"Netzwerk Richard Rohr"

“Welchen Beitrag leistet das Netzwerk Richard Rohr für einen zeitgemäßen, erwachsenen Glauben einerseits und für eine positive Entwicklung der Situation der Kirche heute?”

Statement von Rainer Fincke beim Katholikentag in Osnabrück

Ich will Ihnen zur Beantwortung dieser Frage zunächst aus meinem eigenen spirituellen Werdegang erzählen und dann noch einige grundsätzliche Anmerkungen machen.

Ich bin 53 Jahre alt, seit 25 Jahren ordinierter evangelischer Pfarrer zunächst 8 Jahre in einer Hamburger Gemeinde, dann 11 Jahre als Jugendpastor im Nordelbischen Jugendpfarramt und seit 7 Jahren leite ich in Lübeck eine große Kirchengemeinde mit 10.600 Gemeindegliedern.

Ich glaube, ich war 4 Jahre Gemeindepastor, als ich in eine tiefe spirituelle Krise geriet. Ich rackerte und machte eine Aktion nach der anderen. Es war auch durchaus erfolgreich, es kamen viele Menschen zu meinen Veranstaltungen. Und doch habe ich mich immer stärker gefragt: was machst Du da eigentlich. Ist das nicht alles nur eine Inszenierung? Glaubst Du das wirklich, wenn Du das Abendmahl zelebrierst, dass da vor dir Leib und Blut Christi verwandelt wird? Ich kam mir blind vor und wie soll ein blinder einen Blinden führen?

So konnte es nicht weiter gehen. In der etablierten Kirche, bei Amtsgeschwistern und Vorgesetzten habe ich damals wenig Hilfe erhalten, eher Verständnis für meine Zweifel. Ich überlegte ernsthaft, aus dem Pfarrdienst auszuscheiden.

Ich begegnete damals u.a. einem Menschen, der mir dann sehr geholfen haben, dass ich heute hier stehe und nach 25 Jahren sagen kann, ich bin gerne Pastor, ich bin überzeugt von dem was ich sage und lebe, .
Das war der amerikanische Franziskaner Richard Rohr. Ich lernte Richard Rohr Anfang der 90iger Jahre kennen über die Beschäftigung mit dem Enneagramm. Er hat mit dem bayrischen Pfarrer Andreas Ebert ein vielbeachtetes Buch über das Enneagramm geschrieben, einer alten Persönlichkeitstypologie, die er auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes weitergegeben hat.
1993 habe ich das erste große Seminar mit ihm auf dem Koppelsberg bei Plön organisiert: „Sehnsucht nach Gott?“ mit 200 jungen Teilnehmern aus allen Konfessionen. Ich war fasziniert wie dieser Franziskaner eine Sprache fand, um über wesentliche Dinge des Glaubens zu sprechen, das ganz unterschiedliche – oft sehr kritische junge Menschen ihm an den Lippen hingen.

So ist der Kontakt zu ihm und später zu seinem „Center for action and contemplation“ entstanden.

In Deutschland ist Richard Rohr vor allem durch seine Männerarbeit bekannt, aber auch durch viele Auftritte bei Kirchentagen und Seminar- und Vortragsreisen zu spirituellen Themen.
Ein wichtiger Kreis in Deutschland, um die Arbeit von Richard Rohr zu unterstützen, ist der ÖAE (Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm), der Ende der 80iger Jahre von Richard Rohr und dem München Pastor Andreas Ebert gegründet wurde. Wir haben rund 450 Mitglieder aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Die meisten von ihnen sind durch die persönliche Begegnung mit Richard Rohr inspiriert worden.

Sie sehen aus dieser Beschreibung, dass ich eigentlich seit fast 20 Jahren neben meinem „Hauptberuf“ als Pastor immer noch ein anderes geistliches Leben hatte und mich dort engagierte. Und genau das hat mich aus meinen Zweifeln und Frustrationen als junger Pfarrer geheilt.

Was bedeuten diese Erfahrungen mit Richard Rohr für die Frage nach einer Erneuerung der Kirche?

Ein wesentliches Problem unserer Großkirchen ist ja, dass der Apparat, die Organisation, die Gebäude, die Repräsentanz im öffentlichen Leben… einen so großen zeitlichen und finanziellen Raum einnehmen, dass geistliches Leben in der Gemeindearbeit immer mehr „eingequetscht“ wird in die wenigen freien Lücken des vorgegeben Arbeitsplans einer Gemeinde. Natürlich gibt es in den Gemeinden oft eine sehr engagierte Arbeit,

Genauso oft habe ich aber eine große Müdigkeit erlebt bei den Pastorinnen sowie bei den leitenden haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Die Sorge um die Zukunft der Gemeinde, Verlustängste beim Verkauf von kirchlichen Gebäuden, Zorn über kirchenleitende Entscheidungen belasten enorm. Und das spüren dann ja auch die „normalen“ Gemeindeglieder. Viele Gemeindepastoren und ehrenamtliche sind geistlich und seelisch „ausgebrannt“ und können so nur schwer ihrer Aufgabe als geistliche Begleiter, Seelsorger und inspirierende Prediger des Evangeliums nachkommen.
Und sie haben oft niemanden, der ihnen aus diesem Dilemma heraushilft.

