Bibliodrama in der Weiterbildung

Das Programm zum zweiten Weiterbildungskurs überraschte mich mit einem ganzen Tag, der dem Bibliodrama gewidmet werden sollte. Sich einem Bibeltext mit Spiel, gar Schauspiel zu nähern, hatte ich bisher noch nie erlebt. Ich war neugierig, wie das Bibliodrama mit dem Enneagramm verbunden werden sollte, aber auch ein wenig skeptisch, ob so ein Tag sinnvoll für die Ausbildung zur Enneagrammtrainerin sein kann.
Friedrich-Karl Völkner leitete uns durch den Tag und lies uns „mit Leib, Seele und Geist“ der Geschichte über den Blinden Bartimäus (Markus 10,46-52) begegnen. Er lud uns ein, wahrzunehmen, „was heute hier geschieht.“ Wir sollten auch darauf achten, wo wir uns von unserem Enneagrammtyp regiert verhielten, und wo wir möglicherweise über ihn hinausgingen.
Besonders deutlich wurde der Bezug zum Enneagramm in den Übungen, die eine persönliche Wahl erforderten. Nach dem immer kleinschrittigeren Lesen des Textes reihum beim einzelnen Wort angekommen, gingen wir den Text sprechend durch den Raum und blieben stehen, wo der Text für uns „hakte,“ das heißt, wo wir angesprochen, berührt waren.
Als VIER war ich bei der Frage „Was willst Du?“ stehen geblieben, die, gelöst aus dem Text und doch verbunden mit ihm mich sehr tief befragte. Nicht nur darüber, was ich will – analog zu Bartimäus sehen lernen, das heißt Gott sehen lernen, sondern auch sehen lernen, was Gott von mir sieht, was meine Aufgabe im Leben ist, was meine Gabe. Der Text sprach so unmittelbar zu mir, mein Grundthema Zugehörigkeit und meinen Platz in der Welt anzusehen.
In der Satzsymphonie konnten wir hören, welche Sätze oder Wörter die anderen gewählt hatten. Es schien durchaus typenspezifische „Vorlieben“ in der Wahl zu geben, wie eben beispielsweise das „Was willst du“ für die VIERer. Wie immer beim Enneagramm wurde jedoch auch die Einzigartigkeit des Ausdrucks und der „Lesarten“ deutlich, selbst wenn die Worte dieselben waren. Die Übung zeigte sich als ein feines Instrument für die Selbstbeobachtung und auch für das Wahrnehmen der anderen.
Anschließend an die Satzsymphonie teilten wir in einer intensiven Zweierübung miteinander, welche Worte wir warum gewählt hatten. Dabei unterstützte die vorgegebene Struktur der wiederholenden Befragung; wir sagten wir immer wieder den gewählten Satz oder das Wort der Gesprächspartner und luden damit urteilslos zur Antwort auf den Text ein. So wurde die Reflexion über uns selbst und das Verstehen der anderen noch vertieft.
Eine weitere Übung war das Erproben der Worte in der Mitte des Raums, durch welches kleine Szenen entstanden, die tief aus den Seelen in die Seelen sprachen. Nicht nur die Kraft und Bedeutung der Bibelworte wurden erprobt; wir durften vor allem probieren, uns auszudrücken und zu handeln, typgemäß oder über den Typ hinauswachsend. Der geschützte Raum eines „Spiels“ gab die Sicherheit und die Freiheit zum Erproben und zum Ausloten von Wünschen, Ängsten und Fragen an das Leben und Gott.
Im Spiel ist die Einladung, über seinen Typ hinauszuwachsen, andere Weisen zu handeln einzuüben und an- und abzuschauen, wie andere Spielpartner agieren. Die Aufmerksamkeit für die jeweiligen Enneagrammtypen mögen nicht immer gegenwärtig sein, sie werden es jedoch oft genau bei den Möglichkeiten zu handeln oder eben nicht zu handeln. Die Szenen bieten somit eine starke Vergegenwärtigung der Typen und ein Gewahrwerden der Einladung des Enneagramm zum Wachsen.
So zeigten sich beispielsweise FÜNFer so gar nicht typgemäß in großen Rollen im Bibliodrama, und drückten sich vor den anderen aus. Oder eine EINS durfte sich einmal „unmöglich“ verhalten und kam auf einem Möbelstück zu stehen. Eine NEUN konnte im Spiel erfahren, dass sie hätte handeln können, wo sie sich gelähmt fühlte.
Das stärkste persönliche Erlebnis war eine Szene, in der ich die strafenden „Sei still!“-Rufe –vielleicht im VIERer-interesse nach Tiefe, aber vielleicht auch mit provozierender ACHTer-energie – mit dem Satz „Was willst du?“ herausfordern wollte. In der Konfrontation wurden alle wie durch ein Wunder sanfter und still und die Botschaft wandelte sich in ein liebevolles „Sei still!“, das die Frage „Was willst du?“ zurückkommen ließ zu mir als VIER. Ich antwortete „Mich am Leben freuen.“ und ich bekam von der SECHS die liebevolle Erlaubnis „Das darfst du.“ Die Schimpferei vom Beginn der Szene war aufgehoben und etwas sehr Schönes war neu aus den Worten gewachsen.
Insgesamt erkenne ich im Bibliodrama einen wertvollen Schatz an Übungen, die unser Lernen und Üben am Enneagramm erhellen und schöpferisch erweitern können. Die Übungen bieten einen geschützten Raum, über die Erfahrung des Bibeltextes hinaus sich selbst zu erproben und sich selbst und andere in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen. Wichtig im Zusammenhang mit dem Enneagrammtraining ist die anschließende Reflexion der verschiedenen Typen nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch in der Gesamtgruppe, um noch bewusster den Bezug zum Enneagramm wahrnehmen zu können.
Sabine Froesa

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