Leserbrief zu Enneaforum Nr. 30 vom November 2006

Sehr geehrte Enneagramm-Freunde!

Über die Ökumene-Beiträge dieses Heftes bin ich ziemlich bestürzt.

Was ich seit Jahren, als doch kritische Katholikin, immer wieder im Umgang mit Protestanten spürte – und was mich immer sehr verwunderte und kränkte – ist hier ziemlich bestätigt worden:
eine doch recht überhebliche, spöttische Haltung der Protestanten gegenüber den Katholiken, mit der Vorstellung von sich selbst, sowieso die besseren und schlaueren Christen zu sein.

Aus meiner Nachkriegskinderzeit in Bayern kenne ich noch eine reservierte Haltung in meiner katholischen Gegend gegenüber den evangelischen Christen. Ich war lange Jahre aus meiner Kirche ausgetreten gewesen, und habe etliches nicht mitbekommen. Aber ich möchte sagen, solche doch recht herablassenden Töne, und teils sehr undifferenzierten bis sogar falschen Behauptungen wie hier gegenüber den Katholiken oder der katholischen Amtskirche gegenüber habe ich umgekehrt gegenüber den Protestanten die
letzten Jahrzehnte in katholischen Kirchenkreisen nicht gehört.
Da kann ich nur mit Harald Schmidt, laut SPIEGEL, sagen: “meine Kirche, die katholische, ist supertolerant”

Ich schreibe das jetzt bewußt aus dem Bauch heraus (obwohl selbst eher ein Herztyp), weil ich sonst stundenlang hier sitze und an political korrekten Sätzen feile, wozu ich erst mal weder Zeit noch Lust habe.

Letzter Anlaß für diesen Brief war gerade ein Gespräch mit meinem in Lüneburg studierendem Sohn, der selbst sicher noch sehr auf der Suche nach seinem religiösen Weg ist, und gerade an einer Veranstaltung an der Uni über interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen teilgenommen hatte. Er sagte empört, daß er richtig gemerkt habe, daß er in einer protestantischen Gegend wohnt: daß manche Teilnehmer regelrecht ausfällige Bemerkungen gegen Katholiken machten, wie z.B. “erzkatholische Wadenbeißer” etc. So etwas würden Protestanten in einer Veranstaltung auch im “tiefsten “ Bayern wohl kaum erleben. Das ist sehr kränkend und verletzend.

Und insofern kann ich auch überhaupt nicht verstehen, weshalb die Protestanten, da sie die Katholiken so borniert finden, partout an katholischen Gottesdiensten und vor allem der Kommunion teilnehmen wollen, was ja umgekehrt eher nicht der Fall sein dürfte.

Vielleicht überlegen Sie mal in dieser Richtung, warum sich so viel weniger Katholiken als Protestanten im ÖAE finden.

Das ist es erst mal für heute
mit freundlichen Grüßen
Irene Schwarz
Berlin

(Veröffentlichung des Leserbriefes nach Genehmigung durch die Autorin mit den folgenden Worten:
Sie können gerne meinen Brief an die Redaktion als Leserbrief
veröffentlichen, vielleicht noch mit dem Zusatz meines Sohnes nach den …“erzkatholischen Wadenbeißern…” “Kann man denn nicht einfach respektvoll miteinander umgehen?” Auf die Reaktionen bin ich gespannt. Vielleicht kommt ja ein heilsamer Dialog zwischen Protestanten und Katholiken zustande … )

Kommentare

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Rainer Fincke · 10.12.2006 21:31 → Kommentarlink 000307

Pastor Rainer Fincke

Dummersdorfer Str5. 2a

23569 Lübeck

0451/30 42 92 Lübeck, den 29.11.2006

Liebe Frau Schwarz,

ich schreibe auf ihre mail als Vorsitzender des ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm und als ev. Pastor.

