Getrennte Kirchen – Ökumenische Vereine

(Artikel erschien im Deutschen Pfarrerblatt, Mai 2008)

Die katholisch-evangelische Ökumene scheint in einer Sackgasse festgefahren zu sein. Darüber ist viel berichtet worden, und daran ist auch viel Richtiges. Allerdings reicht es zur Beschreibung der ökumenischen Situation nicht, nur auf die Großwetterlage zwischen Rom und Wittenberg beziehungsweise auf offizielle Verlautbarungen wie „Dominus Iesus“ zu schauen. Die ökumenische Bewegung ist vielfältig und vielgestaltig. Neben der „großen“ kirchenamtlichen Ökumene, die in Gremien und Synoden, auf Podien und Lehrstühlen zuhause ist, gibt es auch die „kleine“ praktische Ökumene vor Ort. Es gibt die konfessionsverbindenden Familien, die für ihr alltägliches und feiertägliches Leben Lösungen gefunden haben, die mehr oder weniger beiden Seiten gerecht werden. Es gibt Dörfer und Stadtteile, die in das gute Zusammenleben ihrer Bürgerschaft die verschiedenen Kirchen und Konfessionen gleichermaßen mit einbeziehen. Es gibt unzählige Beispiele für gute und unkomplizierte Ökumene zwischen Kirchengemeinden, von gemeinsamen Festen über gemeinsame Gemeindebriefe bis hin zu ökumenischen Kirchenchören oder Bibelkreisen.
Dass die festgefahrene Situation der „großen“ Ökumene als so schmerzlich empfunden wird und dass sie auch zunehmend auf Unverständnis stößt, liegt an diesen Erfahrungen der „kleinen“ Ökumene, die uns vor allem in Mitteleuropa vielerorts zur Normalität geworden sind. Es scheint, als seien „wir da unten“ schon so weit, eigentlich schon fast am Ziel, während „die da oben“ Selbstverständlichkeiten zu Problemen machen und beispielsweise über die Frage diskutieren, ob die evangelische Kirche überhaupt eine Kirche ist. Der ökumenische Kirchentag 2010 wird diese Kluft möglicherweise noch vertiefen. Wer erinnert sich nicht an die Katerstimmung, die dem großen Fest in Berlin 2003 folgte?
Woher können Impulse kommen, um in der scheinbar so festgefahrenen Situation doch noch neue Wege zu entdecken?

Häufig wird übersehen, dass es zwischen der „großen“ und der „kleinen“ Ökumene auch eine dritte, eine mittlere Ebene gibt. Es gibt ökumenische Vereine, in denen sich Christenmenschen aus verschiedenen Bekenntnissen organisieren, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Die vollständige und gleichberechtigte Einheit von Christen unterschiedlicher Konfessionen ist auf Vereinsebene also schon institutionalisierte Wirklichkeit geworden.
Wohlgemerkt, das Ziel dieser Vereine ist in der Regel nicht die Vertiefung der ökumenischen Beziehungen. Das haben sie mit der „kleinen“ Ökumene vor Ort gemeinsam. Auch diese verfolgt in erster Linie einzelne, konkrete Ziele. In der gemeinsamen Planung und Durchführung treten die konfessionellen Unterschiede in den Hintergrund. Sie werden nicht als Hindernis, sondern womöglich sogar als Bereicherung empfunden. So wird eine nachhaltige Verbesserung der ökumenischen Beziehungen erreicht, ohne unmittelbar beabsichtigt zu sein.
Zwei Beispiele für ökumenische Vereine möchte ich an dieser Stelle vorstellen und auf ihre Chancen und Grenzen bezüglich der Ökumene hinweisen. Beide Vereine sind relativ klein. Sie haben jeweils weniger als 500 Mitglieder und bestehen seit ungefähr zwanzig Jahren. Ich spreche in beiden Fällen als Mitglied, also aus der Innensicht.

