Das Enneagramm im Wirtschaftsprozess (Teil 2)

Von Wolfram Göpfert, Teil 2 (hier der erste Teil)

Entwicklungstendenzen über die Grundmuster hinaus

Richtig spannend wird es, wenn wir auf die Enfaltungsmöglichkeiten der 9 Enneagramm-Muster über ihren jeweiligen Bereich hinaus zu sprechen kommen. Denn jetzt geht es darum, wie wir die typischen Tendenzen der Menschen voraussehen können – ein unschätzbarer Vorteil im Wirtschaftsleben. Mit „Hellseherei“ hat das natürlich nichts zu tun, vielmehr kommt es darauf an, vor dem Hintergrund der Grafik des Enneagramms realistische Trends aufzuzeigen.

Die Ressourcen zur Entwicklung

Ausgangspunkte für diese Prognosen sind bestimmte Ressourcen, die den Menschen zur Verfügung stehen, auf die sie Zugriff nehmen können. Diese Ressourcen sind ihrer Art nach allen 9 Enneagramm-Muster gleichermaßen zugänglich und erschließen sich in einer Reihe von Ansätzen schon aus der Zeichnung des Enneagramms. Es handelt sich um folgende Gegebenheiten:

  • Affinitäten benachbarter Grundmuster
  • Ausrichtungen der Grundmuster zur Entwicklung und bei Verwicklung
  • Sozialbezüge der Grundmuster
  • Strategien der Grundmuster im Umgang mit Anforderungen

Was bedeutet das nun im einzelnen?

Affinitäten benachbarter Grundmuster

Mit dem Bezug auf „Affinitäten benachbarter Grundmuster“ vermögen wir wiederum zwanglos an den Erfahrungen unserer Gesprächspartner anzuknüpfen. Denn es ist ihnen geläufig, dass abgrenzbare Einheiten dann, wenn sie miteinander in Berührung kommen, ihre wesentlichen Eigenheiten zwar grundsätzlich behalten mögen, sich durch diesen Kontakt aber oft ein Gefüge mit veränderten Eigenarten ergibt. Als Beispiel aus der Wirtschaft kann die GmbH & Co. KG dienen. Die GmbH als juristische Person und die KG als Personengesellschaft sind in „juristischer Nachbarschaft“ je selbständige Einheiten des Gesellschaftsrechts, doch durch den Umstand, dass die GmbH als Komplementärin der KG fungiert, ergibt sich im Vergleich zur reinen KG eine verbesserte Haftungslage als bedeutsame Veränderung zugunsten der Betreiber der Gesellschaft.

Es wird unseren Gesprächspartnern in den Unternehmen deshalb einleuchten, dass im System des Enneagramms diejenigen Muster, die auf der Kreislinie der Grafik als benachbarte Abschnitte einander berühren, auch in inhaltlicher Beziehung zueinander stehen. Aufgrund dieser Sonderverbindung unterliegt jedes Grundmuster des Enneagramms einer inhaltlichen Beeinflussung durch die benachbarten Muster, mal stärker und mal weniger deutlich ausgeprägt.

Dies hat zur Folge, dass die Menschen über die Eigenarten ihres Grundmusters hinaus auch zu Eigenheiten der benachbarten Muster tendieren. Sie neigen also dazu, ihre Ressourcen über die typischen Merkmale und Interessen ihres Grundmusters hinaus zu erweitern – ein Trend, der sich an diesen Schnittpunkten vorhersehen und zwecks Fortentwicklung beeinflussen lässt.

Ausrichtungen der Grundmuster zur Entwicklung und bei Verwicklung

Bestimmte „Ausrichtungen der Grundmuster zur Entwicklung und bei Verwicklung“ sind weitere wesentliche Ressourcen im System des Enneagramms. Denn es entspricht unseren geläufigen Erkenntnissen, dass gewisse Orientierungen typischerweise zu erwünschten Ergebnissen führen und bestimmte andere Ausrichtungen hingegen unerwünschte Folgen nach sich zu ziehen pflegen. Diese Erfahrungen nehmen gerade im Wirtschaftsleben breiten Raum ein. So wissen die Führungskräfte in den Unternehmen, dass gemischte Teams aus Mitarbeitern mit unterschiedlichen, wenngleich konvergierenden Kenntnissen in aller Regel erheblich bessere Leistungen erzielen als uniforme Arbeitsgruppen. Folglich stellen sie wegen des erwünschten Synergieeffektes gemischte Einheiten aus geeignet erscheinenden Mitarbeitern mit unterschiedlichen Bezugssystemen zusammen, beispielsweise aus Ingenieuren, Kaufleuten und Juristen in einer Abteilung.