Mich hat Ihre Reaktion sehr berührt, denn ich habe den ÖAE immer als im besten Sinne ökumenischen Verein erlebt, in dem bei unseren Tagungen und Begegnungen eine große Selbstverständlichkeit des Miteinanders herrscht. Dies ist besonders wertvoll, weil bei der Zusammensetzung unserer Mitglieder die Katholiken keineswegs in de Minderheit sind. Es gibt vielmehr annähernd gleiche viele landeskirchlich orientierte Mitglieder wie Katholiken, dazu ca 20 % Menschen aus Freikirchen. Nur im Vorstand haben wir mit Ludger Temme nur einen Katholiken. Das kann sich aber ändern.

Nun haben Sie den Eindruck bei den Artikeln in unserem neuen Heft, dass da eine gewisse protestantische Überheblichkeit deutlich wird. Ich habe mir die Artikel daraufhin angesehen und würde Ihnen zustimmen, dass da manch Zungenschlag ist, der dem offiziellen Katholizismus nicht so gewogen ist. Demgegenüber ist die Beschreibung des offiziellen Protestantismus doch sehr moderat. Dies habe ich auch unserer Redakteurin mitgeteilt.

Insofern freue ich mich über ihre Reaktion, denn sie kann die Diskussion beleben.

Was die Erfahrung Ihres Sohnes betrifft („erzkatholische Wadenbeißer“), das mag in manchen norddeutschen Gegenden so sein, kann aber keineswegs verallgemeinert werden und ist auch möglicherweise von Menschen geäußert worden die gar kein religiöses Empfinden haben.

Wie gesagt, im ÖAE bemühen wir uns um eine wirkliche Ökumene der Basis, d.h. wir organisieren ökumenische Begegnungen, bei denen die Erfahrung wesentlich wichtiger ist als eine dogmatische Position. Meistens klappt es deshalb auch und wir haben sehr intensive Zeiten miteinander.

Viele Grüße

Rainer Fincke

Gerhard Heck · 16.12.2006 15:43 → Kommentarlink 000308

Liebe Frau Schwarz,

Sie erheben harte Vorwürfe in die Richtung der Protestanten. Leider urteilen Sie -wie kann es “aus dem Bauch heraus” auch anders sein? pauschal.

1. Es sind 2 katholische Autoren dabei. Für die gilt es doch schon nicht,oder doch ?

2. Sie bemerken in den Ökumene-Artikeln eine
“doch recht überhebliche, spöttische
Haltung d e r Protestanten gegenüber
d e n Katholiken…”
In welchem Artikel finden Sie das?

3. Da sollen Protestanten mit der “Vorstellung von sich selbst, sowieso die
besseren und schlaueren Christen zu sein” auftreten. Solche habe ich in den 4 Jahrzehnten meines Daseins in der Ev.kirche im Rheinland nicht gefunden. Viel wichtiger ist: es gibt objektiv keinen Grund zu einer solchen Verhaltensweise, gar keinen. Sollte sie dennoch auftreten, ist sie ungerechtfertigt.

4. Dass Sie diese Vorstellung im Zusammenhang mit Ihrer Kritik an den Ökumene-Artikeln im letzten EF äußern., weise ich als “sehr undifferenziert und sogar falsch…” zurück.

5. Wir haben im ÖAE eine rund 15 Jahre alte Tradition des respektvollen Miteinanders von Protestanten und Katholiken, sie ist bewährt.

6. Ihrem Zitat von Harald Schmidt stimme ich
gerne zu, was die Ebene der Komunikation betrifft. Auf der Ebene der Lehre ist das einfach unzutreffend.
Wenn Sie sich da konkret informieren, wird es gut tun.

