Die Geburt der neun Puppen

erzählt und kommentiert von Ludwig Zink bei der JHV 2006

Im alten Russland lebte ein Puppenmeister, der Puppen aus Holz machte. Sie waren alle bunt bemalt mit großen Augen und lustigen Gesichtern. Ein bisschen frech. Ein bisschen dick. Ein bisschen lustig.
Jeden Sonntag ging der Meister in die Kirche. Danach ging er in den Wald, um Holz für seine Puppen zu holen.
Er suchte altes und festes Holz. Holz aus den Wurzeln von hundertjährigen Bäumen. Manchmal suchte er stundenlang, ohne etwas Brauchbares zu finden. An einem frostigen Wintertag fand der Meister ein besonders schönes Holz. Schwer, trocken und sehr alt.
Oh, dachte er, davon werde ich meine schönste Puppe schnitzen. Er nahm das Holz wie ein Baby in seine Arme und legte es auf den Schlitten. Dann lief er durch den tiefen Schnee nach Hause. Aus diesem Holz schnitzte der Meister eine besonders schöne Puppe. Sie war so schön, dass er sie nicht verkaufen wollte. Er stellte sie neben sein Bett auf den Nachttisch.
Jeden Morgen fragt er sie: „Nun, liebe Puppe, Matrönuschrosalinejowseka, wie geht es dir?“ Er hatte sich einen besondert langen Namen ausgedacht, weil der dachte sie soll ebenso adlig sein wie schön, und Adlige hatten im alten Russland meist lange Namen. Die Dorfkinder kannten die Puppe bald. Sie standen mit platt gedrückten Nasen an seinem Fenster, um die schöne Puppe zu bewundern. Der Meister lachte verschmitzt an seinem Schnitztisch. Er betrachtete die neugierigen Kindergesichter und malte nach ihnen die Gesichter seiner Puppen. Am Ende sahen die Puppen wie Dorfkinder aus. Und die Dorfkinder sahen wie Puppen aus. So ging es eine ganze Weile. Jeden Morgen fragte der Meister: „Nun, liebe Puppe Mätronuschrosalinejowseka, wie geht es dir?“ Und die Puppe lächelte stumm vor sich hin.
Eines Morgens aber antwortete die Puppe auf seine Frage. „Mir geht es nicht gut“, sagte sie mit leiser Stimme. „Ich möchte ein Baby haben!“ Dem Meister blieb vor Schrecken der Mund offen. Er starrte die Puppe an, aber sie sagte nichts mehr. Ich habe gestern zu viel Wodka getrunken, dachte der Meister. Schnell lief er in die Küche, um sich Kaffee zu kochen. Den ganzen Tag traute er sich nichts mehr zu sagen. Nur ab und zu blinzelte er mit einem Auge zu der Puppe hinüber und fragte sich: „Kann sie wirklich sprechen?“
Aber er hatte Angst, die Puppe noch einmal zu fragen. Am nächsten Morgen hatte der Meister alles vergessen. Als er aufwachte, fragte er wieder: „Nun, liebe Puppe Matrönuschrosalinejowseka, wie geht es dir?“ „Mir geht es schlecht“, antwortete die Puppe. „Weil ich so allein bin. Ich habe dir schon gestern gesagt: ich möchte ein Baby haben.“ Der Puppenmeister setzte sich kerzengerade in seinem Bett auf. Er holte tief Luft. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Die Holzpuppe konnte sprechen. Um ganz sicher zu sein, kniff er sich zwei mal in die Nase. Nein, er schlief nicht mehr. Er war hellwach. Nun nahm er seinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Was hast du gerade gesagt?“ „Ich möchte ein Baby haben“, wiederholte die Puppe ihren Wunsch und seufzte tief. „Sonst bin ich so allein!“ Was sollte der Puppenmeister tun? Ein Baby für eine Puppe hatte er noch nie geschnitzt. „Gut“, sagte er nach kurzem Überlegen. „Ich versuche es.“ „Danke schön!“ sagte die Puppe. „Bitte schön“, sagte der Meister. „Ich wünsche mir eine Tochter.“ „Du sollst eine Tochter haben.“ Der Meister ging auf den Speicher. Dort fand er noch ein Stück Holz. Es war das selbe Holz, aus dem er Matrönuschrosalinejowseka geschnitzt hatte. Er nahm es mit in seine Werkstatt und begann sofort zu arbeiten. Am Abend war eine kleinere Puppe fertig. Sie sah genau so aus wie Matrönuschrosalinejowseka. Eben wie Mutter und Tochter. Der Meister stellte die neue Puppe vor Matrönuschrosalinejowseka. Er fragte: „Na, wie gefällt dir dein Baby? Ich nehme von Deinem Namen die ersten beiden Buchstaben weg, also Ma, dann heißt deine Tochter Trönuschrosalinejowseka. Weil deine Tochter etwas kleiner ist als du.“ „Oh!“ freute sich Matrönuschrosalinejowseka. „Ich finde sie sehr schön.“ Und die Mutter gab ihrer Tochter einen Kuss. „Na, bist du jetzt zufrieden?“ „Ja, Meister. Mein Baby muss aber in meinem Bauch sein.“ „Wie bitte?“ „Mein Baby muss in meinem Bauch sein.“ „Oh je“, stotterte der Meister, „das, das geht aber nicht.“ „Warum nicht? Es ist mein Baby, ja es ist mein Baby.“