1) Der Ökumenische Arbeitskreis Enneagramm e.V.
Das Enneagramm ist ein typologisches Modell. Es dient der besseren Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit und dem Verständnis anderer. Die Herkunft des Enneagramms liegt im Dunkeln. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, dass es ursprünglich in Klöstern und Ordensgemeinschaft entwickelt und gelehrt wurde. Das Modell findet auch außerhalb christlicher Kreise Anwendung. Indem es gemäß dem Gleichnis Jesu vom Splitter und vom Balken (Matth 7, 3-6) dazu anleitet, Selbstkritik und Nächstenliebe miteinander zu verbinden, steht es allerdings christlicher Ethik besonders nahe. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde es über die Veröffentlichung eines Lehrbuches aus der Feder dreier Ordensleute bekannt. (Beesing, Nogosek, O’Leary, The Enneagram – A journey to self discovery, New Jersey 1984)
Nach Deutschland kam das Ennegramm über den Franziskaterpater Richard Rohr. Eine Reihe von Vorträgen, die er zum Enneagramm gehalten hat, ist von dem Evangelischen Pfarrer Andreas Ebert übersetzt und mit eigenen Ergänzungen versehen worden. Das gemeinsame Buch ist also von vorneherein ein ökumenisches Projekt.

Schon in der ersten Auflage des Buches hat Andreas Ebert zum Austausch über Erfahrungen mit dem Enneagramm eingeladen. Das Modell dient nämlich nicht nur der Analyse, sondern zeigt auch Wege zur persönlichen Entwicklung auf. Diese Wege sollte man nicht alleine gehen müssen. Als Weggemeinschaft und um das Modell in Deutschland weiter zu verbreiten und bekannter zu machen, wurde der Ökumenische Arbeitskreis gegründet. Unterdessen hat der Verein auch eigene Richtlinien für die Ausbildung von Lehrkräften entwickelt, die das Enneagramm in Kursen und Seminaren weiter verbreiten. Einmal im Jahr treffen sich Vereinsmitglieder und interessierte Gäste zu einer Tagung, die neben dem Erfahrungsaustausch auch der Fortbildung dient. Dazwischen bleibt man entweder über Regionalgruppen, über die Mitgliederzeitschrift „Enneaforum“ oder über die Webseite „www.enneagramm.eu“ in Verbindung.

Der Verein ist deutlich christlich geprägt. Die Tradition des Buches von Rohr und Ebert, das Enneagramm mit vielen Beispielen aus Bibel und Kirchengeschichte zu unterfüttern, wird fortgesetzt. Auf den Tagungen gehören Bibelarbeiten, Andachten und ein Abschlussgottesdienst fest zum Programm. Die konfessionelle Prägung jedoch tritt vollständig in den Hintergrund. Man trifft Leute, die den beiden großen Kirchen angehören, Mitglieder von Freikirchen und Konfessionslose. Freilich stellen sich solche Zugehörigkeiten (und Nicht-Zugehörigkeiten) jeweils nur zufällig heraus, genauso wie berufliche Hintergründe und Herkünfte. Im Beisammensein, im Hören, Lernen, Reden, Essen, Feiern und Beten, fallen sie zunächst nicht auf. Das gemeinsame Thema und der persönliche Erfahrungsaustausch stehen im Mittelpunkt.

