Erfahrungen mit Enneagramm-Tests

von Gerhard Heck

Welchem Enneagramm-Typ ordne ich mich zu ? Das ist die erste Kardinal-Frage die sich bei der Beschäftigung mit dem Enneagramm der 9 Muster/Typen stellt. Zu dieser Frage wollten wir den Teilnehmern des Pilot-Kurses in der Weiterbildung Enneagramm-TrainerIn des ÖAE eine methodisch klare und sachlich plausible Antwort geben. Die Antwort heißt „Individuelles Enneagramm-Profil-IEP©“ und ist Teil unseres Curriculums.

Erfahrungen beim Suchen und Finden des Typs

Wer sich einem bestimmten Enneagramm-Typ zuordnet, tut das häufig eher spontan. Wer an einem Enneagramm-Kurs teilnimmt, erlebt andere Teilnehmer, die ihren Typ scheinbar fraglos gefunden haben. Man gibt sich dann leicht einen Ruck: „Nun mach schon, die anderen schöpfen erfolgreich aus dem Brunnen der Enneagramm-Kenntnis, was willst Du noch zögern? Mach also voran und nimm den Typ, der Dir irgendwie nahe liegt.“ Das Kapitel über den so gefundenen Typ wird zum Märchen, in dem man selbst die Hauptrolle spielt. Die Rolle macht man sich zu eigen, spielt sie immer überzeugter. Das kann der eigenen Lebenswirklichkeit entsprechen; es kann aber auch dazu führen, das eigene Leben nun nach dem erlesenen Rollenskript darzustellen. Eine Selbsttäuschung entsteht, die der Realität nicht standhält.
Über das Thema Fehltypisierung wird in der US-amerikanischen Ennea-Szene seit Jahren offen diskutiert. Elizabeth Wagele beschreibt unbewusste Motive, die zur Wahl des falschen Typs führen und Thomas Condon macht sich Gedanken über „the troubles with typing“ (1). Wie kann das Risiko einer Fehltypisierung vermieden werden? Unsere Idee: wir vermeiden Typisierung als spontane Etikettierung durch mich selbst oder gar Fremd-Etikettierung durch einen Guru. Wir initiieren und begleiten die Typfindung als einen achtsamen, reflektierten und vorläufigen Erkenntnisweg: Intuition soll sich mit Disziplin, Achtung vor der eigenen Individualität mit dem Respekt vor derjenigen des Gegenübers verbinden. Vorläufig muss dieser Vorgang deshalb sein, weil die „Landkarte“ der Typbeschreibung die Realität des individuellen Menschen immer nur teilweise erfassen kann. Versierte Trainer werden deshalb der Anweisung folgen, die Hans Neidhardt gibt: er veranstaltet eine „Anprobe“, bei der der Typ wie ein Kleidungsstück erst mal auf Zeit „anprobiert“ wird. Ob das „Design“ stimmt, muss erst noch herauskommen. Ferner ist die Vorläufigkeit eine prinzipielle: im Anschluss an die Identifikation m i t dem Typ muss die Disidentifikation v o m Typ erlernt werden. Weil der Typ ja Ergebnis der Anpassungsvorgänge ist, zu denen uns die Erziehung in Elternhaus und Gesellschaft genötigt hat. Die Automatik der erzwungenen Anpassung lassen wir Schritt für Schritt hinter uns.
Ob und wie das geht, das ist die zweite Kardinal-Frage der Beschäftigung mit dem Enneagramm. Für Christen heißt das: wir lernen die Freiheit der Kinder Gottes, fangen an, Weggenossen und Freunde des Christus zu werden.

Der lange Weg der Nachfolge beginnt.

