Wege – nicht nur für mich

Ein Kurzbericht über 11 Jahre Enneagramm-Arbeit im Osten Deutschlands

von Gotthard Fuhrmann

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Enneagrammseminare, damals Anfang der 90er in Meißen, Herrenhut, Hohenstein-Ernsthtal. Der Bautzener Superindentent Reinhart Pappai hatte das Enneagramm kennen gelernt und Feuer gefangen. Als typischer EINSer setzte er sich sofort in Bewegung und begann, Kurse zu organisieren. Andreas Ebert, Marion Küstenmacher, Margit und Werner Lambach, Dietrich Koller – alle erreichbaren Enneagrammgrößen wurden eingeladen und arbeiteten zu verschiedenen Themen mit uns. Es war faszinierend und erschreckend – nach den vielen Jahren der Unfreiheit selbst im Denken etwas ganz Neues und Befreiendes. Schnell entstand eine relativ feste Gruppe von 25 bis 30 Leuten, die sich einmal im Jahr traf, organisiert über die Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen und getragen von einem tiefen Gefühl der Gemeinschaft, des Vertrauens und des gegenseitigen Verstehens. Die Enneagrammszene Ost boomte, es wurden regionale Gesprächskreise gegründet (unserer in Leipzig hielt über 10 Jahre) , das Enneagramm war als ein Werkzeug der Selbsterkenntnis, der Kommunikation und der Spiritualität entdeckt worden. Da war etwas aufgebrochen, was uns nach mehr suchen ließ. Und wir freuten uns jedes Jahr neu auf das gemeinsame Treffen.
Aber nach ein paar Jahren verlief die Bewegung im Sande. Reinhard Pappai, des Organisierens müde, wandte sich anderen Aufgaben zu, viele Kontakte gingen verloren. Nur wenige fanden den Weg in den ÖAE oder den Wittenberger Arbeitskreis. Schade, fand ich.
Doch während ich noch den guten alten Zeiten nachtrauerte, hatte sich einer schon auf den Weg gemacht und begonnen, etwas Neues aufzubauen. So ist Gotthard Fuhrmann schon seit Jahren aus dem Kursprogramm der EEB Sachsen nicht mehr wegzudenken, und er erreicht mit seinen Kursen viele Menschen.
Ich bat ihn, uns von seiner Enneagrammarbeit in Sachsen zu berichten. (Heike Heinze)
Die eigene Betroffenheit.
Tief berührt durch die Wende 1989 und erfüllt vom Glück der sich abzeichnenden Wiedervereinigung hoffte ich damals für einige Monate auf eine echte Integration beider deutscher Staaten – in Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche.
Auf die Hoffnung folgte die Ernüchterung: Statt einer Integration kam es zur Transplantation westdeutscher Verhältnisse auf alle Bereiche des Ostens und damit zu einer nachhaltigen Aufteilung der Menschen in Gebende und Bedürftige.
Erschüttert wurde ich durch die sich immer deutlicher abzeichnende Einsicht: Unter der äußeren Krise vollzieht sich in Wechselwirkung in dir eine innere Berufs- und Lebenskrise! Tiefgreifende persönliche Integrationsarbeit war dran, statt weiterhin Menschen im guten Glauben zu instrumentalisieren – in meinem (damaligen) Beruf als Pfarrer wie im Privaten.
Was mir Anfang der neunziger Jahre weiter half, hatte wiederum viel mit der Lichtseite der Wiedervereinigung zu tun:

