Das neue EnneaForum - ein "Kostehäppchen" von Dietrich Koller

III Jesus in der Wüste

„ . . . und sofort (nach Jesu Taufe und Geistempfang am Jordan) trieb ihn der Gottesgeist in die Wüste hinaus und er war in der Wüste 40 Tage lang versucht vom Satan und war bei den wilden Tieren und die Engel bedienten ihn.“ (Mk 1,12 f)
„Sofort!“ Wem sich der Himmel aufgetan hat, der wird schier gleichzeitig in seinen eigenen Abgrund schauen können und müssen. Wer keinen Funken Heiligen Geistes hat, braucht nicht getestet werden, er gehört eh schon zu den Besiegten. Wer auf eigene Faust in die Wüste geht, um spirituelle Erfahrungen zu machen, wird besiegt werden. Das ist tausendfache Erfahrung der Wüstenmönche. Jesus begibt sich nicht aus eigenem Antrieb in die existentielle und spirituelle Gefahrenzone. Er wird vom Hl. Geist hinausgetrieben. „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Söhne und Töchter.“(Röm 8,14)

Getrieben sein, das ist eines der bevorzugten Worte Luthers. Alle Sprüche und Erzählungen der Gesamtbibel sind ihm ein einziger Beweis für den unfreien Willen. Der Mensch ist ein Wesen, das nur zum Schein einen freien Willen hat, ein Gaul, der entweder vom Teufel oder von Gott zugeritten wird. Ein humanistisches „Zwischenreich“, für den liberalen Humanisten Erasmus wichtig, kennt der anfechtungserfahrene Luther nicht. In unsrer Ersten Geburt werden wir vom Ego (vom Nichtigen und Illusionären) getrieben, in unsrer Zweiten Geburt vom Wahren Selbst (vom göttlichen Seinsgrund). Die Lehre vom unfreien Willen ist für Luther der Kernpunkt der Frohbotschaft: Die Alleinwirksamkeit der Gnade als die höchste und letzte Kraft im Universum bestimmt alles, wirkt auch durch unser Böses, ihr muss auch der Teufel wider willen dienen. Wir werden erlöst von der Illusion, wir könnten uns aus eigener Kraft vervollkommnen oder könnten andere Menschen mit unserem Willen und nach unsren Vorstellungen bekehren. Ohne die Erfahrung vom unfreien Willen gibt es auch keine Erfahrung eines durch die Gnade befreiten Willens. Die Gnade des Hl. Geistes treibt uns in die Anfechtungen, die Gnade des Geistes stürzt uns in die Niederlagen unsres heillosen Ego und schenkt uns darin die Auferstehung einer neuen Identität. Antonius hat es allen seinen Schülern immer wieder gesagt: „Nehmt die Versuchung weg und ihr nehmt eure Erlösung weg!“ Abbas Poimen sprach: „Die Dämonen kämpfen nicht mit uns, solange wir unseren Willen tun. Denn unsere Willensneigungen sind die Dämonen, und sie sind es, die uns bedrängen, unseren Willen zu tun. Wenn du aber sehen willst, mit wem die Dämonen kämpfen: Mit Moses und seinesgleichen!“ ((Apophtegmata patrum Nr. 641)

Und nun erscheint also mutterseelenallein ein neuer Mensch mosesgleich in der Wüste, ein geistgetaufter, geistgetriebener, damit er, ja genau dies ist der göttliche Wille, damit er mit allen Versuchungen der adamitischen Menschheit angegriffen wird. Er sollte, meint der Hebräerbrief (4,15), „mitleiden können mit unsren Schwächen“; darum musste er versucht werden „in allem!“ „So wie wir!“ 40 Tage hält er es aus, jeder Tag eine stellvertretende Reue und Buße für ein Jahr des Versagens Israels in der Wüstenzeit. 40 Tage kann der Mensch ohne Schaden fasten. Dann setzt eine irreversible Schädigung der Gehirnzellen ein. Die Wüste hat 40 Tage geschwiegen. Jesus hat geschwiegen, die Dämonen haben geschwiegen, vielleicht hat Gott auch geschwiegen. Große Stille. Wir kennen das: Erst wenn wir ganz still geworden sind, auch unsre Gewohnheitsgebete aufgehört haben, dann kommt – ja dann kommt erst einmal ein Überfall an innerer Geschwätzigkeit, auch religiöser Art, an inneren Bildern, auch völlig abstruser und zwanghafter Art. Alle schlafenden Ungeister, von deren innerer Existenz wir bisher nichts ahnten, steigen in uns hoch. Darum ist die Stille eine spirituelle Macht. Spirituell ist nicht dasselbe wie geistlich. Spirituell ist auch der Teufel, er gibt sich sogar fromm und bibelfest.

Nun also taucht er vor Jesu Augen auf. Oder müssen wir nicht besser sagen: in Jesu Psyche taucht er auf, als des Menschen Jesu eigene Potentialität, eigene mögliche Sünde (nur – meint der dogmatisch und nicht psychologisch denkende Hebräerbrief – „nur ohne Sünde“, also ohne dass Jesus eine ihm mögliche Eigenmächtigkeit realisierte.) Sollen wir uns den Schatan (eine persisch-hebräische Bezeichnung für „Versucher“) als leibhaftige Erscheinung, eine Intelligenz mit Pferdefuß und Tierschwanz vorstellen? Handelt es sich vielleicht eher um den eigenen inneren „Schatten“ des Menschen Jesus? Wenn ´s nicht so wäre, müssten wir dann nicht an der wirklichen Menschwerdung Gottes in Jesus zweifeln? Nichts Menschliches war ihm fremd. Daher seine spätere Erbarmungsfähigkeit. Der versucherische Angriff beginnt (nach Wüstenvätererfahrung) meistens zuerst am (bzw. im) Körper, dann am (bzw. im) Herzen, dann am (bzw. im) Geist – drei konzentrische Kreise der zu erstürmenden „Seelenburg“. Die Evangelisten Matthäus und Lukas haben in je verschiedener Weise versucht, dies innere Geschehen frei zu erzählen. Kein Mensch war Augenzeuge und es gibt auch keinen autobiographischen Bericht Jesu. So wage ich aufgrund des Ennegramms mit seiner Lehre über die neun Hauptsünden eine freie theologisch-psychologische Erzählstudie, selbstverständlich ohne Anspruch auf Historizität und ohne die unvergleichliche Fähigkeit der Evangelisten, knapp und keusch verdichtet, Wahrheit zu „dichten“…

Kommentare

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Petra Scchmitt · 01.05.2011 09:04 → Kommentarlink 001528

Da ich in Frankreich wohne und bei uns das enneagramm
jetzt erst ein wenig verstanden und akzeptiert
versuche ich auf meiner art und weise zu helfen ,darum habe ich eine frage,im text oben angefuehrt, im franzoesicher sprache ist spirituell und geistlich das gleiche die franzoesiche sprache macht kein unterschied darin wie koennte man es anders untersceiden wer von ihnen koennte mir darin helfen
ich hatte in ihrere mitglieds liste leute aus der schweiz entdeckt
vieleicht koennen sie franzoesich
Auch brauche ich dringend hilfe fuer unseren pastor der schweizer ist und ….
ich moechte nicht oeffentlich darueber schreiben
vielen lieben dank fuer ihre anwort und hilfe
inaller liebe fuer euch unserer himmlicher Vater segnet euch heute
Petra Schmitt

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