Immer wieder: Wo kommt das Enneagramm her?

Eine detaillierte„ Entwicklungsstudie über das Enneagramm” aus der Sicht eines überzeugten Gurdjieff-Anhängers veröffentlicht das britische „Religion today – Journal für zeitgenössische Religionen” (Vol. 5 No. 3 Seite 1 ff).

Der Autor James Moore versucht darin den Nachweis, daß das Enneagramm eine originäre Entwicklung von Georg Ivanowitsch Gurdjieff (1866 -1946) ist, der es 1916 zum ersten Mal in Moskau präsentierte. Auch den begabtesten Gurdjieffkritikern wie Withall Perry und James Webb sei es nicht gelungen, irgendeinen Beweis für eine Enneagrammquelle vor Gurdjieff zu erbringen. Der leidenschaftlichste Sucher nach den Wurzeln des Enneagramms, der Gurdjieff-Schüler J. G. Bennett, kann ebenfalls keinerlei textliche oder archäologische Argumente vorlegen. Moores Schlußfolgerung: “Obwohl eine entsprechende Entdeckung in der Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann, stellen wir die Hypothese auf, daß das Ennegramm sui generis ist. Gurdjieff ist, wenn nicht der Autor, so doch dessen erster moderner Entwickler und Befürworter.”

Fleißig trägt Moore die Namen aller Gurdjieffschüler zusammen, die das Enneagramm entwickelt und abgewandelt haben – leider ohne auf deren Inhalte einzugehen. So erfahren wir, daß der Psychoanalytiker Dr. Maurice Nicoll (1884-1953) nicht weniger als 14 wissenschaftliche Abhandlungen darüber veröffentlicht hat. Eine interessante Spur ist der Gurdjefflaner Rodney Collin-Smith (1909-1956), der nach Mexico City emigirierte und seine große kosmosophische Studie “Die Theorie des Himmlischen Einflusses” auf spanisch herausgab. Damit wurde 1952 das Enneagramm im spanischen Sprachraum erstmals bekannt. Collin-Smith wurde 1954 katholisch und schrieb eine kurze, aber glühende Abhandlung “Christian Mystery”, in der er eine enneagramatische Sicht von Inkarnation, Passion und Auferstehung Christi bietet. Moores Kommentar: “In diesen, vielleicht brillianten Spekulationen beginnt das Enneagramm, seine Aura der Objektivität zu verlieren.”

Eine schillernde Figur ist der “heterodoxe und pseudo-sufistische” Gurdjieffschüler John Godolphin Bennett, der 1957 in seinem “Institut für vergleichende Studien” in Coombe Springs eine neuneckige Halle eröffnete, die auf Gurdjieffs Grab ausgerichtet war. 1974 schrieb er eine Anthologie “The Enneagram”, in der als Hauptbeispiel die Küche diente. In seiner Linie liegen Irmis Popoff, der 1978 das Enneagramm bei Verbrauchertests industrieller Produkte heranzog. Der Unternehmensberater Charles Krone schult seit etwa 1985 die 67.000 Mitarbeiter des amerikanischen Pacific-Bell-Konzerns mit einem gurdjieffschen “Standard Leadership Development Programme”.

Im “Neo-Orientalismus” der 60er-Jahre-Hippie-Kultur tauchen neue “Usurpationen Gurdjieffscher Talismane” auf. Der schottisch-afghanische “Große Scheich” Idries Abutahir Shah (Jahrgang 1924) fand dank seiner Vorstellungskraftein “Proto-Enneagramm” inmitten islamischer geometrischer Muster und belegte es mit allerlei Namen (No-Koonja, das neunfache Naqsch, Impress). Für Moore “schwer klassifizierbarer orientalischer Kitsch”. Den endgültigen Abstieg des Enneagramms auf das Niveau eines spirituellen Variete stellt für Moore die Aufnahme durch den bolivianischen “ideologischen Opportunisten” Oscar Ichazo dar. Dieser gab vor, das “Enneagon” durch Metraton, den Prinzen der Erzengel empfangen zu haben. Ichazos Methoden, die er in seinem New Yorker Arica Institut lehrt, seien stärker von amerikanischen eupsychischen Bewegungen (Erhard Seminar, Transaktionsanalyse, Myers-Briggs) beeinflußt als von der Weisheit des Enneagramms. Hier sei die rein äußerliche Form des Enneagramms zum Werkzeug geworden für ein System, das das Individuum bis zu dessen Zerstörung “niedertestet”. Moore weist alle Behauptungen Ichazos zurück, der Erfinder des Enneagramms zu sein, denn die ersten Bücher über Gurdjieffs Enneagramm waren bereits in Amerika erhältlich, bevor Ichazos sein erstes Werk veröffentlichte.

Laut Moore, dem erklärten Gurdjieff-Anhänger, basieren alle Verwendungen des Enneagramms bei katholischen Exerzitien auf einer lockeren Adaption der Ichazo-Ideen. Moore hält es für nicht verwunderlich, daß eine so überzeugende Typologie wie das Enneagramm von kalifornischen Erstsemestern aufgesogen wird, ist aber ernüchtert von der unkritischen Aufnahme durch amerikanische und britische Professoren. Gurdjieff habe zwar vorausgesagt, daß seine Werke einst “im Palast des Papstes” gelesen werden, “aber doch nicht in Form derartiger Karikaturen”.

Moore schließt: “Ob das Enneagramm seine derzeitige Schubkraft beibehalten und sich über die Masse der zeitgenössischen symbolischen Modelle erheben wird, bleibt stark abzuwarten. Man darf ihm allerdings schon jetzt eine ziemliche Elastizität zugestehen und die Fähigkeit, andere Einflüsse aufzunehmen… Wenn Gurdjieffs Modell eines der wenigen Symbole ist, das die Idee neuer Erweckungskraft enthält, dann wird es auch die wildesten Verzerrungen überstehen. Einige, die dem Enneagramm beim ersten Mal in entwürdigender Pastetenform begegnen, werden instinktiv nach der wahren Perspektive von Gurdjieffs Lehre suchen.” Damit mahnt Moore eine “intelligentere und verantwortungsvollere Exegese” von Gurdjieffs Werk an.

Werner Küstenmacher

[aus: Enneagramm-Rundbrief 3, April 1992, S. 3

Aus EnneaForum 03 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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