Wir wissen aus unseren Erfahrungen, dass die Menschen mit ihren spezifischen Eigenheiten nicht unterschiedslos zueinander passen und nicht beliebig austauschbar sind – nicht jeder kann’s mit jedem und keineswegs überall. Unsere Gesprächspartner in den Unternehmen werden sich deshalb gut zurecht finden, wenn wir ihnen als Orientierungshilfen zu dieser Problematik die Bedeutung der Verbindungslinien in der Grafik des Enneagramms näher erläutern.

Der Sinn der Linien zwischen den markierten Grundmustern des Enneagramms liegt darin aufzuzeigen, dass erfahrungsgemäß mit bestimmten Ergebnissen positiven oder negativen Anstrichs zu rechnen ist, wenn sich inhaltliche Bezüge zwischen zwei Mustern ausformen. Anders ausgedrückt heißt dies, dass Menschen sich eher entwickeln oder eher verstricken, je zu welchem Muster hin sie sich ausrichten. Diese Erfahrungen kehren die Verbindungslinien in der Zeichnung des Enneagramms optisch heraus, sie sind so nützliche Wegweiser im Beziehungsgeflecht der Grundmuster. Mit diesen Orientierungshilfen lassen sich die zu erwartenden Tendenzen jedes Grundmusters erfassen, zugleich wird vorhersehbar, ob sich in der Folge dieser Trends eher eine positive Entwicklung oder eine negative Verstrickung ergeben wird. Hier eröffnet sich im Wirtschaftleben eine weitere Interventionsmöglichkeit, mit der die typischen Interessenlagen der Grundmuster über ihre Begrenzungen hinaus in Richtung auf eine profitable Vielfalt gezielt ausgebaut werden können.

Sozialbezüge der Grundmuster

Weitere Ressourcen im System des Enneagramms stellen die „Sozialbezüge der Grundmuster“ dar. Ungeachtet der Tatsache, dass die Firmen der privaten Wirtschaft in erster Linie bestrebt sind, Gewinne zu erzielen, kommt den sozialen Belangen in den Unternehmen ein hoher Stellenwert zu – kein Entscheidungsträger mit Verantwortungsbewusstsein wird dies ernsthaft bestreiten, sondern sich auch für diese Bezüge interessieren.

Soziale Beziehungen können wir griffig in drei Auffächerungen erfassen:

  • Als Zentrierung auf die eigene Person im Rahmen des Lebensumfeldes
  • Als Ausrichtung auf wenige Menschen in einem abgesteckten Lebensbereich
  • Als Bezug auf eine größere Gemeinschaft

Einem dieser drei Bereiche räumen wir im beruflichen Alltag den Vorrang ein, zumeist nicht radikal, doch oftmals unbewusst, jedenfalls als gewohntem Bezugsrahmen, der im Hintergrund wirkt. An der Aufmerksamkeit, die wir zeigen, an den Interessen, denen wir zuneigen, offenbart sich auch unsere bevorzugte soziale Einstellung.

Diese Ausrichtungen sind in der Grafik des Enneagramms als Unterteilungen den 9 Markierungen der Grundmuster zuzuordnen. Als Gedankengut des Enneagramms können sie sehr hilfreich sein, wenn wir uns bemühen, die Interessenausrichtung einer Person zu erfassen. Denn erst anhand dieser Besonderheiten wird es uns mitunter möglich, auch ungewöhnliche Formen der Grundmuster zu erkennen, Varianten, deren wesentliche Züge zunächst unklar erscheinen mögen.

Wir sollten allerdings berücksichtigen, dass die soziale Priorität der Menschen nicht in allen Lebenslagen gleich ist, sondern vom Kontext abhängig sein kann. Wir brauchen hier nur an den „Patriarchen“ einer Firma zu denken, der im Geschäftsleben seine Ansprüche knallhart durchsetzt, zu Hause als liebevoller Vater wirkt und in der Freizeit seine Heimatstadt als Kunstmäzen unterstützt. In Kontexten, die einander ähneln, lässt sich die soziale Priorität eines Menschen jedoch mit erheblicher Wahrscheinlichkeit vorausschauend abschätzen. Ihre Kenntnis bietet deshalb in vielen Fällen beachtliche Einflussmöglichkeiten, um insbesondere die zwischenmenschlichen Reibungen zu reduzieren.