Viele Grüße

Gerhard Heck

Wolfram · 20.12.2006 10:44 → Kommentarlink 000309

Lieber Gerhard,

zur Ziffer 1 deines Beitrages:

Wenn ich wohl recht in der Annahme gehe, dass Pater Ludwig Zink und Sr. Marie Helene Hübben nach wie vor katholisch sind, so finden sich unter Einschluss meiner Wenigkeit mindestens 3 katholische Autoren im Heft Nr. 30 vom EnneaForum. Wir sind vielleicht eine schützenswerte kleine Minderheit, indes aber auf dem Vormarsch …

Herzliche Weihnachtsgrüße und ein gutes Neues Jahr,

Wolfram Göpfert

Helgard Patemann-Hinz · 11.01.2007 23:19 → Kommentarlink 000311

Liebe Frau Schwarz,

mein Leserbrief zu Ihrem Leserbrief zum ÖAE Themenheft „Ökumene“ (Nr. 30, November 2006) hat sich etwas verzögert. Um mich nicht zu sehr in Menschlich-Allzumenschlichem (Verteidigungen, erneute Beschuldigungen, u.ä.) zu verheddern oder nur Fakten (die immer eine Auswahl sind) anzuführen, habe ich nach einem Anker im thematischen Umfeld der ÖAE gesucht. Damit ich eine Vorstellung von der Breite und Tiefe dieses Umfeldes bekäme (ich bin erst vor einem guten halben Jahr mit dem Enneagramm und dem ÖAE in Berührung gekommen), habe ich im ÖAE-Webseiten-Archiv recherchiert. Bei meinem Versuch nun, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, landete ich beim Thema – wundert es Sie? – „Gott“ und bei den Beiträgen, die etwas zu „Gott“ (dem christlichen oder überhaupt) im Titel führten. Ohne dass ich sicherlich erschöpfend gesucht habe, scheinen mir es nicht viele zu sein. Im Enneagramm-Rundbrief 4 vom Januar 1994, S.11, fand ich den Beitrag Die Selbstaussagen Gottes und Einladungen (holy ideas); im EnneaForum 20 vom November 2001, S. 4–9, den Beitrag Die Mitte des Enneagramms – das Geheimnis des Herzensgebets von Andreas Ebert wie auch den Hinweis auf Auszüge des Buches Wege zu Gott von Richard Rohr und die Publikation selbst. Dieser Kargheit steht eine Reihe von thematischen Annäherungen an Gott wie Spiritualität, Exerzitien, Esoterik, Charismen, Zentren, „Leidenschaften“ und deren Beziehungen zum Enneagramm gegenüber – um nur ein paar herauszugreifen.

Ich finde, das sagt etwas aus. Aber was?