„Gut“, sagte der Meister nach einigem Überlegen. „Es wird dir aber weh tun.“ „Das macht nichts“, antwortete die Puppe. „Es tut immer ein bisschen weh, eine richtige Mutter zu werden. Aber danach ist man sehr glücklich.“ Der Meister seufzte, nahm sein Schnitzmesser und schnitt Matrönuschrosalinejowseka in zwei Teile. Er höhlte sie von innen ganz aus. Dann steckte er Trönuschrosalinejowseka hinein. Danach schraubte er Matrönunschrosalinejowseka wieder zusammen. „Nun?“ fragte der Meister. „Wie fühlst du dich jetzt?“ „Oh, ich bin sehr glücklich. „Jetzt habe ich ein Baby in meinem Bauch.“ Und sie lachte vergnügt. Am nächsten Morgen fragte der Meister wieder: „Nun, liebe Puppe Matrönuschrosalinejowseka, wie geht es dir?“ „Ach,“ sagte sie. „Ich bin sehr glücklich. Aber mein Baby hat sich die ganze Nacht in meinem Bauch bewegt. Und das hat mich sehr gekitzelt. Ich musste die ganze Nacht lachen. Ich konnte gar nicht schlafen. Kannst du nachschauen, warum mein Baby so unruhig ist? Vielleicht braucht es etwas.“ „Schauen wir nach“, sagte der Meister. Er schraubte Matrönuschrosalinejowseka auseinander und nahm Trönuschrolsalinejowseka in die Hand. Er sah sie von allen Seiten an und sagte: „Hm. Es ist alles in Ordnung. Sie hat Hände, Füße, Augen und Ohren. Sie hat eine Nase und auch einen Mund. Es ist alles da. Sehr gut gemacht. Ich wüsste nicht, was ihr noch fehlen könnte.“ „Mir fehlt ein Baby“, sagte plötzlich die kleine Puppe mit piepsender Stimme. Der Meister fiel aus allen Wolken. „Was sagst du da?“ „Mir fehlt ein Baby. Ein ganz kleines Baby.“ „Nein!“ „Doch!“ Der Meister konnte es noch nicht glauben. „Das kann doch nicht sein“, sagte er. Er kniff sich drei mal in die Nase. Nur um zu sehen, ob er nicht träume. Aber er träumte nicht. „Ich möchte wirklich ein Baby haben“, hörte er wieder Trönuschrosalinejowsekas Stimme. „Aber, aber …“ stotterte der Meister. „Was wird deine Mutter dazu sagen?“ „Sie wird sich freuen“, meinte die kleine Puppe. „Sie wird die Großmutter von meinem Baby sein. Sie wird ihm Märchen erzählen. Bitte, bitte schnitz’ mir auch ein Baby. Ein ganz kleines Baby. Bitte!“ Was sollte der arme Puppenmeister tun? Ein Baby für das Baby einer Puppe hatte er nie vorher gemacht. Aber die kleine Trönuschrosalinejowseka bettelte so sehr, dass er am Ende sagte: „Gut, wenn du es dir so sehr wünschst. Soll es ein Junge oder eine Tochter sein?“ „Eine Tochter.“ Der Meister ging wieder auf den Speicher. Dort fand er ein noch kleineres Stück Holz. Er nahm es und begann zu arbeiten. Am Abend war eine neue Puppe fertig. Sie sah genau so aus, wie Matrönuschrosalinejowseka und ihre Tochter Trönuschrosalinejowseka. Man merkte, dass sie alle aus einer Familie stammten. „Du heisst Nuschrosalinejowseka!“ sagte der Meister, „fast genau so wie deine Mutter. Ich nehme von ihrem Namen nur die erste Silbe weg, weil du ein bisschen kleiner bist.“ „Nun“, sagte er zu Nuschrosalinejowseka, “bist du jetzt zufrieden?“ „Ja, sagte sie, „aber das Baby muss in meinem Bauch sein.“ „Nein“, stotterte der Meister. „Nur das nicht!“ „Doch!“ „Das wird dir aber weh tun.“ „Macht nichts. Es tut immer ein bisschen weh, eine richtige Mutter zu werden. Aber danach ist man sehr, sehr glücklich.“ Der Meister seufzte und nahm sein Schnitzmesser. Er schnitt Trönuschrosalinejowseka in zwei Teile. Höhlte sie aus. Steckte Nuschrosalinejowseka in Trönuschrosalinejowseka und diese in Matrönuschrosalinejowseka. Schraubte sie zusammen und fragte. „Seid ihr jetzt alle zufrieden?“ Ja“, antwortete Matrönuschrosalinejowseka. „Ja“, kam Trönunuschrosalinejowseka Stimme aus dem Bauch ihrer Mutter. „Nein! Nein! Nein!“ kam plötzlich Nuschrosalinejowseka Stimme aus dem Bauch ihrer Mutter. „Ich möchte auch ein Baby haben. Warum habe ich kein Baby in meinem Bauch?“ „Das gibt es wohl nicht!“ konnte der Meister sagen. „Doch, ich möchte ein Baby haben“. Ein Baby für das Baby eines Puppenbabys hatte der Meister noch nie geschnitzt. Wenn ich es jemand erzähle, dachte er, wird mir kein Mensch glauben. Doch es sollte erst der Anfang sein. Denn jeden Morgen musste er sich das Klagen einer am Vortag geschnitzten Puppe anhören. So hatte er dann nach der Rosalinejowseka eine Salinejowseka geschnitzt, dann eine Linejowseka, eine Jowseka und eine Seka. Acht Puppenmädchen hatte er geschnitzt. Das nimmt kein Ende, es wird immer mühsamer, dachte der Meister Am Ende muss ich eine Puppe schnitzen, so groß wie eine winzige Ameise. Aber wenn diese Puppe auch noch schreit, sie will ein Baby in ihrem Bauch haben – was mache ich dann? Es kam, wie es kommen sollte: Auch Seka wollte ein Baby haben. Er fand noch ein Stück Holz, nahm sein Schnitzmesser und begann zu arbeiten. Bald war das kleine Baby fertig. Dann aber nahm der Meister einen Pinsel und malte dem kleinen Baby einen großen Schnurrbart. „Du bist Sekas Sohn“, sagte er lächelnd. Und weil ich nur noch zwei Buchstagen übrig habe, heißt du Ka. Du bist ein Mann. Darum kannst du kein Baby in deinem Bauch haben. Hast du mich verstanden?“
„Jaa“, quietschte das Baby vergnügt. „Ich bin ein Mann.“ „Jawohl. Darum hast du einen Schnurrbart. Schau dich im Spiegel an, damit du deinen Schnurrbart siehst und später nicht schreist, du möchtest auch ein Baby haben!“ Der Meister nahm den kleinen Ka und hielt ihn eine Weile lang vor dem Spiegel fest. Dann höhlte er Sekas Bauch aus und steckte ihren Sohn Ka hinein. Dann steckte er Seka in Jowseka, Jowseka in Linejowseka und Linejowseka in Rosalinejowseka, dann Rosalinejowseka in Nuschrosalinejowseka, Nuschrosalinejowseka in Trönuschrosalinejowseka und diese dann in Matrönuschrosalinejowseka. „Seid ihr jetzt zufrieden?“ fragte der Meister. Und in einem neunstimmigen Chor hörte der Meister ein kräftiges „Ja“. So leben alle neun bis heute noch glücklich und zufrieden.