Mit dem Individuellen Enneagramm-Profil© geben wir unseren TeilnehmerInnen ein Konzept in die Hand, das sie befähigt, die Suche nach dem richtigen Typ verantwortlich, methodisch sicher und sachlich plausibel zu begleiten. Worin besteht nun das IEP©?
1.?Wir verbinden eine Selbsteinschätzung durch Enneagramm-Test mit der Fremdeinschätzung durch Interview. Der Test geht dem Interview voraus, gleich ob der Interview-Partner eine Typ-Zuordnung bereits getroffen hat oder nicht. Das Testergebnis dient der Vororientierung des Interviewers. Es gibt keinen Test, der wissenschaftlich zuverlässig einen einzigen Typ als sicheres Resultat hergibt. Deshalb kann man aus der Fülle der Enneagramm-Literatur einen Test nach vorwiegend praktischen Gesichtspunkten nehmen: Wir nahmen den Baron/Wagele-Test (2), weil er rasch ausgefüllt und ausgewertet werden kann.
2.?Unsere Ergebnisse: Die Ergebnisse von rund 80 IEPs liegen vor. Sie haben uns mehrfach überrascht und zu einer Neuorientierung im Verständnis des Typen-Modells geführt. Einen lebendigen Bericht über Ablauf und Ergebnis eines „Profil-Interviews“ legte Margrita Appelhans vor, ich selbst habe über die Neuorientierung berichtet (3). Aus testpraktischer Sicht zeigte sich:

  • Volle Übereinstimmungen des Testergebnisses mit dem Interview-Ergebnis kamen eher sporadisch vor und dann überzeugten sie auch.
  • Nichtübereinstimmungen beider Ergebnisse waren eher die Regel.

Vor allem wurde die Erwartung enttäuscht, einen Typ als Ergebnis mitteilen zu können. Durchweg konkurrierten mehrere Ergebnisse.
Deshalb entschieden wir uns, ein Profil aller Punktwerte zu erstellen. Deren Richtigkeit wird dann im Interview auf die Probe gestellt. Unser Ziel ist nicht mehr die Evaluierung des einen Typs, sondern das Individuelle Enneagramm-Profil. Es zeigt eine Momentaufnahme von der Entwicklung der Persönlichkeit in ihrer Ganzheit und öffnet den Weg der Wandlung behutsam.
Das Profil zeigt den Punktwert zu jedem Typ. Bildlich bietet es die Analogie einer individuellen Landschaft des ganzen Menschen.

Profil Punktwerte Enneagrammtests

Erläuterung:

  • die individuelle Zentren-Hierarchie lautet: 1.Bauch (28 P.), 2. Kopf (25 P.), 3. Herz (20 P)
  • dem Selbstbild nach ist die betreffende Person primär durch das Bauch-Zentrum motiviert, benutzt das Kopf-Zentrum als Hilfs-Zentrum und hat das Herz-Zentrum vernachlässigt;
  • als dominanter Typ ist 8 zu vermuten, subdominant 7. Ob im Herz-Bereich wie angezeigt Typ 3 in Frage kommt oder einer der anderen, muss das Interview zeigen.

Dem Interviewer bietet das Profil ein qualifiziertes Vorurteil:

  • wie sind die Zentren ausgebildet?
  • ist ein dominanter Typ erkennbar?
  • wo sind die Entwicklungsaufgaben dieses Menschen?

3.?Das Interview erfolgt in Form von 3 bis 4 Standard-Fragen pro Typ, zu denen der Interviewer ad hoc nachfragen kann. Gleichzeitig wird der Interviewer die nonverbalen Botschaften beachten, die sein Gegenüber in Outfit, Mimik, Gestik und Sprache sendet. So entsteht ein Gesamteindruck, der über die abstrakten Punktwerte der Selbstauskunft weit hinaus geht.
In dem Maße, wie die im Test erfolgte Selbsteinschätzung mit der Fremdeinschätzung des Interviewers übereinstimmt, wird die Typzuordnung objektiviert. Vorausgesetzt es haben sich keine Fehler eingeschlichen: ist der Interviewer z.B. durch Vorkenntnis und soziale Stellung seines Gegenübers voreingenommen, wird das Ergebnis hochgradig verfälscht. Test und Interview bedürfen kontinuierlicher Verbesserung; hier wartet noch weitere Arbeit auf uns.

Interpretation aller Daten

Beim Verständnis des Gesamteindruckes berücksichtigen wir folgende Aspekte.