Die Tatsache, dass es zahlreiche Annäherungen an Gott allein in christlichen Kirchen und Gemeinden gibt, habe ich in den vielen Jahren erlebt, die mich mein Leben in multikulturelle Zugänge, insbesondere afrikanische, zum christlichen Glauben stellte. Wenn die Geschehnisse im religiösen Dienst die Ratio hinter sich lie?en, waren meine Erfahrungen manchmal schwindelerregend: in Eucharistiefeiern etwa, in Abendmahlfeiern, beim Zungenreden, bei neutestamentarisch begründeten Teufelsaustreibungen. Da stockte mir schon einmal der (autonome?) spirituelle Atem. Wohin drohte ich mitgerissen zu werden? Befand ich mich in geistiger Gefahr? Ein katholischer Priester, den ich nach seiner Einschätzung des Anteil „nichtchristlicher Elemente“ in der von mir als überaus dicht empfundenen Spiritualität fragte, bekannte freimütig, dass er sich selbst mehr Klarheit darüber wünschte. Wirklich gefährdet fühlte ich mich nicht, denn Erinnerungen an religiös Vertrautes pflegten sich einzustellen und mich aufzufangen. Ein Bild aus dem Dorf meiner Kindheit kehrte oft wieder. Ich befand mich in der alten Kirche, Gro?mütter, Tanten und Onkel im Halbdunkel hinter mir, vorne am stillen Altar vor dem riesigen Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus der grauhaarige Pfarrer. Ich habe versucht, manches innere Bild in der Fremde als eine tief liegende Sehnsucht nach Vertrautheit anzunehmen, als den Wunsch nach (Wieder-)Beheimatung in einer mir vertrauteren religiös-kirchlichen Welt des Christentums. Dietrich Koller hat in seinem Beitrag im o.a. Ökumene-Heft vom Zufall des Geborenseins in eine bestimmte Kirche gesprochen. Er schrieb auch, dass ihn dieser Ort allein nicht zu sättigen vermag. (S.16) Ich kenne den spirituellen Hunger und seine Hartnäckigkeit, sich stillen zu lassen. Da kann man ihm eine ganze Reihe durchaus respektabler christlicher und nichtchristlicher Buffets (Kirchen, Religionen, Gemeinschafen, Dogmen, Riten) anbieten. Und doch, manchmal, wie kurz und flüchtig auch immer, scheint die Sehnsucht nach Gesättigtsein zur Ruhe zu kommen: wenn sich Erfahrung und Wissen einen Atemzug lang zur Erkenntnis vereinen, dass alle irdischen religiösen „Speisen“ nicht mehr als Versuche sein können, zur einen allen Hunger stillenden Nahrung zu finden – zu Gott. Auf dem Weg des Suchens nach Nahrung können wir lediglich Wege einschlagen, mögen sie theologisch-dogmatisch oder mystisch, religionsvergleichend oder religionsverbindendend sein.
Unsere religiöse Gegenwart ist vielfältig und inmitten dieser Vielfalt leben und bewegen wir uns. Dazu brauchen wir zunächst einmal gar nicht den Blick über den christlichen Gartenzaun zu werfen: der Weltkirchenrat schlie?t heute 348 Kirchen fast aller christlicher Traditionen ein; die römisch-katholische Kirche kooperiert seit über 40 Jahren mit dem Ökumenischen Rat. In einer kulturell so bunten christlichen Landschaft sind Unterschiede in Einstellungen und Dogmen schlichtweg gegeben. Sie können, wie wir heute mehr und mehr zur Kenntnis zu nehmen bereit sind, auf unterschiedlichen lokalen Philosophien, Kosmologien und Weltbildern (in diesem Sinn sind auch die westlichen lokal) fu?en, in die das Christentum eingeströmt ist. Mystik, Sakralität und Säkularität erfuhren und erfahren ständig im gesellschaftlichen Prozess unterschiedliche Gewichtungen. Vermischungen machen das Bild noch facettenreicher. Manchmal „kapieren“ wir einfach nicht (gleich) den Ernst und die tiefe Gläubigkeit, die hinter befremdlichen Äu?erungen, Einstellungen und Praktiken stehen. Die Annahme von Überheblichkeit und Spott eines Glaubens gegenüber einem anderen, wie in Ihrem Leserbrief geäu?ert, sollte deshalb eine allerletzte Zuflucht sein.
Wir sollen uns wehren, wenn wir das Gefühl haben, dass Dogmen, Formen, Praktiken, Heil- und Heilswege und andere Realisierungsformen unseres eigenen Glaubens verletzt werden. Doch ohne eine grundlegende „Wertschätzung und Leidenschaft für die menschliche Würde“, um eine Formulierung von Arno Kohlhoff im o. a. EnneaForum Themenheft (S. 28) aufzugreifen, geht sozusagen überhaupt nichts in einem Arbeitskreis, der Religion einbezieht – wie es der ÖAE tut. Ohne eine derartige Grundeinstellung droht man auch noch das Gefühl zu töten, dass die verbindende Sehnsucht nach einer letztlichen Beheimatung des Menschen in Gott etwas wundervoll Schönes Gemeinsames ist.

Bleibt vielleicht noch zu erwähnen, dass ich in einer gemischt-konfessionellen (ev.-kath.) Ehe und Familie lebe und Ihnen, Frau Schwarz, dafür danken möchte, dass Sie mir mit Ihrem Leserbrief den Ansto? zu ein paar eigenen Gedanken zum Thema Ökumene und ÖAE gegeben haben; Herrn Pfarrer Heck – dem gegenüber ich en passant erwähnte, dass das besagte Ökumene-Heft „ins Zentrum meiner spirituellen Bedürfnisse“ traf – dafür, dass meine Gedanken zu Papier kamen.

Mit freundliche Grü?en
Helgard Patemann-Hinz

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