Die Spannung aushalten oder: Die Kraft des Paradoxes

„Es ist, was es ist“
Nach einem Vortrag von Richard Rohr am 2.1.2008 in Prag.

1. Ein Paradox – als Definitionsversuch – hält die Spannung aus zwischen „nicht wahr“ und „wahr“. Mit logischen Kategorien ist es nicht verständlich oder nachvollziehbar: das Paradox besteht darauf, sich einer größeren Wahrheit, einer Tiefe von Wirklichkeit zu öffnen. Die Spannung, die das Paradox hält, ist immer eine kreative, herausfordernde, tiefer schürfende Vorstellung von Wirklichkeit. Oftmals lädt es zu einem kreativen Konflikt ein und lehrt ein „sowohl-als auch“, nicht ein „entweder-oder“. Es führt den Kopf, also den Verstand, an seine Grenze, um gerade so das Herz zu öffnen und das Individuum in eine größere, bisher nicht gekannte Wirklichkeit zu führen / zu ziehen / zu leiten / zu provozieren.
Beispiele für Paradoxe: – Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott – Maria als jungfräuliche Mutter Gottes (kath.) – Die Lehre von der Trinität – Pfingsten als Wind/Feuer/Vogel

2. Indem die Spannung gehalten wird, bleibt das Mysterium des jeweiligen Paradoxes erhalten – sonst wird es flach und verliert seinen Symbolcharakter.
Die Menschen im Westen haben Probleme damit, die Spannung des Paradoxes zu halten, weil sie im Normalfall nicht-duales Denken, also Einheitsdenken, nicht gelernt haben. Aber: mit einem – im Westen üblichen – „entweder-oder“ ist ein Paradox nicht zu fassen, ja, es wird geradezu zerstört, weil es seines symbolischen Gehalts, seines Mysteriums beraubt wird.
Sowohl-als-auch-Denken ist der Weg der Weisheit in Ost und West.
Die Lehrer der Weisheitstraditionen, also auch Jesus, haben nicht in abstrakten theologischen Begriffen gelehrt, sie haben vielmehr Geschichten erzählt: Gleichnisse, Parabeln (Jesus) oder Koans (östliche Tradition). Die Bergpredigt besteht aus einer Aneinanderreihung von Paradoxen.
Zitat: „If you stay with the struggle of a paradoxon in a prayerful / contemplative / non-dualistic way and hold the tension, you will go deeper in a way of wisdom”.

Es geht um eine Haltung des Nicht-Gewinnen-Müssen/Wollens: wenn du bedroht bist oder gewinnen musst, kannst du nicht lächeln… Also: keine Konsequenz-Debatten wie im Westen üblich, sondern sowohl-als auch…

3. Jesus lädt die Menschen zur Weisheit ein. Er belehrt nicht, er lädt ein: „Die Sonne geht auf über Gerechte und Ungerechte…“ Das ist schwer in ein System zu pressen. Deshalb haben Kirchen als Organisationen Mühe mit Paradoxen – also auch mit der Bergpredigt, die (s.o.) ein Paradox nach dem anderen reiht.
Wir verlangen so sehr nach Antworten, weil wir lösungsorientiert denken. Aber: Fragen öffnen, Antworten hingegen nicht. In dem Evangelium sind 183 Fragen aufgelistet worden, die Jesus stellt – und Antworten stellt er in einen neuen Fragehorizont. Menschen, die ein schweres Schicksal durchmachen, wissen, dass es keine Antwort gibt.

Hiob fordert eine Antwort von Jahwe – aber er bekommt keine. Ihm genügt es am Ende, dass Jahwe ihn hört. Er zählt (he matters), er ist Teil eines Dialogs: Glaube ist die Erfahrung von Gehaltensein, nicht einzelner Worte oder Ant-Worten. Kirche hat die Aufgabe, die Erfahrung des Gehaltenseins zu bezeugen (faith), jenseits von Worten: diese Erfahrung macht Sinn und gibt Sinn (meaning).

