Das Enneagramm im Wirtschaftsprozess (Teil 1)

Von Wolfram Goepfert, Teil 1 (zum Teil 2])

Das Enneagramm in die Unternehmen bringen

Auf dem Markt der gedanklichen Systeme können wir das Enneagramm wesentlich besser platzieren, wenn wir es auch im Wirtschaftsprozess verankern. Dazu ist es erforderlich, dass wir über seine psychologischen und spirituellen Aspekte hinaus greifen und ökonomisch relevante Belange in den Fokus rücken.
Um das Enneagramm in den Unternehmen erfolgreich zu etablieren, müssen wir es den Mitarbeitern, Führungskräften und Entscheidungsträgern in einer ihnen verständlichen Weise nahe bringen. Das geht sicherlich nicht, wenn wir ihnen beispielsweise etwas erläutern wollen zu „Wurzelsünden, Illusionssystemen, Flügeln, Pfeilen“ oder sie mit „höheren Oktaven“ und „heiligen Ideen“ überfordern. Falls uns dazu die Leistungsträger in den Firmen überhaupt ihre Zeit widmen, so werden sie uns anschließend mit ein paar netten Worten zur Tür komplimentieren, und das war es dann.
Aufmerksam zuhören werden uns die Leute in den Unternehmen hingegen dann, wenn wir ihnen den Nutzen des Enneagramms für ihre berufliche Tätigkeit und für den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Firmen darlegen. Den Einstieg hierzu können wir leicht finden, denn schon mit dem Begriff „Enneagramm“ steht uns ein hervorragender Werbeträger zur Verfügung: Jeder in der privaten Wirtschaft kennt den Ausdruck Diagramm und wird beim Begriff „Enneagramm“ von selbst an eine irgendwie geartete grafische Darstellung denken. Und genau dies ist das Enneagramm ja – auch.

Von der Neugier zum Nutzen

Diesem begrifflichen Türöffner hinzufügen sollten wir dann sogleich den Nutzen, den das Enneagramm im Wirtschaftsprozess bietet. Worum handelt es sich dabei? Welche handfesten Vorteile lassen sich mit dem Enneagramm erreichen?
Um dies unter wirtschaftlicher Betrachtungsweise mal griffig zu formulieren:

  • Das Enneagramm ist ein dynamisches System des Persönlichkeits-Managements, mit dem wir im Unternehmen die grundlegenden Motivationen und Absichten der Mitarbeiter überschaubar erfassen können.
  • Es bietet uns den Vorteil, die damit zusammenhängenden typischen Verhaltensweisen, Interessen und Tendenzen voraussehen und steuern zu können.
  • Des weiteren können wir das Enneagramm nutzen, um eine Vielzahl betrieblicher Abläufe zu analysieren und wirkungsvoll zu gestalten.

Spätestens an dieser Stelle werden wir die erwünschte Aufmerksamkeit unserer Gesprächspartner gewonnen haben. Denn diese Einsatzmöglichkeiten sind im wirtschaftlichen Geschehen auf allen Ebenen tagtäglich gefragt.

Mit der Grafik werben

Zurück zum Wirtschaftsleben: Wenn wir die Werbetrommel für das Enneagramm rühren wollen, wenn wir das Enneagramm in den Unternehmen „verkaufen“ wollen, müssen wir plakative Mittel einsetzen, die lebhaftes Interesse wecken. Wir müssen die Sprache der Leute in der freien Wirtschaft sprechen und dabei die Inhalte des Enneagramms in ökonomisch fassbare Begriffe übersetzen. Aber wie im einzelnen erklären wir jemandem, der vorrangig wirtschaftliche Interessen verfolgt, was wichtig für ihn ist aus den Ideen der Triaden und der 9 Muster, der Flügel, der Pfeile, der Subtypen, der Lebensbezüge usw.?
Als Einstieg und plakatives Werbemittel, als Diagramm bekannter Art steht uns die grafische Darstellung des Enneagramms zu Verfügung – ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Die Zeichnung des Enneagramms als Kreislinie mit 9 markierten Punkten und ihren Verbindungslinien wirkt geradezu als Markenzeichen, als einprägsame „Mind-Map“ – wenn wir diese Zeichnung nicht schon hätten, wir sollten sie glatt erfinden!