  • Die drei Zentren Bauch, Herz und Kopf werden individuell akzentuiert : ein Zentrum wird im Laufe individueller Entwicklung so erstrangig gebraucht, dass es zum beherrschenden Zentrum avanciert. Das zweite Zentrum entwickelt sich als Hilfszentrum des primären, es wird subdominant. Das dritte Zentrum wird am wenigsten verwendet, bleibt infolgedessen unterentwickelt. Seine Chancen, zum Lebenserfolg beizutragen, müssen vom Individuum erst noch entdeckt werden. Die individuelle Zentren-Hierarchie ist das erste wichtige Ergebnis.
  • Die Zentren in ihrer unterschiedlichen funktionellen Wertigkeit repräsentieren sich jeweils in einem bestimmten Typ : das dominante Zentrum bietet den Haupt-Typ, das subdominante Zentrum den Nebentyp, das vernachlässigte Zentrum stellt den dritten Typ. Dominanter und subdominanter Typ bietet im Test vergleichbar hohe Punktwerte, während der dritte Typ meist erst an Hand des noch offenen Zentrums gesucht werden muss.
  • In der Grafik des Typen-Modells zeigt sich die individuelle Zusammengehörigkeit der drei Typen als Dreieck, wobei die dritte Linie als „hidden line“ (Palmer) hinzu zu denken ist (Vgl. Appelhans / Heck (3).
    Das Ergebnis des Individuellen Enneagramm-Profils besteht also in einem Dreieck, das spitz- oder gleichschenklig sein kann. Mit der individuellen Zentren-Folge gibt es zugleich Auskunft über den individuellen Haupt-, Neben- und Untertyp.
  • Der Typ ist bildlich verstanden kein statisches Gefäß, sondern eine „Gestalt in Bewegung“, die sich verändert, ohne ihr Kontinuum, ihre Identität, zu verlieren. Für diesen Sachverhalt fanden wir den Begriff „Fließgestalt©“. Wir verwenden ihn für den einzelnen Typ, ebenso aber für das individuell ausgeprägte Dreieck der Zentren, in dem die Energie fließt (Vgl. Heck (3).
  • die Konzeption der Fließgestalt berücksichtigt, dass der Typ sich entwickelt, wobei biologische und gesellschaftliche Faktoren zusammenwirken. Es ist Risos Verdienst (4), dieses Verständnis erschlossen zu haben.

Er unterscheidet 9 Stufen typspezifischer Entwicklung: von einem mittleren Bereich von Durchschnittlichkeit (= unauffällige Angepasstheit) werden Entwicklungsstufen in Richtung Desintegration (= psychosoziale Gestörtheit) bzw. Integration (= psychosoziale Gesundheit, Vorbildlichkeit) unterschieden.
Für jeden Typ haben wir also zu fragen, ob er sich im Bereich durchschnittlicher, gestörter oder gesunder Entwicklung befindet. Wobei Durchschnittlichkeit negativ im Sinne unauffälligen Lebens in Alltags-Trance (Vgl. Charles Tart (5) verstanden wird. Soweit in diesem Zustand der Ruf zu Umkehr und Wandlung nicht vernommen wird, kann die Entwicklung jederzeit in Störung abgleiten. Mag Risos Einteilung in 9 Stufen konstruiert erscheinen, so ist die Unterscheidung durchschnittlicher von gestörter bzw. gesunder Entwicklung doch unverzichtbar. Die bekannten Beschreibungen der 9 Typen sind in erster Linie gültig für die Bereiche negativer Alltags-Angepasstheit.
Wer den Weg zur vertieften Disidentifikation seines Haupt-Typs beschreitet, ist auf dem Weg „vom Typ zum Original“ (Böschemeyer (6) und deshalb nicht mehr so leicht identifizierbar. Wer sich andererseits auf dem Weg der Disintegration befindet, ist mit zunehmender Gestörtheit als Individuum auch nicht auszumachen.

