Judit, die Kämpferin

oder: Wie gehe ich mit meinen Aggressionen um?

von Wally Kutscher

Es gibt viele ungewöhnliche Geschichten im Alten Testament, über die wir heute manchmal den Kopf schütteln oder sie mit einem Lächeln abtun. Eine davon ist die Geschichte von der Kämpferin Judit.
Judit, „die Jüdin“, ist das Urbild einer Kämpferin. Der berühmte Psychoanalytiker C.G. Jung nennt diese Urbilder „Archetypen“ – Judit verteidigt ihr Volk gegen die Feinde. Wie ist das möglich?
Sie ist eine schöne, reiche und gottesfürchtige Witwe – also äußerlich und innerlich schön, weil sie in sich und in Gott ruht. Als die jüdische Stadt Betulia vom feindlichen König Nebukadnezar durch seinen Feldherrn Holofernes bedroht wird, wollen die Ältesten die Stadt nach fünf Tagen ausliefern. Judit ist damit nicht einverstanden und kündigt an, der Herr werde durch sie eine außergewöhnliche Tat vollbringen.
Dann legt sie ihr Witwengewand ab, macht sich schön und wagt sich mitten hinein ins feindliche Lager zu Holofernes. Sie setzt bewusst ihren Charme ein und fasziniert den feindlichen Feldherrn damit. Denn er sagt zu seinem Gefolge, dass es von einem Ende bis zum anderen keine zweite Frau gebe, die so bezaubernd aussehe und so verständig reden könne. Sie isst und trinkt mit ihm, und als er betrunken ist und einschläft, schlägt sie ihm mit seinem Schwert den Kopf ab.
Nach ihrer Rückkehr greifen die jüdischen Männer am nächsten Tag das feindliche Lager an, es herrscht Chaos und Flucht. Schließlich werden die Feinde vernichtet und Judit wegen ihrer mutigen Tat gefeiert.
Wir würden nicht mitfeiern, denn heute wirkt diese blutrünstige Geschichte befremdlich und das Kopfabschlagen verursacht Kopfschütteln. Judit muss viel Aggression aufbringen, sonst könnte sie eine solch gewaltsame Tat nicht begehen, doch sie hat offensichtlich kein Problem damit.
Was ist die Botschaft an uns?
Sie kämpft um das Leben und um die Würde ihres Volkes. Sie kämpft also für etwas, will etwas schützen, was ihr wichtig ist. Schützen und sich schützen heißt aber auch, sich abgrenzen, eine Grenze ziehen und dem anderen entgegen treten, wenn er diese Grenze nicht einhält. Dazu braucht es Aggression. Der Begriff kommt von „aggredi“ und bedeutet erstens (ganz neutral) „an etwas herangehen“ und zweitens (negativ besetzt) dies „in feindlicher Absicht“ tun. Die Kraft, die damit verbunden ist, meint also nicht von vornherein etwas Negatives, Destruktives, vor allem wenn ich für etwas kämpfe, das ich schützen will. Es macht auch gar keinen Sinn, Aggression als rein negative Lebensenergie abzulehnen, denn unter Frustration, Resignation und Depression liegt immer zurückgehaltene Aggression, die sich dann als Kraft gegen uns richtet und an uns nagt.
Besser ist es nach Anselm Grün, der sich mit der biblischen Geschichte von Judit auseinander gesetzt hat, den Kämpfer bzw. die Kämpferin in uns zu achten, wenn andere uns schwächen wollen. Letzteres geschieht häufig durch Übersehen, Abwerten, durch Vorwürfe oder auch negative Bemerkungen über unser Aussehen oder Verhalten.
Eine häufige Reaktion ist dann aber, dass wir uns selbst in Frage stellen und auf diese Weise nicht nur ein anderer, sondern wir selbst zusätzlich gegen uns kämpfen und uns auch noch schwächen. (Judit hätte sich dann gefragt: Warum sind uns die anderen feindlich gesonnen? Was haben wir falsch gemacht?) Besser ist es zu fragen: Warum geht jemand so mit mir um? Wozu braucht er oder sie das? Was ist das wirkliche Problem? Auf diese Weise stellen wir den Konflikt auf die Beziehungsebene, wo er hingehört. Statt zurückzuweichen ist es also oftmals besser, den Kontakt zum anderen herzustellen, mitunter auch kämpferisch!
Aber gleich den Kopf abschlagen?
Was bedeutet diese Botschaft für uns heute?
Im Kopf findet das Denken statt, auch das feindselige. Ohne Verbindung zu Herz (Gefühl) und Bauch (Intuition) werden Menschen oftmals hart. Das lehrt uns auch das Enneagramm. Sie spüren sich dann meist selbst nicht mehr und haben deshalb keine Vorstellung davon, wie sich der Angegriffene fühlt. Dann ist es besonders wichtig, ihnen zu zeigen, wo die Grenze ihrer Feinseligkeit ist, und da beginnt das Kämpfen!
Doch Kämpfen kann anstrengend werden, wenn man nach allen Seiten kämpft oder keinen festen Boden unter den Füßen hat. Andersherum: Wann ist ein Kampf positiv und wird zur Kraftquelle? Dazu braucht es einen guten Stand, das heißt einen Standpunkt und Standvermögen. Das gewinnen wir, wenn wir nicht gegen, sondern mit jemandem kämpfen. An dieser Stelle ist ein Blick auf die fernöstlichen Kampfkünste vielleicht hilfreich. Anders als im Karate, wo der Kampf in der Konfrontation stattfindet, wird im Tai Chi, dem chinesischen Schattenboxen, die Angriffsenergie aufgenommen und am eigenen Körper vorbeigeführt, abgeleitet sozusagen. Natürlich ist der Kampf damit nicht beendet, aber ist eine grundverschiedene Umgangsweise mit dem Angriff.
Aber auch von Judit können wir kämpfen lernen: Sie kämpft nicht mit Körperkraft, sondern mit ihrer Schönheit, mit ihrer Klugheit und ihrem Mut, d.h. mit ihren Möglichkeiten. Und sie kämpft, weil sie um ihre Würde weiß – die letztlich von Gott gegeben ist – und um die Würde ihres Volkes. Deshalb hat sie einen guten Stand!
( In Anlehnung an Anselm Grün und Linda Jarosch: Königin und wilde Frau, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach)

Aus EnneaForum 29 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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