Wege suchen, Wege finden

Nachdenken über ein altes Kirchenlied

Befiehl Du Deine Wege, und was Dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn
Der wird auch Wege finden, da Dein Fuß gehen kann.

In diesem schönen alten Kirchenlied (Paul Gerhardt, 1653) haben es mir vor allem die letzten beiden Zeilen dieser Strophe angetan. Darin wird gesagt, dass Gott selbst sich um Wege für unsere Füße kümmert. Ich strecke den Fuß aus, und Er findet oder bereitet den Weg. Was für eine Vorstellung!
Eigentlich dachte ich immer, ich müsste die Wege suchen und finden. Schwierig wird das vor allem in unbekanntem Gelände, oder im Dunkeln. Ich ordne mich im Enneagramm am ehesten als „Fünf“ ein, und bin der Mensch, der gern mit Wanderkarte unterwegs ist – ganz konkret, aber auch im übertragenen Sinn. Das Enneagramm-Modell beispielsweise ist so eine Art Wanderkarte, und ich fand es großartig, sie zu finden. Aber es gibt immer wieder Situationen, wo es keine Karten gibt, oder wo sie veraltet sind, nicht so recht passen… wie auch immer. Dann bleibt nichts anderes übrig, als einen Vertrauensschritt zu wagen – der oft andere nach sich zieht. So, wie man durch einen Fluss geht, von Stein zu Stein, oder einen weglosen Abhang hinunter geht. Es fühlt sich dann oft so an, als ob die Füße wissen, wo sie hintreten sollen.
Wenn Gott die Wege findet – so bedeutet das aber auch, dass wir unsere Vorstellungen unter Umständen aufgeben müssen. Wir können scheitern, mit unseren Wünschen, unserem Selbstbild, unserem Ehrgeiz. Kann sein, dass wir nicht da ankommen, wo wir es wollten. Derzeit laufen die Nachrichten über die Wasserflut in New Orleans über den Bildschirm – Hunderttausende sind obdachlos. Dann sind gesuchte Wege vielleicht nur noch, das nackte Leben zu retten, die nächste Mahlzeit zu organisieren. Wir kommen immer wieder an die Grenzen unserer bisherigen Strategien und Gewissheiten.
Wenn man sich auf einen inneren Weg macht, sich um Selbsterkenntnis und Veränderung bemüht, bedeutet das, dass man alte Gewohnheiten aufgeben muss. So, wie sich der Fuß von dem Boden, den er eben gefunden hat, wieder lösen muss, um den nächsten festen Grund zu finden.
Für mich sind die Zeilen des Liedes so etwas wie die Anleitung zu einer Vertrauensübung. Nicht im Fallen, wie bei der bekannten Auffangübung, sondern im Gehen, von Schritt zu Schritt. Das linke Bein, das rechte Bein, auf keinem allein kann man stabil stehen, aber gehen kann man so. Und nicht zu vergessen, es geht nicht nur um äußere Wege, sondern auch um die „Kränkungen des Herzens“, die inneren Schwächungen und Hindernisse.
Dieses Sich-Anvertrauen kann glaube ich auf viele Weisen geschehen. Klassisch sind Beten, Meditation, Stille. Aber es gibt auch dynamischere Formen. Vor einiger Zeit nahm ich an einem Mal-Wochenende teil, bei dem es darum ging, dem „kreativen Fluss“ zu folgen – Farben, Formen, Bilder hochkommen zu lassen und malerisch umzusetzen. Das ist eine Entdeckungsreise, und erstaunlicherweise gestaltet sich alles letztlich wie von selbst zu einem Bild.
Mich hat auch immer der chinesische Begriff „wu wei“ fasziniert, meist übersetzt mit „nichts tun“, gemeint ist aber nicht Untätigkeit, Trägheit, sondern ein Tun und Lassen im Einklang mit dem Tao, dem Umfassenden, dem „Weg“.
Das alles sind für mich verschiedene Ausformungen des selben Grundgedankens.
Wenn man den Worten des Liedes folgt, ist der Weg auch etwas individuelles, etwas, das es für jeden Ausgangpunkt gibt. Es gibt immer einen Weg.
Aber wie kann man ihn erkennen? Das Enneagramm gibt hier viele Anhaltspunkte – z.B. das, was die besonderen positiven Fähigkeiten jeden Typs fördert (die „Einladungen“ bei Rohr/Ebert). Aber es gibt auch ein Gefühl für „Stimmigkeit“, das sich entwickeln kann. So kann man auch dieses Lied als Wegweiser nehmen, und ausprobieren, wie es sich in schwierigen Situationen, aber auch in den Zwängen und der Routine des Alltags anwenden lässt. Es erinnert an die Begrenztheit und Vergänglichkeit unseres Wissens und Wollens, aber es ist auch tröstlich und ermutigend, noch an diesen Grenzen einen Schritt des Vertrauens (und Entdeckens) zu wagen. Ohne diesen Schritt können unsere Füße den Weg nicht finden. urb

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 35

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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