  • Die Impulse gingen von zwei Vorträgen in der Dresdner Kreuzkirche aus (Richard Rohr und Andreas Ebert / März 1990). Sie waren nachhaltiger, als ich zunächst ahnte.
  • Während eines Zen-Meditationskurses bei der Kommunität Casteller Ring auf dem Schwanberg entstand der Kontakt zu den Schülern von Graf Dürckheim in Rütte.
  • Enneagramm-Wochenend-Kurse bei A. Ebert, M. Küstenmacher und H. Neidhardt/ M.Gallen führten zur entscheidenden Erfahrung, welchen hohen Wert die Landkarte des Enneagramms für mich in meiner Orientierungsnot hatte. Nachträglich führten sie zur Klarheit , diese Lebenshilfe nicht nur für mich zu nutzen.
  • Parallel zu meiner Ausbildung zum Enneagrammgruppenleiter bei Gallen/Neidhardt lief die auf die Person zentrierte Leib-Arbeit bei Dürckheim-Schülern in Rütte Als beglückend erfuhr ich die wechselseitige Ergänzung beider Wege auf der Reise nach innen.
  • Zu einer weiteren Vertiefung führten Kurse der „Wertorientierten Imagination“ durch Uwe Böschemeyer. Die Innere Bildwelt erlebe ich (neben körperbezogener Arbeit und Meditation) als Einladung, durchlässiger zu werden für das Geheimnis des Lebens, den „Christus in uns“.
    Die MitarbeiterInnen der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen übernahmen mit großem Engagement die Organisation der drei- und viertägigen Kurse, so dass ein guter Freiraum für die inhaltliche Arbeit entstehen konnte.
    So halte ich seit 1994 dort regelmäßig Einführungskurse ins Enneagramm, dazu jährlich vier bis fünf aufbauende Workshops (Biografie erzählen, 9 heilende Bilder, Arbeitsbeziehungen, Paar-Kurse u. a.) mit etwa 10 – 14 Teilnehmern. In allen Kursen wird Körperwahrnehmung geübt. Die Teilnehmer sind sowohl Christen als auch Atheisten, Menschen mit und ohne bezahlter Arbeit aus den unterschiedlichsten Brufen, Männer wie Frauen. Das Durchschnittsalter ist Mitte vierzig.
    Die psycho-spirituelle Arbeit in unseren Kursen orientiert sich an der zweifachen Symbolik des Enneagramm-Modells:
    1. am Kreis, der einlädt auf den Weg von außen nach innen, vom „Muster“ zum „Kern“:
    Aus dieser Perspektive ist die Enneagramm-Arbeit von sich aus religiös. Da braucht nichts Konfessionelles zusätzlich einzufließen, auch wenn mitunter manche kirchliche MitarbeiterInnen das in den Kursen einfordern. Falls `religiös´ von religare kommt, dann geht es ums Zurückbinden an das Wesentliche (für das unterschiedliche Menschen unterschiedliche Namen konstruiert haben). Selbsterfahrung ist dann in der Tiefe Gotteserfahrung. Religiosität ist dann eine der menschlichen Grundausstattungen, jenseits von Kirchenzugehörigkeit oder der in Ostdeutschland häufig anzutreffenden atheistischen Sozialisation.
    2. am Netzwerk der Muster, das einlädt zur Selbsterforschung:
    Die TeilnehmerInnen sind immer wieder erstaunt, welchen Wandlungsprozess die Entdeckung des eigenen Musters auslösen kann – einen Wandlungsprozess, der ein Leben lang andauert.
    In diesem Sinne gebe ich zwei Erfahrungsberichte von Menschen weiter, beide mit einer DDR-typischer Biografie; von einem Teilnehmer, der sich als kirchlich-christlich sozialisiert bezeichnen würde und von einer Teilnehmerin, die sich als Atheistin beschreiben würde. Beide habe ich gefragt habe, ob ich ihre Enneagramm-Erfahrungen weiter erzählen darf :
    Er: „Damals, in meinem Vater-Mutter-Land, war nicht Gut-Kirschen-Essen. Da emigrierte ich in das Reservat meiner selbst und hoffte still auf bessere Zeiten. Meine Hoffnung wurde immer stiller, bis sie verstummte. Da wuchsen sich die Grenzen meines Reservates zu festen Mauern aus – unbezwingbar von außen…...und von innen….. Nach langer Zeit meldete sich meine Sehnsucht leise zu Wort. Sie erinnerte mich an mein Heimatland, das ich noch nie bewusst gesehen hatte, von dem ich aber ahnte, dass es existieren musste. Da wuchsen mir Flügel und langsam begann ich, die Reservation und das Vater-Mutter-Land unter mir zurückzulassen. Der Weg in meine Heimat hat begonnen.“
    Sie war in den Kurs-Tagen wieder einmal ihrem Inneren Kritiker ausgeliefert und erlebte sich verstrickt in unaufhörlichem Vergleichen und Bewerten, Be- und Verurteilen – nach innen wie nach außen.
    Am Ende des Nachmittags gab es eine Stunde Zeit, in der jede/r einen ruhigen Ort zu finden hatte, um sich ins Los-Lassen einzuüben. Diese Frau suchte die Kapelle des Bildungshauses auf und kam ganz irritiert und zugleich tief berührt zurück in die Gruppe. Sehr zurückhaltend hat sie mir einiges geschrieben:
    „Es begann mit dem Schritt über die Schwelle. Ich war in einem Raum, der mich aufnahm, so wie ich in diesem Augenblick war, der mir nichts aufnötigte, mich nicht belehrte, was ich zu denken oder glauben hätte. Und dann geschah es. Ich wurde in der Stille wunderbar berührt , bin mir und dem Leben begegnet; zum Teil sehr schmerzlich bis hin zu heilend göttlich. Ich danke der Gruppe – und dem Bildungshaus für diesen Raum. Ich weiß, ich kann in diese Kapelle zurückkehren. Ich weiß, diese Begegnung wird Folgen haben für mich. Ich weiß noch nicht, welche.“
    So schreibt eine Frau, beruflich erfolgreich, in der Mitte des Lebens.

    Mystiker aller Zeiten und Kulturen wussten: „Aus der Knospe der Verwirrung entfaltet sich die Blüte der Verwunderung , wächst die Frucht der Verwandlung.“
    Aufgrund solcher Erfahrungen vertraue ich darauf, dass wir mit Hilfe des Enneagramm durchlässiger werden für die heiligen Ressourcen in uns und die persönlichen wie gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahre annehmen können.

    [aus: EnneaForum 28, November 2005, S. 26-27

    Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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    Aus EnneaForum 28 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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