Grenzen der Enneagramm-Arbeit

Manche Enneagramm-Profile waren derart widersprüchlich, dass sie uns anfangs ratlos machten: etwas funktionierte überhaupt nicht. Erst als wir von Riso lernten, dass es naiv sei, jeden, der sich zu einem Interview bereit erklärte, im Bereich der Durchschnittlichkeit zu erwarten, begriffen wir etwas wichtiges: es ist nicht per se sinnvoll, einen dominanten Typ „feststellen“ zu wollen. Das Gegenüber ist immer mehr und anders als wir erwarten. Die Interviews lehrten unsere Teilnehmer, die schillernde Vielfalt der individuellen Erscheinung zu achten und akzeptieren.
Dazu gehört freilich auch: mein Gegenüber kann sich jenseits der Trance-Durchschnittlichkeit befinden. Ich sehe oder vermute Störung, die sichtbar dazu geführt hat, dass man mit den Forderungen des Alltags zumindest teilweise nicht zurecht kommt. Vermuten wir das Vorliegen von Störung, stehen wir auf der Grenze zwischen Erwachsenenbildung und Therapie. In diesem Fall werden ausgebildete Enneagramm-TrainerInnen die Typisierung abbrechen und auf Therapie/Beratung als Voraussetzung weiterer Entwicklung hinweisen.
Hier liegt eine schwere Verantwortung für Enneagramm-TrainerInnen. Wir brauchen ein Netzwerk zuverlässiger ggf. auch kurzfristig verfügbarer fachpsychologischer Supervision bzw. Beratung und Therapie. Enneagramm-Arbeit könnte sonst dazu neigen, fahrlässig oder selbstgerecht zu werden.
Fachgerecht angewendet (vgl. Ethic.Code der IEA (7) öffnet das Enneagramm den Weg zu Toleranz, Humor und Respekt. Möge es so sein.

(1) E.Wagele, Unknown reasons for choosing the wrong type, Enneagramm Monthly Archives Febr 2003
Th.Condon,The troubles with typing, Enneagramm Monthly Archive July-August 2002. Die homepage Enneagramm Monthly ist am leichtesten erreichbar über Google: enneagramm monthly
(2) R.Baron/E.Wagele, Das Enneagramm leichtgemacht. 1996 (antiqu.)
(3) M.Appelhans, Das Profil-Interview©. Enneaforum 26, Nov 2004, S. 12-15 ; G.Heck, Entdeckungen zum Enneagramm-von der Fließgestalt des Typs, www.enneagramm-aipf.org/Literatur.html
(4) R.Riso/R.Hudson, Die Weisheit des Enneagramms, 2000
(5) Ch.Tart, hellwach und bewusst leben, 2000
(6) U.Böschemeyer, Vom Typ zum Original. 1994 (antiqu.)
(7) Ethic Code der IEA, übersetzt in EnneaForum 24, 2003, S. 14

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 32

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

  • 1
martin · 12.02.2006 22:32 → Kommentarlink 000020

Dem ÖAE täte eine Diskussion um Ethik und Werte bei der Enneagrammarbeit gut. Die IEA (www.internationalenneagram.org) formuliert als einen der Werte:
No individual owns the Enneagram.
The Enneagram cannot be controlled, monopolized or withheld from public discussion. Restricting the right to communicate, develop and share information about the system is contrary to the Enneagram’s liberating and empowering spirit.”
Das kann ich nur voll unterstützen.

Wenn sich aber jemand Teile des Enneagramm-Wissens als persönliches “geistiges Eigentum” sichern will, wie es durch die Copyright-Zeichen © in dem Artikel von Gerhard Heck offensichtlich versucht wird, dann vergeht er sich gegen diesen Grundsatz.

Wenn also eine Wertediskussion im ÖAE stattfindet (hoffentlich!) und zu einer Annahme von Regeln ähnlich denen der IEA führt (hoffentlich!), dann sollten Mitglieder die freie Verbreitung von Wissen über das Enneagramm höher stellen als die eigenen kommerziellen Interessen (wie Copyright auf bestimmte Begriffe und Verfahren).

Michael Schlierbach · 12.02.2006 22:49 → Kommentarlink 000022

Richtig, darüber sollten wir sprechen.
Der Ethik-Code (auf Deutsch) steht hier, übrigens von Gerd Heck initiiert! Dieser Code war ihm immer ein Anliegen.

Aber ich denke, er wird sich selbst auch äußern.

Gerhard Heck · 13.02.2006 13:02 → Kommentarlink 000026

Lieber Martin,
schade dass Du Deine mail-adresse geheim hältst, so kann ich nicht persönlich antworten, wie
wie es mir wünschenswert erscheint, zumal zu Beginn einer Debatte über Werte.
Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass sein geistiges Eigentum durch die Verwendung eines anderen entfremdet wird, der wird eben vorsichtig.
In meinem Falle dient die Verwendung des Copyrights
dazu, der Erfahrung hemmungslosen Beklautwerdens einen wenigstens symbolischen Riegel entgegenzustellen: wenn ein Text verwendet wird, soll seine Herkunft benannt werden, wie es gute akademische Tradition ist. Vorläufig sehe ich nicht, wie diese Überlegung dem zitierten Ethik-Code-Passus, widersprechen soll.
Es geht um Respekt und Fairness im Umgang mit dem Verf. eines Textes, nicht mehr.

martin · 26.02.2006 00:05 → Kommentarlink 000038

Lieber Gerhard,

vielen Dank für deine Antwort.
Wenn dir nur darum geht, faires und korrektes Zitieren zu verlangen, kann ich dir natürlich nur vollständig recht geben.