Von den Schlüsselfähigkeiten zu den 9 Grundmustern

Doch mit der Präsentation der Grafik des Enneagramms geht die Überzeugungsarbeit ja erst richtig los. Womit sollen wir beginnen?
Als Aufhänger drängt sich eine Situation auf, die fester Bestandteil des Berufsalltags ist: das „Meeting“. Unsere Gesprächspartner können sich problemlos vorstellen, an einem Konferenztisch mit einer Anzahl anderer Leute zu sitzen, die natürlich alle ihre eigenen äußeren Merkmale aufweisen – schon hinsichtlich ihres Alters und ihrer Gesichtszüge, ihrer Sprechweise und ihrer Körperhaltung. Und unseren Gesprächspartnern wird es ohne weiteres einleuchten, dass es nicht nur diese äußerlich erkennbaren Besonderheiten gibt, sondern dass diese Menschen sich selbstverständlich auch innerlich von einander unterscheiden – bezüglich ihrer Einstellungen und Haltungen, ihrer Bestrebungen und Zögerlichkeiten, ihrer Strategien, Tricks und Präferenzen.
Diese Gegebenheiten lassen sich natürlich in umfangreicher, mitunter umständlicher Weise katalogisieren. Spezielles Interesse für das Enneagramm werden wir bei unseren Gesprächspartnern deshalb sofort finden, wenn wir betonen, dass sie die wesentlichen Eigenheiten der Menschen mit lediglich drei grundlegenden Fertigkeiten erfassen können: mit den Schlüsselfähigkeiten zu denken, zu handeln und zu fühlen. Schlüsselfähigkeiten sind im Wirtschaftsleben gefragte „Intelligenzen“, wenn wir sie hervorheben, laufen wir offene Türen ein.
Allerdings wissen unsere Gesprächspartner aus Erfahrung, dass in aller Regel mehr als nur drei „Intelligenzen“ am Konferenztisch zu sitzen pflegen. Wie nun sollen sie die vielfältigen Eigenheiten der Leute sowohl in ihren Grundzügen als auch im Detail konkret durchblicken?
Uns ist geläufig, dass die drei genannten Schlüsselfähigkeiten – zu denken, zu handeln und zu fühlen – sich gut nachvollziehbar in Bezug setzen lassen zu drei Orientierungen, die wir bei den Menschen im Alltag immer wieder finden: der Ausrichtung einer Person nach außen hin, der Bezüglichkeit auf sich selbst und einer oftmals unentschieden wirkende Verbindung beider Möglichkeiten. Anhand dieser Aspekte können wir unseren Gesprächspartnern in den Firmen die Auffächerungen der drei Schlüsselfähigkeiten zu den 9 grundlegenden Persönlichkeitsprofilen des Enneagramms gut nachvollziehbar präsentieren. Weitgreifende theoretische Erörterungen hierzu dürften von ihnen wohl nur selten gewünscht werden. Im betrieblichen Alltag kommt es in erster Linie darauf an, dass etwas klappt, weniger wie es funktioniert. – Wir haben die Medizin, wir wissen, dass sie wirkt – also bieten wir sie jetzt an!

Persönlichkeitsprofile griffig präsentieren

Wenn wir die 9 Grundmuster des Enneagramms einprägsam vorstellen wollen, so ist es geboten, sie mit griffigen „Namen“ zu belegen und ihre wesentlichen Merkmale leicht verständlich nachzuzeichnen. Nur dann steht zu erwarten, dass die Leute in den Unternehmen das Enneagramm als ein erfolgversprechendes Arbeitsmittel akzeptieren und es im betrieblichen Alltag einsetzen werden.
Auf die oben angesprochene Situation eines „Meetings“ bezogen, bedeutet dies aufzuzeigen, dass voraussichtlich Teilnehmer mit folgenden Persönlichkeitsprofilen am Konferenztisch sitzen:

  • Der unermüdliche Verbesserer, dem das bereits Erreichte nie gut genug ist und der endlos diskutierend nach Perfektion strebt
  • Der servile Mitarbeiter, der beflissen aus dem Hintergrund heraus agiert, mit besonderer Aufmerksamkeit für die Belange der Entscheidungsträger
  • Der leistungsorientierte Macher, der den Glanz des Erfolges auf seine Fahnen geschrieben hat, stets interessiert an niedrigem Aufwand und messbarem Nutzen
  • Der Betroffenheit signalisierende Individualist, der jenseits der gewöhnlichen Umstände das Besondere sucht und dabei das beklagt, was mal wieder fehlt
  • Der belesene Beobachter, ein Spezialist für unerwartete Zwischenfragen, der beständig sein Interesse hervorhebt, den Dingen auf den Grund zu gehen
  • Der buchstabengetreue Skeptiker, der warnend alle Umstände aufzeigt, die misslingen könnten
  • Der idealistische Enthusiast, stets gut für neue Pläne, der immer noch ein Schlupfloch findet
  • Der entschlossene Kämpfer, der keine Auseinandersetzung scheut, um Führung und Kontrolle zu übernehmen
  • Der beharrliche Schlichter, stets um Interessenausgleich bemüht, der auch eine vertrackte Situation mit Geduld auszusitzen vermag

Mit dieser Präsentation knüpfen wir zwanglos an den Erfahrungen unserer Gesprächspartner aus vielen Konferenzen an. Wenn sie von sich aus noch weitere Merkmale aufzeigen wollen, um diese Darstellung zu ergänzen, so sollten wir sie dazu ermutigen. Denn es steht in ihrem Ermessen, ihre eigenen Eindrücke mit den immer wieder vertretenen Persönlichkeitsprofilen abzugleichen – dabei werden sie letztlich doch auf eines der 9 genannten Grundmuster zurück kommen.

