Heiliger Kreis? - Enneagramm in USA

Die Amerikaner haben es auch nicht besser: Die Christen sind gespalten über die Wirkungen des Enneagramms. Hier ein Artikel aus der Tageszeitung Minneapolis Star Tribune vom 26.1.92 von Martha Sawyer Allen

Ein umstrittener Kreis mit neun Punkten auf der Kreislinie sorgt unter gläubigen Christen – vor allem unter Katholiken – für Wirbel. Einige sagen, es handle sich um das beste Werkzeug zur Arbeit an sich selbst, das je erfunden wurde. Andere sagen, das ganze sei eine Gefahr für den Glauben und verführerisches Psycho-Gelaber.

Der Kreis nennt sich Enneagramm und stellt eine Art dar, Persönlichkeitstypen auf eine Weise zu betrachten, die die positiven und negativen Charakterzüge einer Person in einem spirituell begründeten Programm der Selbsterkenntnis verbindet.

Auf dem Kreisrand befinden sich neun Persönlichkeitstypen. Die neun Punkte sind durch ein Pfeilsystem miteinander verbunden, das auf ihre Abhängigkeit voneinander hinweist. Um herauszufinden, wo man hinpaßt, muß man tief in sich gehen, um die Motive hinter den eigenen Handlungen herauszufinden.

Wenn jemand herausgefunden hat, was ihr oder sein dominantes Charaktermuster ist, kann sie oder er daran arbeiten, die: positive Seite dieses Zuges zu verstärken und sich dabei – hoffentlich – „verbessern”.

Diese Innenschau verbindet spirituelle Dimensionen mit Psychologie und Philosophie, und genau darin liegt für einige das Problem.

„Das Enneagramm kann dich mit seinen Einsichten wirklich mitten ins Herz treffen” sagt Kathleen Hurley, Ko-Autorin des neuen Buches „What’s My Type?”, das das Enneagramm darstellt. Hurley ist römisch-katholisch aufgewachsen und ist bis heute praktizierende Katholikin.

Aber ein anderer Katholik, Pater Tim.Pickford, schreibt: „Wenn die Annahme des Enneagramms nicht bereits ein Zeichen für den Abfall vom Glauben ist, muß sie doch unweigerlich zum Verlust des Glaubens führen, da sie das Evangelium überflüssig macht und katholischer Lehre widerspricht, dem Individuum eine genuin katholische Sprache raubt und sie durch etwas ersetzt, was zu Recht Psycho-Gebabbel genannt worden ist.”

Pickford ist australischer Priester, dessen Schriften in den USA von den Catholics United for the Faith, einer ultra-konservativen katholischen Gruppe, vertrieben werden.

Das Enneagramm entstammt einem antiken System aus dem nahen Osten, das Mathematik und Philosophie vereint. Anhänger sagen, daß Elemente des Enneagramms in frühen christlichen, islamischen und jüdischen Schriften zu finden sind. Jahrhundertelang wurde es durch eine monastische islamische Gemeinschaft tradiert, die sich „Sufis” nannte, bis es durch Vorträge und Workshops in der modernen Welt Verbreitung fand.

Bis vor wenigen Jahren wurde nichts über das Enneagramm geschrieben. Seine Anhänger sagen, man könne es nur verstehen, indem man bei jemandem lernt, der oder die es gründlich kennt und es behutsam erklären kann. Auch die Anhänger geben zu, daß sich die Tradition auf Schubladen reduzieren kann, wenn man zu sehr auf schriftliche Weitergabe setzt.

Tausende Enneagramm-Workshops wurden im letzten Jahrzehnt in den USA gehalten, deren Teilnehmerzahl von einigen wenigen bis weit über 100 reichte. In der katholischen Gemeindearbeit erfreut es sich besonderer Beliebtheit, aber es wird auch von anderen christlichen Konfessionen betrieben,

Schwester KathleenStorms, eine geistliche Begleiterin am Loyola-Zentrum in St.Paul/Minnesota, hat zahllose Workshops über das Enneagramm geleitet. Sie behauptet, diese Typologie hätte „die Fähigkeit, Menschen eher zur Bekehrung (zum Glauben) zu führen, als sie davon abzubringen.”

Schwester Ansgar Holmberg, die ebenfalls das Enneagramm lehrt, sagt: „Es ist ein Werkzeug zur persönlichen Bewußtwerdung. Aber es ist nur, ein Werkzeug, ein Hilfsmittel. Es hilft einer Person zu verstehen, wann sie aus einem ungesunden Zwang heraus handelt.”

Dennoch fürchten einige Kirchenführer, daß dieses Werkzeug – gerade weil es Spiritualität mit Selbsterfahrung verbindet – für bestimmte Leute zum Religionsersatz werden könnte. Viele sagen, es handele sich schlicht und einfach um eines von vielen New-Age-Phänomenen, wie sie viele Kirchenführer verabscheuen.

Die katholische kirchliche Hierarchie begrüßt dieses Werkzeug weder offiziell, noch verurteilt sie es. Beamte der Erzdiözese von St.Paul und Minneapolis weigerten sich, eine Stellungnahme dazu abzugeben.

