Enneagramm und Zen

von Ulrike Faber

Als ich die Einladung zur JHV zu diesem Zen-Vortrag bekam, habe ich mich gefragt: wo ist die Verbindung zwischen Enneagramm und Zen? Dazu fiel mir folgendes ein:
Es heißt, wenn der Taschendieb Buddha begegnet, sieht er nur dessen Taschen. Voraussetzung, dass ich die Wirklichkeit wahrnehme, wie sie ist, ist, dass ich beginne, den Filter wahrzunehmen, der meiner Wahrnehmung unterliegt.
Dazu etwas aus meiner eigenen Biografie. Vor etwa 20 Jahren forderte mich der Leiter einer Gestalt-Trainingsgruppe auf, jedem der Mitglieder zu sagen: „Ich bin anders als du.“ Vom Enneagramm hatte ich damals noch nichts gehört. Zunächst sagte ich diesen Satz ziemlich mechanisch, dann aber fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war ja wirklich völlig anders! Als ich dann Jahre später auf das Enneagramm stieß, war mir sofort meine Zuordnung zur VIER klar. Da habe ich alles gelesen, was die VIER betraf, und alles stimmte, traf zu. Nur eins nicht: die Sache mit dem Neid. Neidisch war ich nicht, nur selten, nein, neidisch war ich nie… bis ich nach einer Weile realisierte, ich war ständig neidisch. Nur hatte ich es so nicht gesehen. Alle zehn Minuten war ich damit beschäftigt, mich mit anderen zu vergleichen. Und weh tat es, wenn der andere besser war als ich. Alles sah ich im Vergleich, durch die Brille: wo bin ich anders. Für mich ist das Enneagramm ein hervorragendes Werkzeug, den Filter wahrzunehmen, der mir den Blick auf die unverfälschte Wirklichkeit verstellt.
Mir ging es wie dem Mann mit den beiden Pferden. Er konnte sie nicht auseinander halten. Zunächst weißte er dem einen Pferd die Hufe. Das ging eine Weile gut, aber dann kam ein Regenguss, und die weiße Farbe wurde abgewaschen. Daraufhin kürzte er dem einen Pferd die Schwanzhaare. Das ging eine Weile gut, aber dann wuchsen dem Pferd die Schwanzhaare nach, und er stand vor dem selben Dilemma. Schließlich schrieb er seinem Sohn: „Lieber Sohn, nun habe ich endlich eine sichere Methode gefunden, die beiden Pferde zu unterscheiden: das weiße Pferd ist etwas schmaler als das schwarze Pferd…“
Aber auch da gilt: so lange ich nicht erkenne, dass ich blind bin für schwarz und weiß, werde ich kein Auge für weiß und schwarz haben. Der Weg des Richtigen geht über den Geschmack des Falschen. Erst muss ich wahrnehmen, dass ich alle paar Minuten dabei bin, mich zu vergleichen, wo ich wieder ganz besonders bin – dann erst kann ich genauer hinschauen und mich fragen, ob das wirklich so ist. Es geht darum, die eigenen Defekte anzuerkennen, den Zustand wahrzunehmen, so wie er in diesem gegenwärtigen Moment ist, und nicht wie ich ihn haben möchte.
Wenn ich zum Beispiel die Anspannung in den Schultern spüre, oder wie ich sie hochgezogen habe, reagiere ich oft wie ein Dieb – auf frischer Tat ertappt – und lasse sie sinken. Wenn ich sage, wahrnehmen, was ist, ist gemeint, das Unzulängliche dieses Moments, d. h. den Zustand der Anspannung wahrzunehmen. Wenn ich das, was ich sehe und was ich bin, lerne zu respektieren, dann höre ich auf zu werten und beginne, Freundschaft mit mir zu schließen. Wir aber laufen ständig weg vom gegenwärtigen Augenblick. Die Situation, der andere, ich selber sollen anders sein. Aber das, was stört, braucht kein Hindernis zu sein.
Es gibt einen Cartoon, in dem ein Eisbergsalat inmitten eines Gemüsegartens zu sehen ist, und er hat eine Sprechblase, in der steht: „Ach, warum musste ich denn wieder als Salat in einem Gemüsegarten wiedergeboren werden, ich wollte doch eine frei wachsende Pflanze sein.“ Unter dem Bild steht: Ernst-Otto wurde als Eisbergsalat wiedergeboren, um endlich seine Angst, aufgefressen zu werden, zu überwinden.
Der Übungsweg des Zen ist ein Entdeckungsweg. Taubheit, Sucht, Kummer, Vermeidung… können Stolper- oder Trittsteine sein. Es heißt, Vorteil ist Nachteil und Nachteil ist Vorteil. Alles, was uns begegnet, ist der Pfad.
Pema Chödröm schreibt: „Statt unserem Unbehagen aus dem Weg zu gehen, öffnen wir unser Herz für die Art und Weise, wie wir flüchten und beginnen, Mitgefühl mit uns selbst zu haben.“ Und wir beginnen, das Leben anzunehmen nach seinen Bedingungen. Das, was ein Hindernis war, kann uns weiter bringen und lässt uns wachsen.
Tauler schreibt von der rechten Gelassenheit: „Das Pferd macht den Mist im Stall, und obgleich der Mist einen Unflat aus Stank an sich hat, so zieht das selbe Pferd doch den Mist mit großer Mühe auf das Feld, und daraus wächst dann der schönste Weizen und der edle süße Wein, der niemals wüchse, wäre der Mist nicht da.
Also trage deinen Mist, das sind deine Gebrechen, die du nicht abtun oder überwinden kannst, mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willen Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Es wächst ohne allen Zweifel in einer demütigen Gelassenheit köstliche, wohlschmeckende Frucht daraus.“
Joko Beck drückt das so aus: „Mit unfehlbarer Güte wird das Leben Ihnen immer genau das präsentieren, was Sie zu lernen haben. Ob sie nun zu Hause bleiben oder im Büro arbeiten oder sonst wo sind, der nächste Lehrmeister wird unweigerlich auftauchen.“
Meister Eckart sagt: „Leid ist das schnellste Pferd.“
Das, was uns ärgert, hält uns wach. Die Option besteht nicht in der Vermeidung des Unangenehmen, das können wir nicht, sondern wir können versuchen, die Situation kennen zu lernen und als Wachstumschance zu nützen. Der Wind weht, wie er weht, aber wir können die Segel setzen.
„Es geht nicht darum, die Probleme zu lösen, Heilung stellt sich dann ein, wenn wir allem Geschehen Raum geben.“ (heißt es bei P. Chödrön)
Der spirituelle weg führt nicht in den Himmel, aber ins Leben.

Aus EnneaForum 29 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930