er auch auf die Apostel. Im Fluge erreichte man wiederum die 9. Sphäre, den Kristallhimmel der tätigen Engel, deren Liebe zu Gott die Welt – zusammen mit dem primum mobile bewegte.

Dieser Himmel ist der Schlüssel zum Verständnis, warum Dante Alighieri in seiner Dichtung das Mysterium der Neunzahl verwendete. Das Ziel der Reise ist allerdings ein 10. Himmel, das Emporyum mit Himmelsrose und Lichtsee, also der über allem thronende Gottessitz.

In der mir zugänglichen Literatur fand ich keinen Hinweis über einen Zahlenmythos bei Dante, der sich auf die Zahl Neun bezöge. In seinen Abbildungen spricht v. Pochhammer fast schon krampfhaft von der Siebenzahl als Systemgrundlage, muß aber in seinen Zeichnungen stets 9 Stufen anbringen. Ihm war das Neunersystem nicht geheuer. Die Verbindung Dantes zum Islam und der arabischen Welt fand ich schließlich in der Erwähnung des arabischen Philosophen Avicenna. In Rowohlts Monographie „Dante” findet sich der Hinweis (S. 88):

Die „erstbewegte” Sphäre, die zugleich alle anderen einschließt und bewegt, ist der Kristallhimmel des arabischen Philosophen Avicenna; und an seiner Wölbungsfläche entsteht durch Rückstrahlung des Gotteslichts. diese Spiegelung… Der Kristallhimmel heißt also „primo mobile”, ... weil er in unvorstellbarer Geschwindigkeit rotiert und die gesamte übrige Schöpfung mit in seine rasende Umdrehung reißt, während das „empireo”, der zehnte Himmel, der allumfassende Umraum (den ebenfalls erst die Araber zum Sitz, nein, zur Seinsform der Gottheit gemacht hatten) in ewiger Ruhe, unbewegt und teilnahmslos verharrt… Gott erscheint im neunten Himmel als ausdehnungsloser Mittelpunkt von unendlicher Leuchtkraft, um den sich die neun Engelskreise drehen… Gott ist (nach Aristoteles und den Arabern) Zielursache der Liebesbewegung des gesamten Kosmos, ohne selbst von Liebe bewegt zu sein; zugleich ist er aber die bewirkende Ursache im Schöpfungsakt… Diese aristotelisch-arabische Gottesvorstellung geht aber bei Dante (wie übrigens auch bei seinem Generationsgenossen Eckehard) mit der vom tätigen Liebesverlangen des biblischen Schöpferund Richtergottes zusammen, ohne daß der Dichter einen Widerspruch zu empfinden scheint.

Von dem arabischen Philosophen Avicenna weiß man, daß er zu jenen Gelehrten gehörte, die über das muselmanische Spanien das europäische Abendland wieder mit der aristotelischen Lehre bekannt gemacht hat. Er wird das Enneagramm aus dem geistlichen Gut der Sufis kennergelernt haben und diese Zahlenmystik an Dante sowie auch an Meister Eckehard weitergegeben haben, die ihrerseits Gebrauch davon gemacht haben, jedoch den tieferen Sinn verborgen sein ließen. Daß dem so ist, kann man aus Dantes Epos herauslesen, wenn er die “Laster” der unerlösten Typen von „Sündern” genau beschreibt:

Stolz (2), Neid (4) und Zorn (1) ergeben die rechte Enneagrammseite; Geiz (5), Schlemmer (7) und Wollust (8) die linke. Trägheit (9) und Angst (6) sind in Dante selbst versinnbildlicht – die in seinem Mut überwunden wurde. Die Lüge schließlich ist in den Trugbildern der Bosheitssünden enthalten.

Wenn die „Comödie” von Dante Alighieri nachträglich von den Bewunderern als “die Göttliche” bezeichnet wurde, dann ist der verborgene Geist einer uralten Heilstradition angesprochen. Die Aussage der Dichtung läßt keinen Zweifel bestehen, daß sie den spirituellen Wachstumsprozeß darstellen sollte, der in der gleichen Art und Weise mit der Anwendung der Lehre des Enneagramms aufgezeigt wird und nun jedem Menschen zugänglich ist.

[aus: Enneagramm-Rundbrief 3, April 1992, S. 16

Aus EnneaForum 03 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 03 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930