„Catholics United for the Faith” haben Hunderte ihrer Traktate verteilt, die Pickfords Analyse des Enneagramms enthalten.

„Man muß annehmen, daß nur Menschen, die Logik und Verstand und dazu ihren katholischen Glauben aufgegeben haben, dem Enneagramm Glauben schenken können”, schreibt er. Er drängt ferner darauf, daß Kirchenführer ihr Mißtrauen gegenüber dem Enneagramm offener zum Ausdruck bringen.

„Höchst verwirrend ist das Schweigen der offiziellen Lehrer der Kirche, die wissen, daß diese Absurdität unter unseren katholischen Priestern und Religionslehrern verbreitet wird”, schreibt er.

Hurley ist anderer Meinung als Pickford. Sie meint, das Enneagramm sei in katholischen Kreisen populär, „weil die katholische Kirche für viele Formen von Spiritualität offen ist. Sie glaubt daran, daß ein ehrliches Leben dazu beiträgt, die Gottesbeziehung eines Menschen zu vertiefen.”

Auch Pater Richard Rice vom Loyola Zentrum widerspricht der Behauptung, das Enneagramm sei eine Gefahr für den Glauben. „Es ist hilfreich für die geistliche Begleitung und ähnelt der Unterscheidung der Geister in der ignatianischen Tradition innerhalb der katholischen Kirche,” sagt er. Rice gehört zu den Jesuiten, jenem Priesterorden, den Ignatius von Loyola gegründet hat. „Es handelt sich um eine Spiritualität, die zum Wirken des Geistes Gottes, den wir in der katholischen Kirche anbeten, erstaunliche Nähe hat.” Hurley sagt, mit Hilfe des Enneagramms hätte sie herausgefunden, daß die unbewußte Motivation ihres Lebens darin bestünde, erfolgreich zu sein. Nachdem sie erkannt hätte, daß ihr innerer Erfolgszwang ihre „Schwäche” sei, könne sie nun darauf verzichten, derart verbohrt und besessen vom Erfolg zu sein. Jetzt sei sie fähig, mehr an echter Selbstgewißheit und innerer Harmonie zu arbeiten.

„Wenn ich auf Erfolgskurs bin”, sagt sie, „zieht es mich zur Nummer NEUN hin, dem Perfektionisten, der passiv ist. Das ist einechtes Warnsignal für mich”, sagt sie. „Jetzt weiß ich, daß es an der Zeit ist, aufzustehen und Energie zum Aufbruch zu bündeln.”

Viele stimmen darin überein, daß das Enneagramm Menschen zwingt, sich ihren negativen Charakterzügen zu stellen, an denen viele Menschen nicht arbeiten wollen. Anhänger behaupten jedoch, daß Menschen, die ihre negative Seite ansehen können, auch an der positiven arbeiten können.

„Die Leute kommen, weil sie ein Etikett suchen, daß sie sich aufkleben können. Aber dann gehen sie reflektierter, nach Hause und können sich selbst besser annehmen”, sagt Storms. „Es handelt sich um eine echte Wachstumserfahrung.”

[aus: Enneagramm-Rundbrief 3, April 1992, S. 6

Aus EnneaForum 03 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 03 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

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Vineeta · 17.01.2013 12:55 → Kommentarlink 001621

Wahrer Glaube ist Vertrauen, der auf innerer Gewissheit beruht, die wiederum nur entsteht, wenn Erkenntnis da ist. Wozu dieser alte kindische Krieg zwischen Religion und Wissenschaft? Beides kommt früher oder später bei der selben Wahrheit an, beides sind mögliche Wege dem Leben zu begegnen, doch Wahre Religion beinnhaltet Wissenschaft und wahre Wissenschaft beinhaltet Religion, warum muss man etwas ablehnen, was eigene Blindflecken anspricht? Keine Lust sich weiterzuentwickeln? Oder tut es zu sehr weh wenn alte Weltbilder auf denen man seine Identität aufgebaut hat einstürzen??? Schade…Für mich geht aus Jesus Lehren nicht hervor, das blinder Aberglaube der Weg ist. Zusammensein mit Jesus, bedeutet schonungslose Ehrlichkeit, und es tut weh wenn alte Vorstellung sterben. Wenn etwas der Wahrheit entspricht, kann sie auch hinterfragt werden, sie ist unzerstörbar, aber Unwahrheit braucht ,das sie auf keinen Fall hinterfragt wird, sonst bemerkt noch jemand die Lüge?! Beide Seiten, sowohl Religion als auch Wissenschaft, haben Konzepte entwickelt die an der Wahrheit und der Liebe vorbei gehen, beide Seiten sollten mehr Toleranz entwickeln für die jeweilige “andere” Seite.
Enneagramm und wahrer Glaube gehen für mich zusammen, man kann Gott nur über Wahrheit und Liebe finden, wann hören wir endlich auf zu bekämpfen und abzulehnen was anders ist. Im Übrigen ist das Enneagramm und echte Religion ein hervorragendes Mittel dafür, weil Verständnis entsteht und Toleranz. Aber möglicherweise ist es nicht das Allheilmittel für alle Menschen, weil wir Menschen verschieden sind.

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