Leider habe ich an anderen Stellen zu oft erlebt, dass Urheberrecht (Copyright) und andere Schutzformen des sogenannten geistigen Eigentums allein dazu benutzt werden, Macht und Geld zu sichern. Der Ausbau dieser Rechte (z.B. Softwarepatente) wird mit ungeheurem Druck von Lobbyisten betrieben. Die Frage, ob diese Rechte einen gesellschaftlichen Sinn und Nutzen haben, wird nicht mehr gestellt. Die Medienindustrie versucht mit riesigem Aufwand den Menschen einzureden, kopieren sei nicht nur ungesetzlich, sondern auch unmoralisch!

Eigentum an Sachen gesetzlich zu regeln, hat gesellschaftlichen Sinn. Ein Stück Brot kann man nur einmal essen. Geistiges “Eigentum” wird aber durch verteilen nicht kleiner. Nur weil heute so ungeheuer viel Geld mit Patenten, Software und vor allem mit Medieninhalten zu verdienen ist, entsteht der Druck, Gesetze zu erlassen, die diese Industrien schützen. Deren Gewinne stören mich nun nicht so sehr wie die Tatsache, dass durch den immer weiter gehenden Schutz des sogenannten geistigen Eigentums kein gesellschaftlicher Nutzen geschaffen wird, wohl aber Freiheiten, insbesondere die Freiheit des Wissens, eingeschränkt werden. Letztere ist genau der von mir zitierte Wert der IEA.

Weil mich die gesellschaftliche Entwicklung beunruhigt, reagiere ich allergisch auf “©”, denn ich sehe den Verwertungsanspruch dahinter. Das Persönlichkeitsrecht es Autors auf z.B. korrektes Zitieren, auf Respekt und Fairness finde ich schützenswert. Wenn du aber anderen verbieten wollen würdest, z.B. ein Enneagramm-Profil zu erstellen oder zu beschreiben, dann kann ich das nicht gut heißen.

Martin

Lothar Wiedl · 24.03.2006 09:57 → Kommentarlink 000048

spannend, lieber martin, lieber gerhard.
gibt es patente / copyrights / schutzrechte auf inspiration ( oder geist oder ideen…)? bitte erklärt mir, wozu die eine quelle etwas aussendet und ein geschöpf der quelle dieses ausgesendete dann einfasst, “schützt”?!, verlangsamt, zurückhält? wer bin ICH, dass ich glauben kann, dieses recht zu haben? welche zahl(en) im enneagramm steh(en)t für diesen glauben? danke für euere unterstützung zum weiterdenken. herzlich lothar

martin · 27.03.2006 22:31 → Kommentarlink 000049

Lieber Lothar,

Tja, eigentlich sind diese Schutzrechte immer auf Inspiration / Ideen bezogen. Warum es sie gibt? Weil die Urheber Geld damit verdienen wollen. Oder, um es aus Sicht der Urheber zu formulieren: damit diese eine gerechte Vergütung für ihre Leistung bekommen.

Leider findet eine echte gesellschaftliche Diskussion um diese Positionen so gut wie nicht statt. Am letzten Samstag war in der Zeitung zu lesen, dass auf einer Veranstaltung mit der Justizministerin zur Novellierung des Urheberrechts der federführende Autor des Gesetz-Entwurfs sagte, man sei halt “in einem Geflecht von Interessen gefangen” (FR vom 25.3.2006).

Die Idee, es müsse Eigentumsrechte an Geistigem geben, hat sich leider in unserer Gesellschaft etabliert. Ich glaube nicht, dass das gut ist. Wissen sollte geteilt werden, weil es durch Teilen nicht weniger wird.