Dazu eine Beobachtung:
Erwachsene Menschen können die Pastoren in den Gemeinden nur selten als geistliche Begleiter, als Lehrer akzeptieren. Das ist möglicherweise ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft. Wir haben kaum akzeptierte Lehrer. Lehrer, die nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern uns in die wesentlichen Dinge des Lebens einführen. Bei meinen Seminaren, die ich in verschiedenen Klöstern gebe, frage ich gelegentlich die Teilnehmer: Erinnern sie sich doch einmal an Lehrer, die für Ihre Persönlichkeitsentwicklung wichtig waren. Nur die wenigsten können darauf antworten, oft ist es dann die Oma oder sind es die Eltern, kaum der Pfarrer. Manche fangen an zu weinen, weil sie plötzlich merken, sie hatten keine Lehrer, niemand, der ihnen das wirklich wichtige beibrachte.

Vielleicht ist das eine wichtige Aufgabe von christlichen Gemeinschaften wie dem Netzwerk Richard Rohr: einen Rahmen zu bieten für neue Erfahrungen mit dem Glauben in der Begegnung mit inspirierten Lehrern, und für den Austausch von „Schülern“ über die Inhalte. Seit ich diese Dynamik für mich verstanden habe und etliche neue „Lehrer“ fand und alte neu entdeckte, fällt es mir viel leichter, selber „Lehrer“ zu sein, z.B. bei Seminaren in den Bildungshäusern der Abtei Münsterschwarzach oder auch in meiner Gemeinde.

Vielleicht kann man es so sagen: Unsere Kirche braucht geistlich inspirierte Lehrer, Pfarrer und geistliche Begleiter für die Menschen in unseren Gemeinden. Und sie braucht Orte, wo diese Menschen ihrerseits Orientierung, Inspiration und Kraft bekommen. Ein solcher Ort ist das Center for action and contemplation in Albuquerque. Ein solcher Lehrer ist Richard Rohr.

Es geht ihm gerade in seiner spirituellen Arbeit darum, den Glauben sprachfähig zu machen. Eine Sprache zu finden, die es Menschen neu ermöglicht, einen Zugang zu Gott zu finden. Wer ist Gott? Wo ist Gott? Wie kann ich von Gott reden in einer Weise, die die Menschen heute jenseits aller Konfessionalität verstehen? Wie kann ich von Gott reden in einer globalisierten Welt, in der wir in einer früher nicht gekannten Intensität Kontakt mit Menschen aus dem muslimischen, buddhistischen oder hinduistischen Kontext haben? Die Antwort finden wir – so Richard Rohr – in der Dualität von action and contemplation, von Kampf und Kontemplation, von ora et labora. Nur wenn wir uns ganz einlassen auf den Schmerz und die Freude dieser Welt und uns genauso ganz zurückziehen können in die Welt der Stille und des Loslassens, können wir den Gott erleben, der uns in allen Erfahrungen des Lebens ganz nahe ist. Wir können mit ihm und durch ihn und um ihn unser Leben als Geschenk annehmen und feiern.
Eigentlich ist das nichts Neues. Eigentlich wissen wir das alles. Aber es wird oft nicht zu einem bestimmenden Element unseres Alltagslebens. Es berührt uns nicht wirklich tief.

Oft kommen Menschen nach Vorträgen zu Richard Rohr und sagen, Richard, du hast mir nichts Neues erzählt, aber du hast es so erzählt, dass ich es verstanden habe. Das empfindet Richard Rohr dann als großes Kompliment.

Lassen Sie mich zum Schluss noch anmerken, dass es mir keineswegs um Heiligenverehrung geht. Richard Rohr ist auch nur ein Mensch mit vielen Haken und Ösen. Dennoch tut es unserer Gesellschaft gut, eine neue Kultur von Lehrerschaft zu entwickeln.

Man könnte auf die Frage nach der Rettung der Kirche antworten: Wir brauchen nicht immer effektivere Manager, keine noch besseren Entertainer, neue geistliche Lehrer und Lehrerinnen braucht die Kirche!

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Kommentare

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werner knapp · 11.12.2008 19:36 → Kommentarlink 001303

Oh – genau so seh ich das auch mit Richard!
Ich nenne ihn sogar meinen „Privat-Heiligen“ (*Smile)
DANKE für dieses Statement!