Die Grundmuster mit ihren Hintergründen erfassen

Besonders wichtig ist es, dass wir bei der Präsentation der 9 Grundmuster des Enneagramms die Leute in den Unternehmen mit Nachdruck auf folgendes hinweisen:

  • Die schlagwortartige Umschreibung der 9 Persönlichkeitsprofile dient zunächst dazu, unsere Gesprächspartner überhaupt in die Lage zu versetzen, diese Eigenheiten als Grundmuster zu erfassen, die immer wieder ähnlich in Erscheinung treten – und zwar sowohl durch Klopfen an die eigene Brust als auch durch gezielte Beobachtung der anderen.
  • Das äußere Gehabe der Menschen und das, was sie sagen, gibt nur erste Hinweise auf die sie prägenden Züge. Es kommt entscheidend darauf an, hinter diesen Äußerlichkeiten die einzelnen Antriebe und Absichten, Neigungen und Trends der Aufmerksamkeit zu erkennen – in dem Wissen, dass es hierzu 9 überschaubare Grundbausteine gibt.

Entwicklungen – die spezifischen Vorteile des Enneagramms

Und an dieser Stelle der Präsentation der 9 Grundmuster des Enneagramms gilt es, einen weiteren Trumpf auszuspielen, der das Enneagramm vor anderen Modellen auszeichnet:
Das Enneagramm bietet uns den unschätzbaren Vorteil, die 9 Grundmuster über ihr reines Erfassen hinaus auch systematisch entwickeln zu können. Mit den spezifischen Mitteln des Enneagramms ist es möglich, typische Tendenzen der Menschen voraussehen und steuern zu können – verantwortungsbewusst, wohlgemerkt. Und genau das ist in den Firmen gefragt.
Mit diesem einzigartigen Plus vermögen wir unsere Gesprächspartner in den Unternehmen in besonderer Weise vom praktischen Nutzen des Enneagramms zu überzeugen. Denn dank seiner inneren Dynamik startet das Enneagramm genau an der Stelle erst so richtig durch, wo andere Modelle enttäuschend abbrechen.

Entwicklungen im Grundmuster

Die entsprechende Neugier unserer Gesprächspartner vermögen wir rasch zu stillen. Als erstes brauchen wir sie nur darauf hinzuweisen, dass jedem der 9 Enneagramm-Muster ein Entwicklungspotential innewohnt, das sie sich analog zu den Einteilungen auf der y-Achse eines Koordinatensystems vorstellen können: Für jedes Grundmuster reichen die Werte vom Nullpunkt aus sowohl in die negative als auch in die positive Richtung – wobei natürlich letztere vorrangig interessant ist. Im Enneagramm gibt es also keine statischen Muster, wohl aber „Entwicklungsstadien“ innerhalb jedes Musters.

[hier geht es zum zweiten Teil]

[aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 28

Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare

Wolfram Göpfert · 07.06.2006 09:30 → Kommentarlink 000063

Ich habe mir diese Artikel angesehen. Nach meiner Einschätzung dürften sie der Idee des Enneagramms kaum schaden, weil die Autorin den Eindruck erweckt, nicht die Information ihrer Leser, sondern deren Unterhaltung zu bezwecken, so wie wir dies aus vielen Artikeln in diversen Nachrichtenmagazinen längst kennen. Ein aufmerksamer Leser der Süddeutschen Zeitung wird diese Absicht leicht durchschauen, auch wenn die Autorin sie nicht direkt ausdrückt.

Kein Autor wird daran gehindert, zu einem Sachgebiet, das er nicht kennt, einen Verriss zu verfassen, zumal mit süffisantem Unterton. Viel schwerer ist es doch, sich intensiv mit einer fremden Materie zu befassen und konstruktiv darüber zu schreiben.

Wolfram

Ludger Temme · 07.06.2006 12:34 → Kommentarlink 000064

Lieber Wolfram, ich teile eher die Ansicht von Michael, dass man überlegen sollte, solchen unqualifizierten Äußerungen und “windigen” Recherchen wie dieser einer sonst so gelobten Autorin zu widersprechen. Denn immerhin erreicht die SZ eine riesige Leserschaft. Und wer noch keinen Kontakt oder guten Umgang mit dem Enneagramm erhalten hat, wird sich wohl unreflektiert dieser “renommierten” Autorin anschliessen. Das heisst dann im Ergebnis: “Enneagramm = Mischmasch aus New-Age.”




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