Dass das Ganze mit der Enneagramm-Zahl zusammenhängt, glaube ich nicht. Vierer-Künstler, Einser-Verleger, Fünfer-Erfinder, Achter-Manager, Dreier-Investoren – alle glauben an ihr Recht, ihre Inspiration nur an den weiterzugeben, der zahlt, und die Weitergabe an andere unter Strafandrohung zu verhindern.

Michael Schlierbach · 28.03.2006 19:57 → Kommentarlink 000050

Lieber Martin,

deine Definition, es gehe beim Copyright immer ums Geldverdienen, beschreibt nur eine Teilmenge. Das Urheberrecht soll im Kern auch sicherstellen, dass sich nicht jemand mit fremden Federn schmückt, indem er etwa Textversatzstücke, Musik etc. einfach von anderen “entleiht” und als seine Leistung ausgibt. In vielen Fällen muss das noch gar keine finanziellen Folgen haben.
Wenn ich diesen Aspekt – nämlich die Zuordnung einer Leistung zu ihrem Urheber und einen weiteren, nämlich das Bedürfnis, dass ein Gedanke (oder ein Konzept) in seiner ursprünglichen Form erhalten oder erkennbar bleibt, betrachte, dann kann ich darin zunächst nichts negatives sehen. Wer Inhalte von anderen verwendet und weiterentwickelt, sollte das dann auch kennzeichnen (“dem Urheber sein Recht geben”), das ist ein einfaches Gebot der Anerkennung und Höflichkeit. Gerade auch z.B. bei freier Software, wo es guter Stil ist, den Namen des Entwicklers von Teilen weiter beizubehalten und zu nennen.

Du hast Recht, dass ein fast irrsinniges Sichern selbst von Textfragmenten in juristischer und monetärer Weise der Tod für freie Entwicklung von Gedanken, Konzepten usw. darstellt.

Andererseits aber ist es doch auch nicht günstig, wenn etwa jemand einen Konzeptentwurf vorstellt und damit rechnen muss, dass dieser sofort von anderen zu ihrem Eigentum erklärt wird, womöglich in ganz andere Richtung weiterentwickelt wird und dann möglicherweise schwer zwischen Original und Kopie zu unterscheiden ist. Oder die Kopie möglicherweise – aus welchen Gründen auch immer – das Original verdrängt.

Das würde doch fast zwangsläufig dazu führen, dass niemand mehr seine Konzepte und Ideen veröffentlicht – schon gar nicht am Anfang ihrer Entwicklung. Das wäre erst recht fatal für das Teilen: Es würde gar nicht mehr stattfinden.

Ich verstehe das (zugegebenermaßen unselig wirkende) Copyright-Zeichen als Versuch, zu einem aufrichtigen Umgang mit Gedanken und Arbeiten anderer aufzufordern.

Nur dann ist Teilen auch wirklich Teilen und es wird mehr daraus.

martin · 28.03.2006 21:10 → Kommentarlink 000051

Lieber Michael,
all dem kann ich nur vollständig zustimmen. Diesen Aspekt des Copyrights finde ich richtig und vernünftig. Ich habe inzwischen auch verstanden, dass Gerd diesen Aspekt gemeint hat. Gerd, es tut mir leid, dass ich das in meinem ersten Kommentar nicht bedacht habe.

Michael Schlierbach · 30.04.2006 22:52 → Kommentarlink 000053

Hallo Martin, hallo Gerd und alle anderen ;-)

Beschäftige mich gerade mit dem Thema “copyright” und bin auch die “creative commons”-Lizenz gestoßen, die ja vermutlich beide Anliegen unter einen Hut bringen könnte.
Infos hier
und
man kann hier eine Lizenz nach eigene Vorgaben erstellen, also z.B. “keine Kommerzielle Nutzung” und “keine Veränderung des Inhalts” usw.
Würde mich interessieren, was Ihr davon haltet.

martin · 08.05.2006 21:30 → Kommentarlink 000054

Hallo Michael,
gute Frage.
Ich habe ein bisschen darüber gegrübelt. Für die Veröffentlichung von Enneagramm-Wissen unter Berücksichtigung des oben zitierten IEA-Wertes ist diese Lizenz m.E. nur in der Version geeignet, die sowohl die kommerzielle Verwertung als auch die Bearbeitung zulässt. (Sie ist dann übrigens in etwa vergleichbar mit der GNU Free Documentation License, die von Wikipedia benutzt wird.)

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