Der Kommentar zur Erzählung

Ich habe die Erzählung von Dimiter Inkiow: „Die Puppe, die ein Baby haben wollte“ (Jugend und Volk Verlaggesellschaft m.b.H., Wien, 1990) auf das Enneagramm umgeschrieben. Bei ihm sind es fünf Puppen, die geschaffen werden. Die Geschichte geht bis zum Urenkel Ka. Ich habe die Geschichte auf neun Puppen ausgeweitet, weil wir ja nach der Anschauung des Enneagramms neun Gesichter der Seele in uns haben, nicht nur zwei – wie es im Faust heißt: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“
Die Hauptenergie schaltet sich meist sofort ein, doch andere Gesichter der Seele sind verborgener und wollen noch entdeckt werden. Der größere Teil der Enneagramm-Autoren tritt dafür ein, dass wir eine Hauptwurzel haben. Doch wir kennen ja auch noch Nebenwurzeln in uns. Es gibt Lebenssituationen, die uns gleichsam zurufen: „Du brauchst da ein neues Kind.“ Wenn wir zum Beispiel Vorstand eines Vereins oder Chef eines Betriebes werden, benötigen wir – wenn wir nicht scheitern wollen – die Achterenergie. Wir wollen ja etwas durchziehen. Was mich bei der Erzählung deshalb beeindruckt hat, ist der Satz, dass es immer etwas schmerzlich ist, Mutter zu werden. Die Aneignung oder das Wachrufen dieser Energie in uns ist schmerzlich. Wir hätten uns diese Aufgabe nicht zugetraut, wenn wir nicht auch etwas hineingestoßen worden wären. Doch wir wachsen in die neue Herausforderung hinein, und sind später froh, dass unser Verhaltensrepertoire größer geworden ist.

Aus EnneaForum 29 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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