Strategien der Grundmuster im Umgang mit Anforderungen

Als bedeutsame Ressourcen im System des Enneagramms erweisen sich auch die „Strategien der Grundmuster im Umgang mit Anforderungen“. Situationen mit Stress und Belastungen, aber auch mit attraktiven Herausforderungen gehören zum Alltag in den Firmen, sie erfolgreich zu bewältigen ist wesentlicher Inhalt des beruflichen Lebens. Nützliche Hinweise zur Handhabung von Anforderungen finden deshalb immer ein offenes Ohr.

Mit Anforderungen umgehen können wir grundsätzlich auf dreierlei Weise:

  • Wir können Anforderungen als interessante Herausforderungen aufgreifen
  • Wir können uns vor Anforderungen als Belastungen zurückziehen
  • Wir können Anforderungen als Verhandlungsgrundlagen auffassen

Auch hier verhält es sich so, dass wir im Alltagsgeschehen einer dieser drei Möglichkeiten den Vorrang einräumen, jedenfalls zunächst, als erste Resonanz auf eine als belastend oder als reizvoll empfundene Anforderung. Diese Präferenz wird keineswegs immer zu einer sofortigen Lösung führen, sie ist insbesondere bei Stress vielmehr lediglich eine Art „Rettungsweg“, den unsere Aufmerksamkeit kurzerhand einschlägt. Erst in einem nachfolgenden Schritt pflegen wir näher zu prüfen, ob wir uns denn mit diesem „Noteinsatz“ auf einem Weg befinden, der unseren Interessen dienlich erscheint. Es mag sich dann durchaus ein Umschlag unserer ersten Sichtweise ergeben mit einer anderen Resonanz als Folge. Wir gehören nicht gleich zu den „Wendehälsen“, wenn wir gewohnheitsmäßig etwa auf ein neues Projekt zunächst mit fliegenden Fahnen zueilen, im weiteren uns aber dann doch Bedenken kommen und wir schließlich das Für und Wider der Interessen sorgfältig abwägen.

Aus der Grafik des Enneagramms sind diese Gesichtspunkte nicht ohne weiteres ablesbar, sie enthält keine eigenen Elemente zu den bevorzugten Vorgehensweisen der einzelnen Grundmuster des Enneagaramms in Bezug auf Anforderungen. Mit dem Gedankengut zum Enneagramm können wir jedoch in der Grafik bestimmte Mustergruppen nachzeichnen, die zu jeweils einer der drei aufgezeigten Weisen, mit Anforderungen umzugehen, besondere Neigung erkennen lassen. Wenn wir diese Vorlieben berücksichtigen, dann steht uns ein weiterer Ansatzpunkt zur Verfügung, die einzelnen Grundmuster vorausschauend einzuschätzen und zu verstehen.

Zur Steuerung betrieblicher Prozesse mit dem Enneagramm

Über die Erfassung, Entwicklung und Steuerung der 9 Persönlichkeitsprofile hinaus bietet das System des Enneagramms aber noch eine Anzahl weiterer interessanter Möglichkeiten zum Einsatz in den Unternehmen. Es handelt sich hierbei um Anleitungen zur Gestaltung von Prozessen im beruflichen Alltag. Mit dem „Typen-Prozess-Modell des Enneagramms“ (TPME) können wir eine Reihe betrieblicher Abläufe strukturell analysieren und sie mit Rückkoppelungseffekten und Controllingmaßnahmen erfolgsorientiert steuern. Anwendbar ist das Typen-Prozess-Modell des Enneagramms beispielsweise in Problemlösungsprozessen, zur Konfliktbewältigung, bei Prozessen zur Teambildung, zur Zielfindung und so fort – und zwar unabhängig von den jeweiligen Prozessinhalten.

Detaillierte Ausführungen zum Typen-Prozess-Modells des Enneagramms enthält „Enneaforum Nr. 24“ vom November 2003, S.16-19.

In einem Satz zusammengefasst:

Das Enneagramm bietet den Unternehmen hervorragende Möglichkeiten, die unterschiedlichen Persönlichkeitsprofile der Menschen zu erfassen, zu entwickeln, zu steuern und damit betriebliche Prozesse zu gestalten – bringen wir es ihnen doch bei!

Aus EnneaForum 29 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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