2) Der Ökumenische Verein zur Förderung der Predigt e.V.
Rudolf Bohren, der große Homiletiker und Heidelberger Professor für Praktische Theologie, gab den Anstoß zur Einrichtung einer Predigtforschungsstelle und der Gründung eines mit dieser verbundenen Vereins. Sammel- und Forschungsgegenstand sollte dabei die sonn- und feiertägliche „Normalpredigt“ werden, nicht das Spitzenprodukt des ausgewiesenen Könners.
Im Laufe der Jahre hat sich der Verein gegenüber der Forschungsstelle immer stärker verselbständigt und sich personell wie organisatorisch von der Universität Heidelberg gelöst. Die Mitglieder sind überwiegend Pfarrerinnen und Pfarrer, die homiletisch auf dem Laufenden bleiben wollen bzw. ihre eigene Predigtarbeit reflektieren wollen. Unter den Mitgliedern finden sich aber auch andere Christenmenschen, denen die Predigt am Herzen liegt. Nach wie vor geht es dem Verein um die Förderung der landläufigen Predigt. Dazu werden mehrere Wege beschritten:
• Die Mitglieder widmen sich dem Predigtgeschehen vor Ort. Dazu gehört nicht nur die Arbeit an der eigenen Predigt, sondern zum Beispiel auch die Schulung von Gemeindegliedern. Anhand der einfach zu erlernenden „Heidelberger Methode“ der Predigtanalyse können sie das aufmerksamere und verständigere Hören einüben.
• Im Rahmen einer jährlichen Tagung werden Themen besprochen, die für die Predigtarbeit vor Ort von Bedeutung sind. Zum Tagungsprogramm gehören in der Regel zwei Vorträge mit Aussprache und ein Gottesdienst.
• Die Vereinszeitschrift „Predigt im Gespräch“ (bis 2005 „Predigen zum Weitersagen“) veröffentlicht vier- bis sechsmal im Jahr eine bedenkenswerte Predigt samt einem Kommentar und enthält Buchbesprechungen aus dem Bereich der Homiletik. Die jeweils letzte Nummer der Zeitschrift ist auch auf der Homepage des Vereins „www.predigtverein.org“ zu finden.
• Für alle, die zu predigen haben, seien sie Vereinsmitglieder oder nicht, gibt es das Angebot, eine ausführliche Rückmeldung auf eine eingesandte Predigt zu bekommen. Auch kann in einzelnen Fällen ein moderiertes Predigtnachgespräch nach der „Heidelberger Methode“ in der eigenen Gemeinde vereinbart werden.

Die Konzentration auf die Predigt ist eine evangelische Besonderheit. Dass der Verein sich „ökumenisch“ nennt, ist eine theologische Aussage, die im lutherischen Bekenntnis wurzelt: Die Predigt begründet nicht nur eine lokale Gemeinde. Wo das Wort Gottes verkündigt und vernommen wird, ist Kirche Jesu Christi im vollen Sinne des Wortes.
Die Bezeichnung „Ökumenisch“ im Vereinsnamen ist also hinsichtlich der römisch-katholischen Kirche eher Programm als Beschreibung. Tatsächlich zählt der Verein nur wenige katholische Mitglieder. Zugleich weist die Bezeichnung aber auch auf die zweite Bedeutung des Wortes „Ökumene“, die Verbundenheit von Christen und Kirchen über Ländergrenzen hinweg. In dieser Hinsicht ist der Verein mit Recht „Ökumenisch“ zu nennen. Die Mitglieder kommen aus verschiedenen Nationen und bringen die Vielfalt der evangelischen Traditionen mit. In der Zeitschrift werden Predigten aus aller Welt besprochen, z.B. im Jahre 2007 eine Predigt aus Südkorea und eine aus Schweden. Und gerade jüngst hat der Verein eine Sammlung von Predigten des tschechischen evangelischen Pfarrers und Menschenrechtlers Svatopluk Karásek übersetzen lassen und herausgegeben. (Karásek, Verlacht diese Hoffnungslosigkeit, Zürich 2007)

3) Der Beitrag der Vereine zur Ökumene
Es ist erhellend, eine Ortsbestimmung der Themen beider ausgewählten Vereine in der Dogmatik vorzunehmen. Im Ökumenischen Verein zur Förderung der Predigt geht es um das zentrale Geschehen der Heilsvermittlung, also um die Soteriologie. Natürlich spielen auch die Ekklesiologie und Pneumatologie hinein, aber die eigentliche Ernsthaftigkeit, mit der gerade die Predigt in den Blick genommen wird, rührt doch daher, dass es den meisten Vereinsmitgliedern hier um den Ursprung und die Mitte ihres Glaubens geht.
Im Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm befinden wir uns hingegen im Bereich der Heiligung. Es geht in der Beschäftigung mit diesem typologischen Modell um das gemeinschaftliche Leben als Christen und die persönliche Vervollkommnung. Das Enneagramm soll auf keinen Fall auch nur im entferntesten den Anschein eines Heilswegs bekommen. Darauf wird nicht nur im Verein selber größter Wert gelegt. Der Ökumenische Arbeitskreis wird auch von außen sorgfältig beobachtet und immer wieder daraufhin befragt. (Zum Beispiel im Materialdienst der EZW Nr.9/2006)