Rohr: Wenn ich ein angenehmes Wochenende verbringen will, dann nicht mit „antwortenden Christen“, die auf alles eine Antwort haben…

„Es ist, was es ist“ ist Ausdruck von Geduld und macht einen Unterschied zu: reparieren, verändern, verstehen, kontrollieren.

Paradoxe helfen, Geduld einzuüben: Mitgefühl mit dem jeweiligen Moment und der jeweiligen Person. Religion hilft, wenn sie weise ist, Leben zu lernen und zu leben ohne Sicherheit und eine gewissen Portion von Dunkelheit im eigenen Leben zu tragen.

Vermutlich ist die Anzahl von Menschen, die sich auf eine innere Reise zur Transformation aufmachen, nicht sehr hoch – aber diese Reise lohnt sich: der kontemplative Kampf, die Spannung des Paradoxes zu halten, wird dadurch belohnt, dass es möglich wird, in jeder Dunkelheit Licht zu sehen – oder gibt es Lebenserfahrungen, die nichts als dunkel sind? Es ist, was es ist.

Das westliche Alles-oder-Nichts-Denken führt in eine geistliche Leere: Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Trauer: – Wenn es nicht perfekt ist, ist es fürchterlich. – Wenn ich nicht sehr glücklich bin, bin ich unglücklich. – Wenn die Kirche nicht fehlerfrei ist, brauche ich gar keine. – usw.
Dieses Denken kehrt zurück und tötet: Menschen, Gemeinden, Kirchen. Das Leben bewegt sich zwischen diesen Polen.

Das Paradox halten bedeutet, etwas zu lernen, was sowieso im Leben gelernt werden muss, weil es sowieso geschieht. Ohne Paradox gäbe es keine Liebe, keine Gnade, keine Vergebung, keine Feindesliebe – alles Haltungen, die Jesus gelehrt hat.
Zwei Dinge gleichzeitig sind wirklich / wahr: diese Kopf-Öffnung führt zur Herzöffnung.

4. Eine kontemplative Haltung unterscheidet sich von einer sonstigen Denk-Haltung oder wie-bin-ich-in-der-Welt-Haltung: sie empfängt das ganze Feld, sie unterscheidet nicht, sie trennt nicht das Negative vom Positiven oder umgekehrt. Ihr ist nichts Menschliches fremd – und Gott ist ja wahrer Mensch geworden, um einmal mit einem Paradox zu kommen… Was alles menschlich möglich ist, ist an sich schon ein Paradox. Wie soll sonst Seelsorge, Gefangenenarbeit, Obdachlosenarbeit, überhaupt jede Arbeit mit Nicht-Perfektem möglich sein?

Das Paradox geschieht, wenn du auf der Reise des Lebens und der Liebe bleibst: geduldig und demütig mit dir selbst, dem jeweiligen Moment, deinem Gegenüber. Gottes Liebe ist der Anfang für diese Reise – nicht etwa so, dass du losreist und Gott dich dann liebt, nein: Gottes Liebe gibt Kraft (empowerment), Würde, Erfüllung und lockert (to loose) deine dummen Sünden, so dass du sie lassen kannst.

Das ist ein lebenslanger Prozess. Wer die anderen nicht akzeptiert, kann auch sich selbst nicht akzeptieren, da niemand perfekt ist. Jesus: „Was nennst du mich guter Meister? Niemand ist gut als Gott allein“.

Die innere Reise mit Hilfe der Paradoxe führt in eine geräumigere (more spaceous), demütigere, geduldigere, liebevollere Welt. Diese Reise geschieht in kontemplativer Haltung in jeder Sekunde. Die Erfahrungen deines Lebens können dich zu Gott bringen: deine Sünde, deine Fehler, deine Probleme. Das ist eine franziskanische Spezialität: to turn sin into salvation.
Dort, wo der Widerstand am größten ist, kann oft Gott hineinkommen (aber nicht immer!).
Jesus: wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, bringt es keine Frucht. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Paradox – und sehr weise….

Wahrgenommen und durch seine Person durchgelassen

von Bernd Schlüter

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