Elimar · 19.01.2009 22:02 → Kommentarlink 001321

Ich habe durch das Buch von Rohr und Ebert eine Wandlung erfahren.
Es ist gut, hier einmal „danke“ sagen zu können.
Elimar

Elimar · 01.02.2009 23:11 → Kommentarlink 001323

Ich habe eine Frage, da ich die Struktur dieser Web-Site oder dieser Möglichkeit sich über das Enneagramm auszutauschen oder vielleicht besser mitzuteilen, noch nicht richtig zu verstehen scheine…
Die Frage ist, ob dies hier die Möglichkeit bietet, ein Thema zur Diskussion zu stellen, oder denke ich hier nicht richtig?
Ich denke, dass ich eine FÜNF bin, aber was heißt das in dem Zusammenhang eigentlich? Nur soweit, dass ich zumindestens darüber nachgedacht habe und jetzt einmal nachzufragen versuche, ob ich vielleicht etwas ganz falsch verstanden habe, weil ich unter Forum immer etwas wie eine offene Diskussionsrunde verstanden habe, wo auch ich eine Möglichkeit finde könnte, eine Frage oder eine These zum Komplex Enneagramm vorzustellen, bzw. eigene Erfahrungen damit.
Herzlich
Elimar

jutta · 02.02.2009 21:28 → Kommentarlink 001324

Lieber Elimar,
hier in diesem Forum kannst Du so ziemlich alles machen, was nicht anrüchig ist und den Webmaster auf den Plan ruft. Der reagiert nach meinem Empfinden allerdings immer sehr angemessen – danke, Michael!
Wenn Du hier ein bisschen rumstöberst, wirst Du finden, dass dies Forum über lange Zeit besetzt war von Menschen, die versucht haben, mit einem Fünfer eine Partnerschaft einzugehen – ich gehöre auch dazu, hab es aber aufgegeben.
Guck am besten Mal unter den einzelnen Typen nach, insbesonder unter „Fünf“.
Ich glaube schon, wenn Du eine konkrete Frage hast, wirst Du hier Antwort finden – nur Mut.
Gruß von einer „Neun“, Jutta

Marouci · 09.02.2009 23:08 → Kommentarlink 001325

Lieber Elimar, hier möchte ich gerne Jutta beipflichten, tu es…
damit wieder mehr Leben in diese Forum kommt.

Hallo Ihr alle ich hoffe es geht Euch bestens, bei mir alles wie gehabt.
Liebe Grüße Marouci

Sophie · 19.02.2009 11:32 → Kommentarlink 001327

Liebe Marouci,
ich hoffe, es geht dir gut, trotz des „alles wie gehabt“.
Meine Hauptprobleme sind im Moment nicht die „5er“. Bei anderen aber anscheinend auch nicht, da es so wenig Mitteilungen in diesem Forum gibt.

Liebe Grüße
Sophie

Marouci · 22.02.2009 00:16 → Kommentarlink 001328

Hallo liebe Sophie,
prinzipiell geht es mir tatsächlich gut, denn ich habe mich mit den ,wenn auch teilweise frustrierenden Umständen arrangiert.
Beide Töchter meines 5ers wohnen nun wiedr bei ihm und daher sehen wir uns kaum noch.Ab und zu ein kurzes Telefonat, narürlich cool freundlich, und selten sogar ein Spaziergang.
das ist von der großen Leidenschaft übrig geblieben.Ich kann wirklich nicht verstehen, wie man sich so ambivalent verhalten kann, ohne zwingende Notwendigkeit auf das „Geschenk-Liebe“ zu verzichten.Das wonach sich die halbe ( oder noch mahr ) Menschheit sehnt.
Ich tröste mich damit, dass ich auch eine schöne Zeit mit ihm hatte.
Auf Grund dessen, dass wir direkte Nachbarn sind, ist es zwar für mich noch immer schmerzhaft, aber vielleicht eine vernünftige Lösung der Situation.Manchmal bemerke ich bei ihm noch Anflüge von „ mehr“ Zuneigung, aber ich halte mich zurück, denn darauf bin ich schon zu oft „herein gefallen“..
Ehrlich gesagt, ich weiß auch nicht was richtig ist…
liebe Grüße Marouci

Sophie · 23.02.2009 16:15 → Kommentarlink 001329

Liebe Marouci,
es ist gut, dass du mit deinen jetzigen Umständen einigemaßen zurechtkommen kannst.
5er verstehen wir anderen Typen wohl grundsätzlich nicht.
Mir selber ist es früher auch schon so gegangen, dass ich viel Energie investiert habe, mir irgendeinen Mann ganz anders auszumalen und vorzustellen, als er tatsächlich war.

Liebe Grüße
Sophie

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