Die beiden Vereine spiegeln also hinsichtlich des Verhältnisses zwischen den Konfessionen die Klemme wieder, in der wir gerade stecken: Während außen rund um die Kirchentüren unschöne Rangeleien stattfinden, wird drinnen bereits ein fröhliches, gemeinsames Fest begangen. Es ist offensichtlich möglich, völlig unkompliziert und unterschiedslos als Christen verschiedener Konfessionen im Bereich der Heiligung miteinander zu leben und zu lernen, zu feiern und Gott zu loben – und zugleich an anderer Stelle heftig über Fragen zu streiten, die den Zugang zum Heil betreffen.
Im Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm spielt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession kaum eine Rolle. Im Ökumenischen Predigtverein sind hingegen kaum Katholiken zu finden, und es ist sehr schwierig, katholische Mitstreiter für die Anliegen des Vereins zu gewinnen.
Diese Widersprüche im Verhältnis der Konfessionen lassen sich nicht einfach auflösen. Aber es ist bereits ein hilfreicher Beitrag zur Ökumene, sie deutlich vor Augen zu führen.
Ein weiterer Beitrag muss es sein, auf diesem Wege weiter voran zu schreiten, also einerseits die Gemeinschaft der Gotteskinder weiter zu suchen, zu pflegen und zu instututionalisieren. Die Form des Vereins ist dazu besonders gut geeignet, weil sie Strukturen für die gleichberechtigte Gemeinschaft bereithält.
Andererseits ist es nötig, weiter unbeirrt an den zentralen (und strittigen) Themen zu arbeiten und das Eigene dabei nicht zu verleugnen, sondern nach Wegen suchen, es mit anderen zu teilen. Auch dafür ist die Vereinsstruktur sehr hilfreich. Bei völlig offenen Tagungen zeigt sich immer wieder, dass ein Wochenende nicht ausreicht, um eine gemeinsame Sprache zu finden; bis man an dem Punkt angekommen ist, an dem ein wirklich weiterführendes Gespräch beginnt, ist das Wochenende schon wieder vorbei. Im Verein hingegen trifft man sich immer wieder und kann an vergangene Gespräche anknüpfen. So wird für Nachhaltigkeit gesorgt.

Pfarrer Dr. Holger Forssman
Preysingplatz 1
81667 München
holger.forssman@elkb.de

Kommentare

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Ludger Temme · 24.09.2008 18:20 → Kommentarlink 001189

Hallo, liebe Heike!
Klasse, dass der Artikel von Holger nun auf der Homepage erscheint. So gibt es wieder nach einer längeren Pause neue Nahrung für Leseneugierige und ÖAE-Interessierte. Danke!
Gruß Ludger

Ludger Temme · 24.09.2008 18:47 → Kommentarlink 001190

Lieber Holger!

DANKE für dein engagiertes Eintreten für die Ökumene als lebendige, weil gelebte und erfahrbare Realität. Schade finde ich gemeinsam mit vielen in der praktischen Ökumene Engagierten, dass sich die meist theologischen Akteure der „oberen Ebenen“ selten bis nie in die „Niederungen“ konkreter Ökumenepraxis trauen oder gar davon inspirieren und der Leichtigkeit anstecken lassen.

Es gibt in beiden „großen“ Kirchen immer noch viele Vorbehalte gegen das Enneagramm und damit auch gegen den ÖAE. Noch immer wird diese hilfreiche Typologie – ohne Etikettierungen und Schubladendenken – in die Esoterik-Ecke gestellt.

Um so wichtiger sind Beiträge wie dieser von engagierten Mitgliedern, die sich auch auf anderen Plattformen theologischen Austausches zum Enneagramm „outen“. DANKE!
Gruß Ludger

Fanty · 25.10.2012 08:23 → Kommentarlink 001615

Ökumene ist cool

:-((((((((((((

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